#1

Digitale Romanze - Maries modernes Märchen

in Archiv 08.05.2021 11:42
von Bree • Federlibelle | 4.115 Beiträge | 16399 Punkte

MARIES MODERNES MÄRCHEN

„Ich begreife nicht, wieso du keinen Kerl findest. Du siehst gut aus, bist intelligent, sexy, witzig … Also, wenn du ein Typ wärst, hätte ich mich schon längst an dich rangemacht.“
Marie lächelt geschmeichelt. „Das ist lieb von dir. Aber weißt du was? Ich habe beschlossen, das Suchen aufzugeben. Wenn das Schicksal jemanden für mich bereithält, dann werden wir uns auch finden, ohne dass ich … Wow, der ist ja süß!“ Wie hypnotisiert starrt Marie zur Tür des Cafés, in dem sie mit ihrem besten Freund Toni bei einem Cappuccino sitzt. Er folgt ihrem Blick und seine linke Augenbraue wandert anerkennend nach oben. „Uuuh! Come to Daddy.“

„Oh nein, du glaubst doch nicht, dass er schwul ist?“

„Na, also ich bete, dass er es ist.“

Sie beobachten, wie sich der blondgelockte, gut gebaute Mann mit den blitzenden blauen Augen allein an einen Tisch am Fenster setzt. Die Bedienung tritt mit einem breiten Lächeln auf ihn zu. Marie nagt an ihrer Unterlippe. „Ich glühe gerade vor Eifersucht wegen dieser Kellnerin. Toni, sag die Wahrheit, läuft mein Gesicht orangerot an?“

Er wirft ihr einen Blick zu. „Eher grün, meine Beste. Neid ist eine hässliche Farbe. Und Grün stand dir noch nie.“

„Heißen Dank.“

„You`re welcome.“

Während der nächsten Viertelstunde behalten beide das Objekt ihrer Begierde im Auge. Es trinkt einen Kaffee, isst Apfelkuchen ohne Sahne, telefoniert eine Weile, dann winkt der Blonde der Kellnerin, um zu zahlen. All das tut er, ohne Marie oder Toni auch nur zu bemerken.

„Ich glaube, wir sollten ebenfalls zahlen“, murmelt Marie, doch bis die Bedienung bei ihnen ist, hat Prince Charming bereits das Café verlassen.

Auf dem Weg zum Ausgang kommen sie an seinem Tisch vorbei, und jäh schlägt Maries Herz höher. Mit einer schnellen, unauffälligen Bewegung hat sie sich das Handy, das dort liegt, geschnappt und in ihrer Jackentasche verborgen. Dann stößt sie die Tür nach draußen auf und atmet tief durch, als sie auf der Straße steht.

Toni betrachtet sie verwundert „Was ist mit dir?“

„Nicht hier!“, zischt sie, und eilt Richtung Parkplatz, wo Toni seinen Smart geparkt hat.

Erst, als sie die Autotüren geschlossen haben, zieht Marie das Handy hervor. „Das hat er im Café liegenlassen. Und jetzt habe ich es!“, ruft sie triumphierend.

„Und was hast du damit vor?“, will Toni nach einer Weile stummen Staunens wissen.

„Ist doch logisch! Er wird seine Nummer anrufen, um sein Telefon zurückzubekommen. Also werde ich mich mit ihm verabreden … und unser digitales Märchen kann beginnen! Ich sage dir, es war Schicksal, dass er das Handy dort vergessen hat.“

„Aber vielleicht wollte das Schicksal, dass ich es finde“, wagt Toni einen lahmen Einwand. Marie winkt ab. „Vergiss es. Er sah kein bisschen schwul aus.“

„Ach, tatsächlich? Und was ist mit Rock Hudson? Sah er schwul aus, hm?“

Marie gibt nach. „Schön, sollte sich mein Handyman als schwul herausstellen, gebe ich ihm deine Nummer, einverstanden?“

Toni lächelt zufrieden und startet den Motor. „Oh, yeah!“

Marie drückt auf den Knopf unten am Handy, wischt über das Display – und seufzt. „Die Welt ist so misstrauisch geworden“, klagt sie. „Warum muss jedes verdammte Handy mit einem Code gesichert sein?“

Toni sieht sie kurz an, ehe er den Blick wieder auf die Straße richtet. „Das machst du doch auch.“

„Wenn alle anderen argwöhnisch sind, muss ich es ja wohl auch sein, oder?“

In diesem Moment leuchtet das Display des Handys auf, eine Nummer erscheint, und das Autoradio wird von der James-Bond-Titelmelodie übertönt. Marie reißt die Augen auf und gibt ein begeistertes Quietschen von sich. „Das ist er! Oder? Oh, bestimmt ist er es! Oh, Wahnsinn! Unser modernes Märchen kann beginnen!“

„Aber nur, wenn du auch rangehst“, unterbricht Toni ihre Aufregung.

„Ich geh ja schon!“

„Und schalte auf Laut. Ich will mithören.“

Sie räuspert sich, dann drückt sie auf die grüne Taste, aktiviert den Lautsprecher und hält sich das Smartphone ans Ohr. Mit möglichst lasziver Stimme haucht sie ein „Hallo?“, und registriert, dass Toni den Kopf schüttelt und mit den Augen rollt. Sie gibt ihm einen Stups mit dem Ellenbogen.

„Hi. Sie haben offenbar mein Handy gefunden.“

„Ja, es lag im Marien-Café auf einem Tisch am Fenster.“

„Schön blöd, es zu vergessen. Danke, dass Sie es an sich genommen haben. Sagen Sie, wo kann ich es abholen? Im Café? Sind Sie die nette Bedienung von vorhin?“

Toni presst sich eine Hand vor den Mund, um nicht laut zu lachen. Marie boxt ihm erbost auf den Oberarm. „Nein, ich … äh, ich war Gast dort“, sagt sie. „Ich bin auf dem Weg nach Hause. Sie können gern vorbeikommen, ich wohne im Forstweg. Forstweg Nummer 3.“

„Die Gegend kenne ich. Dann brauche ich jetzt nur noch Ihren Namen.“

Marie kichert. „Richtig! Ich heiße Marie Hausmann. Und dürfte ich auch Ihren Namen erfahren?“

Sie sieht glücklich zu Toni, der hebt zustimmend einen Daumen in die Höhe.

„Klar, entschuldigen Sie. Ich bin Axel. Axel Petersen. Gleich muss ich zum Fußballtraining, aber danach könnte ich kommen. So gegen halb acht. Passt das?“

„Perfekt! Bis dann!“

„Ja, bis später.“

Sie trennt die Verbindung und kann gar nicht aufhören, selig vor sich hin zu grinsen. „Er kommt nachher zu mir!“, jubelt sie und knutscht das Display ab.

Toni zieht eine Grimasse und betätigt den Blinker. „Igitt! Muss das sein?“

„Ja. Aber weißt du, was das Beste ist? Bis dahin habe ich noch genügend Zeit, um Ordnung zu schaffen und meine berühmten Spaghetti Carbonara zu kochen. Wenn ein Mann vom Fußballtraining kommt, hat er doch bestimmt Hunger, oder?“

„Vermutlich. Und du willst dann das Dessert sein?“

Sie kuschelt sich in den Beifahrersitz und blickt verträumt nach draußen. „Wer weiß …?“


Nervös sieht Marie zum gefühlt hundertsten Mal auf die Uhr. Es ist kurz vor halb acht. Die Spaghetti sind fast gar, die Sauce köchelt vor sich hin, der Tisch ist festlich gedeckt und ihre Anlage spielt ein Lied von Adele. Ein letzter Blick in den Spiegel. Marie zupft ihre Bluse zurecht, schiebt eine ihrer dunklen Haarsträhnen hinters Ohr und übt das Lächeln, das sie aufsetzen will, wenn sie Axel die Tür öffnet. Ihr Puls rast, und legt nochmal eine Schippe drauf, als es klingelt.

Marie saust zur Tür, bremst ab und atmet ein paarmal tief durch. Dann reißt sie lächelnd die Tür auf.

Vor der Tür steht ein schlaksiger junger Mann mit einem Durchschnittsgesicht und dunkelblonden Haaren. Er hebt grüßend eine Hand. „Hi. Ich wollte ein Handy abholen. Bist du Marie?“

Sie blinzelt verwirrt. „Sie sind aber nicht der, der es im Café vergessen hat.“

„Nein, ich weiß. Das war Axel, mein Mitbewohner. Er wollte selbst kommen, hat sich aber beim Fußballtraining den Knöchel verstaucht.“ Er reicht ihr seine Hand. „Ich bin Jockel.“

Teilnahmslos erwidert sie seinen Händedruck und tritt zur Seite, um ihn hereinzulassen. „Das Handy liegt im Wohnzimmer.“ Sie geht vor und überlegt. Vielleicht kann sie von diesem Jockel ein bisschen über ihren Traummann erfahren. „Du hast nicht zufällig Hunger?“, fragt sie freundlich. „Ich habe gerade Spaghetti Carbonara gekocht.“

Jockels Blick fällt auf den für zwei Personen gedeckten Tisch. „Für wen ist denn der zweite Teller?“

„Na ja, ich dachte, ähm …“, stottert Marie.

„Oh, verstehe!“ Jockel grinst. „Deshalb dein enttäuschtes Gesicht, als ich vor der Tür stand.“

Marie stemmt die Hände in die Taille. „Willst du nun Spaghetti, oder nicht?“

„Okay.“ Er setzt sich, und Marie flüchtet in die Küche. Wenig später kehrt sie mit einer großen dampfenden Schüssel zurück. „Hier, greif zu.“ Ohne weitere Umschweife fügt sie, während sie sich hinsetzt, hinzu: „Sag mal, hat dein Mitbewohner eine Freundin?“

„Im Moment gerade nicht.“ Jockel füllt seinen Teller und schnuppert. „Hmm, das duftet ja genial.“

„Danke.“

„Soll ich dich ihm vorstellen?“, fragt Jockel, und schiebt sich eine Gabel voller Nudeln in den Mund.

Marie lehnt sich zufrieden zurück. „Gern. Aber erst einmal kannst du mir ein bisschen von ihm erzählen, okay?“

„Kein Problem.“

Toni fällt ihr ein. Sie beugt sich zu Jockel hinüber. „Du bist nicht zufällig schwul, oder?“


(Vorläufiges) ENDE


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(Sir Arthur Conan Doyle)

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#2

RE: Digitale Romanze - Maries modernes Märchen

in Archiv 10.05.2021 17:12
von Gini • Federlibelle | 1.759 Beiträge | 3580 Punkte

@Bree
Da hast du ja auch wieder den Jockel aufleben lassen. Damit hatte ich anfänglich absolut nicht gerechnet.
Aber das ist doch wunderbar. Alex ist doch solo. Vielleicht wäre Marie ja etwas für ihn.

Zitat von Bree im Beitrag #1
Vor der Tür steht ein schlaksiger junger Mann mit einem Durchschnittsgesicht und dunkelblonden Haaren.

Ich wusste gar nicht, dass Jockel so durchschnittlich aussieht. Ich hatte ihn mir ganz anders vorgestellt.
Also ist Alex anscheinend viel attraktiver. Aber Aussehen ist ja nicht alles.


Gedanken sind nicht stets parat,/ Man schreibt auch, wenn man keine hat.

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#3

RE: Digitale Romanze - Maries modernes Märchen

in Archiv 10.05.2021 21:13
von Jana88 • Federlibelle | 537 Beiträge | 1240 Punkte

Ach ne, Jockel. Na, der erlebt ja was mit seinem Mitbewohner. Aber ein kostenloses Abendessen ist doch nicht schlecht.

Mit der Wendung habe ich absolut nicht gerechnet und fand die Geschichte so richtig unterhaltsam. Klasse!


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Am Ende wird alles gut. Wenn es nicht gut wird, ist es noch nicht das Ende *Oscar Wilde
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#4

RE: Digitale Romanze - Maries modernes Märchen

in Archiv 11.05.2021 12:22
von Bree • Federlibelle | 4.115 Beiträge | 16399 Punkte

Hallo @Gini und @Jana88

freut mich, dass ich euch mit dem Jockel-Gastauftritt überraschen konnte.
Die Idee dazu kam mir erst relativ spät während des Schreibens.

Zitat von Gini im Beitrag #2
Ich wusste gar nicht, dass Jockel so durchschnittlich aussieht. Ich hatte ihn mir ganz anders vorgestellt.

Das ist natürlich auch Geschmackssache. Er ist halt nicht Maries Typ, aber Stella sieht das anders, wie wir wissen. Axel ist mehr so der HIngucker, Jockel muss man erst mal besser kennen lernen. Hässlich ist Jockel nicht, aber gegen Axel wirkt er halt etwas 'durchschnittlicher'. Und wegen seiner Schlaksigkeit geht er ja schon ins Fitness-Studio ...

Zitat von Jana88 im Beitrag #3
Mit der Wendung habe ich absolut nicht gerechnet und fand die Geschichte so richtig unterhaltsam. Klasse!

Vielen Dank, liebe Jana, das freut mich total!

LG
Bree


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#5

RE: Digitale Romanze - Maries modernes Märchen

in Archiv 13.05.2021 08:57
von Anka • Federlibelle | 730 Beiträge | 3208 Punkte

@Bree,

deine Geschichte hat mich sofort gepackt. Auch wenn sich die Romanze in diesem Fall mehr analog als digital abspielte (Zwinker-Smiley-gesucht und nicht gefunden). Ich habe sie regelrecht verschlungen. Solche Love-Storys lese ich z. Zt. besonders gern. Weil sie gut ablenken, von all den Dingen, die da draußen gerade nicht lustig sind.
Allerdings stehe ich auf dem Schlauch. Sollte ich Jockel kennen?
Ich hatte gehofft, dass Marie sich vielleicht in ihn verliebt. Denn Aussehen ist ja nicht alles. Würde sehr gern wissen, wie die Geschichte weitergeht!

LG, Anka


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#6

RE: Digitale Romanze - Maries modernes Märchen

in Archiv 13.05.2021 11:40
von Bree • Federlibelle | 4.115 Beiträge | 16399 Punkte

Hallo @writeandride

Schön, dass die Geschichte dir gefallen hat, das freut mich! 😊
Jockel ist der Prota meiner SGZ-Geschichten. Wenn du in den letzten Wochen eine davon gelesen hast, müsstest du ihn kennen. Sonst natürlich nicht... 😂 Aber wenn dir solche Storys gefallen, wären sie ganz nach deinem Geschmack, schätze ich.

LG
Bree


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#7

RE: Digitale Romanze - Maries modernes Märchen

in Archiv 13.05.2021 13:29
von Anka • Federlibelle | 730 Beiträge | 3208 Punkte

Oh, sorry, liebe @Bree. Das SGZ schreibe ich immer noch bei unserem alten Forum mit. Und doppelt wird mir zuviel, zeitlich gesehen. Deshalb kannte ich Jockel nicht. Hat mich aber auf alle Fälle neugierig gemacht.


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#8

RE: Digitale Romanze - Maries modernes Märchen

in Archiv 13.05.2021 14:00
von Doro • Federlibelle | 2.229 Beiträge | 8764 Punkte

Liebe @Bree ,

du warst ja echt fleißig. Ich bin froh, dass ich eine Geschichte geschrieben habe.


Ich hätte das Handy wahrscheinlich der Bedienung gegeben, aber das hätte natürlich nicht zur Geschichte gepasst.


Zitat von Bree im Beitrag #1
Mit einer schnellen, unauffälligen Bewegung hat sie sich das Handy, das dort liegt, geschnappt und in ihrer Jackentasche verborgen.
Ich hätte diesen Satz auch ins Präsens gesetzt. Also: Mit einer schnellen, unauffälligen Bewegung schnappt sie sich das Handy, das dort liegt, und verbirgt es in ihrer Jackentasche.

Ich habe mir Jockel genauso vorgestellt, wie du ihn beschrieben hast. Groß, dünn, symphatisch, aber auf eine eher unauffällige Art.

Das Ende schreit ja geradezu nach einer Fortsetzung.


Gern gelesen.

LG
Doro


Gib jedem Tag die Chance, der schönste deines Lebens zu werden. (Mark Twain)
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