#1

SGZ Nr. 17 - Ein ungewöhnliches Testament

in Die Geschichten der Woche 01.05.2024 09:59
von Bree • Federlibelle | 4.319 Beiträge | 17337 Punkte

„Wer kommt als Nächstes?“, fragte Francis Bacu seine Sekretärin. Sie warf einen Blick in den Terminkalender. „Jeannine Vromant. Wegen ihres Testaments.“
„Ah, Mademoiselle!“ Francis war erfreut. Er kannte die alte Dame fast sein ganzes Leben lang. Sie hatte als Immobilienverwalterin einst eng mit der Anwaltskanzlei seines Vaters zusammengearbeitet. Nun war sie in ihren Achtzigern und wollte Vorsorge treffen. Francis würde ihr gern dabei behilflich sein.
„Bringen Sie Mademoiselle zu mir, wenn sie erscheint“, bat er seine Sekretärin und verschwand in seinem Büro.
Es dauerte nicht lange, bis die zierliche alte Frau durch die Tür und auf seinen Schreibtisch zutrat. Er stand auf und ging ihr entgegen, nahm die ihm dargebotene Hand und hauchte die Andeutung eines Kusses darauf. Jeannine duftete schwach nach Lavendel, bemerkte er.
„Eine Freude, Sie zu sehen, Mademoiselle“, sagte er und wies auf den Besucherstuhl. „Nehmen Sie bitte Platz. Möchten Sie einen Kaffee? Oder ein Glas Wasser?“
„Sehr gern ein Wasser, Francis, danke.“
Francis nickte seiner Sekretärin zu, die an der Tür gewartet hatte.
Als beide saßen, betrachtete er die alte Frau mit zärtlicher Zuneigung. Jeannine Vromant war vermutlich nie besonders hübsch gewesen, doch ihre Augen strahlten so viel Freundlichkeit und Wärme aus, dass er kaum den Blick abwenden konnte.
Nachdem seine Sekretärin das Wasser gebracht hatte und wieder verschwunden war, legte Francis seine Unterarme auf der Schreibtischplatte ab. „Sie möchten also Ihr Testament machen“, begann er. „Eine kluge Entscheidung.“
„Ich weiß.“
„Haben Sie es schon vorbereitet?“
„Ja, das habe ich in der Tat.“ Sie öffnete mit ihren vom hohen Alter etwas krummen Fingern den Verschluss ihrer Handtasche und zog diverse Zettel und beschriftete Seiten hervor, die sie nach und nach auf seinem Schreibtisch ablegte.
Verdutzt ergriff Francis erst einen der Zettel, dann noch einen und noch einen. In der feinen, zierlichen Handschrift von Mademoiselle standen dort Sätze wie: „Die nette Frau im Supermarkt, die mir beim Einpacken der Einkäufe hilft“ oder „Dem Briefträger, der mir die Post bis in die Wohnung bringt“. Weiter wurden eine Apothekerin, eine Krankenpflegerin und der Hausmeister erwähnt.
„Was soll das alles bedeuten?“, fragte Francis, die Zettel glättend und zu einem kleinen Stapel zusammenlegend.
Jeannine Vromant hörte auf, weitere Zettel aus ihrer Tasche zu angeln. „Francis, Sie wissen, ich war nie verheiratet und habe keine Kinder. Auch sonst gibt es niemanden. Also habe ich beschlossen, mein Geld an Menschen weiterzugeben, die freundlich zu mir waren.“
„Von …“ Francis räusperte sich, „von was für einer Summe sprechen wir?“
„Es sind rund 280.000 Euro, die ich gespart habe.“
„Das ist eine Menge Geld, Mademoiselle. Glauben Sie nicht, dass sich wohltätige Institutionen über eine Zuwendung freuen würden?“
„Gewiss würden sie das, Francis. Aber ich möchte das Geld niemandem hinterlassen, den ich nie gesehen habe. Nein, es sollen die Leute bekommen, bei denen ich mich bedanken will.“

Nachdem Jeannine Vromant gegangen war, saß Francis noch eine ganze Weile ratlos vor den vielen Zetteln. Die meisten waren ohne Namen, bestenfalls gab es Hinweise auf einen Schnurrbart oder eine Brille. Er würde all diese Menschen ausfindig machen müssen, wenn Mademoiselle das Zeitliche segnete. Am besten fing er schon jetzt damit an, denn Jeannine Vromant war immerhin bereits 86 Jahre alt. Es konnte jeden Tag zu Ende sein.
Francis fuhr sich mit beiden Händen über seinen fast kahlen Schädel. „Das wird eine Heidenarbeit“, seufzte er.
Unter den zukünftigen Erben waren auch rund vierzig Busfahrer. Immerhin gab es von ihnen eine Namensliste, die Jeannine, wie sie Francis berichtet hatte, von dem Direktor der städtischen Verkehrsbetriebe erbeten hatte. „Ich bin nicht mehr gut zu Fuß“, hatte sie Francis erzählt. „Und weil die Herren das wissen, halten sie immer direkt vor meiner Tür, obwohl dort gar keine Haltestelle ist. Jeder einzelne von ihnen ist so nett zu mir, dass sie ein Dankeschön verdienen.“
„Wir brauchen ein Konzept“, meinte Francis nun zu seiner Sekretärin, der er die mit der Hand geschriebenen Zettel schließlich überreichte. „Fertigen Sie bitte eine Liste an und fangen Sie gern auch schon an mit dem Recherchieren. Aber diskret, bitte. Noch ist Mademoiselle schließlich am Leben.“
„Wie viele Personen suchen wir denn?“, fragte sie, entsetzt auf den Wust von Zetteln starrend.
„Wenn ich richtig gezählt habe, etwa zweihundert.“
„Mon Dieu!“, stöhnte sie.
„Ja“, erwiderte Francis mit gequältem Lächeln. „Ich weiß. Aber sie will es nun einmal so. Und einen letzten Wunsch sollten wir respektieren.“

Wenige Monate später starb Jeannine Vromant, und Francis intensivierte seine Tätigkeit. Es entpuppte sich als eine Schwerstarbeit, alle von Mademoiselle bedachten Personen ausfindig zu machen. Es kostete ihn beinahe ein ganzes Jahr. Einige waren inzwischen verzogen, eine Frau sogar nach Madagaskar. Doch er schaffte es tatsächlich, jeden einzelnen ausfindig zu machen. Und als die Liste schließlich vollständig war, schrieb er die Erben an.
Die meisten waren von der unerwarteten Nachricht freudig überrascht, einige wenige hatte Mademoiselle vorab von ihrer Absicht informiert.
Eines Tages erschien eine Gruppe der Busfahrer, die ebenfalls bedacht worden waren, bei Francis in der Kanzlei. Neugierig bat er die Herren in sein Büro.
„Folgendes“, begann einer von ihnen, ein kleiner, rundlicher Mann mit Stirnglatze. „Wir alle sind Mademoiselle Vromant dankbar für ihre großzügige Geste. Wir würden gern etwas zurückgeben.“
„Sie ist verstorben“, entgegnete Francis mit gerunzelter Stirn, „das wissen Sie doch.“
„So meinte mein Kollege das nicht“, meldete sich ein anderer zu Wort. Er war jünger und trug einen dunklen Schnauzbart. „Wir dachten eher an etwas, das an Mademoiselle und ihre Freundlichkeit erinnert. Eine Art Denkmal. Und wir haben uns gefragt, ob Sie nicht eine Idee hätten, denn wir können uns nicht so recht einigen.“
Francis musste an das denken, was Jeannine Vromant ihm von den Busfahrern erzählt hatte.
„Vielleicht“, meinte er nachdenklich, „könnten Sie eine weitere Bushaltestelle einrichten und sie nach ihr benennen.“
Auf den Gesichtern der Männer vor ihm zeigte sich jeweils ein breites Lächeln. Sie nickten einander zu. „Das ist eine wunderbare Idee, Monsieur Bacu“, sagte der Schnauzbärtige und schüttelte Francis die Hand. „Danke. Vielen Dank.“

Seither gibt es in der Avenue Gambetta in dem Ort Dieppe in Frankreich eine Bushaltestelle mit dem Namen Jeannine Vromant.


Der Kriminalschriftsteller ist eine Spinne, die die Fliege bereits hat, bevor sie das Netz um sie herum webt.
(Sir Arthur Conan Doyle)

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#2

RE: SGZ Nr. 17 - Ein ungewöhnliches Testament

in Die Geschichten der Woche 05.05.2024 16:06
von Gini • Federlibelle | 1.796 Beiträge | 3671 Punkte

@Bree eine wirklich berührende Geschichte. Es gibt einige ältere Herrschaften, die einfach nur lieb und
gr0ßherzig sind. Auch die Busfahrer sind sehr lieb und überhaupt nicht raffig. Ich denke, dass sie ihr ganzes
geerbtes Geld für diese neue Bushaltestelle ausgeben mussten. Weil so viel bleibt ja nicht bei 300 Erben.
So in etwa einen knappen Tausender. Allerdings weiß ich nicht, was so eine Bushaltestelle kostet.


Gedanken sind nicht stets parat,/ Man schreibt auch, wenn man keine hat.

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#3

RE: SGZ Nr. 17 - Ein ungewöhnliches Testament

in Die Geschichten der Woche 05.05.2024 16:08
von Bree • Federlibelle | 4.319 Beiträge | 17337 Punkte

Liebe @Gini

danke für dein Feedback. Ich meine, jeder hat ca. 2000 bis 3000 Euro bekommen. Ich glaube nicht, dass eine simple Bushaltestelle allzu teuer ist. Im Grunde braucht man ja nur das Haltestelle-Zeichen. Es sollte keine teure Geste sein, sondern einfach ein besonderes Dankeschön.

LG
Bree


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#4

RE: SGZ Nr. 17 - Ein ungewöhnliches Testament

in Die Geschichten der Woche 08.05.2024 23:28
von Carlotta Lila • Federlibelle | 2.150 Beiträge | 9409 Punkte

Liebe @Bree, tolle Geschichte und eine vorbildhafte Idee. Auch ein wirklich netter Anwalt!
Du hast mich gewonnen!
LG
C Lila


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#5

RE: SGZ Nr. 17 - Ein ungewöhnliches Testament

in Die Geschichten der Woche 09.05.2024 08:51
von Doro • Federlibelle | 2.335 Beiträge | 9123 Punkte

Das ist ja wirklich eine süße Geschichte, liebe @Bree .


Sehr gern gelesen.


LG
Doro


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#6

RE: SGZ Nr. 17 - Ein ungewöhnliches Testament

in Die Geschichten der Woche 09.05.2024 10:04
von Bree • Federlibelle | 4.319 Beiträge | 17337 Punkte

Liebe @Doro und @Carlotta Lila

Zitat von Carlotta Lila im Beitrag #4
tolle Geschichte und eine vorbildhafte Idee.

Zitat von Doro im Beitrag #5
Das ist ja wirklich eine süße Geschichte

Seht ihr, genau das fand ich auch. Deshalb musste ich sie einfach aufschreiben. Freut mich, dass sie euch ebenfalls rührt. Danke für euer Feedback!

LG
Bree


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#7

RE: SGZ Nr. 17 - Ein ungewöhnliches Testament

in Die Geschichten der Woche 13.05.2024 09:45
von -jek • Federlibelle | 710 Beiträge | 2143 Punkte

@Bree Ich habe es jetzt erst geschafft, deine Geschichte zu lesen. Ich fand sie sehr berühred, und du schuldest mir ein Taschentuch. :-)


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Wenn du Schreibregeln beherrscht, ist das gut. Wenn sie dich beherrschen, ist das schlecht.
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#8

RE: SGZ Nr. 17 - Ein ungewöhnliches Testament

in Die Geschichten der Woche 13.05.2024 11:15
von Bree • Federlibelle | 4.319 Beiträge | 17337 Punkte

Lieber @-jek

Zitat
du schuldest mir ein Taschentuch. :-)


Kein Problem, bekommst du bei der nächsten Lesebühne.

Schön, dass ich dich mit der Geschichte berühren könnte. Das Beste ist, finde ich, dass sie wahr ist. Solche Dinge sind ein Zeichen dafür, dass unsere Welt noch nicht völlig am Ende ist, sondern dass es Hoffnung und Gutes nach wie vor gibt.

Danke für dein Feedback!

LG
Bree


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