#1

SGZ 40 Die Sprache des Herzens

in Die Geschichten der Woche 01.10.2023 19:19
von Tatjana • Forums-Schmetterling | 105 Beiträge | 365 Punkte

Da meine kommende Woche abgesehen von Dienstag recht voll ist, hab ich mir die neue SGZ vorgeknöpft:


Die Sprache des Herzens

Alina. Ihre Augen strahlend blau, blickten nun in die Ferne, während ihr Gedächtnis von der Demenz allmählich verschluckt wird.
Ihre Worte wirkten oft verloren - sie versuchte zu sprechen, aber die Worte entglitten ihr wie flüchtige Schatten. Oft ahnten oder vermuteten wir, was sie möchte und gehen darauf ein, z.B. wenn sie zur Toilette musste, dafür gab es einen Gesichtsausdruck, den wir schnell deuten konnten und mussten.
Es gab Tage, da zog Alina sich sehr zurück. Wir spürten, dass sie in der Welt, wie sie sie kannte, nicht mehr zurechtkam.
Manchesmal hatte sie einen ängstlichen Blick und andere male sah sie resigniert vor sich hin.
Wir versuchten ihr durch nonverbale Kommunikation, zu zeigen, was zu tun ist, wenn das Mittagessen vor ihr stand und sie nicht weiter wusste. Wir nahmen uns auch einen Teller, setzten uns zu ihr und aßen, immer darauf bedacht, dass sie uns beobachtet. Zeigten ihr durch »mmmh« dass es gut schmeckt. Dann lächelte sie und begann zu essen. Oft deuteten wir in ihrem Blick, den sie uns zuwarf, Erleichterung. Und solange es noch so funktionierte, war es definitiv auch würdevoller, als ihr das Essen einfach »anzureichen« (füttern sagt man in der Pflege auf gar keinen Fall).
Sie »verliert« immer mehr Worte, wir versuchten so gut wie möglich durch Handzeichen, Gesichtsausdrücke oder eben eine Handlung vormachen, zu helfen und auf sie einzugehen.
Aber dann. Dann gibt es die Momente, in denen wir in der Gruppe singen, und zwar sämtliche Volkslieder, die wir in Mappen gesammelt haben.
Alina singt jeden Vers mit OHNE Liedermappe und strahlt dabei über ihr ganzes Gesicht. Und sie strahlt, den gesamten Rest des Tages.
Das sind die Momente, in denen es mir kalt den Rücken runter läuft und wieder rauf.
Denn wir wissen, wir haben ihr etwas Besonderes gegeben.
Nonverbale Kommunikation und Kommunikation über Musik sind so wichtig in der Pflege und von unschätzbarem Wert. Über Musik "erreichen" wir nahezu alle Senioren.


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#2

RE: SGZ 40 Die Sprache des Herzens

in Die Geschichten der Woche 01.10.2023 21:50
von Jana88 • Federlibelle | 537 Beiträge | 1242 Punkte

Demenz ist so eine fiese Krankheit.
Ich bin immer wieder dankbar für Menschen, die wirklich helfen den Menschen ein möglich würdevolles restliches Leben schenken.
Ein Text wahrer Worte.


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Am Ende wird alles gut. Wenn es nicht gut wird, ist es noch nicht das Ende *Oscar Wilde
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#3

RE: SGZ 40 Die Sprache des Herzens

in Die Geschichten der Woche 01.10.2023 22:39
von Sabrina Meinen • Federlibelle | 546 Beiträge | 1592 Punkte

@Tatjana: oh ja, das Füttern habe ich am laufenden Band beobachten können. Es ist immer wieder erstaunlich, wie das vonstatten geht: eine Pflegekraft läuft von Mensch zu Mensch und schiebt sozusagen einen Löffel/Gabel in den Mund des Menschen. Ich weiß, dass es einen Fachkräftemangel gibt. Aber es gibt auch Möglichkeiten wie zum Beispiel eine Frühstücksgruppe zu gestalten in der sich die Menschen gegenseitig zum Essen animieren. Es funktioniert. Aber dafür müssen die Menschen die Chance erhalten auch selbst Löffel oder Gabel in die Hand
nehmen zu dürfen. Und ja, es dauert länger, sodass andere Programmpunkte hinten anstehen. Aber dann wird eben mal kein Marienkäfer gebastelt, nein, stattdessen erlebt der Mensch, Selbstwirksamkeit. Und das können Demenzerkrankte ganz oft noch. Nur Füttern wir sie, gehen doch noch mehr Fähigkeiten verloren ...


Finde den Mut für die Veränderung, die du dir wünscht,
die Kraft, es durchzuziehen
und den Glauben daran, dass sich alles zum Besten wenden wird.
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#4

RE: SGZ 40 Die Sprache des Herzens

in Die Geschichten der Woche 02.10.2023 17:08
von Gini • Federlibelle | 1.765 Beiträge | 3609 Punkte

@Tatjana ich habe gelesen, dass du Seniorenbetreuerin bist. Ich arbeite bei der Alzheimergesellschaft.
Du hast es sehr bildlich beschrieben, dass man mit Gesten und MImik viel erreichen kann.
Aber manchmal geht auch das nicht mehr. Wir hatten eine Dame in unserer Gruppe, die konnte gar
nicht mehr reden. Aber singen. Das ging und auch die Texte sang sie, als hätte sie kein Vergessen.
Es gibt aber auch Menschen, die nicht mehr essen können. Dann müssen wir ihnen die Mahlzeit, bei uns
ist es immer das Frühstück, das Brot sehr direkt anreichen.


Gedanken sind nicht stets parat,/ Man schreibt auch, wenn man keine hat.

Wilhelm Busch (1832-1908)
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#5

RE: SGZ 40 Die Sprache des Herzens

in Die Geschichten der Woche 02.10.2023 19:59
von Tatjana • Forums-Schmetterling | 105 Beiträge | 365 Punkte

@Sabrina Ich finde auch, solange es geht, sollte man versuchen die Menschen selbstständig essen zu lassen. Okay, es gibt Fälle da geht das dann wirklich nicht mehr. Aber meist wird zu früh ins "anreichen" übergegangen.


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#6

RE: SGZ 40 Die Sprache des Herzens

in Die Geschichten der Woche 02.10.2023 20:04
von Tatjana • Forums-Schmetterling | 105 Beiträge | 365 Punkte

@Gini Natürlich gibt es "Fälle" wo es wirklich nicht mehr selbstständig geht. Und na klar muss man dann das Essen anreichen.
Vielen fällt es schwer, das "Esstempo" des Betroffenen herauszufinden. Oder es fehlt die Ruhe/Zeit dafür. Doch die werde ich mir solange es geht nehmen. Ich bin z:B.ein langsamer esser und möchte sicher nicht, dass man mir das Essen zu schnell anreicht. oder umgekehrt. Das ist in unseren Berufen immer wieder Thema. Zum Glück stehen viele Kollegen und Arbeitgeber hinter einem und ich hoffe, dass es überall so ist.


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#7

RE: SGZ 40 Die Sprache des Herzens

in Die Geschichten der Woche 05.10.2023 22:51
von Anka • Federlibelle | 750 Beiträge | 3295 Punkte

@Tatjana, ein Text der mich sehr berührt, da auch meine Mutter dement war. Ich habe großen Respekt vor dem Pflegeberuf und finde es wichtig, darüber zu schreiben. Besonders gefällt mir der Schluß, wo du schilderst, was Musik bzw. Singen bewirken können.


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zuletzt bearbeitet 05.10.2023 22:51 | nach oben springen

#8

RE: SGZ 40 Die Sprache des Herzens

in Die Geschichten der Woche 06.10.2023 17:05
von Bree • Federlibelle | 4.190 Beiträge | 16683 Punkte

Liebe @Tatjana

du hast sehr einfühlsam geschildert, was mit Alina passiert, und der Schluss mit dem Singen hat auch mich am meisten berührt. Das Langzeitgedächtnis funktioniert ja bei vielen Demenzkranken noch, und ich kann mir sehr gut vorstellen, dass es die Betroffenen glücklich macht, wenn sie, z. B. beim Singen, merken: "He, das kann ich jedenfalls noch!"

Zum Text:
Du bist wieder ein wenig durcheinandergekommen mit den Zeiten, aber das wird sicherlich mit etwas Übung besser werden.
Besonders gut gefallen haben mir diese Formulierungen:

Zitat von Tatjana im Beitrag #1
von der Demenz allmählich verschluckt

Zitat von Tatjana im Beitrag #1
entglitten ihr wie flüchtige Schatten.

Damit schaffst du tolle Bilder! Sehr schön!

LG
Bree


Der Kriminalschriftsteller ist eine Spinne, die die Fliege bereits hat, bevor sie das Netz um sie herum webt.
(Sir Arthur Conan Doyle)

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#9

RE: SGZ 40 Die Sprache des Herzens

in Die Geschichten der Woche 07.10.2023 18:23
von Tatjana • Forums-Schmetterling | 105 Beiträge | 365 Punkte

@Anka Dankeschön. Ich bin mir sicher, nein ich weiß, dass es für Angehörige der Betroffenen nicht leicht ist. Und kann so manche Verzweiflung voll verstehen.


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#10

RE: SGZ 40 Die Sprache des Herzens

in Die Geschichten der Woche 07.10.2023 18:26
von Tatjana • Forums-Schmetterling | 105 Beiträge | 365 Punkte

@Bree Dankeschön. Auweia, darauf werde ich meinen Fokus mal deutlich mehr fixieren, damit ich nicht aus der Zeit falle. Ich mag diese Bezeichnung "lach". Genau Übung macht den Meister- Meister muss ich nicht werden. Ich möchte nur nicht mehr aus der Zeit fallen.


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#11

RE: SGZ 40 Die Sprache des Herzens

in Die Geschichten der Woche 08.10.2023 09:25
von Doro • Federlibelle | 2.270 Beiträge | 8898 Punkte

Liebe @Tatjana ,

du beschreibst die Krankheit sehr anschaulich mit einigen wirklich schönen Bildern, z.B.

Zitat von Tatjana im Beitrag #1
aber die Worte entglitten ihr wie flüchtige Schatten.
Aus eigener Erfahrung kann ich bestätigen, dass Musik viel zum Wohlbefinden beiträgt. Meine Oma hatte einen Schlaganfall (vielleicht war sie auch zusätzlich dement, das weiß ich nicht mehr). Danach war sie in einem Pflegeheim. Sie hat uns am Schluss nicht mehr erkannt, konnte sich an so gut wie nichts mehr erinnern - bis auf die Kirchenlieder, die kannte sie mit allen Versen und hat sie mitgesungen.

Unsere Kinder hatten bei einer privaten Musiklehrerin Flöten bzw. Klavier-Unterricht. Die hat um Nikolaus herum die Nikolausfeier der Senioren in der Kirche mit allen Musikschülern musikalisch begleitet. Und im Sommer - meistens der Freitag der Zeugnisvergabe - haben die Kinder im Altenheim gesungen und gespielt. Da waren auch Vorschulkinder dabei, die haben Kinderlieder gespielt. Und die Senioren haben begeistert mitgesungen.

Jeden Mittwoch ist die Musiklehrerin im Altenheim und singt mit den Bewohnern. Ich spiele Akkordeon und war auch einmal dabei. Es gibt Liedermappen, aber viele brauchen sie nicht, weil sie alles auswendig können.

Mein Schwiegervater war dement und ich habe großen Respekt vor Leuten, die sich täglich um diese Leute kümmern.


LG
Doro


Gib jedem Tag die Chance, der schönste deines Lebens zu werden. (Mark Twain)
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#12

RE: SGZ 40 Die Sprache des Herzens

in Die Geschichten der Woche 08.10.2023 14:21
von Tatjana • Forums-Schmetterling | 105 Beiträge | 365 Punkte

@Doro Das ist ja noch das I-Tüpfelchen Musik und Kinder. Da geht Senioren das Herz voll auf. Deshalb dürfen solche "einfachen" Lieder auch nicht in Vergessenheit geraten. Die kennt jeder irgendwie aus Schule Kindergarten und Co.
Mich begleiten die Lieder zusätzlich durch meine Arbeit und ich kann nur sagen: Auch wenns manchmal anstrengend ist, ich liebe meine Arbeit.


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