#1

SZG Nr. 23: Der Streik

in Die Geschichten der Woche 06.12.2020 12:13
von Doro • Federlibelle | 2.270 Beiträge | 8898 Punkte

Gudrun lief über den Hof und pickte mal hier, mal da ein Korn auf. Dabei hatte sie die anderen Hühner stets im Blick. Als Älteste hatte sie schließlich eine Verantwortung. Natürlich gab es auch einen Hahn, aber wie so oft war der mehr zum Repräsentieren. Die Arbeit machten die Hühner.
Sonja und Felix stürmten aus dem Haus und kamen direkt auf Gudrun zu. In der Hand hatten sie ein kleines braunes Säckchen mit einem Nikolausbild darauf. Gudrun wusste natürlich um den Brauch der Menschen, am fünften Dezember ihre Stiefel vor die Tür zu stellen und diese am nächsten Morgen gefüllt mit Süßigkeiten vorzufinden. Sie blieb stehen, voll der freudigen Erwartung, heute eine extra Leckerei zu bekommen. Doch was war das? Die Zwillinge rannten an ihr vorbei und schnurstracks zur Hundehütte. Schwanzwedelnd kam ihnen Bruno entgegen, bellte einige Male und leckte den Kindern übers Gesicht. Gudrun schüttelte sich. Wie unhygienisch. Wie zufällig tippelte sie näher, flatterte auf einen Holzstapel und tat so, als würde sie ihr Gefieder säubern.
„Hallo, Bruno!“, rief Sonja und umarmte den Hund. Sie öffnete das Säckchen und holte eine Tüte heraus. „Das sind Hundeleckerli. Die werden dir bestimmt schmecken.“ Felix schob mit dem Fuß den Hundenapf näher zu Sonja und das Mädchen schüttete den Inhalt der Tüte hinein. Als sei er dem Hungertod nah, fraß Bruno in Nullkommanix alles auf. „Bruno“, sagte Sonja und streichelte ihm übers Fell, „hast du zufällig Minka gesehen? Für die haben wir auch was.“
„Die ist bestimmt im Stall“, meinte Felix und setzte sich auch gleich in Bewegung. Selbstverständlich schloss sich auch Gudrun der kleinen Prozession an. Tatsächlich saß die Katze auf einem der Heuballen. Sprungbereit. Wahrscheinlich hatte sie eine Maus entdeckt. Auch sie futterte ihre Leckereien sofort auf.
„Leer“, sagte Sonja, als Minka ihre Schnauze in das Säckchen steckte.
„Komm!“ Felix zog Sonja am Ärmel. „Wir wollten den Ziegen auch was geben. Dann müssen wir los.“
Gudrun flatterte zurück zu den anderen Hühnern. Die waren inzwischen wieder im Hühnerstall, weil es angefangen hatte zu regnen. Sie setzte sich auf die oberste Stange und stieß einen durchdringenden Ton aus. Sofort herrschte Ruhe. Alle Augen sahen sie neugierig an.
„Von heute an“, erklärte sie feierlich, „streike ich.“
„Cool!“, rief Lotta.
„Finde ich auch“, gackerte Adelheid.
„Ich mach mit!“, kommentierte Heike.
„Warum genau streiken wir?“, wollte Simone wissen.
„Weil“, gab Gudrun zurück, „wir die einzigen auf diesem Bauernhof sind, die nichts zum Nikolaus bekommen haben. Deshalb werde ich keine Eier mehr legen. Und ihr auch nicht. Sollen sie doch sehen, wie sie Plätzchen backen, wenn es keine Eier gibt.“
„Spiegelei zum Frühstück“, gackerte Adelheid, „gibt’s dann auch nicht mehr.“
„Und keine Frühstückseier!“
„Aber die Kinder sind bestimmt traurig“, meinte Heike, „wenn es an Weihnachten keine Plätzchen gibt.“
„Das ist mir egal“, gab Gudrun zurück und verschränkte die Flügel vor dem Körper.
„Aber so was von“, stimmte Lotta ihr zu. „Was sollen wir stattdessen machen?“
„Wir können alles machen, wozu wir sonst keine Zeit haben, weil wir dauernd Eier legen müssen.“
Eine Weile war es still im Hühnerstall. „Mir ist langweilig“, stellte Heike fest.
Herbert stolzierte die Hühnerleiter hinauf und streckte seinen Kopf herein. „Was ist denn hier los?“
„Wir streiken!“, kreischte es ihm entgegen.
„Ihr spinnt’s doch“, krähte er und tippte sich mit der Flügelspitze an seinen Kopf. „Ihr legt’s jetzt sofort wieder Eier.“
„Du hast uns gar nix zum Sagen“, stellte Gudrun fest und setzte sich direkt vor ihn. „Und jetzt hau ab.“
„Genau!“, gackerte Adelheid. „Das ist unser Ding.“ Sie stellten sich alle hinter Gudrun. Herbert wollte widersprechen, aber als sie begannen, auf seinem Federkleid herumzupicken, suchte er schleunigst das Weite.
Nachmittags kam die Bäuerin und wollte Eier einsammeln. „Nanu?“, wunderte sie sich. „Was ist denn mit euch los?“
Da sie keine Antwort bekam, wozu auch, die Menschen verstanden sie ohnehin nicht, verließ sie den Hühnerstall wieder.
Als am nächsten Morgen immer noch keine Eier vorhanden waren, holte sie den Bauer. Der stand kopfschüttelnd da, strich sich über den Bart und ging wieder.
„Ihr hört’s jetzt mit dem Blödsinn auf!“, befahl Herbert kurz darauf. „Eier legen ist euer Job.“
„Leg doch selber Eier“, sagte Lotta.
„Lotta“, Gudrun gluckste, „Herbert ist nur ein Hahn. Was verlangst du?“ Ihre Augen wurden schmal. „Und jetzt raus hier. Sofort!“
„Des drückt ja ganz schön“, gackerte Adelheid nach einer Weile.
„Mei, zwick halt die Haxn zusammen“, antwortete Gudrun. Sie wollte nicht zugeben, dass sie genauso empfand.
„Wann ist denn der Streik zu Ende?“, wollte Heike wissen.
Bevor Gudrun etwas sagen konnte, bekamen sie erneut Besuch. Diesmal von Sonja und Felix. Sie schleppten einen großen Papiersack.
„Sorry!“, schnaufte Felix und schüttete den Inhalt auf den Boden. „Der Paketbote hatte einen Platten.“
Sonja kicherte. „Nicht der Bote, sondern sein Auto.“
Felix rollte mit den Augen.
Sonja strich Gudrun über das Gefieder. „Jedenfalls ist das euer nachträglicher Nikolaus. Lasst es euch schmecken.“
Als die beiden den Stall verlassen hatten, hörte man Eier ins Stroh plumpsen. Gefolgt von erleichtertem Stöhnen und Ächzen.
„Nie wieder Streik“, stellte Simone fest.
„Streikerfahrung ist was fürs Leben“, gab Gudrun zurück und legte gleich noch zwei Eier.


Gib jedem Tag die Chance, der schönste deines Lebens zu werden. (Mark Twain)
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#2

RE: SZG Nr. 23: Der Streik

in Die Geschichten der Woche 06.12.2020 13:21
von Bree • Federlibelle | 4.187 Beiträge | 16674 Punkte

Witzige Idee, liebe @Doro - streikende Hühner! Genial!

Die Erleichterung, endlich wieder Eier legen zu können, war super spürbar. Und Hühner mit bayerischem Dialekt finde ich richtig cool. Am Anfang war der noch nicht zu spüren, dafür kam er dann später umso häufiger.

Zitat von Doro im Beitrag #1
„Das ist mir egal“, gab Gudrun zurück und verschränkte die Flügel vor dem Körper.

Bei der Stelle musste ich schmunzeln, weil ich das Bild so schön vor Augen hatte.
Sehr gern gelesen!

LG
Bree


Der Kriminalschriftsteller ist eine Spinne, die die Fliege bereits hat, bevor sie das Netz um sie herum webt.
(Sir Arthur Conan Doyle)

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