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SGZ Nr. 28 - Goldrausch

in Die Geschichten der Woche 14.07.2023 22:41
von Michael Kothe • Fleißbiene / Fleißdrohne | 137 Beiträge | 203 Punkte

Goldrausch

»Der Arsch! Dieses verdammte Arschloch!« Charlie senkte die Stimme, als er in den Windfang trat und sich auf der Matte gründlich den Matsch von den Schuhsohlen streifte. Respekt hatte er von dem Wirt, der weder unflätige Worte noch einen schmutzigen Boden tolerierte. Als ihm der Türschließer die Klinke ins Kreuz rammte, nahm er das als Zeichen, dass seine Schuhe nun sauber genug seien für den Besuch einer schmucklosen Kneipe. Als er auf die Ecke mit seinen Kumpels zusteuerte, kam er dicht am Tresen vorbei.
»‘n Abend, Hannes!« schmetterte er dem Wirt entgegen. »Mach ma’n Bier!«
Wer Charlie kannte, wusste, dass sein Lachen aufgesetzt war. Auch für seine drei Freunde war das klar wie die berühmte Kloßbrühe.
»Was für ’ne Laus …«
Doch Charlie ließ Chantal nicht ausreden.
»Mach ma’ Platz“«, raunzte er sie an und drückte sich auf die Bank in der rauchgeschwärzten Nische, sodass die drei einen Sitz weiter rutschen mussten. »Dieser Arsch … ich rede von meinem Chef … hat die Firma in den Bankrott getrieben und uns zu guter Letzt um unseren Lohn geprellt! Die Firma ist dicht und wird am nächsten Ersten aus dem Handelsregister gelöscht. Dabei liegt da noch ’ne Dreiviertelmillion in Gold im Schließfach. Ich verwette mein letztes Hemd, dass er sich die auch noch untern Nagel reißen will.«
»Nu’ mach ma’ halblang, Charlie! Also, was is’ los?« Werner beugte sich über den Tisch, um Charlie besser zu verstehen. Außerdem war er froh, einen Grund zu finden, um sich kurz zu erheben. Die dünnen Kissen, die der Wirt den Sitzen angedeihen ließ, polsterten nicht wirklich, und so schmerzte nach kurzer Zeit jedem Gast das Hinterteil.
Charlie hatte sich in Rage geredet. »Also, mein Chef, dieser A…« Rechtzeitig unterbrach er sich und schaute zum Wirt auf, der ihm gerade sein Bier brachte.
Die Kritik »Du hast auch schon mal besser eingeschenkt.« perlte an ihm ab. Kommentarlos und mit leerem Blick kehrte er hinter seine Theke zurück.
»Also, mein Chef …« Nun beugte sich Charlie nach vorn über den Tisch. Seine Stimme klang verschwörerisch leise. »Meinen Kollegen und mich … uns zwei Bürohengste hat er rausgeschmissen und uns statt unseres Lohns nur ein Handgeld ausbezahlt. Lediglich den sechs Wachleute hat er den Lohn versprochen, die schieben zu zweit ihre Acht-Stunden-Schichten bis Ultimo. Am Monatsletzten kommt der einzige verbleibende Kunde und macht sein Schließfach leer. Dann ist Schicht im Schacht. Und ich wette, dass er ein leeres Schließfach vorfindet, weil mein Chef sich mit dem Inhalt auf und davon gemacht hat.«
»Tja, so ist das eben: Wenn man nichts gelernt hat, gründet man eine Sicherheitsfirma. Und wenn die in einem alten Fabrikgelände ihren Sitz hat, vermietet man eben Schließfächer. Man braucht nicht zu arbeiten, die Kundschaft kommt von alleine angelaufen.« Edwin feixte. »Ich hab‘ die gleich gesagt, dein Chef is’n Windei.«
»Ede, das weiß ich selbst. Und …«
»Edwin. Ich heiße Edwin.«
»Is’ ja gut. Einen Vorteil hat das Ganze aber! Dem Alten hab ich nie wirklich getraut, und so hab ich vorgesorgt. Wie gesagt erwarte ich, dass er das letzte Schließfach leerräumt und sich dann ins Ausland absetzt. Deine Tickets hab ich im Schreibtisch entdeckt.« Seine Stimme war nur noch ein Raunen, weshalb Werner noch weiter nach vorn rückte und fast das Gleichgewicht verlor. »Ich hätte nich‘ übel Lust, ihm in die Suppe zu spucken und das Fach vor ihm leerzuräumen. Mein Plan ist wasserdicht, aber ich brauche euch dazu. Wer ist dabei?«
»Lass erst ma’ hören!« Chantal hatte aufgehört, ihren eingerissenen Fingernagel glattzukauen.
»Is’ ja gut, Schantalle. Ich erklär’s euch gleich.«
Die Bank knarzte verdächtig, als Charlie sich umdrehte. Sofort verharrte er, um das altersschwache Möbel nicht noch weiter zu belasten. »Hannes, haste ma‘ was zum Schreiben?«
Das geknurrte »Kommt gleich!« des Wirts ließ keinen Zweifel daran, dass er den Wunsch für eine Belästigung hielt, schließlich verdiente er nichts daran. Endlich bequemte er sich mit einem Quittungsblock herbei und legte ihn mit der bedruckten Seite nach unten in die Tischmitte. »Noch ’n Bier?«
Ein »Ja«, ein »Hier« und ein zweifaches Kopfnicken läutete die nächste Runde ein und besänftigte den Wirt, der ohne weiteren Kommentar abdrehte.
»Also …« Charlie griff zu Block und Kuli. »Das Viereck hier ist das Werksgelände, und der Winkel da is’ dat Gebäude von meine Firma.«
»Das is’ aber klein. Ich seh kaum was.«
»Schantalle, mecker nich’! Für den Moment reichts. Hier am Zaun entlang …« Der Stift stanzte eine gepunktete Linie um das Viereck. »… liegen die Kabel für die Beleuchtung von dat Gelände. Die reinste Flutlichtanlage. Wenn wir die einfach ausknipsen, haben wir die Security auf’m Hals und wenig drauf die Bullen. Aber ich bin ja nich’ doof und hab das Kabel überbrückt. Mit ’nem Draht nach draußen in die Wiese und ’nem voll aufgedrehten Dimmer. Das normale Kabel ist schon durchgeknipst. Zwischen Zaun und Gebäude – seht ihr den Punkt hier? – haben die Stadtwerke freundlicherweise ’n Gulli hingebaut. Wenn wir den Deckel hochheben, sind wir ruckzuck im Haus. Werner, Ede … Edwin, meine ich … und ich schleichen ins Haus. Das Gebäude kenne ich, ich hab auch alle nötigen Schlüssel. Nur im Tresorraum muss Edwin ein Gitter aufschweißen und Werner das Schließfach aufhebeln.«
Werner grinste und prostete Charlie zu. »Is’ geritzt, Boss.«
Edwin war zögerlicher. »Und wenn grade dann ein Wachmann vorbeikommt?«
»Ich hab den Streifenplan auswendig gelernt, und der Chef hat den Leuten noch mal eingebläut, sich penibelst daran zu halten. Bis übermorgen, dann is’ Ultimo. Also will er morgen die Beute abholen. Vier Goldbarren von je drei Kilo! Jeder rund 170.000 wert. Da staunt ihr, was?«
Tatsächlich führten die Kinnladen seiner drei Kumpels ein Eigenleben und klappten ohne deren aktives Zutun herunter.
»Außerdem …« Charlie hob den linken Zeigefinger, obwohl er schon die ungeteilte Aufmerksamkeit genoss. »Außerdem habe ich in den letzten Wochen Überwachungskameras im Erlebnisland Albrecht gekau…«
»Wooo?« Dreistimmig klang es ihm entgegen.
Charlie verdrehte die Augen und stöhnte übertrieben. »Bei Aldi, Mann! Aldi Süd. Im Angebot. Reststücke für neunundvierzig neunzig das Stück. Über eine App kann ich die Räume und Flure überwachen. Drei Stück sind’s, ich hab sie mit meinem Smartphone verbunden. Also wir drei heute Nacht rein ins Gebäude, runter in den Keller, Schließfach aufgebrochen, Gold eingesackt und weg! Der Alte wird Augen machen, wenn er im ausgeräumten Tresorraum steht.«
»Und was mach ich?«


Hier war die Stunde um.


»Schantalle, Schätzchen, du hast die wichtigste Aufgabe. Du liegst einfach auf der Wiese hinterm Firmengelände. Wenn wir in der Kanalisation unterm Deckel sind, ruf ich auf deinem Handy an, und du dimmst laaangsam das Licht runter, und wir schlüpfen im Dunklen ins Haus. Und wenn wir verschwinden, machst du’s genauso. Verstanden?«
Etwas abwesend nickte Chantal und schaffte es endlich, die Fliege aus ihrem Bierglas zu retten. Dann nahm sie einen kräftigen Schluck. »Is’ klar Charlie, hab alles verstanden.«
»Gut! Sonst noch Fragen?«
Ein »Nee!« und dreimal Kopfschütteln.
Charlie drehte sich um. »Hannes, die Zeche geht auf mich!«

»Mensch, Ede! Kannst du nich’ aufpassen? Du versaust mir die ganze Treppe.«
»Da kann ich nix für, der Reißverschluss ist gerissen und die Barren sind aus der Tasche gefallen.«
»Außerdem, Charlie, reg dich nicht auf!« Chantals Augenaufschlag wirkte wirklich beruhigend. »Deine Treppe is’ ja härter als das Gold. Da sind goldene Stellen an den Kanten.«
»Und Kerben in den Barren«, ergänzte Werner. »Hähä, das Gold is’ ja zweifarbig.«
»Wie zweifarbig? Lass ma’ sehn!« Charlie nahm ihm den Barren aus der Hand. Nach einem kurzen Blick hatte er sich nicht mehr in seiner Gewalt, seine Kumpel gingen vorsichtshalber auf Abstand. Doch statt Charlies erwartetem Wutausbruchs ergriff ein Zittern von seinem Körper Besitz, seine Stimme war nur noch ein Schluchzen. »Dieser Arsch, dieses verdammte Arschloch! Jetzt ist er uns doch zuvorgekommen und hat die Barren ausgetauscht. Statt mit zwölf Kilo Gold sitzen wir nun mit ein paar Messingklötzen da und haben ihm auch noch ein perfektes Alibi geliefert, während er sich wohl schon in der Karibik am Strand aalt und Piña Colada schlürft.«.


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#2

RE: SGZ Nr. 28 - Goldrausch

in Die Geschichten der Woche 15.07.2023 00:37
von Carlotta Lila • Federlibelle | 2.090 Beiträge | 9151 Punkte

Hallo @Michael Kothe, sehr lebendig und dynamisch geschrieben, hatte die ganze Szene vor Augen. Der Frust des entlassenen Angestellten, der Plan und das Scheitern. Das Ende ist zwar schlüssig, aber zu viel für die Leser erklärt, finde ich. Auch hab mich gefragt, wie Charlie sofort wusste, dass es nicht Gold, sondern Messing war ... habe allerdings auch noch nie echte Goldbarren gesehen.
Tja, da haben sie aber durch die Finger geschaut!
Gerne gelesen.
LG
Carlotta Lila


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#3

RE: SGZ Nr. 28 - Goldrausch

in Die Geschichten der Woche 15.07.2023 06:04
von Michael Kothe • Fleißbiene / Fleißdrohne | 137 Beiträge | 203 Punkte

Guten Morgen, @Carlotta Lila,

es freut mich, Dich offenbar gut unterhalten zu haben. Bezüglich des zu schnellen Erkennens gebe ich Dir recht. Ich hatte mir schon einen längeren Schluss ausgedacht gehabt mit genauerer Untersuchung der oder auch nur eines Goldbarrens nach den Fall auf die Treppenstufe. So mit Kratzen, Unverständnis, dem Googeln nach einer Lösung, Wiegen (Messing ist nur knapp halb so schwer wie Gold) usw. Aber nachdem die Stunde eh schon um war, wollte ich möglichst nah an der Zeitvorgabe bleiben. Danke, dass Du meine ursprüngliche Absicht bestätigt hast.

Gegoogelt hatte ich auch. Jeder Drei-Kilo-Barren (Ich weiß nicht, ob das eine gängige Größe ist.) hätte grob die Maße 11 cm x 6 cm x 3 cm. Dann stimmt der Preis von rund 170.000 €, und so schienen mir vier Barren eine schlüssige Dimension für das Setting.

LG
Michael


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#4

RE: SGZ Nr. 28 - Goldrausch

in Die Geschichten der Woche 15.07.2023 21:39
von Bree • Federlibelle | 4.181 Beiträge | 16646 Punkte

Lieber @Michael Kothe

sehr rasant geschrieben, deine kleine Gaunerkomödie! Dass irgendwas schiefgehen würde, habe ich geahnt, aber dass der Chef so clever sein würde, kam überraschend.
Besonders die Dialoge haben mir gefallen. Sehr lebendig und realitätsnah geschrieben. Top!

LG
Bree


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(Sir Arthur Conan Doyle)

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#5

RE: SGZ Nr. 28 - Goldrausch

in Die Geschichten der Woche 16.07.2023 12:33
von -jek • Federlibelle | 686 Beiträge | 2088 Punkte

@Michael Kothe Mir gefielen besonders die liebevoll ausgearbeiteten Details der Kneipenszene, sowohl die der Charaktere als auch die der Einrichtung.
Wo du dich überall rumtreibst ... ;-)


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