#1

SGZ 39/23 - Das alte Hotel

in Die Geschichten der Woche 29.09.2023 09:21
von Anka • Federlibelle | 750 Beiträge | 3295 Punkte

Das alte Hotel hatte viel erlebt. Es stand schon mehr als hundert Jahre im schönen Wallis, umgeben von hohen Bergen und ebenso alten Häusern, deren Balkongeländer sich im Sommer unter der Blumenpracht bogen. Im Winter waren es die Dächer, die unter der Schneelast ächzten. Da die meisten Schweizer Bauten aus Holz bestanden, konnten sich die Gebäude verständigen, indem sie mit den dunklen Balken knarrten und sich Geschichten von damals erzählten. Das Hotel Grand Chalet Favre hatte im Gegensatz zu den benachbarten Scheunen und Wohnkaten viel Aufregendes erlebt und liebte es, damit zu prahlen. Einmal, das war im Winter 1931, wurde das Hotel von einer Lawine so arg beschädigt, dass kein Balken über dem anderen blieb. Das Restaurant war an diesem Abend gut besucht und eine Panik drohte auszubrechen. Da senkte das Favre die von den Erschütterungen lose Holzdecke im Speisesaal so vorsichtig ab, dass darunter ein geräumiger Hohlraum entstand, in dem die Gäste Schutz fanden, bis die Rettungsmannschaften kamen und alle lebend aus den Trümmern befreiten. So jedenfalls erzählte es das alte Hotel seinen staunenden Zuhörern.

Eine andere Geschichte, die immer wieder gern gehört wurde, war die vom Brand im Jahr 1962, als der Küchenjunge Michel auf dem Herd eine Stichflamme erzeugte und damit die gesamte Ostfassade abfackelte. Auch hier reagierte das Favre und inszenierte einen Rohrbruch der Hauptwasserleitung im Küchenbereich. Das Wasser löschte das Feuer innerhalb einer Stunde und wieder kam niemand zu Schaden. Allerdings musste das verkohlte Holz der Ostfassade ausgetauscht werden und das Favre bekam auf der Eingangsseite eine moderne Steinfassade. „Ich bin jetzt bekleidet“, pflegte es zu den nackigen Holzhäusern rundherum zu sagen.


„Nun mach mal halblang“, empörte sich das Landratsamt von gegenüber. „Du erzählst immer wieder die gleichen Geschichten. Das wird auf die Dauer langweilig. Hast du nicht etwas aus jüngster Zeit zu berichten?“


Das alte Hotel schwieg und seinem Gebälk arbeitete es. In der Neuzeit gab es leider keine Gelegenheiten mehr, Personal oder Gäste zu retten. Dafür waren die Rauchmelder, die Alarmanlagen und Lawinenwarngeräte zuständig.


„Es ist lange nichts Dramatisches mehr passiert“, gab das Favre kleinlaut zu. „Die Menschen haben gelernt, sich abzusichern.“


„Es müssen ja nicht immer Katastrophen sein“, knarzte der Krämerladen vom Marktplatz herüber. „Lass mal was Schönes hören. Was fürs Herz!“


Favre seufzte melancholisch und ließ leise die Fensterläden klappern. „Da gibt es tatsächlich etwas, das mich sehr berührt hat. Vor wenigen Wochen reiste ein Junge mit seiner Familie aus Luxemburg an. Er hieß Françoise und war gerade mal zwölf Jahre alt. Eines Morgens stand er als erster auf und erschien im Salon, um sich ans Klavier zu setzen und zu spielen.“


Da Favre nicht weitersprach, fragte der hölzerne Kirchturm neugierig: „Und was geschah dann?“


Wieder seufzte das alte Hotel. „Seit Jahrzehnten – so lange steht das Klavier schon im Salon – hat dort niemand mehr so schön gespielt. Klassische Titel von Chopin, Tschaikowski und Schostakowitsch spielte er nur nach Gehör und immer nur den Anfang. Dann begann Françoise zu improvisieren und es entstand ein ganz eigenes wunderbares Stück daraus. Dem Frühstückskellner passte das nicht, weil er die Order hatte, die Gäste mit moderner Pop Musik vom Band zu beschallen. Er bat den Jungen, das Spielen einzustellen, was der Junge auch tat. Doch er schaute so traurig aus …“



Hier war die Stunde leider zu Ende , aber ich habe noch den Schluss geschrieben 😊




„Da musstest du natürlich wieder den Retter spielen!“, lachte das Landratsamt und schwenkte seine Fahnen im Wind.


„Was hast du getan?“, wollten nun auch Krämerladen, Kirchturm und Kuhstall wissen.


Das Grand Chalet Favre öffnete stolz all seine Fensterläden und die Sonne spiegelte sich in den Scheiben. „Ich habe einen Kurzschluss ausgelöst, der die gesamte Stromversorgung im Haus lahmlegte. Es gab an diesem Tag keinen Kaffee und keinen Toast zum Frühstück. Auch keine Musik vom Band. Dafür aber ein Konzert vom kleinen Françoise. Er spielte wie ein junger Gott, seine Finger glitten über die Tasten und sein schmaler Körper bewegte sich im Rhythmus der Musik. Als der letzte Ton verklungen war, applaudierten die Gäste und Françoise stand auf und umarmte einen nach dem anderen. So glücklich war er, dass er spielen durfte.“


Plötzlich meldete sich die uralte Holzterrasse des Grand Chalets zu Wort, die in all den Jahrzehnten noch nie gesprochen hatte. „Ich habe diese Musik gehört. Sie brachte meine Balken zum Schwingen und überall war nur noch Freude und Leichtigkeit. Ich danke dir, alter Favre und es wird Zeit, dir zu sagen, dass ich froh bin, ein Teil von dir zu sein.“


Die Fensterscheiben des Hotels klirrten leise wie tausende von feinen Glöckchen. Favre war nicht in der Lage, weiterzusprechen. Er hatte das Klavierspiel des kleinen Françoise in seinen dicken Wänden abgespeichert und würde die Töne jederzeit summen können, wenn der Wind günstig stand. Für seine hübsche Terrasse, die er über alles liebte und für all die nackten Holzhäuser ringsherum.


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#2

RE: SGZ 39/23 - Das alte Hotel

in Die Geschichten der Woche 29.09.2023 09:45
von Yggdrasil • Federlibelle | 1.139 Beiträge | 2920 Punkte

@Anka
Ich habe Deine Geschichte sehr gern gelesen. Ich mag es überhaupt nicht, wenn als Replik auf eine eingestellte Geschichte das obligatorische "Toll!", "Klasse!", "Wunderbar!" ... oder ähnlich kommt. Aber dieses Mal ein wirklich stimmiges und stimmungsvolles Märchen. Danke dafür!
Allerdings: Habe ich das Wort "Bekleidung" übersehen?


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zuletzt bearbeitet 29.09.2023 09:48 | nach oben springen

#3

RE: SGZ 39/23 - Das alte Hotel

in Die Geschichten der Woche 29.09.2023 11:14
von Anka • Federlibelle | 750 Beiträge | 3295 Punkte

Vielen Dank, @Ygdrasil, für das Feedback. Ich freue mich, dass dir die Geschichte gefällt.
Das Wort Bekleidung habe ich hier versteckt: "

Zitat von Anka im Beitrag #1
Favre bekam auf der Eingangsseite eine moderne Steinfassade. „Ich bin jetzt bekleidet“, pflegte es zu den nackigen Holzhäusern rundherum zu sagen.


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#4

RE: SGZ 39/23 - Das alte Hotel

in Die Geschichten der Woche 29.09.2023 18:31
von Sabrina Meinen • Federlibelle | 546 Beiträge | 1592 Punkte

@Anka: ich mag deine Idee das SGZ-Wort umzusetzen sehr. Ein bisschen um die Ecke gedacht und dennoch gut getroffen.
Und die Grundidee, den Häusern einen gewissen Handlungsspielraum zu geben gefällt mir ebenso. Das lässt sich wunderbar aufs Leben übertragen. Selbst wenn die Bedingungen starr sind, gibt es Möglichkeiten zu handeln.


Finde den Mut für die Veränderung, die du dir wünscht,
die Kraft, es durchzuziehen
und den Glauben daran, dass sich alles zum Besten wenden wird.
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#5

RE: SGZ 39/23 - Das alte Hotel

in Die Geschichten der Woche 30.09.2023 14:06
von Carlotta Lila • Federlibelle | 2.090 Beiträge | 9151 Punkte

Liebe @Anka, eine herzerwärmende, märchenhafte Geschichte. Ich mochte den Kellner garnicht, der auf die Popmusik bestand. Wie wunderbar, dass das Hotel einen Kurzschluss inszeniert hat. Könnte ich mir als Kinderfilm vorstellen, deine Geschichte, u.a um Kindern die klassische Musik symphatisch zu machen!

Gerne gelesen, liebe Grüße
Carlotta Lila


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#6

RE: SGZ 39/23 - Das alte Hotel

in Die Geschichten der Woche 01.10.2023 12:27
von Bree • Federlibelle | 4.181 Beiträge | 16646 Punkte

Liebe @Anka

ich stimme den anderen zu, deine Geschichte ist sowohl originell als auch bezaubernd. Ein Hotel, dass das Herz - so Hotels denn eins besitzen - am rechten Fleck hat. Sehr gern gelesen!

LG
Bree


Der Kriminalschriftsteller ist eine Spinne, die die Fliege bereits hat, bevor sie das Netz um sie herum webt.
(Sir Arthur Conan Doyle)

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#7

RE: SGZ 39/23 - Das alte Hotel

in Die Geschichten der Woche 01.10.2023 14:37
von Tatjana • Forums-Schmetterling | 105 Beiträge | 365 Punkte

@Anka Die Geschichte ist sehr kreativ gestaltet. Mir gefällt daran, dass das Holz bzw. die Gebäude miteinander kommunizieren.


Lerne, genau hinzuhören, genau hinzufühlen.
Der Schlüssel zum Schreiben ist, nicht nachzudenken!
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#8

RE: SGZ 39/23 - Das alte Hotel

in Die Geschichten der Woche 02.10.2023 21:34
von -jek • Federlibelle | 686 Beiträge | 2088 Punkte

@Anka Das mit dem Hohlraum unter einer abgesenkten Decke habe ich nicht verstanden. Ansonsten hast du mich bei meiner Vorliebe für märchenhafte Geschichten voll erwischt.


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Wenn du Schreibregeln beherrscht, ist das gut. Wenn sie dich beherrschen, ist das schlecht.
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#9

RE: SGZ 39/23 - Das alte Hotel

in Die Geschichten der Woche 04.10.2023 20:58
von Jana88 • Federlibelle | 537 Beiträge | 1242 Punkte

Gebäude, die miteinander sprechen. Auf so eine Idee muss man erstmal kommen.
Viele Häuser wüssten so tolle und spannende Dinge zu erzählen, das würde ich gern mal hören.


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Am Ende wird alles gut. Wenn es nicht gut wird, ist es noch nicht das Ende *Oscar Wilde
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