#1

ON THE ROAD - So ein Quark

in Archiv 12.05.2023 09:28
von Jana88 • Federlibelle | 537 Beiträge | 1242 Punkte

So ein Quark

Roman nahm das Geld seines Chefs entgegen. „Halt dich diesmal nicht zu lange auf. Ich habe gleich noch ein Kundengespräch.“
Roman verdrehte die Augen. Nur weil er Azubi war, musste er hier immer den letzten Dreck machen. Einkaufen zum Beispiel. Hätte er bloß die Lehrstelle auf dem Bau angenommen. Da hätte er wenigstens fluchen dürfen.
Aber seine Eltern fanden die Arbeit im Büro ja leider passender für ihn. Weniger kaputte Knochen und so.
Sein Chef ging über den Flur. „Wenn du beim Anziehen der Jacke schon so lange brauchst, dann wird das heute nichts mehr mit meinem Quark.“
Wer isst schon Kräuterquark einfach so mit dem Löffel? Als Mahlzeit?
Er ging los und beim Supermarkt angekommen schnappte ihm ein Typ das letzte Handkörbchen weg. Dabei wollte er jetzt bei der Gelegenheit auch ein bisschen Knabberkram kaufen, aber dann musste er die Sachen eben so tragen.
Er stöberte durch die Regale. Eine Tafel Schokolade, Chips und ein Sandwich aus dem Kühlregal.
„Hey, Alter, hast du zu viel Geld?“ Vom Puddingregal aus rief Sascha, ein Kumpel aus der Nachbarschaft, zu ihm herüber. „Ne, aber ich brauch Nervennahrung. Mein Chef ist wieder unerträglich. Ich muss ihm irgend so einen komischen Quark holen.“
„Alter, ich hab dir tausend Mal gesagt, du sollst nicht bei dem Griesgram anfangen. Du hättest mit mir zusammen bei meinem Vater lernen sollen. Der hätte dich nicht so rumgescheucht.“
„Ich weiß. Aber über wen hätten wir dann abgelästert?“
„Auch wieder wahr. Ich muss weiter.“
Da rauschte er auch schon davon und Roman stand da mit seinen vollgepackten Armen. So, und wo gab es nun den dämlichen Quark? Er blickte sich um. Obst, Tiefkühl, Haushaltsartikel. Wer hat denn das bitte geordnet? Nie fand man das, was man sucht.
Aus einem Gang kam eine Frau mit Kinderwagen und zwei kleinen Kindern. Eins der Kinder hielt ebenden Quark in der Hand, den er suchen musste. Also wartete er mit trippelndem Fuß so lange, bis sie alle in den nächsten Gang gegangen waren, um dann selbst hindurchzuschlüpfen.
Und da, endlich, sah er die richtige Abteilung. Hohe Kühlschränke mit Glastüren. Meterlang.
Er ging eine Tür nach der anderen ab. Käse, Wurst, Milch, Joghurt. Immerhin kam er der Sache näher. Jetzt fand er das Regal mit dem Quark und suchte den Richtigen raus. Ah, genau einer stand noch da, jetzt aber schnell. Er wollte gerade die Tür öffnen, als ein Mann von hinten kam. Er stellte sich neben ihn. „Ah, ein Glück. Der Letzte. Ohne diesen Quark bin ich aufgeschmissen.“
„Ähm, naja, ich brauche den Quark auch dringend. Und da ich zuerst hier war…“
„Aber Sie haben ja keine Ahnung, was passiert, wenn ich ohne den zurückkomme. Meine Frau ist schwanger und macht mich einen Kopf kürzer. Also bitte, überlassen Sie ihn mir und holen sich einfach morgen einen. Sicher wird das Regal dann aufgefüllt. Okay?“
Roman sah förmlich vor sich, wie sein Chef ausflippte, wenn er ihm das beichtete. Auf keinen Fall durfte er es so weit kommen lassen. Selbstbewusst öffnete er die Glastür und nahm sich die Packung. „Immerhin war ich zuerst hier. Das muss man schon berücksichtigen. Und mein Chef möchte diesen Quark hier unbedingt.“ Er wollte gerade die Glastür des Schrankes wieder zumachen, als ihm ein Mann nachrief: „Entschuldigung, bleiben Sie bitte kurz stehen.“ Der Mann kam auf ihn zu, er hatte ein Shirt mit dem Logo des Supermarkts an. „Wenn Sie mir bitte folgen würden.“
Das war keine Frage, und Roman erwiderte: „Ja, aber … eigentlich habe ich gar keine Zeit. Mein Chef wartet, und er kann ziemlich böse werden.“
„Hören Sie, ich kann auch ziemlich böse werden, wenn man mir dauernd widerspricht. Also bitte folgen Sie mir in mein Büro.“ Roman konnte seine Verwunderung nicht verbergen. Oft reagierte er auf so einen Befehlston mit Trotz und frechen Antworten. Aber er hatte das Gefühl, dass es heute besser war, das bleiben zu lassen.
Er legte die Sachen ab und folgte dem Mann in ein kleines Büro. Viele Papiere stapelten sich auf dem Tisch und auf dem Bildschirm sah man den Ausgangsbereich des Ladens, gefilmt von der Sicherheitskamera. „Setzen Sie sich, ich möchte Sie fragen, was sie hier zu suchen haben?“
„Naja, was soll ich hier suchen? Es ist ein Supermarkt und ich brauche Dinge. Dafür ist das hier doch gedacht, oder?“
Der Mann sah ihn herablassend an. „Sie halten sich wohl für ein ganz kluges Kerlchen, was? Wollten Sie denn heute Ihre Einkäufe bezahlen oder wieder nicht?“
„Häh, was soll das heißen? Natürlich bezahle ich. Ich verstehe überhaupt nichts mehr.“
Eine Verkäuferin kam in den Raum und holte sich aus einem Fach einen Stapel Blätter. Als sie wieder gegangen war, fragte Roman: „Also, können Sie mir bitte erklären, warum ich hier bin? Ich bin Azubi und mein Chef will diesen blöden Quark haben, und ich wollte nur noch was um Naschen für mich holen. Und jetzt sitze ich hier bei Ihnen.“
„Nun wollen wir mal Klartext reden. Meine Kollegin hat Sie erkannt. Das Hausverbot gilt für immer, nur damit wir uns richtig verstehen.“
Roman wusste jetzt gar nicht mehr, was er davon halten sollte.
„Was für ein Hausverbot? Mir hat niemand eines ausgesprochen. Das kann doch hier jetzt nur eine Verwechslung sein. Also bitte, ich möchte jetzt den blöden Quark kaufen gehen. Wie kriegen wir das denn geklärt?“
Der Mann holte einen Aktenordner hervor und blätterte darin. „So, hier haben wir es, Diebstahl, vor zwei Wochen. Zum wiederholten Male. Also lebenslängliches Hausverbot. So einfach ist das, und jetzt veralbern Sie mich nicht weiter und verlassen den Laden, bevor ich die Polizei hole.“
Er reichte ihm den Ordner zum Gegenlesen und da musste Roman lachen.
„Was ist bitte so witzig?“, fragte der Mann.
„Na, der Nachname. Er ist ein ganz anderer als ich. Bitte sehr, ich hole einmal meinen Ausweis raus. Hier ist er schon.“
Der Mann las sich alle Daten durch, verglich das Foto auf dem Ausweis mit Roman und sah dann auf die Unterlagen.
„Oh, ja, das stimmt. Es tut mir furchtbar leid. Sie müssen unglaubliche Ähnlichkeit mit dem Mann haben, der geklaut hat. Holen Sie sich doch gern an der Info gleich einen Gutschein von uns als Entschädigung ab.“
„Vielen Dank.“
„Es tut mir wirklich leid.“
„Das kann doch passieren. Kann ich jetzt den Quark holen?“
„Aber sicher doch.“
Roman ging aus dem kleinen Raum und sah den Mann von der schwangeren Frau an der Kasse stehen. Er nickte ihm zu und hielt den Quark hoch. Bedauernd zuckte er mit den Schultern.
So ein Mist. Roman ging zurück zum Kühlregal. Was sollte er jetzt seinem Chef erklären?
In der richtigen Abteilung angekommen, musste er laut loslachen. Um ihn herum standen Leute, die ihn ziemlich verdattert ansahen.
Eine ganze Palette stand neben dem Regal, voll mit dem richtigen Quark.
Er nahm sich also einen und lief eilig zur Kasse.


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#2

RE: ON THE ROAD - So ein Quark

in Archiv 12.05.2023 17:24
von moriazwo • Federlibelle | 306 Beiträge | 1109 Punkte

Zitat von Jana88
„Na, der Nachname. Er ist ein ganz anderer als ich. Bitte sehr, ich hole einmal meinen Ausweis raus. Hier ist er schon.“

Besser: Es ist ein ganz anderer als meiner.
Ansonsten eine nette Geschichte. Ich frage mich nur, ob die Rubrik ON THE ROAD getroffen ist. Oder sehe ich es zu eng? ON THE ROAD - Menschen unterwegs, mit unterschiedlichen, vielleicht konträren Zielen. Das sehe ich hier nicht.
Als Geschichte finde ich sie grundsätzlich recht gut.


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#3

RE: ON THE ROAD - So ein Quark

in Archiv 14.05.2023 07:52
von Anka • Federlibelle | 750 Beiträge | 3295 Punkte

Liebe @Jana88,
ich habe deine Geschichte mit dem lustigen Titel sehr gern gelesen. Du beschreibst sehr anschaulich, wie manche Praktikanten ausgenutzt und auch unter Druck gesetzt werden. Dazu noch diese Verwechslung mit dem Ladendieb. Sehr unterhaltsam. Auch ich habe nachgedacht, wie die Geschichte in die Rubrik passt. Hast du mit ON THE ROAD vielleicht die berufliche Laufbahn gemeint und als gegensätzliche Charaktere Chef und Praktikant?
LG, Anka


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#4

RE: ON THE ROAD - So ein Quark

in Archiv 14.05.2023 18:01
von Doro • Federlibelle | 2.265 Beiträge | 8880 Punkte

Liebe @Jana88 ,

eine nette Geschichte. Vor allem, weil ich bei dem Titel erst einmal an die übertragene Bedeutung gedacht habe. In diesem Fall stimmen aber beide.

Zitat von Jana88 im Beitrag #1
Sie müssen unglaubliche Ähnlichkeit
Hier würde ich schreiben: Sie haben eine unglaubliche Ähnlichkeit mit ...


Finde ich ja nett, dass er noch einen Gutschein bekommt. (Den er hoffentlich nicht beim Chef abliefert, sondern behält.)


Allerdings vermisse ich auch den Bezug zum Thema "On the road".



LG
Doro


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#5

RE: ON THE ROAD - So ein Quark

in Archiv 14.05.2023 20:48
von Jana88 • Federlibelle | 537 Beiträge | 1242 Punkte

Danke für eure Kommentare.
Ja, ihr habt Recht, das Thema ist ein bisschen kurz gekommen.
Die Grundidee war, dass der Azubi und der werdende Vater um den Quark streiten. Beim Schreiben hat sich das in eine andere Richtung entwickelt. Als ich fertig war, ist mir aufgefallendass ich ein bisschen abgedriftet bin
Aber da ich es nicht mehr schaffe, einen komplett neuen Text zu schreiben, habe ich ihn einfach dennoch gekostet, weil er in die weite Welt wollte.


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#6

RE: ON THE ROAD - So ein Quark

in Archiv 16.05.2023 09:43
von Bree • Federlibelle | 4.181 Beiträge | 16646 Punkte

Liebe @Jana88

ich habe richtig mitgefühlt mit dem bedauernswerten Roman. Ein nerviger Chef und dazu diese 'quarkige' Herausforderung - und dann noch der Verdacht, ein Dieb zu sein ... Nicht gerade sein bester Tag, schätze ich.
Die Supermarkt-Atmosphäre hast du prima eingefangen, und ich bin froh, dass alles gut ausgegangen ist.
Das Thema 'On the Road' habe ich aber - wie die anderen auch - nicht gesehen. Du hast ja erklärt, wie es passiert ist.
Doch ich freue mich, dass du mit einem Beitrag dabei bist.

LG
Bree


Der Kriminalschriftsteller ist eine Spinne, die die Fliege bereits hat, bevor sie das Netz um sie herum webt.
(Sir Arthur Conan Doyle)

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#7

RE: ON THE ROAD - So ein Quark

in Archiv 16.05.2023 16:06
von Sabrina Meinen • Federlibelle | 546 Beiträge | 1592 Punkte

@Jana88 Schade um deine schöne Geschichte. Auch wenn sie nicht on the road ist, habe ich sie gern gelesen.


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und den Glauben daran, dass sich alles zum Besten wenden wird.
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