#1

SGZ Nr. 15 - Der Hochzeitstag

in Die Geschichten der Woche 11.10.2020 11:47
von Bree • Federlibelle | 4.187 Beiträge | 16674 Punkte

Sönke pfiff fröhlich vor sich hin, während er durch die Innenstadt kurvte. Das Treffen mit seinem alten Kumpel Sven hatte seine Laune nach oben schnellen lassen. Sie hatten eine gedankliche Reise durch alte Zeiten gemacht, viel gelacht und obendrein granatengut gegessen. Sönke war zuvor noch nie in dem Restaurant gewesen. Na, kein Wunder, so arg lange gab es das ja auch nicht. Auf jeden Fall hatte der Besuch sich gelohnt. In Gedanken an das köstliche Steak und die würzige Sauce leckte er sich genießerisch über die Lippen.
In diesem Augenblick piepte sein Handy. Sönke hatte es auf den Beifahrersitz gelegt. Neugierig griff er danach und wäre im nächsten Moment um ein Haar in den Wagen vor ihm gerauscht, der gerade gebremst hatte. Ihm brach der Schweiß aus. Das steigerte sich noch, als er die Erinnerung seines Kalenders las, die auf dem Display aufgepoppt war. „Morgen: Hochzeitstag!“
Ohneinohnein! Sönke hätte vor Ärger ins Lenkrad beißen können. Wieso hatte er sich nicht früher daran erinnern lassen? Vermutlich, weil er nicht daran gedacht hatte, dass der Hochzeitstag dieses Jahr auf einen Sonntag fiel.
Berit legte immer viel Wert auf Jahrestage aller Art. Wenn er nicht daran dachte, spielte sie die beleidigte Leberwurst mit einer Ausdauer, die eigentlich ins Guiness Buch der Rekorde gehörte und ihm zumindest den Rest des Tages verdarb, manchmal auch noch den folgenden.
Der wievielte Hochzeitstag war es eigentlich? Er rechnete nach und kam auf zweiundzwanzig. Keine schlechte Leistung, dachte er zufrieden. So lange hält beileibe nicht jede Ehe. Und dafür, dass seine Berit seit so vielen Jahren treu an seiner Seite war, ihm den Rücken freihielt, ihr Zuhause gemütlich gestaltete und sich um alles kümmerte, verdiente sie wirklich eine Aufmerksamkeit.
Aber woher nehmen und nicht stehlen? Ein Blick zur Digitaluhr machte ihm klar, was er eigentlich längst wusste. Die Geschäfte hatten längst geschlossen und würden für ihn sicherlich nicht mehr öffnen.
Aber er brauchte irgendetwas, das er seiner Frau morgen beim Frühstück präsentieren konnte. Nur was? In diesem Moment fuhr er an der Exe vorbei, dem Platz, auf dem derzeit der Jahrmarkt die Flensburger anlockte, mit Karussells, Burgunderbrötchen, Zuckerwatte und Autoscooter. Viel Hoffnung, dort etwas zu finden, das Berit gefallen könnte, hatte er nicht, aber eine andere Möglichkeit tat sich nicht auf, also steuerte er kurzerhand den Parkplatz an und machte sich auf den Weg.
Am Eingang wartete eine Menschenschlange, die ihn unter normalen Umständen sofort wieder hätte umdrehen lassen. Doch dummerweise waren dies keine normalen Umstände. Er brauchte ein Hochzeitstagsgeschenk. Dass man Schlange stehen musste, um den Jahrmarkt zu betreten, war eine Corona-Nebenwirkung. Da nur eine bestimmte Anzahl an Personen auf dem Gelände erlaubt war, musste man eben warten, bis andere den Jahrmarkt verließen. Nur sehr langsam ging es voran. So langsam, dass Sönke mehrfach überlegte, ob er nicht doch wieder verschwinden sollte. Vermutlich fand sich ohnehin nichts Angemessenes. Ein Ring, der den Finger grün färbte oder Frühstücksbrettchen, in die ihre Namen gebrannt waren, würden seiner Berit keine vor Rührung feuchten Augen bescheren, dessen war er sicher. Er rechnete in einem solchen Fall eher mit einer spitzen Bemerkung oder einem traurigen Blick, der ihn fragen würde: „Mehr bin ich dir nicht wert?“
Na, schönen Dank auch. Der Rest des Wochenendes wäre sowas von gelaufen.
Er wollte sich gerade umdrehen und gehen, als ein Pärchen den Jahrmarkt verließ. Die Frau hielt einen Ballon, einen roten, herzförmigen. Darauf stand: „I love you“. Die Besitzerin des Ballons wirkte glücklich, sie schmiegte sich verliebt an ihren Begleiter.
Und Berit liebte Luftballons! Das war die Idee. Er würde sie mit einem romantischen Luftballon-Strauß überraschen.
Endlich stand er ganz vorn in der Reihe und fummelte sich seinen Schnutenpulli über Mund und Nase. Als er schließlich den Jahrmarkt betreten durfte, eilte er durch die einzelnen Gassen, kämpfte sich an langsam Schlendernden oder plötzlich Stehenbleibenden vorbei, schaute rasch weg, wenn er einen Bekannten entdeckte, denn für ein Schwätzchen hatte er jetzt weder Geduld noch Zeit, und suchte den Stand mit den Herzchenballons. Er war richtig außer Atem, als er endlich sein Ziel erblickte. Erleichtert stürmte er auf den Verkäufer zu. „Ich nehme alle ihre Ballonherzen!“, keuchte er und zückte sein Portemonnaie.

Ein klein wenig peinlich berührt war er schon, als er mit neun Herzchen-Ballons in der Hand über den Jahrmarkt und bis zu seinem Wagen ging. Er hatte das Gefühl, dass sich jeder, der ihm begegnete, herrlich amüsierte. Mehrfach entdeckte er auf sich gerichtete Zeigefinger.
Zudem entpuppten sich die Ballons als recht widerspenstig, als er sie im Kofferraum verstauen wollte. Sönke war erschöpft und schweißgebadet, als er schließlich in den Fahrersitz sank. Aber auch zufrieden mit sich. Nun konnte er entspannt nach vorn blicken. Der Kofferraum war ein perfektes Versteck. Am nächsten Morgen würde er sie hervorzaubern, wie ein Magier ein Kaninchen aus dem Zylinder zog.
Berit schlief bereits, als er nach Hause kam. Voller Vorfreude legte auch er sich hin und schlief bald mit einem Lächeln auf den Lippen ein.

Am nächsten Morgen überraschte ihn seine Angetraute mit einem liebevoll gedeckten Frühstückstisch, brennenden Kerzen und einem Umschlag auf seinem Teller. Dankbar küsste er sie. „Alles Liebe zum Hochzeitstag“, wünschten sie sich gegenseitig.
„Setz dich“, forderte sie ihn auf. „Der Kaffee ist gleich durch.“
„Augenblick noch.“ Er strebte zur Haustür. „Ich bin sofort zurück.“ Aufgeregt flitzte Sönke zum Wagen und öffnete den Kofferraum. Die Ballons waren noch da. Allerdings wirkten sie alle reichlich schlaff. Sie schwebten auch nicht in die Luft, als er sie herausholte, sondern sanken nach unten. Sie sahen aus wie ein verwelkter Blumenstrauß. Ärger stieg in Sönke auf. Den Verkäufer würde er zur Minna machen! Was hatte der Typ ihm für einen Dreck angedreht? Welche Ballons verloren denn so schnell die Luft?
Tief betrübt, die halbtoten Ballons hinter sich herziehend, schlich er zurück ins Haus.
„Es tut mir leid“, sagte er und überreichte seiner Frau das traurige Präsent. „Gestern Abend waren sie noch prall und schön.“
Ein Lächeln voller Mitgefühl umspielte Berits Lippen. Sie gab ihm einen Kuss. „Es ist der Gedanke, der zählt“, sagte sie. Dann begann sie zu lachen.
„Was amüsiert dich denn so?“, fragte er, unsicher, ob er froh sein sollte, weil sie die Sache so gelassen nahm, oder verärgert wegen dieser unpassenden Reaktion.
„Schau dir mal dein Geschenk an“, bat sie. Er öffnete den Umschlag und erstarrte. Dann fiel er in ihr Lachen ein. In dem Umschlag steckte ein Gutschein. Für eine Fahrt im Heißluftballon.


Der Kriminalschriftsteller ist eine Spinne, die die Fliege bereits hat, bevor sie das Netz um sie herum webt.
(Sir Arthur Conan Doyle)

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#2

RE: SGZ Nr. 15 - Der Hochzeitstag

in Die Geschichten der Woche 11.10.2020 16:38
von Doro • Federlibelle | 2.270 Beiträge | 8898 Punkte

Liebe @Bree ,

die beiden sind mir tatsächlich bereits ans Herz gewachsen. Ich kann mir gut vorstellen, wie peinlich es für ihn war, als er mit den Ballons über den Jahrmarkt latschen musste.
Solche Tage (wie Geburtstage, Hochzeitstage etc) kommen halt auch immer so pötzlich.


Nette Geschichte, gern gelesen.

LG
Doro


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#3

RE: SGZ Nr. 15 - Der Hochzeitstag

in Die Geschichten der Woche 11.10.2020 18:01
von Gini • Federlibelle | 1.765 Beiträge | 3609 Punkte

@Bree
der arme Sönke. Er tat mir echt leid. Über die Beiden kannst du echt viele Geschichten schreiben.
Ist so wie aus dem Leben gegriffen. Entspannt und Unterhaltsam.
Ich muss gestehen, dass ich oft unseren Hochzeitstag vergesse. Mein Mann hingegen ...Versteh ich gar nicht.
Vertauschte Rollen glaub ich.


Gedanken sind nicht stets parat,/ Man schreibt auch, wenn man keine hat.

Wilhelm Busch (1832-1908)
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#4

RE: SGZ Nr. 15 - Der Hochzeitstag

in Die Geschichten der Woche 12.10.2020 07:38
von Sturmruhe • Federlibelle | 951 Beiträge | 4293 Punkte

Witzig, liebe @Bree , ach die lieben Gedenktage!

Für einen meiner Chefs musste ich früher immer den Geburtstags- und Hochzeitstag-Kalender führen und ihn rechtzeitig erinnern. Die Geschenke hat er selber besorgt, aber daran gedacht hat er von selbst nie. So eine bin ich eigentlich auch, ohne Kalender geht da gar nichts. Deshalb kann ich voll mitfühlen mit dem armen Sönke. Hihihi, was für einen Schiss er vor seiner Angetrauten hat. Die hat ihn wirklich voll im Griff. Ich bin gespannt, was uns mit den beiden noch alles erwartet.

Jedenfalls war es höchst amüsant, Sönke auf seinen Pfaden über den Jahrmarkt und mit dem Strauß Herzchenballons zurück zum Auto zu folgen. Das wäre selbst mir als Frau peinlich gewesen! Und dann das böse Erwachen am Hochzeitstag-Morgen! Echt gemein. Ich hätte mit einem Donnerwetter am Frühstückstisch oder Tränenausbruch vom Feinsten gerechnet, aber nein - sie lacht! Und dann der Clou: Der Gutschein für eine Ballonfahrt. Super ausgedacht, super ausgearbeitet. Danke für ein paar Minuten lächeln!

Liebe Grüße
Marion


„Wir sind das, was wir wiederholt tun. Vorzüglichkeit ist daher keine Handlung, sondern eine Gewohnheit.“
Aristoteles

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#5

RE: SGZ Nr. 15 - Der Hochzeitstag

in Die Geschichten der Woche 12.10.2020 11:17
von Bree • Federlibelle | 4.187 Beiträge | 16674 Punkte

Hallo @Doro @Gini und @Sturmruhe

vielen Dank fürs Lesen und euer Feedback.

Zitat von Sturmruhe im Beitrag #4
Hihihi, was für einen Schiss er vor seiner Angetrauten hat. Die hat ihn wirklich voll im Griff. Ich bin gespannt, was uns mit den beiden noch alles erwartet.

Ja, ich auch ...
Zitat von Sturmruhe im Beitrag #4
Super ausgedacht, super ausgearbeitet. Danke für ein paar Minuten lächeln!

Gern geschehen - und danke für das Lob. Hat auch wieder mal echt Spaß gemacht, Sönke über die Schulter zu schauen. Im Nachhinein fiel mir noch ein, dass er eigentlich noch einen selbst geschriebenen Gutschein an einen der Ballons hätte hängen können - für ein Candlelight-Dinner in dem tollen Restaurant, das er entdeckt hat. Falls ich den Text mal überarbeite, fummle ich den Gutschein an einen der Ballons ... Als Extra-Überraschung.

LG
Bree


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#6

RE: SGZ Nr. 15 - Der Hochzeitstag

in Die Geschichten der Woche 16.10.2020 19:09
von Sinjane • Federlibelle | 492 Beiträge | 2770 Punkte

@Bree , huch, ich hatte deine Geschichte noch gar nicht gelesen Dafür aber jetzt sehr gerne. Sehr sympathisch, dieser Sönke. Mein damaliger Mann hat mir mal zum Valentinstag eine Rose mitgebracht, die quer in seinem Rucksack steckte. Als er zu Hause ankam, war sie geköpft Ich habe mich aber auch über dern Dornenstiel gefreut.


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#7

RE: SGZ Nr. 15 - Der Hochzeitstag

in Die Geschichten der Woche 16.10.2020 22:25
von Bree • Federlibelle | 4.187 Beiträge | 16674 Punkte

Hallo @Sinjane

dat is ja mal echt schlau, eine Rose quer in den Rucksack zu stecken. Aber schön, dass du dich auch über den Rest der Blume gefreut hast. Wie Berit in der Story sagte: Es ist der Gedanke, der zählt.
Freut mich, dass dir die Geschichte gefallen hat und Sönke dir sympathisch ist. Er hat sich ja auch wirklich Mühe gegeben, das muss honoriert werden.

LG
Bree


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