#1

SGZ 19: Wenn einer eine Reise tut ...

in Die Geschichten der Woche 09.05.2021 14:43
von Doro • Federlibelle | 2.335 Beiträge | 9123 Punkte

Maria hastete den Bahnsteig entlang, musste wiederholt stehenbleiben und den Trolley ausrichten. Ständig bekam er Schlagseite und drohte auf den Bahnsteig zu kippen. Ein junger Mann überholte sie, warf ihr einen bösen Blick zu, als der Trolley sein Bein berührte, das in einer Anzughose steckte. Bestimmt ein teures Stück. Maria kannte sich in Männermode nicht aus. Da er telefonierte, musste sie sich von dem Schnösel wenigstens keine blöden Kommentare anhören.
„Auf Gleis 19 fährt ein der Intercity 800, München Hamburg-Altona über Nürnberg, Erfurt und Berlin“, erklang die Ansage über die Lautsprecher. „Beachten Sie, die Gleisänderung …“
Marias Finger krallten sich um das ausgedruckte Zugticket. Sie sah sich um, rannte ein Stück zurück. „Entschuldigung“, sprach sie einen der Zugbegleiter in ihrem schönsten Hochdeutsch an. „Bin ich hier richtig?“
„Kommt ganz drauf an, wo Sie hinmöchten“, entgegnete er freundlich.
Sie spürte, wie sie errötete und hielt ihm das Zugticket hin.
„Ja, das ist der Zug. Sie haben übrigens noch zehn Minuten Zeit. Also keine Hektik.“ Nach einem erneuten Blick auf ihren Zettel sagte er: „Nehmen Sie den übernächsten Einstieg, der ist direkt bei Ihrem Abteil.“
„Mei vielen Dank. Des ist total nett.“ Maria seufzte. „I fahr net so oft mit der Bahn.“
„Kein Problem.“ Er lächelte sie an. „Kommen’S, ich zeig’s Ihnen.“
Erleichtert ging sie hinter ihm her. Er hob ihr sogar den Trolley in den Wagen. Sie bedankte sich, lief den Gang entlang und öffnete die Schiebetür ihres Abteils.
„Grüß Gott“, sagte sie und sah zum hundertsten Mal ihre Sitzplatznummer nach. 106. Einer der beiden Fensterplätze. Der, der in Fahrtrichtung lag. Ansonsten wäre ihr beim Fahren schlecht geworden. Deswegen hatte sie den Platz reserviert. Sie stellte die Handtasche auf den Sitz. Die anderen beiden Fahrgäste grüßten freundlich zurück.
Ihr gegenüber saß eine junge Asiatin, direkt an der Tür ein älterer Herr. Er erhob sich und deutete auf ihren Trolley. „Soll ich Ihnen helfen?“
„Mei, des wär nett.“
„Kein Problem. Des hamma gleich.“ Er fasste den Trolley am Griff und wollte ihn schwungvoll ins Gepäcknetz hieven. Doch er hatte das Gewicht des Koffers unterschätzt. „Sauba“, meinte er und auf seiner Stirn bildeten sich Schweißperlen, „san da Ziegelstoana drin?“
„Bücher“, erklärte sie kleinlaut. Sie hätte ihn vorwarnen sollen. Sie bedankte sich mehrmals, zog die Regenjacke aus und hängte sie an den Haken über ihrem Sitz. Gut, dass es nicht geregnet hatte, sonst würden die Polster nass. Ganz durchdacht war das Zugabteil nicht. Sie legte die Handtasche auf den Schoß und hielt die Griffe fest in der Hand. Gleich ging es los. Kurz bevor der Zug sich in Bewegung setzte, rumpelte der Schnösel von vorhin ins Abteil. Ohne einen Gruß ließ er sich auf den Sitz gegenüber des älteren Herrn fallen, klappte das Tischchen aus und stellte einen Laptop darauf. Maria überlegte, warum sie sich nie merken konnte, welche Sitznummer sie hatte? Sie musste hundert Mal nachsehen.
„Grüß Gott“, sagte sie, aber der Kerl ignorierte sie.
„Meine Damen und Herren“, ertönte eine Bandansage, „im Namen der Deutschen Bahn begrüßen wir sie herzlich im InterCity nach Hamburg. Wir wünschen ihnen eine angenehme Fahrt.“
Da der Zug ruckelnd anfuhr, sparte Maria sich einen Kommentar. Mit durchgedrücktem Kreuz saß sie da, presste die Knie zusammen. Hoffentlich würde alles gut gehen.
„Sie fahrn net so oft Bahn, oder?“, erkundigte sich der ältere Herr.
Maria schüttelte den Kopf. „Eher selten.“ Die Übertreibung des Jahrhunderts. Sie war noch nie allein Zug gefahren. Ihre letzte Bahnfahrt war dreißig Jahre her. Abiturfahrt nach Paris.
„Landei“, murmelte der Schnösel und streifte Maria mit abschätzigem Blick.
„Ziemlich unverschämt“, mischte sich die Asiatin in akzentfreiem Deutsch ein. „Teure Klamotten ersetzen halt keine gute Kinderstube.“
Maria schenkte ihr ein dankbares Lächeln und strich die Dirndlfalten glatt. Sie zog Notizbuch und Stift aus der Handtasche, las den letzten Eintrag und schrieb weiter, wo sie gestern aufgehört hatte.

Hier war die Stunde um.

„Verreisn’S länger“, fragte der ältere Herr, „weil’S gar so vui zum Lesen dabei ham?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Typisch“, sagte der Schnösel und sah Maria an. „Schon mal was von Ebook-Readern gehört?“ Er schlug sich an die Stirn. „Ne, sorry. Too much technicals.“
„Daran liegts nicht“, sagte Maria ruhig. „Aber Ebooks lassen sich so schlecht signieren.“

„Sie schreiben Bücher?“, fragte die Asiatin und es schwang Bewunderung mit.

„Regionalkrimis“, sagte Maria.
Die Tür des Zugabteils ging auf und ein weiterer Fahrgast stieg ein. Er runzelte die Stirn, sein Blick ging vom iPhone zu den Platznummern und wieder zurück.
„Rein oder raus?“, meckerte der Schnösel.
„Könnte ich mal bitte Ihre Tickets sehen?“, fragte der Mann ruhig. Bestimmt ein Geschäftsmann. Grauer Anzug, hellblaues Hemd, Aktentasche.
Maria klappte das Notizbuch zu und holte den Ausdruck aus ihrer Handtasche.
„106“, las der Geschäftsmann und nickte. „Stimmt. Und die anderen?“
Der älterer Herr reichte ihm ebenfalls sein Ticket, bekam es ebenfalls sofort zurück.
„Ich glaub nicht“, entgegnete der Schnösel, „dass Sie das irgendwas angeht.“
„Okay.“ Der Geschäftsmann zog die Tür zu, kam kurz darauf mit einem der Zugbegleiter wieder.
„Ich hab Platz 104“, sagte die Asiatin nach einem Blick auf ihr Handy.
„Ich auch.“ Der Geschäftsmann runzelte die Stirn. „Wie kann das sein?“
„Schau ma mal, dann seh ma schon“, entgegnete der Zugbegleiter. „Ihre Tickets bitte.“
Er kontrollierte die Tickets. Als er den Barcode des Schnösels mit dem Lesegerät gescannt hatte, zog er beide Augenbrauen bis zum Haaransatz hoch. „Öha! No a moi die 104. Da stimmt wos net.“
„Ich muss einen Vortrag vorbereiten“, meckerte der Schnösel. „Ich hab keine Zeit für so was. Nur weil die Bahn wiedermal unfähig ist …“
„Jetzt haltn’S amoi d’Luft an“, blaffte der Zugbegleiter. Gewissenhaft kontrollierte er sämtliche Tickets ein weiteres Mal. „Oiso, des is hoit a so: die junge Dame und Sie“, er deutete auf den Geschäftsmann, „habn tatsächlich eine Sitzreservierung für oan und denselben Platz. Allerdings is des koa Problem, da die junge Dame nur bis Erfurt fahrt und das Abteil nicht ausgebucht is.“ Er stellte sich vor den Schnösel. „Aba wos Eana angeht, Sie san im falschen Zug.“
„Hä? Blödsinn.“ Der Schnösel schlug den Laptop zu. „Das ist der ICE nach Hamburg-Altona. Richtig?“
Der Zugbegleiter nickte.
„Was reden Sie dann für einen Schwachsinn? Kann ich jetzt weiterarbeiten? Manche Leute fahren nicht zum Vergnügen mit der Bahn, sondern weil sie einen Geschäftstermin haben.“
„Die wirklich wichtigen Leute“, sagte die Asiatin, während sie aus dem Fenster schaute und Maria zuzwinkerte, „die fliegen alle.“
Der Schnösel lief rot an. „Unverschämtheit.“
Maria biss sich auf die Unterlippe, sah ebenfalls aus dem Fenster.
„Jetzat beruhigen mia uns wieda“, sagte der Zugbegleiter und deutete mit dem Lesegerät auf den Schnösel. „I erklärs eana no omoi.” Er holte tief Lust und fuhr fast ohne Dialekt fort: „Das ist zwar der ICE nach Hamburg-Altona, aber nicht der von Eana. Sie haben eine andere Zugnummer. Haben Sie die Durchsage nicht gehört? Die beiden Züge haben Gleise getauscht. Ihr Zug ist auf Gleis 18 abgefahren, nicht wie ursprünglich geplant auf Gleis 19.“

„Okay“, räumte der Schnösel ein. „Ich bin also im falschen Zug gelandet, aber nachdem beide nach Hamburg fahren, ist es doch egal.“
„Solange das Abteil nicht voll besetzt ist“, erklärte der Zugbegleiter und Maria bewunderte seine Engelsgeduld, „können’S hierbleiben. Ansonsten müssen’S den Platz räumen.“
„Soll doch einer von denen“, der Schnösel zeigte auf die Asiatin und den Geschäftsmann, „sich einen anderen Platz suchen.“
„Die können nix dafür. Des war a Fehler von der Deutschen Bahn. Oiso, Sie bleiben hier. Wie’s ausschaut, is ein Platz eh frei.“
Der Schnösel murmelte etwas, was wie ‚na also, geht doch‘ klang und vergrub sich hinter seinem Laptop. Ohne Zwischenfälle erreichten sie Berlin. Maria hatte die letzten Stationen im Kopf. Zuerst Berlin Westkreuz, dann Hauptbahnhof und zum Schluss hielt der Zug noch in Berlin Spandau.
„Müssn’S hier raus?“, erkundigte sich der ältere Herr, als Maria sich erhob und in ihre Regenjacke schlüpfte.
Sie schüttelte den Kopf. „Erst bei Berlin Hauptbahnhof tief. Warum hoaßt der eigentlich so?“
„Echt jetzt?“ Der Schnösel verdrehte die Augen.
„Is a unterirdischer Bahnhof. Jedenfalls da wo die Gleise san“, erläuterte der ältere Herr geduldig.
„Sehr verehrte Fahrgäste“, meldete sich die Lautsprecherstimme, „wegen eines Zwischenfalls mit Personenschaden auf der Strecke Berlin Hamburg endet dieser Zug in Berlin Spandau. Im Namen der Deutschen Bahn bedanken wir uns, dass Sie mit uns gefahren sind.“










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#2

RE: SGZ 19: Wenn einer eine Reise tut ...

in Die Geschichten der Woche 11.05.2021 11:56
von Bree • Federlibelle | 4.319 Beiträge | 17337 Punkte

Liebe @Doro

...acht ja, die gute alte Deutsche Bahn! Da weiß wohl manchmal die rechte Hand nicht, was die linke tut.
Herrlich, wie du die Personen charakterisierst, insbesondere der Schnösel ist gut dargestellt. Solche Typen ... Na ja!
Übrigens habe ich für Lesungen pp. auch immer einen Koffer mit meinen Büchern dabei, insofern konnte ich die Situation ganz gut nachfühlen. Da hat man was zum Schleppen! Wenn Bemerkungen in dieser Richtung kommen, sag ich immer, dass es sich um schwere Literatur handelt.

Hab nach deiner Geschichte richtig Lust bekommen, mal wieder mit der Bahn zu fahren. Es ist so interessant, was für unterschiedliche Menschen man dort trifft. Gern gelesen.

LG
Bree


Der Kriminalschriftsteller ist eine Spinne, die die Fliege bereits hat, bevor sie das Netz um sie herum webt.
(Sir Arthur Conan Doyle)

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#3

RE: SGZ 19: Wenn einer eine Reise tut ...

in Die Geschichten der Woche 11.05.2021 17:21
von Doro • Federlibelle | 2.335 Beiträge | 9123 Punkte

Liebe @Bree ,

Zitat von Bree im Beitrag #2
dass es sich um schwere Literatur handelt.
Das ist gut. Das muss ich mir merken.

Der Text ist teilweise autobiografisch. So ähnlich geschehen auf dem Weg nach Potsam zum Autorentreffen des Rindlerforums.

Tatsächlich waren in meinem Abteil 3 Personen, die dieselbe Sitzplatznummer hatten. Leider war bei mir die Asiatin, diejenige, die im falschen Zug saß. Da sie kaum Deutsch gesprochen hat, hat sie wohl die Durchsage des Gleiswechsels nicht bekommen. (Wird zwar auch immer in Englisch wiederholt, aber bei dem Geräuschpegel am Bahnhof ist es oft schwer, etwas zu verstehen.)
Auf meinem Ticket stand auch das falsche drauf, aber ich schau ohnehin als erstes auf die Anzeigentafel. Und wie Maria hab auch ich zur Sicherheit einen der Zugbegleiter gefragt.
Da ich als Autorin die Freiheit habe, Geschichten so hinzubiegen, wie ich sie gerne hätte, ließ ich das Ekelpaket im falschen Zug sitzen.


Zitat von Bree im Beitrag #2
Es ist so interessant, was für unterschiedliche Menschen man dort trifft.
Das stimmt. Braucht man keine für die Texte erfinden, man muss nur gut beobachten.


LG
Doro


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#4

RE: SGZ 19: Wenn einer eine Reise tut ...

in Die Geschichten der Woche 11.05.2021 21:08
von Jana88 • Federlibelle | 562 Beiträge | 1300 Punkte

@Doro

wie herrlich, ich habe die ganze Zeit lachen müssen und mein Mann, der gebannt auf den Gerichtsfilm im Fernseher schaut, erklärt mich glaube ich gleich für verrückt.

Wirklich total authentisch dargestellt. Dieser Schnösel ist ja wirklich furchtbar.
Wie gut, dass der Zug in Berlin endete. Da war er wohl ziemlich in Schwierigkeiten plötzlich.


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Am Ende wird alles gut. Wenn es nicht gut wird, ist es noch nicht das Ende *Oscar Wilde
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#5

RE: SGZ 19: Wenn einer eine Reise tut ...

in Die Geschichten der Woche 12.05.2021 09:09
von Doro • Federlibelle | 2.335 Beiträge | 9123 Punkte

Liebe @Jana88 ,

Zitat von Jana88 im Beitrag #4
ich habe die ganze Zeit lachen müssen
Das ist doch schön. Lachen verlängert das Leben, aber das weißt du bestimmt.


Zitat von Jana88 im Beitrag #4
mein Mann, der gebannt auf den Gerichtsfilm im Fernseher schaut, erklärt mich glaube ich gleich für verrückt.
Wir Autoren sind kreative Menschen. Da ist das normal.


Zitat von Jana88 im Beitrag #4
Wirklich total authentisch dargestellt.
Freut mich.


LG
Doro


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#6

RE: SGZ 19: Wenn einer eine Reise tut ...

in Die Geschichten der Woche 13.05.2021 12:24
von Gini • Federlibelle | 1.796 Beiträge | 3671 Punkte

Liebe @Doro
Ich fand deine Geschichte herrlich. Auch die Sache mit dem E-Book.
"Die kann ich nicht signieren".
Der Schnösel ist wirklich sehr unsympathisch. Hast du wirklich sehr gut demonstriert.
Ich glaub solche Leute gibt trifft man überall mal. Die so von sich eingenommen und
selbstherrlich rüberkommen. Bis ihnen mal irgendwas passiert, was ihr Leben aus der Bahn wirft.
Dann werden sie kleinlaut. Ich fand auch super, als die Asiatin meinte, wer was auf sich hält, der fliegt.


Gedanken sind nicht stets parat,/ Man schreibt auch, wenn man keine hat.

Wilhelm Busch (1832-1908)
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