#1

SGZ 6/2024 Auf Nordmeerfahrt

in Die Geschichten der Woche 14.02.2024 11:49
von Yggdrasil • Federlibelle | 1.168 Beiträge | 2974 Punkte

Das Schlagwort Schlag war schlagend. Schlag auf Schlag kamen die Ideen, der Faustschlag, ein Schlag Erbesensuppe extra, die Schlagsahne, der schlagende Beweis, die Schlagseite, Schlagobers, unschlagbar viele Möglichkeiten.
Hier meiner Kapitel aus dem Nolde-Roman, übrigens das erste Kapitel in TEIL 2 des Romans.


Kurt hatte seinen Dienst auf der „Nordmark“ als Oberfähnrich zur See angetreten. Die Beförderung war obligatorisch, sobald man zur Fahrenden Einheit abkommandiert wurde. Als Offiziersanwärter gehörte er noch zur Gruppe der Unteroffiziere, und somit teilte er sich den Schlafplatz mit ihnen in der 24-Mann-Kammer, also einem Raum mit vierundzwanzig Schlafplätzen. Jeweils drei Kojen, sechzig Zentimeter breit, waren übereinander montiert. Der Abstand zum benachbarten Dreierbett betrug ebenfalls sechzig Zentimeter.
„Wird sehr eng, wenn wir auf einem Schlag zu sechst gleichzeitig aus dem Bett springen“, meinte sein oberer Bettnachbar. Kurt hatte die untere Koje zugeteilt bekommen.
„Solange es ohne ernsthafte Verletzungen ausgeht, ist alles in Ordnung“, erwiderte Kurt. „Übrigens, ich bin Kurt, aus Nordfriesland.“
„Hans, aus dem Westerwald. Auf gute Nachbarschaft“, scherzte sein Mitbewohner.
Kurt sortierte seine Uniformteile in den Spind, der leere Seesack fand seinen Platz am Boden des Metallschranks.
Vierundzwanzig Unteroffiziere, zehn Offiziere, und knapp hundert Mannschaftsdienstgrade. So war die Verteilung, wie Kurt in seiner Unterweisung erfahren hatte. Mit seinen fast hundertachtzig Metern Länge und neun Metern Tiefgang gehörte das Schiff schon zu den großen seiner Art. Obwohl er nichts damit zu tun hatte, hatte man ihm doch die Bewaffnung gezeigt. Drei Kanonen, fünf Flak und acht Maschinengewehre. Aber als Versorger und Tankschiff war es natürlich ein wichtiges Ziel für den Feind.
Hoffentlich kommt es nicht zur Feindberührung während der Überfahrt zur Tirpitz, dachte Kurt. Nur schnell unbeschadet zum Nordmeer, in den Tromsøfjord, und dann kam es auf ihn selbst an. Er musste die passende Gelegenheit abwarten, und dann die Flucht ergreifen. Er war sich des Risikos bewusst, denn als Deserteur würde man ihn ohne viel Federlesens erschießen. Aber noch war es nicht so weit, erst musste er die Kästen mit den Bildern sicher an Bord verstauen, in den Norden bringen und dann von Bord schaffen. Noch hatte er keinen sicheren Plan, wie er das bewerkstelligen sollte. Er musste improvisieren.
Es war der erste Abend an Bord. Der wachhabende Matrose hatte auf der Bootsmannspfeife bereits das Kommando „Pfeifen und Lunten aus“ für seine Mannschaftskameraden gepfiffen. Es war also Zubettgehzeit, würde man auf Zivil sagen, dachte Kurt bei sich. Um dem Gedränge im Gang zu entgehen, hatte er sich als Erster hingelegt. Nun dachte er über sich und seinen Weg nach. Er führte Gedankengespräche, wie er es nannte.
Wie sein Onkel Wilhelm es wohl geschafft hatte, selbst hochrangige Militärs für seine Sache zu gewinnen?
„Natürlich ohne sie über den Inhalt der Kästen, Noldes Bilder, zu informieren“, versichert er Kurt. So waren die beiden Kästen mit einem Nummernschloss gesichert worden, dann nochmals Schwarz lackiert und mit der Beschriftung ‚Geh.Kdo.S‘ versehen worden. Sie sahen jetzt absolut militärisch aus und waren von anderen Transportkästen kaum zu unterscheiden. Nur Kurt kannte die Ziffern des Schlosses. Dazu hatte Wilhelm vom Dienststellenleiter des Materialbeschaffungsamter Ostsee in Kiel einen Begleitbrief enthalten, den er nur im Notfall vorzeigen sollte. Unterschrieben von Kapitän zur See von Heydebracht. Als Kieler Dienststellenleiter war er direkt dem Hauptwaffenamt in Berlin unterstellt.
„Wieso hat so ein wichtiger Mann mitgemacht? Er riskiert doch seinen Posten, seine Karriere oder sogar sein Leben.“
„Ach weißt du, mein Junge, als junger Heißsporn, gleich nach dem Weltkrieg, bin ich zur Brigade Ehrhardt gestoßen. Dort habe ich den alten Haudegen von Breidenbach getroffen. Er hat damals etwas gemacht, was er besser nicht hätte machen sollen. Ihm ist es nämlich zu verdanken, dass 1923 der sogenannte Hitlerputsch in Berlin in die Hose gegangen ist. Ich habe ihn vor ein paar Tagen daran erinnert und ihn somit davon überzeugt, dass es besser ist, mir zu helfen. Ich musste ihn nicht erst auf meine Verbindungen zu Göring und zum Führer hinweisen. Er hat sofort kapiert, dass er in meiner Hand war.“ Dabei hatte Onkel Wilhelm gegrinst.
„Dann bist du also ein Erpresser.“
„Ein hartes Wort, mein Junge. Aber ja, so ist es. Und heute sichert es deinen Erfolg in dieser Mission.“
Der Brief bestätigte den Leser, dass „der Oberfähnrich Kurt Petersen berechtigt ist, die Verpackstücke MB-23-kto-07/1 und /02 auf der Nordmark zur Tirpitz zu transportieren. Der Oberfähnrich ist nicht berechtigt, anderen Zivilisten und Militärs, egal welchen Dienstgrades, den Inhalt zu zeigen oder von ihm zu berichten. Kein Zivilist oder Militär, egal welchen Dienstgrades, darf vom Oberfähnrich Einsicht fordern. Sollte dennoch jemand Einsicht in die Kästen verlangen oder erzwingen, ist der Oberfähnrich berechtigt, von der Schusswaffe Gebrauch zu machen. Der Inhalt ist als streng geheime Kommandosache eingestuft. Einzig und allein der Kommandant des Zerstörers Tirpitz ist berechtigt, die Kästen in Empfang zu nehmen. Datum, Unterschrift, Dienstgrad.“
Nur Soldaten mit Fachkenntnis konnten aus der Verpackungsbezeichnung ableiten, dass es sich elektronische Bauteile handelt.


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zuletzt bearbeitet 14.02.2024 11:55 | nach oben springen

#2

RE: SGZ 6/2024 Auf Nordmeerfahrt

in Die Geschichten der Woche 17.02.2024 23:04
von Doro • Federlibelle | 2.303 Beiträge | 9008 Punkte

Lieber @@Yggdrasil ,

bin gespannt, ob und vor allem wie er es schafft, die Kisten von Bord zu schaffen.


Zwei kleine Erbsen:

Zitat von Yggdrasil im Beitrag #1
Der Brief bestätigte den Leser,
Ich würde schreiben: "dem Leser".

Zitat von Yggdrasil im Beitrag #1
dass es sich elektronische Bauteile handelt.
Hier fehlt ein "um".


Gern gelesen.

LG
Doro


Gib jedem Tag die Chance, der schönste deines Lebens zu werden. (Mark Twain)
zuletzt bearbeitet 17.02.2024 23:05 | nach oben springen

#3

RE: SGZ 6/2024 Auf Nordmeerfahrt

in Die Geschichten der Woche 18.02.2024 07:51
von Yggdrasil • Federlibelle | 1.168 Beiträge | 2974 Punkte
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#4

RE: SGZ 6/2024 Auf Nordmeerfahrt

in Die Geschichten der Woche 18.02.2024 13:00
von -jek • Federlibelle | 696 Beiträge | 2110 Punkte

@Yggdrasil Auch gern gelesen und auch eine Erbse, bzw. Unklarheit: Hitlerputsch in Berlin? nebenaktion von Hitlers Putschversuch in München?


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Wenn du Schreibregeln beherrscht, ist das gut. Wenn sie dich beherrschen, ist das schlecht.
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#5

RE: SGZ 6/2024 Auf Nordmeerfahrt

in Die Geschichten der Woche 18.02.2024 13:17
von Yggdrasil • Federlibelle | 1.168 Beiträge | 2974 Punkte

@-jek Danke für den Hinweis, ist mir nur so rausgerutscht. War natürlich München im Bürgerbräu und der anschließende Marsch zur Feldherrnhalle. Ich war tatsächlich 1977 an den historischen Stätten. Der 1920er Kapp-Putsch passt natürlich besser.


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zuletzt bearbeitet 18.02.2024 13:20 | nach oben springen

#6

RE: SGZ 6/2024 Auf Nordmeerfahrt

in Die Geschichten der Woche 18.02.2024 13:47
von -jek • Federlibelle | 696 Beiträge | 2110 Punkte

@Yggdrasil Allesdings könnte dein Breidenbach der jenige im Hintergrund gewesen sein, der 1923 General von Lossow von seiner ursprünglichen Absicht abgehalten hat, Hitler die Stange zu halten: https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_von_Lossow


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#7

RE: SGZ 6/2024 Auf Nordmeerfahrt

in Die Geschichten der Woche 22.02.2024 11:55
von Yggdrasil • Federlibelle | 1.168 Beiträge | 2974 Punkte

@-jek war zeitweise auch mein Plan. Aber ich hatte das Gefühl, dass dann zu viel Historisches erklärt werden muss, ein neues Fass aufgemacht. Aber ein sehr interessantes Thema mit Lossow. Ich glaube, die Historiker rätseln bis heute, was sein Beweggrund war.


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#8

RE: SGZ 6/2024 Auf Nordmeerfahrt

in Die Geschichten der Woche 23.02.2024 06:45
von Bree • Federlibelle | 4.233 Beiträge | 16875 Punkte

Lieber @Yggdrasil

spannende Mission, und verdammt gefährlich. Aus der Vergangenheit (und diversen Büchern) weiß man ja, dass trotz der nahezu perfekten Vorbereitung immer noch vieles schiefgehen kann. Ich drücke Kurt die Daumen und bin neugierig, wie es weitergeht.

LG
Bree


Der Kriminalschriftsteller ist eine Spinne, die die Fliege bereits hat, bevor sie das Netz um sie herum webt.
(Sir Arthur Conan Doyle)

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