#1

SGZ Nr. 13 - Die Stille

in Die Geschichten der Woche 29.03.2021 17:39
von Gini • Federlibelle | 1.765 Beiträge | 3609 Punkte

„Oh bitte, das ist nicht dein Ernst. Schrebergärten sind sowas von spiessig. Was für alte Leute.“
Maja sah ihren Mann Tom fassungslos an. Ihre Stirn war in viele kleine Falten unterteilt.
Das war immer ein Zeichen, dass es in ihrem Kopf arbeitete wie in einem Bienenschwarm.

Tom hob beschwichtigend seine linke Hand.
„Bitte Maja, hör mir doch erst einmal zu.“
Seine Stimme schien zu kippen, als würde er gleich in Tränen ausbrechen.
Maja versuchte, sich zu beruhigen. Disharmonie konnte Tom nicht verkraften.
Das würde ihn in seinen Stimmungen brutal zurückwerfen. Er war gerade neu eingestellt mit seinen Psychopharmaka. Sie sah ihn aufmerksam an, um zu demonstrieren, dass sie durchaus bereit war,
ihrem Mann aufmerksam zuzuhören.

„Hör mal Schatz. Ich brauche einfach Licht, Sonne und Blumen. Das haben wir doch alles nicht in unsere Bude.“
Tom schaute sich in der kleinen Wohnung um. Maja folgte seinen Blicken.
Es kam kaum Tageslicht durch die blinden Fenster. Es würde wohl auch nicht viel bringen, wenn sie geputzt waren. Maja hatte es schon mehrfach versucht, aber die Fensterscheiben waren so alt, dass es zwecklos war.

Sie standen in ihrer winzigen Küche.
Auch die anderen Räume ließen nicht viel Freiraum zu.
Aber das größte Problem, war die Dunkelheit. Nachmittags mussten sie schon das Licht anknipsen, um einigermaßen Helligkeit zu haben.

Die großen Bäume ringsum, ließen zusätzlich kein Licht rein.
Aber die Wohnung war wenigstens bezahlbar gewesen für Maja und ihren Tom.
Beide studierten noch und konnten sich einfach keinen großen Luxus leisten.

„Für meine Oma und meinen Opa ist das alles Zuviel. Du hast ja Auflagen in so einem Schrebergarten. Die Hecken müssen eine bestimmte Höhe haben und dann gibt es noch andere diverse Bestimmungen. Aber Opa wird mir das alles noch genau verklickern.“
Tom sah Maja mit diesem Hündchenblick in seinen braunen Augen an, dass es ihr sehr schwerfiel ihm zu widersprechen. Konnte sie ihm das abschlagen?

„Und was ist mit der kleinen Laube? Die war doch ziemlich renovierungsbedürftig?“
Maja hasste streichen und tapezieren. Genau deswegen hatte ihre kleine Wohnung auch noch keinen frischen Anstrich bekommen. Und Tom war nur immer einsatzfähig, wenn er gerade in seiner Stimmung obenauf war. Sonst lebte er in seiner kleinen Welt.
Verbrachte seine freie Zeit auf der Couch und war völlig abwesend.

Wenn Maja von der Uni kam, guckte sie immer erst in das Wohnzimmer.
Sie konnte dann erkennen, in welchem Zustand Tom an diesem Tag war.

Als sie ihn vor acht Jahren kennengelernt hatte, wusste sie ziemlich schnell, dass er unter manisch depressiven Stimmungen litt. Tom hatte es ihr schon nach kurzer Zeit anvertraut.
„Das liegt einfach in unserer Familie. Meine Mutter, meine Geschwister, leiden alle darunter.“
Sie war ihm dankbar, dass er gleich mit offenen Karten gespielt hatte. Aber sie liebte ihn nun mal.
Und wie hieß es so schön, in guten wie in schlechten Zeiten.
Allerdings hatte ihre Mutter sie gewarnt.

„Maja Schatz, überleg es dir gut. Wenn ihr mal ein Baby bekommt, hast du statt einem Kind, gleich zwei.
Du wirst immer die Starke sein müssen.“

Sie wusste es und wollte sich trotzdem auf eine Beziehung mit Tom einlassen.
Ich bin stark genug, hatte sie oft zu sich selber gesagt. Und das stimmte auch unbesehen.

Leider wirkten nach einiger Zeit aber seine Tabletten nicht mehr so optimal und er bekam andere verschrieben.
Aber das dauerte dann einige Zeit, bis es Tom dann wieder besser ging. Im Moment war er gerade in so einer Phase.

„Ich werde uns die Laube kuschelig machen. Das verspreche ich dir jetzt heilig. Bitte Maja, das ist eine Aufgabe, die mir Spaß bringt.“
Maja machte drei Schritte auf ihn zu, mehr ließ der Raum ihr auch gar nicht übrig und nahm Tom liebevoll in ihre Arme.
„Ich bin einverstanden. Aber bitte, ich möchte keine Gartenarbeit machen. Du weißt, dass ich eine Allergie habe und nur niesen müsste.“
„Keine Sorge, Ich mach alles. Du legst dich auf die Liege und genießt die Sonne. Hauptsache, wir sind beieinander.“
In den nächsten Wochen erkannte Maja ihren Tom gar nicht wieder. Er werkelte in der kleinen Laube. Für die kleine Holzterrasse baute er Holzpaletten zusammen, die als Couch dienen sollte. Im Internet hatte er Auflagen für sein Projekt bestellt. Tom war unendlich stolz auf sich, als er Maja sein Werk präsentierte.
Im Garten schnitt er die Hecken und pflanzte Stiefmütterchen und Hornveilchen in bunten Farben.

Ab und zu stand einer der Nachbarn vor dem Holzzaun und begrüßte die neuen Pächter der Gartenlaube.
Sie mussten ja nicht wissen, dass die Großeltern von Tom noch alle Kosten die anfielen,
übernommen hatten.

„Wenn ihr mal fertig seid mit eurem Studium und richtige Jobs habt, zahlt ihr die Pacht. Uns tut es im Moment nicht weh und wir sind froh, dass sich jemand um unser Kleinod kümmert.“
Das war natürlich eine Erleichterung für Maja und Tom und sie freuten sich immer,
wenn Toms Großeltern mal vorbeikamen. Die beiden alten Leute waren glücklich, wenn es ihrem Enkel gutging.
Auch sie hatten die ganzen Jahre mit Tom mitgelitten, wenn er seine „Dunklen Tage“ hatte.

Den Sommer über ließen es sich Maja und Tom einfach nur gut gehen. Sie genoßen den Garten mit den bunten Blumen.
Die Sonne strahlte wie ein gelber Ball am Himmel und verwöhnte sie mit ihrer Wärme. Maja hatte Tom noch nie so gelöst gesehen. Auch seine Tabletten schienen endlich ihre volle Wirkung zu zeigen.

Dann kam aber leider der Herbst. Es wurde wieder dunkel. Die Sonne hatte nicht mehr so viel Kraft und in ihrer kleinen Wohnung, mussten sie schon am frühen Nachmittag wieder das Licht anschalten.
Aber auch im Herbst gab es noch einiges im Garten zu tun. Das Laub musste geharkt werden. Der Garten sollte winterfest hinterlassen sein, bevor eine weiße Schneedecke sich wie ein Tuch darüber legen würde. So waren die Bestimmungen in dem Kleingartenverein.
„Ich geh nochmal schnell rüber und guck, ob ich alles vorschriftsmäßig erledigt habe.“
Tom gab Maja einen innigen Kuss.
„Ich danke dir, dass ich so einen schönen Sommer haben durfte. Dass du bereit warst, mit mir dieses Kleinod zu teilen. Ich werde das nie vergessen.“
Dann nahm er sein Käppi und lächelte Maja an der Tür zu. Es war ein ganz trauriges Lächeln, aber Maja dachte sich nichts dabei.
Sie war dabei, dass Abendessen für Tom und sich vorzubereiten.

Es klingelte eine Stunde später. Hat Tom seinen Schlüssel vergessen? Maja eilte zur Tür.
Zwei Polizisten standen dort und hatten ihre Schirmmützen respektvoll abgenommen.

„Es tut uns sehr leid, aber würden Sie uns bitte begleiten?“
Es fühlte sich wie ein Stich mit einem scharfen Messer in ihrem Herzen an, als sie ihren Tom so still da liegen sah, in der kleinen Laube.


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#2

RE: SGZ Nr. 13 - Die Stille

in Die Geschichten der Woche 29.03.2021 21:02
von Carlotta Lila • Federlibelle | 2.098 Beiträge | 9179 Punkte

Liebe @Gini, das ist ja ein wirklich trauriger Twist Ende - ja, aber irgendwie kann ich Toms Handeln verstehen.
Ich habe das sehr gerne gelesen, du kannst dich wirklich gut in solche Situationen einfühlen und sie beschreiben. Man hat das Gefühl, man ist ganz nahe bei deinen Figuren dran!
LG
Carlotta Lila (-:


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#3

RE: SGZ Nr. 13 - Die Stille

in Die Geschichten der Woche 30.03.2021 12:15
von Gini • Federlibelle | 1.765 Beiträge | 3609 Punkte

@Carlotta Lila Danke für dein Feedback und dein Lob.
Oftmals ist es so, dass ich Geschichten um die Menschen schreibe, aus
meiner Nähe. Leider ist mein Schwiegersohn auch manisch. Deshalb konnte
ich mich so gut reinversetzen.


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#4

RE: SGZ Nr. 13 - Die Stille

in Die Geschichten der Woche 31.03.2021 13:12
von Bree • Federlibelle | 4.187 Beiträge | 16674 Punkte

Oh nein, liebe @Gini
was für ein schlimmes Ende! Und das von meiner Happy-End-Gini. Aber du hast ja bereits mit anderen Texten bewiesen, dass du auch anders kannst.
Da hat die Krankheit dann wohl gewonnen. So ein fieses Miststück! Der Ausblick darauf, dass ein neuer Frühling irgendwann kommt, war wohl nicht ausreichend.
Mir tut deine Prota sehr leid. Und die Großeltern auch.
Traurige Story, sehr gefühlvoll geschrieben.

LG
Bree


Der Kriminalschriftsteller ist eine Spinne, die die Fliege bereits hat, bevor sie das Netz um sie herum webt.
(Sir Arthur Conan Doyle)

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Einen eigenen Youtube-Kanal habe ich auch. Dort lese ich einige meine Geschichten.
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#5

RE: SGZ Nr. 13 - Die Stille

in Die Geschichten der Woche 31.03.2021 16:49
von Gini • Federlibelle | 1.765 Beiträge | 3609 Punkte

@Bree
Danke für dein Feedback.

Zitat von Bree im Beitrag #4
was für ein schlimmes Ende! Und das von meiner Happy-End-Gini.

Ja krass oder? gefällt mir grad gut.
Zitat von Bree im Beitrag #4
Da hat die Krankheit dann wohl gewonnen. So ein fieses Miststück

Ich denke, dass es wirklich schlimm ist, wenn man darunter leidet.
Ich glaube auch, dass die Aussicht auf das nächste Frühjahr kein Unterschied macht. Im hier und jetzt zählt was man fühlt.


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#6

RE: SGZ Nr. 13 - Die Stille

in Die Geschichten der Woche 31.03.2021 17:51
von -jek • Federlibelle | 686 Beiträge | 2088 Punkte

Eine bewegende Geschichte, die umso stärker wirkt, weil sie handwerklich so gut gemacht ist. Maja und Tom sind überzeugend dargestellte Charaktere.


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Wenn du Schreibregeln beherrscht, ist das gut. Wenn sie dich beherrschen, ist das schlecht.
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#7

RE: SGZ Nr. 13 - Die Stille

in Die Geschichten der Woche 31.03.2021 18:24
von Doro • Federlibelle | 2.270 Beiträge | 8898 Punkte

Liebe @Gini ,

in der Verwandtschaft meines Mannes gibt es auch jemanden, der manisch depressiv ist bzw. war. Endete leider auch mit Suizid. Das hatte ich sofort im Kopf, als ich zu lesen begann. Und habe es wieder vergessen, als Tom begann, die Laube herzurichten. Das Ende kam für mich dann auch unerwartet, mit der traurigen Wendung hatte ich nicht gerechnet.

Es ist grausam, dass die Betroffenen sich meistens in einer Hochphase umbringen. (Klar, wenn sie down sind, brächten sie das nicht fertig, weil ihnen da die Energie fehlt.)

Was mir bei deinen Geschichten in letzter Zeit auffällt: Du setzt bei deinen Text immer öfter Show, dont't tell um und wählst dafür total schöne Bilder. Wie z.B. hier:

Zitat von Gini im Beitrag #1
dass es in ihrem Kopf arbeitete wie in einem Bienenschwarm.
Gefällt mir total gut.
(Nicht falsch verstehen, dein Schreibstil hat mir schon immer gefallen, aber durch die Verwendung der Bilder werden die Texte viel lebendiger.)

Gerne gelesen.

LG
Doro


Gib jedem Tag die Chance, der schönste deines Lebens zu werden. (Mark Twain)
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#8

RE: SGZ Nr. 13 - Die Stille

in Die Geschichten der Woche 01.04.2021 17:23
von Gini • Federlibelle | 1.765 Beiträge | 3609 Punkte

@-jek danke für dein nettes Feedback. Ich versuche beim schreiben,
dicht an den Charakteren zu sein. Was aber nicht immer gelingt.

@Doro Danke für dein Feedback
Man kann nur immer hoffen, dass so eine Depression nicht so endet wie bei Tom.
Aber ich glaube, wenn jemand Todessehnsucht hat, ist es nur eine Frage der Zeit.

Zitat von Doro im Beitrag #7
Was mir bei deinen Geschichten in letzter Zeit auffällt: Du setzt bei deinen Text immer öfter Show, dont\'t tell um und wählst dafür total schöne Bilder.

Danke, du bist so lieb.
Zitat von Doro im Beitrag #7
(Nicht falsch verstehen, dein Schreibstil hat mir schon immer gefallen, aber durch die Verwendung der Bilder werden die Texte viel lebendiger.)

Leider fällt mir das manchmal schwer. Aber ich übe es.


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#9

RE: SGZ Nr. 13 - Die Stille

in Die Geschichten der Woche 06.04.2021 21:40
von Jana88 • Federlibelle | 537 Beiträge | 1242 Punkte

Oh nein!
Alles war so gut gelaufen den Sommer über. Wie schade, dass er es nicht durch den Winter geschafft hat. Sicher wäre er dann schon wieder gefestigter gewesen, wenn es wieder heller würde.
Sehr tragisch, ich war richtig schockiert.


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Am Ende wird alles gut. Wenn es nicht gut wird, ist es noch nicht das Ende *Oscar Wilde
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#10

RE: SGZ Nr. 13 - Die Stille

in Die Geschichten der Woche 08.04.2021 21:45
von Ranito • Forums-Schmetterling | 156 Beiträge | 419 Punkte

Zitat von Gini im Beitrag #1
Ich brauche einfach Licht, Sonne und Blumen. Das haben wir doch alles nicht in unsere Bude.
Da klang alles noch so gut und hoffnungsfroh!

Es ist nicht einfach, eine solche Partnerschaft einzugehen. Auf der einen Seite zum Himmel hoch jauchzend, auf der anderen Seite betrübt. Wer sich hier nicht auskennt, reagiert häufig trotz bestem Willen falsch.

Sehr gerne gelesen!


-- + —
mein neues Forum: https://kantopia.xobor.de
* DANKE * für jeden neuen Tag - jeden Moment - jede Geste - jede Reaktion, den/die ich erleben darf! Doch wem darf ich eigentlich * DANKE * sagen? Ich wüsste es so gerne ... Alles nur durch Zufall entstanden, wie es so ist? Nein, das kann nicht möglich sein! Gut, dass uns Menschen zumindest dieses Geheimnis bis heute verborgen bleibt. Der Glaube ist ganz sicher ein guter Lösungsansatz! Träumen wir weiter und hoffen auf ein gemeinsames Leben ... auch danach. Für hier und bis jetzt in jedem Fall erst einmal: * DANKE *
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#11

RE: SGZ Nr. 13 - Die Stille

in Die Geschichten der Woche 11.04.2021 14:22
von Gini • Federlibelle | 1.765 Beiträge | 3609 Punkte

@Jana88 ich hab jetzt erst gesehen, dass du mir auch Feedback gegeben hast. Danke dafür.
Schocken wollte ich dich nicht. Aber traurig ist es schon.

@Ranito
Danke für dein Feedback. Wer kennt sich schon aus mit dem Umgang von Betroffenen.
Ich denke einfach, dass man Empathisch sein muss. Aber trotzdem kann man viel falschmachen.
Da hast du Recht.


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