#1

SGZ Nr. 20 - Eine wirklich, wirklich wahre Geschichte

in Die Geschichten der Woche 15.11.2020 11:49
von Sturmruhe • Federlibelle | 948 Beiträge | 4274 Punkte

„Frau Fischer, sind Sie hier?“

Ich hörte die Stimme wie durch Watte und hatte auch keine Ahnung, was die Worte bedeuteten. Aber der Ton, in dem sie gerufen wurden, verriet mir, dass irgendetwas nicht stimmte. Nun klapperte, ratterte und knallte es und dieses Geräusch kam näher. Was war das? Ich konnte nicht anders, ich musste mich schnell einmal einrollen, damit ich kräftig ausholen und treten konnte. Das war beruhigend. Allerdings, so beruhigend auch wieder nicht. Viel Platz hatte ich nämlich nicht mehr. Ich erinnerte mich daran, wie ich früher dort herumschwimmen konnte und eigentlich nur durch die elastische Schnur zurückgezogen wurde, wenn ich meine Umgebung erforschte.

„Autsch, mein Gott, tritt doch nicht so!“ Wütend erklang die Stimme, die ich am besten kannte. Manchmal war sie sehr weich und zärtlich, aber sie konnte auch total laut und schneidend klingen und dann bekam ich Angst. So wie jetzt.

„Ach da sind Sie, Frau Fischer.“ Klack, klack, klack, ganz in der Nähe und dann klapperte und ratterte es wieder. Frau Fischer, machen Sie die Tür bitte auf. Sie müssen da herauskommen!“

Herauskommen? Herauskommen! Dieses Wort kannte ich. Ich hatte es vor allem in der letzten Zeit oft gehört. "Es soll endlich da herauskommen", hatte die Stimme immer wieder gesagt. Und dann war da noch eine brummige Stimme, die hat immer wieder „Geduld“ gesagt. „Immer mit der Ruhe. Es wird schon herauskommen.“ Ja, das hatte die Brummstimme gesagt und dann noch „Hör doch bloß auf zu heulen!“ Die andere Stimme hat dann so komische Geräusche gemacht und das Pochen von oben wurde lauter. Manchmal zog sich auch alles um mich herum zusammen und ich dachte, vielleicht ist „herauskommen“ ja etwas Gutes?

Wieder dieses ratternde Geräusch. „Frau Fischer, Sie müssen die Tür aufschließen! Kommen Sie da heraus!“

„Nein, ich komme nicht“, antwortete die Stimme. „Ich muss mal!“

Und da war wieder dieses Pochen von oben und wieder zog sich alles zusammen, und ich hatte Angst … dieses Mal kam noch etwas anderes hinzu, ein Drücken und Pressen! Ich bekam keine Luft mehr! Aber nur kurz, dann war alles wieder gut.

„Um Gotteswillen, Frau Fischer, Sie dürfen jetzt nicht pressen! Sie müssen nicht! Was Sie müssen, ist schleunigst die Tür aufmachen und mit mir zurückgehen!“

„Doch, ich muss! Ich weiß doch, wann ich muss und wann nicht!“ Die Stimme kreischte fast und das Pochen war wieder ganz laut.

„Meine Güte, hat Ihnen denn niemand erklärt … offenbar nicht. Egal.“ Die aufgeregte Stimme ging in ein Murmeln über und ich konnte nur noch Blubbergeräusche verstehen.

„Schwester Irene“, rief die Stimme. „Haben Sie den Toilettenschlüssel?“

Von irgendwo kam eine Antwort, aber ich hörte sie nur sehr undeutlich. Wieder presste sich um mich herum alles zusammen und ich hatte das Gefühl, ich werde nach unten gedrückt.

„Na den Schlüssel, mit dem die Türen auch von außen geöffnet werden können!“

Klappern, Rattern, Stille. Das Drücken um mich herum verstärkte sich und kam immer schneller. Dann ein Kratzen und Klappern.

„Frau Fischer, ich klettere jetzt zu Ihnen hinein. Hören Sie um Himmelswillen auf zu drücken! Sie wollen doch Ihr Baby nicht in die Toilette entbinden, oder?“

Baby. Das Wort hatte ich auch schon mal gehört. Manchmal waren da ganz viele Stimmen, keine Brummstimmen, eher so ganz helle, und alle lachten und kreischten durcheinander und manchmal sangen sie. Sie fragten, wie es dem Baby geht und dass jetzt kein Alkohol getrunken werden darf und dass sie … wer war eigentlich „sie“? … ganz schön dick geworden sei. Dann die Stimme, die immer da war, die machte wieder diese Geräusche und alle sagten; „Hör auf zu heulen“. Heulen. Was das wohl bedeutete? Jedenfalls, das Heulen ging immer einher mit dem Pochen von oben und das fühlte sich gar nicht gut an. Dann musste ich ganz viel treten und mich drehen und den Finger in den Mund stecken. Das tat ich auch jetzt. Es beruhigte mich immer so schön.

Ein Klappern, ein Knall, dann ein Rauschen.

„So, Frau Fischer, jetzt stehen sie schön auf von der Toilette und wir beide gehen zusammen zurück in den Kreißsaal. Nun hören Sie doch auf zu heulen! Sie bekommen ein Baby, das ist doch etwas Schönes!“ Sie murmelte etwas, gerade laut genug, dass ich es noch hören konnte: „Rein geht es immer, da meckert keine, aber wenn es wieder raus will, da ist das Heulen und Zähneklappern groß!“ Was das nun wieder heißen sollte, keine Ahnung.

„Es wurde etwas wackelig, ich schwappte nach rechts und nach links gegen die engen Wände um mich herum und dann … ganz plötzlich … verschwand das, worin ich so schön herumgeschwommen war. Es wurde noch enger und kratzig, da war wieder das Drücken und Pressen! Oh nein! Ich will nicht herauskommen!

„Jetzt ist auch noch die Fruchtblase geplatzt“, rief die resolute Stimme, die Frau Fischer, wer auch immer das war, aus der Toilette holen wollte.

Resolut, das Wort hatte die Brummstimme einmal gesagt. Ich glaube, das bedeutet sowas wie hart und nicht nett, sie bestimmt, was gemacht wird. Toilette. Auch so ein komisches Wort.

„Schwester Irene, einen Rollstuhl bitte, rasch, rasch!“

Jetzt ging alles ganz schnell. Es zitterte und wackelte und surrte um mich herum. Es drückte und presste und ich wurde mit dem großen runden Teil voran, der die Öffnung hatte, wo ich immer meinen Finger hineinsteckte, durch einen engen Schlauch gepresst. Dabei drehte ich mich um mich selber und dann zog etwas an mir. Ich wurde ausgespuckt, es war kalt und da war so etwas Helles, das tat weh. Jemand fummelte an mir herum, es wurde nass und es roch gut. Dann brannte es oben am Kopf, wo die beiden Kuhlen waren, die ich beim Erkunden schon mal gefühlt hatte. Jemand hatte etwas hineingeträufelt. Ich schrie und schrie und schrie und wollte wieder zurück ins Dunkle.

Dann wurde es warm. Ganz kuschelig warm. Die Frau mit der resoluten Stimme hatte mich in irgendwas Weiches eingewickelt und nun trug sie mich, es klapperte immer, wenn sie sich bewegte. Plötzlich war da die Stimme, die ich schon kannte, viel näher als sonst, und die heulte schon wieder! Aber dieses Mal heulte sie anders. Ich zwinkerte und das Brennen wurde weniger. Da war wieder Licht und jetzt konnte ich ganz verschwommen sehen. Etwas Rundes mit zwei Löchern oben und einem Loch unten lag da und zwei lange Dinger schnappten mich und zogen mich an sich.

Später erfuhr ich, dass die langen Dinger Arme waren und dass das Runde mit den Löchern das Gesicht meiner Mutter war. Sie hatte mich in den Armen und ich versuchte, an dem Unterteil von dem Runden mit den Löchern zu nuckeln. Nun war alles gut.

***

Natürlich sprach sich die Geschichte, wie mich meine Mutter beinahe in die Toilette entbunden hätte, im ganzen Krankenhaus und später in der Familie herum. Jeder machte blöde Witze darüber und die sollten mich mein ganzes Leben lang begleiten. Sowas hinterlässt Spuren. Wirklich, wirklich wahr!


„Wir sind das, was wir wiederholt tun. Vorzüglichkeit ist daher keine Handlung, sondern eine Gewohnheit.“
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#2

RE: SGZ Nr. 20 - Eine wirklich, wirklich wahre Geschichte

in Die Geschichten der Woche 15.11.2020 13:58
von Sinjane • Federlibelle | 492 Beiträge | 2770 Punkte

@Sturmruhe , sehr schön, wie du uns aus Sicht des Babys durch die Geschichte führst. Ich habe etwas gebraucht, um zu verstehen, wer Frau Fischer ist, weil ich mich fragte, warum das Baby im Bauch so genannt wird. Aber irgendwann hab ich's dann auch kapiert Am besten gefallen mir die runden und die langen Dinger. Schöner Spaß.


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#3

RE: SGZ Nr. 20 - Eine wirklich, wirklich wahre Geschichte

in Die Geschichten der Woche 15.11.2020 14:04
von Sturmruhe • Federlibelle | 948 Beiträge | 4274 Punkte

@Sinjane

Das ist tatsächlich die Geschichte meiner Geburt .... LOL. Da hat man ja eigentlich gar keine andere Möglichkeit, als gleich von Anfang an durchzuknallen.

LG Marion


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#4

RE: SGZ Nr. 20 - Eine wirklich, wirklich wahre Geschichte

in Die Geschichten der Woche 15.11.2020 14:16
von Bree • Federlibelle | 3.848 Beiträge | 15194 Punkte

Liebe @Sturmruhe

ach herrje, da wärst du also - kaum auf der Welt - beinahe in einem Klo gelandet! Was für ein Start ins Leben!
Sehr schön beschrieben. Der Anfang war etwas verwirrend, aber nach dem ersten Absatz ahnte ich, worauf es hinausläuft, und dann las sich auch der erste Absatz ganz anders.
Toll gemacht!

LG
Bree


Der Kriminalschriftsteller ist eine Spinne, die die Fliege bereits hat, bevor sie das Netz um sie herum webt.
(Sir Arthur Conan Doyle)

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#5

RE: SGZ Nr. 20 - Eine wirklich, wirklich wahre Geschichte

in Die Geschichten der Woche 15.11.2020 14:21
von Sturmruhe • Federlibelle | 948 Beiträge | 4274 Punkte

Danke, liebe @Bree

Ich habe den ersten Absatz absichtlich ein wenig verwirrend gehalten, damit nicht jeder sofort ahnt, was Sache ist.

LG Marion


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#6

RE: SGZ Nr. 20 - Eine wirklich, wirklich wahre Geschichte

in Die Geschichten der Woche 15.11.2020 23:50
von Carlotta Lila • Federlibelle | 1.940 Beiträge | 8300 Punkte

Hallo liebe @Sturmruhe, wow, das hast also du aus der Sicht des Baby beschrieben - so ungefähr also wäre es, wenn man sich erinnern könnte. Kann man natürlich nicht, a
ber du hast versucht, es dir vorzustellen. Weil das vermutlich eines der größten Dramen oder Traumata ist, die man gleich am Anfang seines Lebens durchmachen muß!
Das zu zeigen, ist dir wunderbar gelungen!
Übrigens: Geburt auf der Toilette, soll es schon öfter gegeben haben! Meine Oma hat da was erzählt ...
LG
Carlotta Lila


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Unsere größte Schwäche liegt im Aufgeben. Der sicherste Weg zum Erfolg ist immer, es noch einmal zu versuchen.
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#7

RE: SGZ Nr. 20 - Eine wirklich, wirklich wahre Geschichte

in Die Geschichten der Woche 16.11.2020 05:09
von Sturmruhe • Federlibelle | 948 Beiträge | 4274 Punkte

Danke, liebe @Carlotta Lila !

Also, ganz ehrlich gesagt, ein Trauma ist es sicherlich nicht, wie gesagt, ich kann mich ja nicht einmal erinnern. Aber für meine Mutter war es eins. Damals, in den Fünfzigern, hat man den Frauen vor der Geburt nicht unbedingt erzählt, was auf sie zukam. Wenn du nicht gerade auf dem Land aufgewachsen warst, hattest du kaum eine Ahnung, wie sich das anfühlt, kurz vor der Geburt. Auch sowas wie Geburtsvorbereitungskurse mit Atemübungen gab es nicht. Du warst einfach schwanger, alle freuten sich auf einen Stammhalter, der den Namen weitergibt (man hoffte immer, dass das erste Kind ein Junge sein würde), und wenn es dann da war, wurde der Stammhalter gefeiert und das Mädchen, falls es doch eins geworden war, war die Schuld der Mutter. Sie war eben nicht stark genug gewesen oder hatte falsch gegessen oder was auch immer man sich damals vorstellte. Alles, was im Krankenhaus passierte, war ebenfalls Sache der Mutter und die Hebammen sollen damals regelrechte Raubesen gewesen sein mit wenig Verständnis für die Ängste der Mütter, schon gar nicht für die Schmerzen. So Sprüche wie der, den ich in der Geschichte benutzt habe, wurden tatsächlich von diesen Frauen verbrochen! So manche von ihnen hatte noch eine verdeckte Nazi-Vergangenheit und bewahrte das Gedankengut von der starken, gebärfreudigen Frau tief in ihrem Reptiliengehirn. Frauen, die vor der Geburt Angst hatten, waren dagegen Schwächlinge.

Das einzige Trauma, das in gewisser Weise geblieben ist, fand viel später statt, nachdem bereits zwei männliche, hochverwöhnte Stammhalter geboren worden waren, nämlich als meine Mutter in einem wütenden Streit zwischen uns beiden sagte: "Wärst du doch damals in der Toilette gelandet, dann hätte ich heute nicht diesen ganzen Ärger mit dir!" Das ist hängengeblieben, wobei ich schon sehr gut auseinanderhalten kann, was man in der Wut sagt und was man wirklich meint. Doch sowas sagt man einfach nicht zu seinem Kind, egal, wie wütend man ist. Damals endete die vertrauensvolle Verbindung zwischen Mutter und Tochter ein für allemal. Ich versuche heute noch unbewusst, zu beweisen, dass auch ein Mädchen dieselbe Lebensberechtigung hat wie ein Junge und dass Frauen genauso viel erreichen können wie Männer, wenn nicht mehr. Aber das ist eine andere Geschichte.

Im Grunde ist es doch so: Alles, was dir das Leben schwer macht, ist eine Übung, die dich stärkt. Von daher bin ich sogar dankbar für all den Schmäh, der in meinem Leben passiert ist. Er hat mich letztendlich befähigt, mir gleich mehrere Träume im Leben zu erfüllen, und niemand hätte es für möglich gehalten. Ich lebe in dem Land, in dem ich immer leben wollte, ich habe Bücher veröffentlicht, die lange auf der Bestsellerliste standen und ich habe die Fähigkeit, Stärke, das Selbstvertrauen und genügend Durchhaltevermögen, das, was ich mir ernsthaft vornehme, auch zu erreichen. So what? Ein Start ins Leben, wie ihn nicht jeder hatte und der die Uhren letztendlich auf Erfolg gedreht hat!

Liebe Grüße
Marion


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#8

RE: SGZ Nr. 20 - Eine wirklich, wirklich wahre Geschichte

in Die Geschichten der Woche 16.11.2020 08:24
von Yggdrasil • Federlibelle | 1.001 Beiträge | 2636 Punkte

@Sturmruhe Eine wirklich ausgefeilte Story, wenn auch nicht überraschend. Aber die Story hinter der Story (Deine eigenes Erlebnis!) macht sie noch besser. "WÄREST DU DOCH DAMALS IN DER TOILETTE GELANDET!" ist schon harter Tobak.
Erinnert etwas an mich, als meine Mutter sagte: "Hätte es damals schon die Pille gegeben, wärest Du nicht auf der Welt!" Aber es sei ihr verziehen, denn ich war ihre 15. (!!!) Geburt innerhalb von 22 Jahren.

Sehr guter Beitrag.


www.marten-petersen.com
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#9

RE: SGZ Nr. 20 - Eine wirklich, wirklich wahre Geschichte

in Die Geschichten der Woche 16.11.2020 15:02
von Sturmruhe • Federlibelle | 948 Beiträge | 4274 Punkte

Vielen Dank, @Yggdrasil , ich freue mich, dass dir meine Geschichte gefällt. Sie blubbert schon ziemlich lange in der Ursuppe vor sich hin und gestern passte es zum Keyword. Sie kam genauso heraus, wie sie jetzt da steht, wie eine Sturzgeburt. Ich hatte sie schon lange in meinem Hinterkopf, dort waberte sie in verschiedenen Varianten herum. Doch wie sie gestern herauskam, aus Sicht des Babys, das war neu! Die Stunde war noch nicht vorbei und ich war fertig. Wohl ein Zeichen, dass das Erlebnis bzw. das, was meine Mutter damals sagte, doch nicht ganz spurlos an mir vorbeigegangen ist.

Was deine Mutter zu dir gesagt hat, ist auch ganz schön harter Tobak. Ich erinnere mich, dass meine Mutter meinem jüngeren Bruder erzählt hat, sie hätte vergeblich versucht, ihn abzutreiben, weil meine Oma keinen weiteren Schreihals im Haus haben wollte. Uns allen hat sie das erzählt und dass sie in den Monaten danach voller Angst gelebt hatte, dass die Stricknadel und das heiße Wasser ihn verunstaltet oder in der Entwicklung behindert haben könnte. Und dann sagte sie immer, dass sie deshalb diesen Sohn von ihren Kindern am meisten liebte.

Ich verstehe ja die Verzweiflung und ich weiß, wie es damals zuging, auch noch in den Sechzigern, als ich ein Teenager war, Abtreibung noch mit Gefängnis bestraft wurde und du nur die Wahl hattest, zu einer Engelmacherin zu gehen. Aber das seinem dann doch nicht abgetriebenen Kind zu erzählen, ist einfach mörderisch brutal. Mein Bruder hat sich dazu nie geäußert.

Ja klar, irgendwann verzeiht man sowas, aber vergessen? Niemals!

Liebe Grüße
Marion


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#10

RE: SGZ Nr. 20 - Eine wirklich, wirklich wahre Geschichte

in Die Geschichten der Woche 16.11.2020 17:35
von Gini • Federlibelle | 1.730 Beiträge | 3504 Punkte

@Sturmruhe ich könnte weinen, wenn ich die Sätze lese, die deine Mutter gesagt hat.
Ein Kind ist doch ein Geschenk , ob Junge oder Mädchen, und du bist eine ganz tolle Frau.
Ich beneide deinen Mut, das alte Leben hinter dir zu lassen und zu kämpfen für dein Neues.
Bei deiner Geschichte hab ich auch erst nicht gewusst, dass ein Baby deine Prota ist. Ist dir aber
wunderbar gelungen.

Zitat von Sturmruhe im Beitrag #7
"Wärst du doch damals in der Toilette gelandet, dann hätte ich heute nicht diesen ganzen Ärger mit dir!"

Für diesen Satz, hat eine Mutter es nicht verdient Mutter zu sein.
Das ist eine sehr emotionale Geschichte.


Gedanken sind nicht stets parat,/ Man schreibt auch, wenn man keine hat.

Wilhelm Busch (1832-1908)
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#11

RE: SGZ Nr. 20 - Eine wirklich, wirklich wahre Geschichte

in Die Geschichten der Woche 17.11.2020 04:40
von Sturmruhe • Federlibelle | 948 Beiträge | 4274 Punkte

Danke, liebe @ Gini ! Kein Grund mehr, zu weinen, es ist lange her. Aber du bist halt die liebevolle Art Mutter, die man sich als Kind wohl eher wuenscht.

Damals waren die Zeiten ganz anders, Frauen hatten zu spuren, sie waren nicht gleichberechtigt und es gab straffe Hietarchien innerhalb der Familien. Zwischen meiner Mutter und der Schwiegermutter bestand eine offene Rivalitaet um den Sohn und Ehemann und ich war Papas und Omas Liebling. Alle lebten in einem Haus. Eifersuechteleien waren vorprogrammiert. Ich stand dazwischen. So kam es, dass meine Mutter ihre Gemeinheiten an mir ausliess, statt sich dort zu wehren, wo es angebracht gewesen waere. Als ich aelter wurde, habe ich allerdings - verbal - zurueckgeschlagen. Ich habe damals gelernt, unter der Guertellinie zu verletzen. Mache ich heute aber nicht mehr. Heute ignoriere ich solche Menschen einfach. Das ist weniger anstrengend.

Liebe Gruesse
Marion


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zuletzt bearbeitet 17.11.2020 04:44 | nach oben springen


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