#1

Wiesenwettbewerb Nr. 3 - Story-Mix - Ohnmacht wider Willen

in Archiv 07.05.2021 21:42
von Jana88 • Federlibelle | 537 Beiträge | 1242 Punkte

Ohnmacht wider Willen
Sie schlug ihre grünen, etwas schräg stehenden Augen auf. Noch immer war sie in Wut, weil Rhett Butler sich so schamlos ihr gegenüber aufgeführt hatte. Sie würde um Tara kämpfen, und wenn sie alle ihre Lieben dafür verhungern lassen müsste. Sie richtete sich auf und sah sich um.
Schnell schwang sie die Beine von ihrer Bettstatt und blickte in ein sabberndes Hundegesicht mit großen Augen. Der Hund war auf Augenhöhe zu ihr und wäre sie eine echte Dame gewesen, hätte sie jetzt vor Schreck in Ohnmacht fallen müssen. Stattdessen aber reckte sie das Kinn vor und sagte herablassend: „Entschuldigung, könnten Sie bitte Ihren Hund von mir wegnehmen. Er ruiniert mir das Kleid, und seit der Krieg aus ist, bekomme ich doch nur schwerlich ein neues.“ Sie stand auf und bemerkte jetzt erst, wie groß der Mann war, der hier im Raum war.
Er war mindestens doppelt so groß wie sie, hatte einen beängstigend struppigen Bart und einen langen, abgetragenen Mantel. Sie hatte noch nie einen so gewaltigen Mann gesehen. „Wo kann ich mich frischmachen? Und wo sind Ihre Bediensteten?“
„Ähm…“ Der Riesenmann kratzte sich am Kopf und stand unschlüssig da. Er drehte sich kommentarlos weg und rührte in dem Kessel, der über einem Feuer hing. „Ich bin Hagrid, aber wo kommen Sie denn her, Frau …“
„Scarlett O´Hara heiße ich. Und ich weiß überhaupt nicht, wie ich hierher kam. Bis eben lag ich noch in meinem Bett auf Tara. Die Baumwolle muss gepflückt werden und die Schwarzen werden gerade alle irre, weil die Yankees ihnen die Freiheit geben wollen. Wilde Zeiten. Können Sie mir sagen, wie ich wieder zurückkomme?“
In dem Moment klopfte es an der Tür und Hagrid legte den Finger an die Lippen. Er stellte sich vor die Tür und rief deutlich: „Wer da?“
Eine Stimme antwortete, aber Scarlett konnte sie nicht verstehen. Hagrid öffnete die Tür und ließ drei Jugendliche eintreten. Zwei Jungen und ein Mädchen. Die sahen kurz zu ihr und das Mädchen sah sie von oben bis unten an, als wäre sie eine seltsame Kreatur.
Dabei waren sie doch die, die ziemlich außergewöhnlich aussahen. Alle drei trugen lange schwarze Mäntel, und einer von ihnen hatte eine auffällige Narbe auf der Stirn.
„Entschuldigung, darf ich fragen, warum Sie keine normale Kleidung haben? Gibt es hier eine Festlichkeit, bei der das zum Thema gemacht wurde?“ Scarlett stellte sich vor Hagrid, um die volle Aufmerksamkeit zu bekommen, und die drei Besucher mussten lachen. Diese zierliche Frau in einem scheinbar uralten, aber gepflegten grünen Kleid war nur halb so groß wie der Halbriese. Sie reckte das Kinn hervor und stemmte die Ärmchen in die Hüften.
Scarlett wurde zu ihrer Enttäuschung übergangen. Die drei schienen nicht auf die Frage reagieren zu wollen und fragten stattdessen: „Hagrid, können wir Fang haben? Wir müssen in den verbotenen Wald.“
Fang, der große, sabbernde Hund fing an zu winseln und versuchte, sich hinter dem ausladenden grünen Kleid zu verstecken, doch Scarlett trat beiseite, damit er nicht noch mehr von ihrem Kleid ruinieren konnte.
„Also ich weiß nicht“, sagte Hagrid ohne sich umzudrehen, „also erstmal find ich es eine viel zu riskante Idee, in den Wald zu gehen und außerdem ist Fang doch so furchtbar ängstlich. Ob der euch eine große Hilfe ist, wage ich zu bezweifeln. Was wollt ihr überhaupt da?“
Der Junge mit der Narbe fing an zu erzählen: „Wir haben Malfoy dabei belauscht, wie er zu einigen Slytherins gesagt hat, dass er es jetzt im Wald zuende bringen wolle. Du weißt schon.“
Hagrid deutete auf Fang und versteifte sich. „Dann solltet ihr keine Zeit verlieren.“
Das Mädchen nahm Fang am Halsband und die drei drehten sich zur Tür. Scarletts Stimme erhob sich jetzt zu einem bestimmenden Tonfall: „Also hören Sie mal. So ein großer Mann wie Sie kann doch nicht drei Kinder allein in einen Wald gehen lassen um diese Uhrzeit.“
Alle drehten sich zu ihr und Hagrid murmelte sowas in den Bart, wie: „Gehen Sie doch mit“ Und die Kinder starrten sie nur ungläubig an.
Scarlett war sprachlos ob der Gefühlskälte des Mannes und stand stocksteif da. Wo war sie hier nur gelandet und wo war Mummy, wenn man sie brauchte?
Da sie nicht mehr sprach, liefen die Kinder aus der Tür und der Hund folgte ihnen. Dieser Hagrid machte keine Anstalten, sich zu rühren und deshalb raffte sie die Röcke und lief die Eingangsstufen der Hütte herunter.
Die Kinder drehten sich zu ihr um, schienen es aber sehr eilig zu haben und wollten nicht auf sie achten.
„Habt ihr Kinder eigentlich keine standesgemäßen Kleidungsstücke oder warum tragt ihr alle diese formlosen Mäntel?“ Sie rief die Frage fast und raffte die Röcke noch strikter, um besser hinterherzukommen.
Der Junge mit der Narbe blieb stehen, drehte sich um und ging mit drei schnellen Schritten zu ihr zurück. „Hören Sie mir ganz genau zu.“ Er zischte es, die Lippen zusammengepresst. „Ich weiß nicht, wo Sie herkommen oder was Sie in dem Aufzug hier wollen. Aber Sie müssen jetzt still sein. Es geht um Leben und Tod.“
Scarlett stand stocksteif da. Der Saum ihres Kleides fiel in den Dreck und sie musste an Tante Pittypat denken. Wenn sie sehen würde, wo sie hier gelandet war, würde sie sofort in Ohnmacht fallen.
Sie selbst war zum Glück nicht so leicht unterzukriegen und dennoch stockte ihr jetzt der Atem. Leben und Tod! Wenn Sie tatsächlich heil zurück nach Tara kommen sollte, würde sie jeden Abend einen Rosenkranz beten, das versprach sie sich.
Sie bemerkte, dass die anderen bereits weitergegangen waren und stapfte erneut los. Auf einer kleinen Lichtung blieben sie stehen. Scarlett hielt den Atem an und versuchte, ihre Sinne zu schärfen. Es war trotz des Mondlichts so dunkel rings herum, dass sie eine schreckliche Angst bekam.
„Da drüben ist irgendwas“, sagte der Junge mit der Narbe auf der Stirn. Er ging ein paar Schritte auf die Bäume zu, zog etwas Langes, dünnes aus seinem Mantel und sagte deutlich: „Lumos“
Scarlett taumelte einige Schritte rückwärts, denn das Ding in seiner Hand begann strahlendhell zu leuchten. So etwas hatte sie ihr Lebtag noch nicht gesehen. Wie konnte ein Ding von sich aus leuchten? Er hatte kein Streichholz angesteckt, soweit sie gesehen hatte und das Leuchten war deutlich heller als das einer Kerze.
Vor einem der Bäume stand eine kleine Gestalt und sie sah dem Jungen an, wie er sich entspannte. „Dobby, was machst du denn hier? Geh zurück nach Hause und versteck dich. Es ist zu gefährlich.“
Das kleine Ding war nur halb so groß wie sie selbst, hatte teetassengroße Augen und spitze Ohren. Es knetete die zarten Finger ineinander und senkte immer wieder den Kopf, bevor es anfing zu sprechen. „Aber Harry Potter kann sicher Hilfe gebrauchen. Harry Potter hat Dobby zur Freiheit verholfen, jetzt hat Dobby frei entschieden, auch Harry Potter zu helfen.“
Harry nahm den kleinen Kerl, der wohl Dobby hieß, in den Arm und wandte sich wieder der Lichtung zu.
Hier stand noch ein Junge, ein großer, blonder mit einem grimmig dreinschauenden Gesicht.
„Ah, der große Harry Potter kann vor Sensationslust einfach nicht im Schloss bleiben, sondern treibt sich im verbotenen Wald rum. Und ich werde es sein, der ewig in der Gunst des Dunklen Lords stehen wird, weil ich ihm davon berichtete.“
Der Junge holte ebenfalls so ein langes, dünnes Ding hervor und tippte sich damit auf den Unterarm. Ein helles Licht erschien und ein langer Schein, von Rauch umgeben, stieg in die Luft. Weit über den Baumkronen erschien ein grünes Zeichen, sah aus wie eine gruselige Fratze. Scarlett konnte sich nicht sattsehen an diesem Wunder-Gebilde, wurde aber dann von einem schrecklichen Lärm abgelenkt.
Der Junge mit der Narbe und der Blonde standen in der Mitte, die langen Stäbe hielten sie aufeinander gerichtet und schrien laut Befehle heraus, die in einer fremden Sprache waren. Lichtblitze schossen umher und einer verfehlte sie knapp.
Sie konnte nur noch kurz um Hilfe rufen, bevor ihr schwarz vor den Augen wurde. Aber sie war noch nie in Ohnmacht gefallen, das passierte doch nur der zart besaiteten Tante Pitty.


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#2

RE: Wiesenwettbewerb Nr. 3 - Story-Mix - Ohnmacht wider Willen

in Archiv 08.05.2021 12:19
von Bree • Federlibelle | 4.187 Beiträge | 16674 Punkte

Liebe @Jana88

du warst aber sehr fleißig, erst die Geschichte für Isabel, und nun dieser gelungene Story-Mix! Scarlett bietet sich einfach an, nicht wahr? Deshalb habe ich sie ebenfalls für meine Mix-Story auserwählt. Sie nun mit den Protagonisten aus Harry Potter zu erleben, ist ein großer Lesespaß! Sämtliche Figuren erscheinen sofort vor meinem inneren Auge, weil du sie so authentisch wiedergibst. Besonders Dobby ist klasse!
Lachen musste ich hier:

Zitat von Jana88 im Beitrag #1
sie musste an Tante Pittypat denken. Wenn sie sehen würde, wo sie hier gelandet war, würde sie sofort in Ohnmacht fallen.

Oh ja, das würde sie garantiert!

Einzig der Anfang, als Scarlett aufwacht, war etwas verwirrend, da du zunächst nur den Hund beschreibst. Ich glaubte erst, er wäre bei ihr in Tara. Dass sie in einer anderem Umgebung ist und auch ein Mann sich dort befindet, kommt erst rüber, als sie Hagrid plötzlich anspricht. Aber das lässt sich leicht ausbügeln. Der Rest ist spitzenklasse! Ich habe mich über jeden, der auftauchte, gefreut (okay, außer über Malfoy vielleicht ).
Auch die typische düstere Atmosphäre hast du prima rübergebracht. Ein toller Beitrag, danke!

LG
Bree


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#3

RE: Wiesenwettbewerb Nr. 3 - Story-Mix - Ohnmacht wider Willen

in Archiv 10.05.2021 17:14
von Gini • Federlibelle | 1.765 Beiträge | 3609 Punkte

@Jana88 auch wenn ich absolut keine Ahnung von Harry Potter habe, fand ich deine
Geschichte einen tollen Storymix.
Tante Pittypatty kenn ich auch nicht. Aber du schreibst so lebendig, dass es für mich auch so
unterhaltsam war. Scarlett kenn ich ja jetzt auch schon aus dem Storymix von Bree.


Gedanken sind nicht stets parat,/ Man schreibt auch, wenn man keine hat.

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#4

RE: Wiesenwettbewerb Nr. 3 - Story-Mix - Ohnmacht wider Willen

in Archiv 11.05.2021 11:43
von Bree • Federlibelle | 4.187 Beiträge | 16674 Punkte

Liebe @Gini

du musst "Vom Winde verweht" echt mal gucken, meine Liebe. Dann lernst du auch die herrliche Tante Pittypat kennen. Glaub mir, es lohnt sich! Ich weiß, du würdest den Film lieben. Sogar meine Tochter (13) hat ihn vor kurzem mit mir gemeinsam angeschaut (hauptsächlich, weil er so lang ist, aber egal), und er hat ihr auch gefallen. Und das, obwohl sie für so "olle Schinken" eigentlich nichts übrig hat.

LG
Bree


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#5

RE: Wiesenwettbewerb Nr. 3 - Story-Mix - Ohnmacht wider Willen

in Archiv 11.05.2021 20:56
von Jana88 • Federlibelle | 537 Beiträge | 1242 Punkte

@Gini@Bree

Ich habe den Film leider auch noch nie gesehen. Aber das Buch habe ich mit 12 zum ersten Mal gelesen (ein echt dicker Schinken und in dem Alter habe ich mich durch einige Passagen lange gequält)
Aber 2020 ist zu meinem Nostalgie-Lesejahr geworden. Ich habe die Biss-Reihe, Harry Potter gelesen und jetzt gerade gestern Vom Winde verweht beendet. Daher war der Story Mix für mich absolut aktuell.
Alles drei sind Geschichten, die mich in einer prägenden Zeit meiner Jugend begleitet haben und zu denen ich dadurch eine enge Bindung habe. Immer mal wieder habe ich die Anwandlung, sie alle nochmal zu lesen, um das Gefühl wieder heraufzubeschwören. Wie mit Songs, die man sein Leben lang mit einem Gefühl verbindet.

Danke für eure Rückmeldungen, und Bree, es war wieder das doofe Zeichenkorsett, das mich gelähmt hat :-)
Vielleicht gehe ich da nochmal ran, hat großen Spaß gemacht.


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#6

RE: Wiesenwettbewerb Nr. 3 - Story-Mix - Ohnmacht wider Willen

in Archiv 13.05.2021 21:12
von Anka • Federlibelle | 750 Beiträge | 3295 Punkte

@Jana88,
deine Story-Mix Geschichte hat mich sofort wieder in die Harry-Potter-Welt mitgenommen, die ich über alles liebe.
Ich habe Hagrid, Fang, Harry, Hermine, Ron, Malfoy und Dobby direkt sehen können, so authentisch hast du sie beschrieben.
Als krassen Gegensatz dazu Scarlett O'Hara zu setzen und die Geschichte aus ihrer Sicht zu erzählen, fand ich sehr amüsant.


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