#1

SGZ 16 - Alles muss seine Ordnung haben

in Die Geschichten der Woche 18.04.2021 16:10
von Gini • Federlibelle | 1.759 Beiträge | 3580 Punkte

„Petra, meine Zwangsstörungen sind für mich, wie ein guter Freund. Ich kann ihn mir nicht einfach wegnehmen lassen. Sieh es doch einfach mal als lustige Neurose an.“
Petra fehlten gerade die Worte. Was versuchte Björn, ihr da bloß weiszumachen? Sie konnte es nicht glauben. Björn sah Petra jetzt doch an. Sie konnte Liebe in seinen Augen sehen. Aber er musste einfach verstehen, dass ihr Lebensraum immer kleiner wurde. Björn nahm nach und nach durch seine Ticks mehr Raum ein.
Er erzählte ihr an dem Abend, dass damals als seine Oma starb, die ersten kleinen Anzeichen zu merken waren. Petra wusste, dass er zu seiner Großmutter einen sehr engen Bezug hatte. Das bestätigte mal wieder die Tatsache, dass ein großer Verlust zu so etwas führen kann. Das hatte sie ja inzwischen schon herausgefunden. Petra und Björn redeten dann noch eine ganze Weile miteinander. Natürlich konnte es nicht lange so gut gehen. Irgendwann konnte Björn dann doch nicht mehr still sitzen und sprang auf. Sein ‘Abendprogramm’begann, loszugehen. Petra bat ihn, mir trotzdem noch einmal kurz zuzuhören. Er hielt inne und hörte auf, um unseren Esstisch zu gehen. Danach würde er die Weingläser antippen und dann noch alle Pflanzen kurz berühren.
Als sie sich vor sieben Jahren kennengelernt hatten, waren seine Ticks‘ noch viel harmloser gewesen und Petra fand es eigentlich ganz süß und charmant.
Aber im Laufe der Jahre waren immer mehr dazu gekommen.
„Ich kann nicht mehr Björn, Es wird mir zuviel. Ich möchte, dass du eine Therapie machst. Sonst sehe ich schwarz für unsere Ehe.“
Petra musste ihre Tränen zurückhalten. Sie liebte Björn, aber was zuviel ist zuviel.
Wenn sie Staub gewischt hatte, versuchte sie, alles wieder so hinzustellen, wie es vorher war. Wenn Björn dann von der Arbeit heimkam, nahm er sein Zentimetermaß und maß den Abstand der Nippes. Gut, damit konnte Petra noch leben. Er machte es ja für sich und war dabei in seiner Welt. Aber mal Abends gemütlich einen Film gucken, dazu ein Glas Wein trinken, war schier unmöglich.
Die Gläser mussten exakt parallel zueinander stehen. Hatte Petra einen Schluck genossen, stellte sie ihr Glas einfach auf den Tisch. Sofort machte Björn sich dran,es wieder zu seinem Glas auszurichten.
„Ich werde darüber nachdenken Petra. Ich liebe dich und will dich nicht verlieren.“

Als Björn am nächsten Tag von der Arbeit kam, ging er gleich in seinen Hobbykeller.
Das war sein heiliger Raum. Akkurat lag dort sein Werkzeug. Natürlich in genauem Abstand voneinander.
Petra bereitete gerade die Spiegeleier fürs Abendbrot zu, als Björn hastig die Küchentür aufstieß. Er war hochrot im Gesicht.

„Wer war in meinem Keller? Da muss jemand gewesen sein. Du weißt, ich werd verrückt, wenn jemand meine Sachen benutzt. Ich dreh durch, das darf nicht wahr sein.“
Björn drehte sich um und rannte aufgebracht wieder runter in den Keller.
Petras Herz klopfte hart gegen ihre Brust. Schnell folgte sie ihm nach unten.
„Tut mir leid Björn, ich brauchte einen Hammer, um ein Bild aufzuhängen.
Wahrscheinlich hatte sie ihn nicht genau an der dafür vorgesehen Stelle wieder abgelegt.
Björn hörte ihr gar nicht zu .Er rückte, räumte und maß die Abstände seiner Sachen. Langsam stieg die Wut der Verzweiflung in Petra hoch.

„Wenn wir mal ein Baby haben, rückst du das dann auch von links nach rechts und hin und her, bis ich es nicht mehr wiederfinde?“
Sie knallte wütend die Tür zu und ging nach oben. Das musste einfach mal raus. Danach fühlte sie sich etwas erleichtert. Er machte ihr ganzes Leben kaputt.
Als Björn wieder nach oben kam, wirkte er zerknirscht.
„Es tut mir so leid Petra. Aber es ist wie eine Explosion in meinem Kopf, wenn die Dinge nicht an ihrem Platz liegen.“
Björn hatte Tränen in den Augen. Wahrscheinlich quälte er sich selber auch mit seinen Zwangshandlungen. Petra schwieg und ließ die Spiegeleier aus der Pfanne auf ihre Teller gleiten.
Björn nahm sein Besteck und schnitt den Rand so ab, dass das Ei aussah wie gemalt. Rund und weiß am Rand.
In der Mitte das gelbe Eidotter in einem gleichmäßigen Hügel. Er betrachtete das Spiegelei ehrfürchtig und schob dann seinen Teller zurück.

„Petra, ich kann das nicht essen. Ich würde das Ei zerstören und das ertrag ich heute nicht auch noch.“
Björn stand auf und ging ins Wohnzimmer. Als Petra dazukam, war er gerade dabei die Schranktüren auf und zu zumachen. Der Tick war neu, dachte Petratraurig.

„Björn, ich werde erst einmal zu meiner Mutter ziehen. Vielleicht haben wir ja noch eine Chance, wenn du eine Therpie gemacht hast.“
Sie ging ins Schlafzimmer, um ihre Reisetasche zu packen. Beim packen hoffte sie so sehr, dass alles gut werden würde. Als sie die Haustür hinter sich geschlossen hatte, liefen ihr die Tränen übers Gesicht.
Während der Autofahrt konnte sie kaum durch ihren Tränenschleier gucken.
Aber wenn es noch Hoffnung gab, dann nur auf diesem Weg.


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#2

RE: SGZ 16 - Alles muss seine Ordnung haben

in Die Geschichten der Woche 18.04.2021 19:08
von Bree • Federlibelle | 4.118 Beiträge | 16414 Punkte

Hallo @Gini

ich kann Petra gut verstehen. Mit so extremen Zwangsneurosen leben zu müssen, schafft wohl kaum jemand. Eine originelle Idee, auf die ich bei dem Wort "Spiegelei" garantiert niemals gekommen wäre. (Siehste, auch du hast tolle Ideen! )
Die Story hat ein halbes Happy-End, würde ich sagen. Vielleicht sind die zwei getrennt besser dran, oder Björn wird irgendwann geheilt.
Gern gelesen!

Zwei Kleinigkeiten:

Zitat von Gini im Beitrag #1
Petra bat ihn, mir trotzdem noch einmal kurz zuzuhören. Er hielt inne und hörte auf, um unseren Esstisch zu gehen.

Hier bist du aus der Perspektive gerutscht.
Zitat von Gini im Beitrag #1
Sie liebte Björn, aber was zuviel ist zuviel.

Und hier aus der Vergangenheitsform in die Gegenwart. Außerdem fehlt ein Wort.

Nochmal: Supertolle Idee!

LG
Bree


Der Kriminalschriftsteller ist eine Spinne, die die Fliege bereits hat, bevor sie das Netz um sie herum webt.
(Sir Arthur Conan Doyle)

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zuletzt bearbeitet 18.04.2021 19:08 | nach oben springen

#3

RE: SGZ 16 - Alles muss seine Ordnung haben

in Die Geschichten der Woche 18.04.2021 19:57
von Gini • Federlibelle | 1.759 Beiträge | 3580 Punkte

@Bree danke für dein Feedback.
Ich glaube, so etwas ist schwer auszuhaltn. Aber sie liebt ihn eben.
Bestimmt macht Björn eine Therapie. Ganz geheilt wird er wohl nicht. Aber wenn die Ticks nicht mehr so viele sind kann man wohl damit leben.


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#4

RE: SGZ 16 - Alles muss seine Ordnung haben

in Die Geschichten der Woche 19.04.2021 01:35
von Carlotta Lila • Federlibelle | 2.070 Beiträge | 9039 Punkte

Liebe @Gini, wow, das ist wieder eine Wahnsinnsgeschichte ... mit offenem Ende. Ob sowas wohl gut gehen kann? Ob Therapien da etwas nützen können? Vielleicht mit sehr viel Liebe und Willen.
Aber es ist wieder super geschrieben - der Perspektivenwechsel ist mir auch aufgefallen, aber das hat @Bree ja schon angemerkt. Am Ende hätte ich mir als Leserin vielleicht noch gewünscht, wie Björns Gesichtsausdruck aussieht, als Petra ihn verlässt.
Übrigens fällt mir ein, dass ich mal so eine Person mit einer Zwangsneurose - so nennt man das oder? - kannte. Das war ziemlich unerträglich!
Wirklich sehr gerne gelesen!
Carlotta Lila


https://www.leseflamme.jimdofree.com

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#5

RE: SGZ 16 - Alles muss seine Ordnung haben

in Die Geschichten der Woche 19.04.2021 16:00
von Gini • Federlibelle | 1.759 Beiträge | 3580 Punkte

@Carlotta Lila danke für dein Feedback. Ich denke, man nennt es eher Zwangshandlung.
Hat mir mal jemand gesagt. Ja der Perspektivwechsel passiert mir öfter.
Weil ich das manchmal mit meinen TS durcheinanderwürfel.


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Carlotta Lila hat sich bedankt!
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#6

RE: SGZ 16 - Alles muss seine Ordnung haben

in Die Geschichten der Woche 19.04.2021 17:22
von Doro • Federlibelle | 2.232 Beiträge | 8772 Punkte

Liebe @Gini ,

ich kenne persönlich niemanden mit einem so ausgeprägten Tick, aber ich stelle es mir anstrengend vor. Petra hat sicherlich richtig gehandelt. Wenn er sie liebt, dann muss er nun was tun. Gut zureden hilft halt oft nicht. Erst, wenn man die Reißleine zieht, passiert was. Das weiß ich aus eigener Erfahrung und deshalb glaube ich, dass die beiden eine Chance haben. Auch, wenn ich keine Erfahrung darin habe, ob solche Zwangshandlungen wirklich heilbar sind. Aber da kann man als Autor ja ein bisschen nachhelfen.

Du hast Petras Situation gut geschildert. Kopfkino lief mit.

Geerbst wurde ja schon.

Ebenfalls gern gelesen.


LG
Doro


Gib jedem Tag die Chance, der schönste deines Lebens zu werden. (Mark Twain)
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#7

RE: SGZ 16 - Alles muss seine Ordnung haben

in Die Geschichten der Woche 20.04.2021 11:44
von Gini • Federlibelle | 1.759 Beiträge | 3580 Punkte

@Doro danke für dein Feedback. Meine kleine Enkelin weist manchmal ein paar Zwngshandlungen auf.
Z.B. ständiges Händewaschen, oder die Klettverschlüsse ihrer Schuhe immer wieder strammziehen.
Bei ihr wechseln die Handlungen. Sind aber allgemein nicht stark ausgeprägt.
Entweder es wir schlimmer, oder verschwindet ganz.
In dem Fall von Petra stelle ich es mir auch sehr anstrengend vor.


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#8

RE: SGZ 16 - Alles muss seine Ordnung haben

in Die Geschichten der Woche 25.04.2021 15:13
von -jek • Federlibelle | 678 Beiträge | 2064 Punkte

Eine schreckliche Geschichte, schön und liebevoll geschrieben. Viele Menschen stehen vor Petras Situation. Manchmal muss man einen geliebten Menschen loslassen, um nicht selbst mit unterzugehen.


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Wenn du Schreibregeln beherrscht, ist das gut. Wenn sie dich beherrschen, ist das schlecht.
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#9

RE: SGZ 16 - Alles muss seine Ordnung haben

in Die Geschichten der Woche 25.04.2021 18:25
von Gini • Federlibelle | 1.759 Beiträge | 3580 Punkte

@-jek Ja, wie wahr. Manchmal geht es einfach nicht mehr.
Da kann man einen Menschen noch so lieben.
Danke für deine Meinung


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