#1

Wiesenwettbewerb Nr.. 3 - Digitale Romanze - Verführung

in Archiv 10.05.2021 09:07
von Anka • Federlibelle | 750 Beiträge | 3295 Punkte

Es ist wie eine Sucht. Parship, Lovoo und Tinder. Erst seit kurzem ist Leonie dabei und überwältigt von der Vielzahl der Möglichkeiten. Nur so wird sie jemanden kennenlernen, der wirklich zu ihr passt. Ihre Eltern verstehen das nicht. Es gab schon endlose Diskussionen darüber. Die sind echt von gestern. Reden von Disko und so. Schwachsinn. So funktioniert das heute nicht mehr. Sie ist siebzehn und hat keinen Bock auf ein Dasein als Mauerblümchen. Wie jeden Abend pflegt sie ihre Dating Apps, studiert Profile und prüft Matches. Gerade will sie sich den Hausaufgaben zuwenden, als ihr Handy einen leisen Bing-Ton von sich gibt. Eine Nachricht auf Messenger. Irgendein Jo hat ihr geschrieben: „Ich bin ein einsamer Kater und suche Streicheleinheiten. Willst du mein Kätzchen sein, Leo?“
Ihr Herz pocht. Wer benutzt denn Messenger? Merkwürdig. Sie kennt auch keinen Jo. Ihre Finger huschen über das Display und öffnen sein Profil bei Facebook. Jonathan Karnik! Der mit den grünen Augen und den strubbligen Haaren? Eine Klasse über ihr. Der immer leicht verpeilt durch die Gänge der Schule läuft und von einer magischen Aura umgeben zu sein scheint. Leonie hat ihm oft hinterher geschaut, doch bisher hat er sie nie beachtet.
Wieso schreibt er ihr über Messenger? Ehe sie richtig darüber nachgedacht hat, sendet sie ihm ein Katzensmiley.
Minuten vergehen. Bing. Die Antwort. „Du bist ein süßes Kätzchen, Leo. Ich mag dich. Leider trau ich mich nicht, dich anzusprechen.“
Leonie grinst. Echt jetzt? So schüchtern, der gute Jonathan. Dann wird sie ihn etwas ermuntern müssen. „Versuch es doch mal morgen, auf dem Schulhof. Ich fauche und kratze nicht 😉.“

Die Mathe war der Hammer. So komplex. Jo brummt der Kopf. Er wankt auf den Schulhof und lehnt sich gegen den Zaun. Muss sich erholen. Abspannen. Die Klausur ist durch. Er kann nichts mehr ändern.
Was will die denn? Leonie kommt auf ihn zu und grinst so komisch. Sie stellt sich vor ihn hin und sagt: „Miau.“ Unsicher schaut er sie an. Er kennt Leonie nur flüchtig, wie man eben Mädchen kennt, die auf die gleiche Schule gehen. Aber sie hat etwas an sich, das ihm gefällt. Er weiß nicht, was er antworten soll, deshalb sagt er einfach auch: „Miau.“
Jetzt wird aus ihrem Grinsen ein Lächeln. Ein echtes. Er sieht die kleinen Grübchen auf ihren Wangen tanzen. Sie scheint zu warten. Er sollte irgendetwas Witziges hinzufügen. Aber was nur? Da sie nicht in seiner Klasse ist, kann er sie ja schlecht zu Mathe befragen. Bevor die Stille unangenehm wird, stellt Leonie nüchtern fest: „Du brauchst also Streicheleinheiten?“
Jo hebt die Augenbrauen. Nun ist er wirklich überrascht. „Streicheleinheiten? Wie kommst du denn darauf? Sehe ich so aus?“
„Deine Nachricht gestern auf Messenger. Du bist ein einsamer Kater. Fand ich witzig.“
Er löst sich vom Zaun und starrt auf seine Füße. Eine Hitzewelle durchströmt ihn, trotzdem fröstelt er und reibt sich die Oberarme. Will nicht völlig blöd dastehen und ihr sagen, er kennt Messenger nicht. Hat das noch nie benutzt, um sich mit jemanden auszutauschen. Unruhig tritt er von einem Bein aufs andere und antwortet schließlich: „Sorry. Diese Nachricht stammt nicht von mir.“
Leonie grinst verschwörerisch. „Du kannst es ruhig zugeben. Ich mag schüchterne Jungs.“
Jo kann nicht verhindern, dass er rot wird. Gern würde er ihr etwas Nettes sagen. Oder sich mit ihr verabreden. Aber gleich Streicheleinheiten zu versprechen, erscheint ihm dann doch etwas gewagt. Zum Glück schrillt die Schulklingel und erlöst ihn. „Ich muss rein“, sagt er und läuft los. Ohne sich noch einmal umzusehen.

Leonie tritt in die Pedalen und spürt den Fahrtwind in ihren Haaren. Jo ist so süß! In der Schule traut er sich nicht, ihr in die Augen zu schauen, aber Online macht er ihr Komplimente. Er schreibt ihr Dinge, die noch nie jemand zu ihr gesagt hat. Jo hat sich über Messenger bei ihr entschuldigt, weil er gestern auf dem Schulhof so abweisend war. Die Schule sei kein guter Ort für ein Date. Als Wiedergutmachung hat er ein Treffen heute Nachmittag vorgeschlagen. An einem sehr romantischen Ort. Wo sie allein sind und sich aussprechen können. Sie wird in seine grünen Augen schauen und vielleicht sogar durch seine strubbligen Haare fahren. Das Fahrrad klappert auf dem holprigen Sandweg und ihr Herz rast. Schon sieht sie am Ortsrand die verlassene Villa. Er will sie überraschen, hat er im Chat geschrieben. Ob er überall auf dem Fußboden Teelichter angezündet oder Blütenblätter verstreut hat? Leonie kann es kaum erwarten. Es ist ihr erstes Date. Sie springt vom Fahrrad, schiebt es zum Gartentor und schaut sich um. Die Hütten in der Nachbarschaft sind nur am Wochenende bewohnt. Niemand ist zu sehen. Sie nimmt das Fahrrad mit in den Garten und legt es ins hohe Gras. Die Tür des alten Hauses ist nur angelehnt. Sie geht die drei Stufen hinauf und späht in den Flur. Gott, ist das dunkel hier!
„Jo?“ Ihre Stimme zittert ein wenig. Sie stellt sich sein Gesicht vor. Dieser hilflose Blick. Die geröteten Wangen. Er wird verlegen sein, wenn sie sich gegenüber stehen.
„Ich bin’s, Leo!“, ruft sie und tritt ein. Plötzlich schlägt die Tür hinter ihr zu. Sie fährt zusammen. Jetzt ist es stockfinster. Schwärze umgibt sie und sie spürt ihr Herz bis in den Hals.
„Jo?“ Nun kann sie nur noch flüstern.
Keine Antwort. Es ist totenstill.
Doch dann hört sie etwas. Es ist ganz in der Nähe. Hinter ihr. Ein heftiges Atmen. Und instinktiv weiß sie, das ist nicht Jo. Doch es ist zu spät, um umzukehren.


Jo könnte sich ohrfeigen. Er hat diesen Schriftwechsel erst heute entdeckt. Obwohl ihm Leonie seit gestern nicht mehr aus dem Kopf geht, hat er geglaubt, sie hätte diese Nachricht auf Messenger nur erfunden. Als Köder. Um sich an ihn heranzumachen. Blödsinn. Die Nachricht existiert. Sie war nur der Opener für einen romantischen Austausch von Schmeicheleien, die allerdings nicht von ihm stammen. Jemand hat seinen Facebook-Account gehackt und die Nachrichten in seinem Namen verschickt. Und Leonie ein Date vorgeschlagen. Jo muss sich beeilen, denn er spürt, dass sie in Gefahr ist. Er rennt so schnell, wie er zuletzt beim Sprint im Sportunterricht gelaufen ist. Dort hinten kommt die leerstehende Villa in Sicht. Sollte er vielleicht besser gleich die Polizei verständigen? Was, wenn er sich täuscht und es findet dort wirklich ein romantisches Stelldichein statt? Im Vorgarten sieht er ihr Fahrrad liegen. Jo stoppt, wartet und ringt nach Atem. An der Tür lehnt eine Holzlatte. Er greift danach und drückt die Klinke. Die Tür öffnet sich und gibt einen dunklen Korridor frei. Mit der Holzstück in der Hand schleicht er durch den Flur, der in einem großen offenen Raum endet. Diffuses Licht fällt durch die geschlossenen Jalousien und zeichnet Streifenmuster an die Wände. Es riecht muffig. Und dann hört er es. Ein leises Schluchzen. Ganz nah. Er zieht sein Handy aus der Tasche und leuchtet in die Richtung, aus der es kommt. Leonie! Dicht hinter ihr steht ein Mann, der sie fest in den Armen hält. Erschrocken blinzelt dieser in den Lichtkegel. Mit Besuch hat er wohl nicht gerechnet? Jo überlegt nicht lange, macht einen Satz und schlägt mit der Holzlatte zu. Trifft den Kopf des Kerls. Einmal. Zweimal.

Als ich den ersten Schlag spüre, bin ich fast erleichtert. Jonathan ist da, will ihr helfen. Den zweiten nehme ich hin, denn ich habe es verdient. Ich taumele, mein Kopf dröhnt. Doch ich lasse Leonie nicht los. Höre sie schreien: „Jo! Hör auf, das ist mein Vater!“ Jonathan starrt mich entsetzt an. Es wird einige Zeit dauern, bis ich wieder klare Worte finden kann. Worte, die ihm erklären, was für ein schreckliches Experiment wir veranstaltet haben. Jos Vater Herbert, der die Nachrichten geschrieben hat und ich. Wir wollten den Teenies beweisen, wie schnell eine digitale Romanze in eine ausweglose Situation führen kann. Eine Lektion, die Leonie nicht vergessen wird, da bin ich mir sicher. Nicht sicher bin ich allerdings, ob sie mir das je verzeiht.


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#2

RE: Wiesenwettbewerb Nr.. 3 - Digitale Romanze - Verführung

in Archiv 10.05.2021 13:12
von Doro • Federlibelle | 2.270 Beiträge | 8898 Punkte

Liebe @writeandride ,

die Idee deiner Story ist wirklich gut. Ich hab sie in einem Rutsch gelesen, war mittendrin im Geschehen. Kopfkino lief mit.

Die Perspektivwechsel sind geschickt gesetzt, sodass es wie ein Cliffhanger wirkt.

Das Ende war überraschend, was ich bei Geschichten echt mag. Allerdings bin ich beim Perspektivwechsel beim letzten Absatz rausgeflogen. Ich musste das Ende mehrmals lesen. Liegt vielleicht an mir. Ich hab einige Zeit drüber nachgedacht, was wäre, wenn der Schluss aus Leonies oder Jos Perspektive geschrieben wäre.
Kann aber gut sein, dass dann dieser Überraschungseffekt nicht so krass wäre. Schwierig.

So oder so hast du eine spannende Geschichte geschrieben.

Gern gelesen.

LG
Doro


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#3

RE: Wiesenwettbewerb Nr.. 3 - Digitale Romanze - Verführung

in Archiv 10.05.2021 16:54
von Gini • Federlibelle | 1.765 Beiträge | 3609 Punkte

@writeandride Eine spannende Geschichte, aber den Schluss habe ich nicht verstanden.
Vielleicht liegt es auch an mir. Aber wer ist Vater von wem und welche Beiden haben
dieses Exempel gestartet?
Wäre dir dankbar, wenn du noch eine Erklärung abgeben könntest. Wenn die Väter in der Aktion involviert sind,
finde ich die Art des Exempels schon ziemlich krass.
Vielleicht kann man Jugendliche auch anders auf solche Dinge aufmerksam machen.
Auf jeden Fall, finde ich den Jo sehr mutig.


Gedanken sind nicht stets parat,/ Man schreibt auch, wenn man keine hat.

Wilhelm Busch (1832-1908)
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#4

RE: Wiesenwettbewerb Nr.. 3 - Digitale Romanze - Verführung

in Archiv 11.05.2021 12:39
von Bree • Federlibelle | 4.190 Beiträge | 16683 Punkte

Liebe @writeandride

in der Tat eine spannende, sehr spannende Story mit überraschendem Ende.
Und ich finde es durchaus verständlich, dass die Väter ihren Sprösslingen zeigen wollten, wie gefährlich sowas werden kann.
Dass Leonies Vater sie festhält, wirkt natürlich missverständlich, kein Wunder, dass Jo auf ihn losgegangen ist.
Die vielen Perspektivwechsel sind zwar - wie Doro schon festgestellt hat - spannungsfördernd, aber besonders der letzte bringt mich als Leser tatsächlich ins Stolpern, vielleicht, weil es nun eine Ich-Perspektive ist.

Die Idee gefällt mir aber genau so gut wie dein Schreibstil. Meine Lieblingsszene ist die, als Jo das Haus betritt.

Zitat von writeandride im Beitrag #1
Die Tür öffnet sich und gibt einen dunklen Korridor frei. Mit der Holzstück in der Hand schleicht er durch den Flur, der in einem großen offenen Raum endet. Diffuses Licht fällt durch die geschlossenen Jalousien und zeichnet Streifenmuster an die Wände. Es riecht muffig.

Hier steigert sich die Spannung fast ins Unermessliche. Richtig gut gemacht!

LG
Bree


Der Kriminalschriftsteller ist eine Spinne, die die Fliege bereits hat, bevor sie das Netz um sie herum webt.
(Sir Arthur Conan Doyle)

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#5

RE: Wiesenwettbewerb Nr.. 3 - Digitale Romanze - Verführung

in Archiv 26.05.2021 22:25
von Jana88 • Federlibelle | 537 Beiträge | 1242 Punkte

Ich muss gestehen, ich war bei dem Schluss ein bisschen verwirrt. Habe ihn 3 Mal gelesen und habe noch immer nicht verstanden, wer da wie wen schlägt und wer genau spricht. Dass beide Väter das wohl ausgeheckt haben, hab ich verstanden, nur nicht wer spricht und so weiter.
Bis dahin war das mein absoluter Favorit. Super Schreibstil, gern gelesen.


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Am Ende wird alles gut. Wenn es nicht gut wird, ist es noch nicht das Ende *Oscar Wilde
Anka hat sich bedankt!
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