#1

SGZ 17/23 Es ist noch nicht zuende

in Die Geschichten der Woche 23.04.2023 22:56
von Carlotta Lila • Federlibelle | 2.101 Beiträge | 9188 Punkte

Was bisher passierte: Sylvia und ihre Schwester Ada gehen in die gleiche Kunstschule. Ada ist aber jünger (ca. 14) als Sylvia, die schon in eine höhere Klasse geht. In Adas Klasse wird plötzlich ein Mädchen (Jeanie) ermordet im Park aufgefunden.Danach kommt die Polizei in die Schule und führt Befragungen durch. Nurgül, eine der befragenden Polizistinnen, möchte auf einmal mit Sylvia über Ada reden.Ada, die anscheinend Gründe für ein schlechtes Gewissen hat, verschwindet im Park, wo sie von einem zwielichtigen Dealer (Tom) verschiedene Drogen konsumiert. Das ist umso gefährlicher, da sie das noch nie zuvor gemacht hat.Währenddessen gehen die Befragungen an der Schule weiter. Von der Polizistin Nurgül erfährt Sylvia auch, dass Ada und Jeanie in Sylvias Klassenkollegen Jonas verliebt waren. Ada war anscheinend eifersüchtig und hat Jeanie sogar Drohbriefe, damit sie Jonas in Ruhe lässt. Nurgül nennt auf einmal Jonas als Hauptverdächtigen.
Zu dieser Zeit schläft Ada im irgendwo Park auf einer schmutzigen Matratze noch immer ihren Rausch aus.


Es ist noch nicht zu Ende!


Ada träumt, sie geht über eine Müllkippe. Überall ragen Glasscherben und spitze Metallgegenstände auf. Ein riesiger Berg türmt sich auf. Vor ihr geht eine Gestalt, bemerkt Ada. Sie weiß nicht warum, aber es ist wichtig ihr zu folgen. Die Gestalt läuft schnell und leichtfüßig, die scharfen Gegenstände scheinen ihr nichts auszumachen. Plötzlich bleibt sie stehen und dreht sich um. Es ist Jeanie!
Ada keucht um sie zu erreichen: „Jeanie, es tut mir so schrecklich leid, was passiert ist. Ich wollte das doch alles nicht.“
Jeanies Augen flackern übernatürlich hell, als sie sagt: „Ada, du bist nicht schuld. Nicht wirklich. Meine Mörder waren andere. Sie laufen noch hier draußen rum und sind richtig, richtig gefährlich.“
„Sag‘s mir doch, wer die sind, Jeanie“, schreit Ada.
Doch Jeanie schwebt den Müllberg hoch und verschwindet. Ada verspürt einen stechenden Schmerz und blickt auf ihre Füße: Sie ist barfuß und die Glasscherben haben ihr die Haut überall zerschnitten. Blut quillt aus vielen Wunden.
„Shit“, murmelt sie. Plötzlich gibt der Boden unter ihr nach. Ada sinkt ein Stück weit ein, und noch ein wenig. Die Glasscherben und all die anderen Stücke verwandeln sich in feinkörnigen Treibsand, der sie wie in einen Trichter einsaugt. Ada wird herumgewirbelt und in die Tiefe gezogen, dann fällt sie, fällt ins Bodenlose, und prallt dann hart auf den Boden auf. Wahrscheinlich sind jetzt alle Knochen gebrochen!


Ada schlug die Augen auf, blinzelte, schlug wild um sich. „Wo bin ich?“ Panisch setzte sie sich auf. Übelkeit überkam sie und in ihrem Kopf begann es schmerzhaft zu pochen. Langsam erinnerte sie sich an alles: Wie sie in den Park gelaufen war, um sich mit Drogen vollzupumpen, die Wodkaflasche, Tom, der sich der gute Tom nannte. Wo war der eigentlich? Ada fischte ihr Handy aus der Umhängtasche. Am Display sah sie, dass Sylvia mehrmals angerufen und ihr eine Nachricht hinterlassen hatte. Sollte sie ihre Schwester zurückrufen? Um ihr was zu sagen? Das Display zeigte ihr, dass es siebzehn Uhr war. Um spätestens achtzehn Uhr sollte sie daheim sein, dann würden sich ihre Eltern noch keine großen Sorgen machen. Ada versuchte sich aufzurappeln, aber keine Chance: Ihr war so speiübel, dass sie dachte, sie würde gleich sterben. Aufstöhnend sank sie auf die dreckige Matratze zurück. Sie war voller Reue. Was hatte sie sich eigentlich dabei gedacht, aus der Schule zu flüchten und sich hier volllaufen zu lassen? Sie würde irgendwann doch mit dieser Polizistin reden müssen. Und: schließlich hatte sie Jeanie ja tatsächlich nicht umgebracht. Oder? Konnte man jemanden nicht auch mit Worten töten? In einem Buch hatte sie mal gelesen, dass ein Fluch schlimme Dinge bewirken konnte. Und oh ja, verflucht hatte sie Jeanie, hatte ihr vielfach den Tod gewünscht.
Nun war die Klassenkameradin gestorben. Jetzt im Traum hatte sie ihren Geist gesehen, der ihr zugeflüstert hatte, sie sei nicht schuld! Warum ausgerechnet hatte Jonas auch unbedingt Mathenachhilfe für Jeanie geben müssen? Es war so schön gewesen ganz allein mit ihm zu lernen. In der Schule hatten sie dieses System, dass die Älteren den Jüngeren Nachhilfestunden geben konnten. Und da Ada in Mathe eine echte Katastrophe war, hatte sich Jonas für die Nachhilfe angeboten. Sie war so verdammt glücklich gewesen! Er hatte eine so lustige Art gehabt, ihr alles so leicht und verständlich zu erklären. Er war so nett zu ihr und … nun ja, er sah schon auch ziemlich gut aus. Ada war bald bis über die Ohren in Jonas verliebt. Wenn er ihr etwas erklärte, berührte er manchmal ganz leicht ihre Hand oder führte sie mit dem Bleistift übers Papier. Ada bekam dabei Herzklopfen. Aus Angst sich zu verraten, traute sie sich nicht, Joanas ins Gesicht zu schauen. Gott, sie war so glücklich gewesen!

Und dann kam Jeanie: mit ihren knappen Shorts, den blonden, strubbeligen Haaren und dieser selbstbewussten Art. Sie bekamen nun zu zweit Nachhilfe. Strohdumm war Jeanie und kapierte wirklich gar nichts! Dafür konnte sie Jonas mit ihren himmelblauen Babyaugen so an klimpern, dass einem Hören und Sehen verging. Er stieg zwar nicht darauf ein, aber Ada merkte, dass er sich freute, wenn Jeanie kam. Neben der quirligen Klassenkameradin kam sie sich bierernst und todlangweilig vor. Und weil sie so viel lernte, dass tat sie alles für Jonas, lachte Jeanie sie als Streberin aus. Die ganze Freude an der Nachhilfe war Ada vergangen und so hatte sie Jeanie verflucht und dorthin, wo der Pfeffer wächst, gewünscht. Und da war die Arme auch jetzt wirklich.


Ada probierte noch einmal aufzustehen. Wieder wurde ihr speiübel. Vielleicht wäre es besser, sich zu übergeben? Gesagt getan. Ada lehnte sich an den Kastanienbaum, öffnete den Mund und steckte den Finger hinein. Es brauchte mehrere Versuche, bis sie sich traute, den Finger so weit nach hinten zu schieben, dass sie sich erbrach. Ein rosa-gelber Schwall ergoss sich zwischen neben den Stamm der Kastanie. Es kam noch einer und dann würgte Ada nur noch ätzenden Schleim hervor. Erschöpft hockte sie sie hin. Ein wenig Erleichterung spürte sie. Aber die würde nur kurz andauern. Die Zeit musste sie nutzen, um nachhause zu kommen. Mühselig klaubte sie ihre Tasche von der Matratze auf. Als sie sich anschickte aus der Grube herauszuklettern, hörte sie ein lautes Knacken. Dann bildete sie sich ein trockenes Husten zu hören. Unwillkürlich sah sie sich um. Vielleicht war ja dieser Tom noch irgendwo? Hoffentlich hat er nicht gesehen, wie ich mich angespieben habe, dachte Ada. Plötzlich wurde sie sich dessen bewusst, dass sie erbarmungswürdig aussehen musste. Sie wankte mehr als dass sie ging, durch den Park zu einer Stelle, wo sie einen Hydranten wusste. Es war jetzt ganz ruhig und sie sah – gottseidank – nicht einen einzigen Spaziergänger. Dennoch war es ihr, jemand würde sie beobachten. Mit einem mal überkam sie ein mulmiges Gefühl. Als sie endlich beim Hydranten angekommen war, musste sie lange am Hebel pumpen - so kraftlos war sie - bis kühles Wasser herauskam. Sie trank gierig und wusch sich die Reste vom Erbrochenen aus Gesicht und Haaren heraus.

Eine Frau tauchte mit einem Mädchen auf: „Hier kannst du einen Schluck Wasser trinken, Anneliese“, sagte sie und deutete auf den Hydranten.
„Mana, ich trink doch nicht dort, wo die Junkiebraut gerade das Wasser versaut!“
Verwirrt sah sich Ada um. Dann begriff sie, dass mit der Bezeichnung „Junkiebraut sie selber“ gemeint war. Das Mädchen schnitt ihr eine böse Fratze: „Hau ab, du Abschaum“, kreischte sie.


Voller Entsetzen lief Ada davon. Lief zur Busstation und schaffte es tatsächlich kurz vor sechs heimzukommen. Als sie an der Türe läutete hatte sie sich schon eine halbwegs plausible Geschichte zurechtgelegt, um zu erklären, warum sie so grässlich aussah.
Aber sie hatte Glück und sie musste es gar nicht erklären. Niemand interessierte sich in der Familie gerade dafür, wie sie aussah.
„Ada, Schatz“, wurde sie von ihrer Mutter umarmt.
„Gottseidank, dass du endlich da bist“, rief Sylvia. Komm, es sind gerade Lokalnachrichten!“
Sie zog Ada zum Sofa und gemeinsam hörten sie sich die Abendrundschau an.
Da sah Ada auf einmal diese Nurgül, die Polizistin, die in der Schule die Befragungen durchgeführt hatte. Der Tatort … Ada musste blinzeln … da war ja die Trauerweide im Park, wo sie auch heute Nachmittag gesessen hatte, bevor sie die unglückselige Idee mit den Drogen gehabt hatte.
„Jetzt brauchst du gleich gute Nerven Schwesterchen. Sieh nicht hin“, sagte Sylvia.
Aber natürlich sah Ada hin: Der Platz um die Trauerweide war mit einem gelben Band abgesperrt. Überall standen Sanitäter, Polizisten und Journalisten. Am Gras lag eine Gestalt, die mit einem Tuch zugedeckt war. Das Gras rundherum war blutrot.

Nurgül hatte ein Mikro in der einen Hand und wies mit der anderen auf die eingehüllte Person: „Der Fall der vorgestern ermordeten Kunstgewerbeschülerin Jeanie Schauer, wird immer komplizierter. Es ist noch nicht zu Ende: Während heute Nachmittag durch mich und meine Kollegen an der Schule Zeugenbefragungen durchgeführt wurden, ist eine weitere Schülerin verschwunden. Zuletzt wurde Jeanie von dem Jungen gesehen, der im Moment unser Hauptverdächtiger ist und für den die Unschuldsvermutung gilt. Eine Erweiterung der Untersuchungen wird anberaumt. Die Ermittler ziehen die Möglichkeit mehrerer Täter, die einander kennen könnten, in Betracht. Im Park wird übrigens auch intensiv mit Rauschgift gehandelt und einige Schüler*innen haben vermutlich bei Dealern gekauft und konsumiert. Eine Blutuntersuchung der Leiche wird noch zeigen, ob beim heutigen Mordfall auch Drogen im Spiel waren.“

„Mit Hauptverdächtigen meint Nurgül übrigens Jonas. Arg oder?“, flüsterte Sylvia.
„Was, Jonas???“
„Pst, hör jetzt weiter zu!“
„Wenig später wurde unter der Trauerweide die Leiche von Lydia Kramnik, eines der – wie sie von den anderen wegen ihres Outfits genannt wurden – Vampirmädchen – gefunden. Sie wurde vergewaltigt und nun … sehr übel zugerichtet.“ Nurgül senkte den Blick, es war ihr anzusehen, dass sie auch sehr vom Geschehen mitgenommen war.


Mit aufgerissenen Augen starrte Ada auf den Bildschirm, wo die mit Plastik verdeckte Leiche jetzt ganz nah herangezoomt wurde. Eine neuerliche Welle grässlicher Übelkeit schwappte hoch und ihr wurde schwarz vor Augen. Dann fiel sie – zum zweiten Mal an diesem Tag - in Ohnmacht.




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#2

RE: SGZ 17/23 Es ist noch nicht zuende

in Die Geschichten der Woche 26.04.2023 07:51
von Bree • Federlibelle | 4.190 Beiträge | 16683 Punkte

Liebe @Carlotta Lila

ach herrje, noch eine Leiche! Und der heiß geliebte Jonas unter Mordverdacht. Ada kann einem wirklich leid tun.
Deren Erlebnisse im Park hast du sehr eindringlich geschildert, ich bin nur so durch den Text geflogen. Obwohl nicht rasend viel passiert, sorgte dein Schreibstil in Verbindung mit Adas Kummer für gute Unterhaltung. Und es geht offenbar spannend weiter.
Hast du schon das Ende im Kopf oder lässt du dich Woche für Woche vom Bauch leiten?

LG
Bree


Der Kriminalschriftsteller ist eine Spinne, die die Fliege bereits hat, bevor sie das Netz um sie herum webt.
(Sir Arthur Conan Doyle)

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#3

RE: SGZ 17/23 Es ist noch nicht zuende

in Die Geschichten der Woche 26.04.2023 16:01
von -jek • Federlibelle | 686 Beiträge | 2088 Punkte

@Carlotta Lila Ich lese solche fiktionalen Geschichten nicht gerne, weil die Realität schlimm genug ist. Aber ich musste bis zum Ende lesen, weil es so gut geschrieben war. Kompliment! Die Geschichte werde ich auf jeden Fall weiter verfolgen.


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#4

RE: SGZ 17/23 Es ist noch nicht zuende

in Die Geschichten der Woche 26.04.2023 21:41
von Jana88 • Federlibelle | 537 Beiträge | 1242 Punkte

Oh, das ist ja unglaublich spannend. Schade, dass eine Stunde so schnell um ist, ich hätte gern direkt mehr erfahren.
Aber Vorfreude ist super, also bis nächste Woche :-)


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#5

RE: SGZ 17/23 Es ist noch nicht zuende

in Die Geschichten der Woche 28.04.2023 15:49
von Doro • Federlibelle | 2.270 Beiträge | 8898 Punkte

Liebe @Carlotta Lila ,

auch ich warte gespannt auf die Fortsetzung bzw eigentlich auf das Ende. Ich will wissen, wer es denn nun war.

Diesen Teil fand ich noch spannender als die anderen, woran das genau liegt, kann ich nicht sagen. Jedenfalls hab ich mitgelitten.


LG
Doro


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