#1

SGZ Nr. 4 - Ich werde dich begleiten

in Die Geschichten der Woche 24.01.2021 19:36
von Gini • Federlibelle | 1.765 Beiträge | 3609 Punkte

„Ich wünsche euch einen immer gut gefüllten Kelch, aus dem ihr schöpfen könnt.“
Die Seminarleiterin guckte liebevoll in die Runde der Teilnehmer.
Susanne meldete sich zaghaft zu Wort. Es fiel ihr immer schwer, vor einer so großen Runde zu sprechen.
Sie fühlte dann wie ihr Herzschlag in ihrer Brust hämmerte. Ihre Kehle war trocken wie eine Wüste und sie musste sich vorm reden räuspern.
Gott ist mir das peinlich, dachte sie bei sich, und spürte wie das Blut in ihre Wangen stieg.

„Womit soll ich den Kelch denn füllen, wenn ich total leer und ausgebrannt bin?“,fragte sie.
„Vielleicht mit einem Blick auf schöne Wolkengebilde, oder mit einem Lächeln von Freunden? Vogelgezwitscher, Gartenarbeit oder eine dampfende Tasse Tee. Die Liste könnte ich jetzt unendlich fortsetzen. Hauptsache ihr habt ein erfülltes Leben und schöpft daraus.
Oder macht euch aus kleinen Dingen ein erfülltes Leben.“

Susanne murmelte ein leises „Danke“ und fragte sich wie schon oft, ob sie für sich das richtige entschieden hatte, als sie diesen Kurs belegte. Ob sie die kommende Aufgabe nicht so sehr belasten würde, dass sie nachts nicht mehr würde schlafen können, weil ihre Gedanken sie daran hinderten.
„Und denkt daran“, meldete sich die Leiterin noch einmal zu Wort.
„Seid dabei mit eurer ganzen Aufmerksamkeit hört zu und haltet die Stille aus, wenn der Betroffene nicht reden möchte. Am Anfang unserer Schulung haben wir doch die Geschichte von Michael Ende gehört.
Momo konnte zuhören. Das ist eine große Kunst.“

Mit diesen Worten entließ Angelika, so hieß ihre Leiterin, die Gruppe. Acht Monate hatte das ganze Seminar gedauert. Jetzt waren alle Teilnehmer ausgebildete Sterbebegleiter.
Susanne konnte eigentlich immer noch nicht ganz fassen, dass sie sich vor Monaten dazu entschlossen hatte. Aber nun war es zu spät, um darüber noch nachzudenken. Jetzt war sie ehrenamtliches Mitglied des Hospizvereins ihres Stadtteils. Nie im Leben würde sie jetzt kneifen wollen. Auch wenn sie großes Lampenfieber vor ihrem „ersten Mal“ hatte.
Sie war zwar schüchtern, aber offen und empathisch anderen gegenüber. Deswegen hatte sie sich auch zu dieser wertvollen Aufgabe entschieden. Ausserdem brauchte sie eine sinnvolle Tätigkeit.
Seit dem Tod ihrers Mannes, war es ihr Wunsch, sich mit dem Sterben auseianderszusetzen.

Sie hatte sich, wenn es dann soweit war, dass sie begleiten sollte, vorgenommen,
ohne irgendwelche Bedingungen an der Seite eines Sterbenden zu sitzen und mit ihm, oder ihr, in der Zeit die noch blieb, zu kommunizieren und es demjenigen so schön zu machen wie es ging.
Ja und wenn dieser Mensch nicht mehr reden konnte, dann musste sie das Schweigen aushalten.
Das war in dem Fall ihre Aufgabe. So hatte man es ihr während des Seminars beigebracht.Wenn nur dieses Lampenfieber nicht wäre.


„Hallo Susanne, ich freu mich, dass ich dich erreicht habe.“

Am Telefon war die Koordinatorin des Hospizvereins.
„Ich hätte da eine Begleitung für dich. Die Angehörigen suchen dringend jemanden, der sich um die Mutter kümmert. Sie liegt im Hospiz und braucht Gesellschaft. Hättest du Zeit?“
Nachdem sie Susanne noch die ganzen Eckdaten genannt hat, fragte sie: „Und traust du dir das schon zu? Ich bin sicher, das schaffst du.“
Am anderen Ende des Telefons war Stille.

Ein Ruck ging durch Susannes Körper. Sie hatte sich dafür entschieden und jetzt war es soweit.
„Ja, ich denke schon, dass ich es möchte. Ich werde mich mit den Angehörigen in Verbindung setzen.“
Nach dem Gespräch musste sie sich erst einmal setzen. Sie hatte jetzt schon ganz schweißige Hände. Wie sollte es erst werden, wenn sie vor der alten Dame stand?
Zunächst brauche ich Mut, um zu dem sterbenden Menschen Kontakt aufzunehmen, erinnerte sie sich an die Worte von der Angelika. Aber was war dann? Führte Susanne ihr Zwiegespräch fort.
In ihrem Kopf war plötzlich nur noch Leere. Alles Gelernte schien plötzlich wie vom Nebel verschluckt.

Sie musste jetzt unbedingt mit jemanden reden. Spontan fiel ihr Nadine ein.
Sie nahm ihr Handy und tippte die Nummer ihrer Freundinein. Bei dem Seminar hatten sie sich gleich super verstanden und schwammen auf einer Wellenlänge.

„Du glaubst nicht, was ich für ein Lampenfieber habe Nadine. Theoretisch weiß ich alles, aber praktisch hab ich wahnsinniges Lampenfieber. Das ist doch nicht zu fassen“, sprudelte sie gleich raus.
Nachdem sie Nadine erzählt hat, dass es jetzt losging.

„Pass auf Süße. Wir gehen jetzt noch mal einiges durch.“
Nadine war einfach ein Schatz. Sie selber hatte schon jemanden in der Begleitung und daher etwas Praxiswissen.

„Erinner dich. Wir sind entwöhnt vom Umgang mit Sterben und Tod. Es fehlt uns an Erfahrung was Sterbende fühlen. Wie wir uns ihnen nähern sollen. Wir müssen Aufmerksam und Achtsam sein. Aber auch mit uns als Begleitende. Du bist so ein einfühlsamer Mensch Susanne. Ich weiß, du schaffst das.
Wir haben so viele wertvolle Ratschläge an die Hand bekommen. Lass es einfach auf dich zukommen.“

Susanne merkte schon während des Gesprächs mit Nadine, dass sie sich immer sicherer fühlte.
Ja, sie würde die richtigen Worte finden. Neugierde und auch ein wenig Glück, spürte sie plötzlich in sich hochsteigen. Dieser kleine Schubser ihrer Freundin, hatte bei ihr Großes bewirkt.
Als wäre ein Knoten geplatzt.

„Ich bin dir so dankbar Nadine. Du hast mir geholfen mein Lampenfieber zu besiegen“, sagte sie dankbar und wählte danach gleich die Nummer der Familie, dessen Mutter sie begleiten sollte.
„Guten Tag, mein Name ist Susanne“, sagte sie mit sanfter Stimme der Situation angepasst, am Telefon.
„Ich bin vom Hospizverein und werde Ihre Mutter begleiten.


Gedanken sind nicht stets parat,/ Man schreibt auch, wenn man keine hat.

Wilhelm Busch (1832-1908)
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#2

RE: SGZ Nr. 4 - Ich werde dich begleiten

in Die Geschichten der Woche 25.01.2021 12:50
von Bree • Federlibelle | 4.190 Beiträge | 16683 Punkte

Liebe @Gini

ich finde, du hast dir für die Übung ein tolles, wichtiges Thema ausgesucht. Sehr gefühlvoll vermittelst du die Emotionen, die jemanden überfallen können, wenn eine so anspruchsvolle Aufgabe vor einem liegt. Mit Susanne hast du da die perfekte Prota geschaffen. Sie ist unsicher und nervös, zweifelt an sich selbst, aber sie springt über ihren Schatten und macht einfach.
Ich bin sicher, sie wird es richtig gut hinkriegen.

Schöne Story!

LG
Bree


Der Kriminalschriftsteller ist eine Spinne, die die Fliege bereits hat, bevor sie das Netz um sie herum webt.
(Sir Arthur Conan Doyle)

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#3

RE: SGZ Nr. 4 - Ich werde dich begleiten

in Die Geschichten der Woche 25.01.2021 16:53
von Gini • Federlibelle | 1.765 Beiträge | 3609 Punkte

Danke @Bree
Ich finde auch vor neuen Aufgaben kann man durchaus Lampenfieber haben. Das muss nicht immer ein
Auftritt vor großem Publikum sein. Das war mein erster Gedanke.
Als ich damals bei der Alzheimer Gesellschaft als Betreuerin anfing, war ich so aufgeregt. Mir hat Barni
da ganz viel Rückenhalt gegeben. Er durfte ja immer dabei sein.
Ich will meinen Barni wiederhaben


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#4

RE: SGZ Nr. 4 - Ich werde dich begleiten

in Die Geschichten der Woche 27.01.2021 21:13
von Jana88 • Federlibelle | 537 Beiträge | 1242 Punkte

Oh das ist ja eine echte Überraschung, das Thema so zu interpretieren.
Ich war die ganze Zeit richtig aufgeregt, ob sie ihr Lampenfieber überwindet und wie sie die Begleitung erlebt. Würde mich total interessieren wie das so abläuft, eine so wichtige Aufgabe.

Danke für den Text, der hat viel in mir bewegt.


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Am Ende wird alles gut. Wenn es nicht gut wird, ist es noch nicht das Ende *Oscar Wilde
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#5

RE: SGZ Nr. 4 - Ich werde dich begleiten

in Die Geschichten der Woche 27.01.2021 22:34
von Carlotta Lila • Federlibelle | 2.101 Beiträge | 9188 Punkte

Liebe @Gini, gefällt mir sehr, das Thema deiner Geschichte und wie du es erzählst! Ja und es ist auch immer gut, wenn man sich eingesteht, dass man Hilfe und Zuspruch braucht! Liebe Grüße, Charlotte Lila


https://www.leseflamme.jimdofree.com

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Thomas Alva Edison
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#6

RE: SGZ Nr. 4 - Ich werde dich begleiten

in Die Geschichten der Woche 28.01.2021 16:27
von Gini • Federlibelle | 1.765 Beiträge | 3609 Punkte

@Jana88

Zitat von Jana88 im Beitrag #4
Würde mich total interessieren wie das so abläuft, eine so wichtige Aufgabe.

Ich mache ja gerade diese Ausbildung. Leider unterbrochen, wegen Corona. Im Moment machen wir nur kurze online Schulungen.
Ich bin auch gespannt, was mich am Ende erwartet. Aber ich wollte mich einfach mehr mit dem Tod auseinandersetzen.
Danke für dein Feedback.

@Carlotta Lila Danke für dein Feedback. Die Geschichte ist auch ein wenig authentisch. Aber zum Glück gibt es Leute,
die Erfahrung haben. Dafür bin ich dankbar.


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#7

RE: SGZ Nr. 4 - Ich werde dich begleiten

in Die Geschichten der Woche 30.01.2021 18:12
von Doro • Federlibelle | 2.270 Beiträge | 8898 Punkte

Zitat von Gini im Beitrag #3
Das muss nicht immer ein
Auftritt vor großem Publikum sein. Das war mein erster Gedanke.
Da hast du vollkommen recht, liebe @Gini . Und ich kann Susanne vollkommen verstehen, dass sie Lampenfieber hat. Mir geht es auch so. Früher war es jeder erste Schultag, jede neue Schule, der erste Arbeitstag, die neue Chefin, die Fortbildung, ganz egal ...

Du hast das Thema "Sterbebegleitung" sehr feinfühlig umgesetzt. Es passiert nicht viel in deiner Geschichte, aber sie wirkt authentisch und sehr berührend.
Gern gelesen.

LG
Doro


Gib jedem Tag die Chance, der schönste deines Lebens zu werden. (Mark Twain)
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#8

RE: SGZ Nr. 4 - Ich werde dich begleiten

in Die Geschichten der Woche 30.01.2021 18:26
von Gini • Federlibelle | 1.765 Beiträge | 3609 Punkte

@Doro
Danke für dein Feedback. Ja, in deiner Geschichte passiert mehr. Die fand ich auch super.
Aber Lampenfieber kann, wie du schon sagst, auch in anderen Dingen des Lebens kann man Lampenfieber haben.


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