#1

SGZ 42: Die Katze wächst mit ihren Aufgaben

in Die Geschichten der Woche 21.10.2023 22:00
von Doro • Federlibelle | 2.270 Beiträge | 8898 Punkte

Tassilo räkelte sich auf der Bank vor dem kleinen Häuschen. Genüsslich dehnte er sich in alle Richtungen, bevor er elegant zum Sitzen kam und begann, sich zu putzen. Sorgfältig schleckte die Zunge über das Fell.
„Die Ärmste“, hörte er eine Stimme, die er sofort erkannte, handelte es sich um eine Nachbarin, „die sucht ihr Frauchen immer noch.“
„Guten Morgen, Frau Meindl“, sagte eine anderes Weibchen – äh, Frau. Der Begriff ‚Weibchen‘ war bei den Felllosen eher unüblich. „Auch schon so früh unterwegs?“
Dass Zweibeiner immer ihre gesamten Gedanken mitsprechen mussten. Vor allem, wenn sie offensichtlich waren.
„Ebenfalls einen guten Morgen, Frau Baumgartner. Mei, die Viecher sind halt treu. Treuer als so manche Menschen. Jeden Morgen sitzt die Katze auf der Bank und wartet, dass die alte Greta zur Haltestelle geht und nachmittags wartet sie dort, um sie nach Hause zu begleiten.“
„Treudoof“, ergänzte die erste Frau. „Na, früher oder später wird die Katze kapieren, dass die alte Greta nicht mehr wiederkommt.“
Tassilo hielt mitten in der Bewegung inne. Katze? Doof? Welche Anmaßung von Wesen, die unendlich lange brauchten, um ihre Jungen großzuziehen und die nicht in der Lage waren, sich ihr Futter selbst zu jagen. Jedenfalls nicht, ohne Hilfsmittel. Fell hatten sie auch keins und ihre Instinkte waren total verkümmert. Er duckte sich, überlegte, ob er ihnen seine Krallen in das haarlose Fleisch schlagen sollte. Allerdings bezweifelte er, dass sie verstehen würden, warum er das machte. Erstens war er ein Kater. Einer seiner Ahnen war sogar königlichen Blutes. Okay, der Vorfahre war lediglich ein Stallkater. Aber immerhin bei König Ludwig.
„Wissen Sie, wie alt die war?“
„Die Katze?“
„Nein, ich red von der alten Greta.“
„Gar nicht so alt, glaube ich. Gerade erst sechzig geworden.“
„Tja, sie hätte halt nicht rauchen dürfen.“
Einerseits musste Tassilo der Frau zustimmen. Das Zeug stank fürchterlich, obwohl sie nur draußen geraucht hatte. Aber was …
„Da verwechseln Sie was, Frau Meindl. Die hatte doch einen Autounfall. Das Leben spielt seltsame Streiche. Die alte Greta hatte keinen Führerschein, ist immer nur öffentlich gefahren. Und ausgerechnet so jemand wird vom Bus überfahren.“
„Wer füttert die Mieze jetzt eigentlich?“, fragte die andere Frau.
„Keine Ahnung, aber verhungert sieht das Katzerl nicht aus.“
„Hat die alte Greta Familie? Besuch hat sie praktisch nie bekommen.“
„Weiß ich nicht, so gut kannte ich sie nicht. Warum haben die Leute sie ‚alte Greta‘ genannt?“
Tassilo schüttelte sich. Nicht auszuhalten, was für dumme Fragen die stellte.
„Weil sie vor vielen Jahren der Pfarrerstochter Klavierunterricht gegeben hat und die hieß auch Greta. Zur Unterscheidung gab es dann eine alte und eine kleine Greta.“
Die Erklärung stimmte zumindest. Tassilo rollte sich auf der Bank zusammen. Hoffentlich gingen die beiden endlich weiter, damit er ungestört schlafen konnte.
„Was passiert mit dem armen Viech, wenn’s keine Erben gibt?“
„Mei, vielleicht nimmts einer von den Nachbarn. Sie hätten doch Platz. Müsste man mal herumfragen, wer die möchte. Ansonsten bleibt nur das Tierheim.“
Schlagartig fuhr Tassilo hoch und starrte die beiden an.
„Man könnte glatt meinen“, flüsterte die erste, für seine empfindlichen Katerohren laut genug, „dass die das verstanden hat.“
„Ach Quatsch, das war bestimmt Zufall. Vielleicht ist eine Fliege auf der Nase gelandet. Ich mag keine Katzen. Und im Übrigen will ich überhaupt kein Haustier. Kann man nimmer wegfahren, wenn man will.“
„Tun Sie aber eh nicht.“
„Aber ich könnte.“
Tassilo hatte genug und sprang auf den Boden. Mit hoch aufgerichtetem Schwanz stolzierte er an den Frauen vorbei und patrouillierte durch die Straßen. Beim Haus des Pfarrers setzte er gekonnt über den Holzzaun. Selbstverständlich hätte er sich auch durch die Latten quetschen können, aber man wusste nie, wer einem zusah. Und so ein Sprung machte allemal mehr Eindruck.
Die Menschen machten einen entscheidenden Denkfehler. Nicht sie entschieden, wohin eine Katze, oder ein Kater kam, sondern die Tiere wählten sich ihren Menschen. Normalerweise suchte man sich jemanden aus, der einem wohlgesonnen war. Tassilo wackelte mit den Schnurrhaaren. Er würde es diesmal anders machen. Schnurstracks lief er zurück. Da sie nur zwei Beine hatten, waren die beiden Frauen nicht weit gekommen. Er strich der einen um die Beine und miaute. Dabei legte er den Kopf schräg.

„Frau Baumgartner, ich glaub, die mag Sie.“
„Mir egal“, brummte die Frau und versuchte, ihn wegzuscheuchen. Aber Tassilo war schneller. Er hüpfte zwischen ihnen hin und her, dabei rieb er sich immer wieder an den Schuhen und setzte seine Duftmarke. Er würde sie bekehren. Da war er sich sicher. Das hatte bereits öfter geklappt. Nicht in diesem Leben, aber Katzen hatte bekanntlich mehrere und er war erst beim vierten. Im Gegensatz zu den Zweibeinern lebten Tiere im Hier und Jetzt. Menschen trauerten dagegen ihrer Vergangenheit nach oder sinnierten über die Zukunft. Vollkommen überflüssig. Änderte sich eh nichts.
Um eines beneidet Tassilo die Menschen: sie konnten lachen. Könnte er es, so hätte er ein fettes Grinsen im Gesicht – das würde ein Spaß werden und ein bisschen anstrengend. Aber er liebte Herausforderungen und wie hieß es schön: Die Katze wächst mit ihren Aufgaben. Pardon, der Kater.



























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#2

RE: SGZ 42: Die Katze wächst mit ihren Aufgaben

in Die Geschichten der Woche 22.10.2023 17:06
von Bree • Federlibelle | 4.187 Beiträge | 16674 Punkte

Liebe @Doro

eine amüsante Geschichte, die ich gern gelesen habe. Tassilo gefällt mir - sein Name übrigens auch.

Zitat von Doro im Beitrag #1
Die Menschen machten einen entscheidenden Denkfehler. Nicht sie entschieden, wohin eine Katze, oder ein Kater kam, sondern die Tiere wählten sich ihren Menschen.

Das kann ich bestätigen. Einige der Katzen, die uns auf unserem Weg begleitet haben, waren Nachbarskatzen, die es bei uns besser fanden (vermutlich, weil mein Mann sie so fleißig füttert, und das häufig mit den feinsten Sachen, die beim Kochen 'herunterfallen') oder standen plötzlich bei uns vor der Tür.
Ich bin gespannt, ob es Tassilo gelingt, bei der Dame, die er sich ausgesucht hat, ein neues Zuhause zu finden.

LG
Bree


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(Sir Arthur Conan Doyle)

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#3

RE: SGZ 42: Die Katze wächst mit ihren Aufgaben

in Die Geschichten der Woche 22.10.2023 17:28
von -jek • Federlibelle | 686 Beiträge | 2088 Punkte

@Doro Charmante Geschichte. Besonders gut gefällt mir, dass ich so lange hinters Licht geführt wurde, um welches Katzenvieh es eigentlich geht. Die Frauen sprachen ja von einer Katze und Tassilo ist ein Kater.


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#4

RE: SGZ 42: Die Katze wächst mit ihren Aufgaben

in Die Geschichten der Woche 22.10.2023 19:13
von Tatjana • Forums-Schmetterling | 105 Beiträge | 365 Punkte

@Doro Sehr schön geschrieben. Tassilo gefällt mir . Er hat ja so recht instinkt, alleine jagen etc. Und vor allem, dass die Katzen/Kater sich meist ihr Zuhause aussuchen. Auf ein gutes neues zuhause für den Kleinen.
Liebe Grüße Tatjana


Lerne, genau hinzuhören, genau hinzufühlen.
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#5

RE: SGZ 42: Die Katze wächst mit ihren Aufgaben

in Die Geschichten der Woche 22.10.2023 19:16
von Sabrina Meinen • Federlibelle | 546 Beiträge | 1592 Punkte

@Doro: Anfangs dachte ich, die beiden Frauen reden von ihm. Dann habe ich mich wie @-jek von den Begriffen in die Irre führen lassen. Na ja, wenn es um die Katzen geht sind wir im Gendern nicht sonderlich gut.

Schöne Geschichte.
Hebe dir unbedingt den Kater auf. Er wirkt so durchtrieben, intelligent und kreativ, dass er mehr als diese eine Geschichte verdient.
Besonders reizend finde ich die Sache mit den vielen Leben. Vielleicht unterhälst du uns bald mit Tassilos früheren Leben oder gar zukünftigen? So wie er vielleicht bei den Ägyptern lebte oder zu Napoleons Zeit oder während die spanische Grippe tobte?


Finde den Mut für die Veränderung, die du dir wünscht,
die Kraft, es durchzuziehen
und den Glauben daran, dass sich alles zum Besten wenden wird.
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#6

RE: SGZ 42: Die Katze wächst mit ihren Aufgaben

in Die Geschichten der Woche 23.10.2023 08:20
von Carlotta Lila • Federlibelle | 2.098 Beiträge | 9179 Punkte

Liebe @Doro, sehr lustig und philosophisch deine Katzenstory, hat mich sehr gut unterhalten. 👍 Bei Tassilo musste ich erst immer an einen Hund (Tasso) denken Aber das Kätzchen, pardon 'katerische' Verhalten war eindeutig!

Liebe Grüße
C Lila


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