#1

MÄRCHENHAFT Der fliegende Koffer

in Archiv 11.04.2023 17:24
von -jek • Federlibelle | 686 Beiträge | 2088 Punkte

Es war einmal vor langer Zeit, als die Urgroßmütter eurer Urgroßmütter noch junge Frauen waren, da geschah es, dass es im Luftverkehr drunter und drüber ging. In den Frachthallen der ganzen Welt stapelte sich das fehl geleitete Reisegepäck zu gigantischen Haufen.
Genau eintausend und ein Frachtstück strandeten auf einem Luftkreuz in der arabischen Wüste: Koffer, Taschen, Skiausrüstungen, Surfbretter und Kinderkarren. Nach und nach wurden sie durchsortiert und ihren Besitzern wieder zugeführt. Doch das dauerte.
Nun ist aber auf der arabischen Halbinsel die Luft so voller wundersamer Erzählungen wie an keinem anderen Platz der Welt. Sie leuchten in jeder Fata Morgana, sie flüstern hinter jedem sonnenheißen Felsen der Wüste, sie rauschen im erbarmungslosen Wind, wenn er mit seinem durstigen Atem die Sandkörner wie Schafe vor sich her treibt, und sie knistern an jedem Lagerfeuer, das die Beduinen gegen die Dunkelheit und die Kälte der Nacht entfachen.
Soll es da wundern, dass die Gepäckstücke begannen, sich Märchen zu erzählen? Den Anstoß gaben drei Kinderkarren, die in einer Ecke zusammen standen und lauthals zu murren begannen.
„Bis wir hier raus sind, haben unsere Kinder längst die Schulranzen an.“
„Wenn sie nicht längst mit der Schule fertig sind!“
„Und selber Kinder haben!“
Da erwachte ein kalifornisches Surfbrett. Es hätte längst sein Ziel in Australien erreichen sollen und war genauso verdrossen wie alle anderen über die sinnlose Warterei. Doch als tapferer US-Amerikaner machte es aus jeder Situation das beste: „Hört auf zu maulen. Lasst uns lieber Geschichten erzählen, um uns die Zeit zu vertreiben! Ihr seid doch alle schon um die halbe Welt geflogen und habt bestimmt so einiges erlebt. Ich fange auch an, und zwar passender Weise mit dem schwedischen Märchen vom Fliegenden Koffer.“
„Dänißes Märchen, dänißes“, lispelte gleich neben ihm ein alter Lederkoffer mit wunderschönen Holzbeschlägen. Aber da er aus Vornehmheit und Einbildung nur ganz leise sprach, bekam das niemand mit. Den Lauten gehört die Welt, und das Brett aus dem Sonnenstaat war gewiss eines, das nur zu gerne ganz oben auf jeder Welle ritt.
Man muss zugeben, dass das Teil es wirklich drauf hatte. Spannend und anschaulich erzählte es die Geschichte vom jungen Mann, der sein ganzen Vermögen verprasste und schließlich nur noch einen geräumigen Lederkoffer besaß. In dem flog er ins Land der Türken, wo er das Herz der Königstochter gewann. Leider verbrannte am Morgen der Hochzeit der Koffer, der ihn zur Trauung transportieren sollte. So sah der unglückliche Bräutigam seine Liebste nie wieder und musste fortan als ruheloser Märchenerzähler von Stadt zu Stadt ziehen.
Als das Surfbrett geendet hatte, brauste beifälliger Jubel durch die Halle. Selbst der Lederkoffer mit den Holzbeschlägen brummte anerkennend: „Ziemlich schön erzählt!“, doch es klang wie „ßiemlich ßön erßählt“, denn die Dänen lispeln, wenn sie unsere Sprache sprechen, und dass dieser Koffer aus Dänemark stammt, das habt ihr vielleicht schon erraten.
Nun wollten alle, alle erzählen, und immer ging es ums Fliegen.
Die allerbesten Erzähler waren selbstverständlich die Araber. Geschickt woben sie ihre Geschichten zu fliegenden Teppichen, auf denen die Gedanken in die weitesten Weiten segelten, in die tiefsten Tiefen abtauchten und sich in die schwindelerregendsten Höhen empor schraubten. Tausend und eine Nacht hätten die anderen Gepäckstücke den Arabern zuhören können. Dazu kam es nicht, denn nach und nach wurde jedes Teil heraus geholt und seiner Bestimmung zugeführt.
Die wenigen, die am Ende übrig waren, hatten alle schon ihre Sagen, Geschichten und Märchen zum Besten gegeben. Nur der alte Koffer hatte nichts beigetragen, distanziert zugehört und ein paar ironische Kommentare gebrummelt.
Nachdem eine Weile Schweigen geherrscht hatte und allein der abendliche Ruf des Muezzins die Stille unterbrach, stieß schließlich das kalifornische Surfbrett den Lederkoffer an.
„He, du Brummler. Nur Zuhören gilt nicht. Du bist dran. Come on!“
Der Koffer seufzte geziert und so tief, dass sein solides Rindsleder knarrte und das Holz der Beschläge leise knackte. Er schaute sich in der leer gewordenen Halle um und begann mit arroganter Stimme zu sprechen. Damit ihr ihn besser verstehen könnt, habe ich beim Aufschreiben sein dänisches Lispeln weggelassen.
„Ihr müsst wissen, das Vorbild für den fliegenden Koffer aus dem Märchen des Kaliforniers, das bin ich. Ich bin nämlich von sehr vornehmer Herkunft: Ich war ein Geschenk des dänischen Königs Christian an den Verfasser Hans Christian Andersen.
Ein Paar österreichische Skier wippte ungeduldig mit seinen Spitzen, denn die ungewohnte Wüstenhitze hatte es reizbar gemacht.
„Welch ein Unsinn dieser Kerl da verbricht. Der fliegende Koffer ist doch abgebrannt. Wie kann er dann hier zwischen uns stehen?“
Der Koffer seufzte unwillig und wäre fast verstummt, wenn nicht das Surfbrett die Skier energisch zum Schweigen aufgefordert hätte. So nickte der Koffer seinem Nachbarn mit herablassendem Dank zu und sprach weiter.
„Nein, ich bin nicht verbrannt, und der Jüngling hätte mühelos zu seiner Königstochter gelangen können. Doch es gab keine Prinzessin, nicht im Türkenland noch sonst wo, jedenfalls keine für diesen Bräutigam. Denn der war in Wirklichkeit niemand anders als Hans Christian selbst. In vielen seiner Märchen hat er von seinem kümmerlichen Leben erzählt, in Bilder verhüllt, aber dem Kundigen offenbar.“ Der Erzählende sah selbstgefällig in die erstaunten Gesichter ringsum, bevor er fortfuhr.
„Andersen stammte aus einer verachtenswert primitiven Familie. Nur durch sein Erzähltalent konnte er an den Königshof und dort zu Ruhm und Reichtum gelangen. Alles, was ihm dann zu seinem Glück fehlte, war eine Frau, die er lieben konnte. Es sollte unbedingt eine vornehme Dame sein, bevorzugt eine Adlige. Zu schade, dass der Herr so hässlich war und von so niederer Herkunft! Nein, keines der edlen Fräulein wollte den Lügenkerl zum Gemahl.“
Der Koffer lachte meckernd und hämisch, und es war ihm völlig egal, dass er sein Publikum mit solch gemeinen Reden gegen sich aufbrachte.
„Lügenkerl!?“ Zwei hitzige E-Roller wären dem Schandmaul bestimmt ans genarbte Leder gegangen, hatte man sie nicht genau in diesem Augenblick hinausgetragen.
Der ach so vornehme Koffer sprach unbekümmert weiter.
„Zwar gab es im Schloss auch genug hübsche und liebenswerte Näherinnen, Köchinnen und Zimmermädchen, die dem Herrn schöne Augen machten, auch manche wohlhabende Kaufmannstochter tat dieses. Dem Dichter des Königs wiederum schienen sie alle nicht die standesgemäße Wahl. So wurde zwar das hässliche Entlein aus den elenden Städtchen Odense zum eingebildeten Schwan in der Hauptstadt Kopenhagen. Doch drehte es für immer einsam seine Runden. Da brauchte es keinen brennenden Koffer, eine Hochzeit zu verhindern. Dünkel und Stolz waren genug, dass er nie eine Frau fand. Was für ein Narr!“ Nach diesen Worten ließ sich ein empörter Seesack so schwer auf den Sprecher fallen, dass dem Lästermaul die Luft weg blieb.
Danach breitete sich eine nachdenkliche Stille in der Halle aus. Selbst der Wüstenwind draußen verstummte.
Schließlich räusperte sich eine Reisetasche aus buntem Segeltuch, die einem berühmten syrischen Märchenerzähler gehörte. Sie wusste bestens Bescheid über den armen Poeten Andersen und wollte zur Aufmunterung klarstellen, dass es sehr wohl zwei Romanzen in dessen Leben gegeben haben soll. Leider seien es zwei unglückliche gewesen, von denen er sich nie erholte. Die eine Person der Verehrung sei ein Jugendfreund namens Edvard Collin gewesen, die andere eine Frau namens Rieborg Voigt. Aber bevor die Tasche das Wort ergreifen konnte, wurde auch sie aus der Halle geholt.
Ja, Realität ist Realität und Klatschgeschichten sind nur Märchen, und deren Erzähler hauen ihrem geflügelten Dichterpferd Pegasus gar zu gerne die Sporen in die Flanken. Vor allem, wenn sie ein hochnäsiger Fatzke von Lederkoffer oder eine liebenswürdige junge Dame aus Segeltuch sind.


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#2

RE: MÄRCHENHAFT Der fliegende Koffer

in Archiv 11.04.2023 21:59
von Anka • Federlibelle | 750 Beiträge | 3295 Punkte

Lieber @-jek, was für eine originelle Geschichte! Sie hat mich gleich in ihren Bann gezogen, da du die arabische Atmosphäre so gut beschrieben hast. Dann die so verschiedenartigen Gepäckstücke, denen du Leben eingehaucht hast und die mich zum Schmunzeln gebracht haben. Sehr interessant fand ich die Fakten über Hans Christian Andersen und frage mich, wieviel Wahrheit da wohl drinsteckt.
Eine großartige Idee, die mir viel Freude beim Lesen bereitet hat!
LG, Anka


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#3

RE: MÄRCHENHAFT Der fliegende Koffer

in Archiv 12.04.2023 10:31
von Bree • Federlibelle | 4.181 Beiträge | 16646 Punkte

Lieber @-jek

auch ich habe mich sehr gut unterhalten gefühlt. Eine schöne Idee, vielgereiste Gepäckstücke Geschichten erzählen zu lassen, und dann auch noch in diesem märchenhaften Ambiente! Die einzelnen Charaktere hast du schön dargestellt. Das Surfbrett ist mir richtig sympathisch. (Dass ich jemals so einen Satz schreiben würde ... )

Eine Zeitlang habe auch ich mich mit dem berühmten dänischen Märchenerzähler auseinandergesetzt. Ich schrieb seinerzeit einen Kurzkrimi über Madame Rasch, die zu Andersens Lebzeiten ein Hotel am Nordermarkt betrieb. Er war dort häufig zu Gast, genau wie andere hochgestellte Persönlichkeiten. Über sein Privatleben wusste ich allerdings nicht so gut Bescheid. Diese Lücke hast du jetzt gefüllt, vielen Dank dafür, und auch für diese schöne Story!

LG
Bree


Der Kriminalschriftsteller ist eine Spinne, die die Fliege bereits hat, bevor sie das Netz um sie herum webt.
(Sir Arthur Conan Doyle)

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#4

RE: MÄRCHENHAFT Der fliegende Koffer

in Archiv 22.04.2023 21:19
von Sabrina Meinen • Federlibelle | 546 Beiträge | 1592 Punkte

Cool, wie du die Koffer eingebaut hast. Und nebenbei viele Infos über Herrn Andersen einfließen lässt. Von seiner Biografie habe ich bisher keinen Plan gehabt.


Finde den Mut für die Veränderung, die du dir wünscht,
die Kraft, es durchzuziehen
und den Glauben daran, dass sich alles zum Besten wenden wird.
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#5

RE: MÄRCHENHAFT Der fliegende Koffer

in Archiv 23.04.2023 20:07
von Carlotta Lila • Federlibelle | 2.090 Beiträge | 9151 Punkte

Lieber @-jek, was für eine reizende Geschichte, mit Inspirationen von Andersen! Der verspielte Erzählstil deines Märchens gefällt mir richtig gut und es ist wirklich eine tolle Idee, Gepäckstücke von ihren Reisen erzählen zu lassen. Ich finde es super, dass wir am Ende auch etwas über H.C. Andersen erfahren!
Viele Grüße
Carlotta Lila


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#6

RE: MÄRCHENHAFT Der fliegende Koffer

in Archiv 06.05.2023 16:09
von Chris2000 • Forums-Schmetterling | 59 Beiträge | 274 Punkte

Eine schön erzählte Geschichte.


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#7

RE: MÄRCHENHAFT Der fliegende Koffer

in Archiv 11.05.2023 11:09
von Michael Kothe • Fleißbiene / Fleißdrohne | 137 Beiträge | 203 Punkte

Hallo, @-jek,

eben erst habe ich Dein Märchen entdeckt. Am meisten hat mich das Setting begeistert mit seinem Sammelsurium an Gepäckstücken aus aller Welt, denen Du gekonnt Leben einhauchst. Über den Gegensatz zwischen der weit zurückliegenden Vergangenheit im Orient (Urgroßmütter ...) und dem aktuellen Luftfahrtdrehkreuz musset ich ebenfalls schmunzeln. Und für die kurze Biographie des dänißen Märchenerzählers bin ich Dir dankbar.

LG. Michael


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#8

RE: MÄRCHENHAFT Der fliegende Koffer

in Archiv 12.05.2023 17:43
von moriazwo • Federlibelle | 306 Beiträge | 1109 Punkte

@-jek
Ich glaube, ich habe in irgendeinem Kommentar zu einem anderen Beitrag geschrieben, Märchen wären nicht mein Ding. Das ist auch so. Trotzdem hat mich die Geschichte hineingezogen und ich musste sie unbedingt bis zum Ende lesen. Sie ist richtig gut geworden und ich pflichte @Sabrina Meinen bei, bisher keinen blassen Schimmer von der Biografie Christian Andersens zu haben.
Das Einzige, was nicht so ganz passt, ist der allererste Satz:

Zitat
"Es war einmal vor langer Zeit, als die Urgroßmütter eurer Urgroßmütter noch junge Frauen waren, da geschah es, dass es im Luftverkehr drunter und drüber ging. In den Frachthallen der ganzen Welt stapelte sich das fehl geleitete Reisegepäck zu gigantischen Haufen."


Da später kalifornische Surfbretter und sogar ein E-Roller in der Geschichte mitmischen, dürfte das beschriebene Ereignis nicht ganz so weit in der Vergangenheit zu suchen sein.
Aber hey, es ist ein Märchen. Solche Geschichten sind nicht gerade bekannt dafür, historisch und politisch korrekt zu sein.
Ein Klasse-Beitrag!


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#9

RE: MÄRCHENHAFT Der fliegende Koffer

in Archiv 30.05.2023 22:38
von Jana88 • Federlibelle | 537 Beiträge | 1242 Punkte

Oh, die haben ja alle so passend erzählt, da fühlte man sich gleich in ihre Heimat versetzt.
Du hast die Stimmung im Gepäckraum gut eingefangen und die Koffer und Taschen sind alle so toll unterschiedlich.

Eine richtig schöne Geschichte.


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Am Ende wird alles gut. Wenn es nicht gut wird, ist es noch nicht das Ende *Oscar Wilde
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#10

RE: MÄRCHENHAFT Der fliegende Koffer

in Archiv 11.06.2023 07:36
von Doro • Federlibelle | 2.265 Beiträge | 8880 Punkte

Lieber @-jek ,

es wurde bereits alles gesagt bzw geschrieben, darum nur ganz kurz: ein schönes Märchen.

Außerdem mag ich es, wenn mich Geschichten animieren, darüber nachzulesen. H.C. Andersen war mir natürlich ein Begriff, aber ansonsten wusste ich nichts von ihm. Inzwischen habe ich ein bisschen gegoogelt und auch das Märchen "Der fliegende Koffer" gelesen. Danke für die Anregung.

LG
Doro


Gib jedem Tag die Chance, der schönste deines Lebens zu werden. (Mark Twain)
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