#1

SGZ 9/2023 Der Vater

in Die Geschichten der Woche 01.03.2023 11:38
von Yggdrasil • Federlibelle | 1.141 Beiträge | 2922 Punkte

Der Vater

Martin wohnt in einem Haus, unweit des Kanals. Das Gelände bei und vor allem unter der stählernen Konstruktion war das Abenteuer-Revier von ihm und seinen Kumpels. Sie alle hatten davon geträumt, einmal auf die Brücke zu klettern, bis zum höchsten Punkt und von da aus über ihr Territorium zu blicken, wie ein echter Herrscher! Aber keiner hatte sich getraut, mehr als nur ein, zwei Meter zu bewältigen.
Auch Martin hatte es versucht, damals vor mehr als 20 Jahren. Aber sein Vater hatte ihn entdeckt. Für seinen Versuch bezog er eine Tracht Prügel vom Vater, seine Mutter bedeckte ihn zum Trost mit Küssen.
Nun, als gestandener Mann von 31 Jahren unternimmt er einen neuen Versuch. Er will die Angst überwinden, so wie er es in Managementseminaren gelernt hat. Nur: Er will es allein machen, ohne Zuschauer, ohne Personal-Trainer. Er muss bis an den Rand seines Mutes gehen, ohne übermütig zu werden. Das zu schaffen, so glaubt er, ist er sich schuldig. Und er will es sich und auch seinem Vater zeigen, nachträglich.

Die mächtige Eisenkonstruktion, mehr als hundert Jahre alt, sieht aus der Ferne massiv, schwer und unüberwindbar aus. Jetzt in der Dunkelheit des Herbstabends wirkt sie noch wuchtiger. Trotzdem hat ihre Form etwas Vollendetes. In einem weiten, eleganten Bogen überspannt sie den mehr als einhundert Meter breiten Kanal. Die Eisenbahntrasse, die sie tragen soll, liegt in einer Höhe von etwa vierzig Metern. Er wird die Böschung erklimmen, um zu den Schienen zu gelangen. Von dort wird er auf das Geländer klettern und die restlichen zwanzig Höhenmeter bis zum Zenit der Brücke in Angriff nehmen.
Allein der Anstieg über die Böschung kostet ihm als untrainierten Büromenschen viel Kraft. Unterwegs muss er zweimal halten und verschnaufen. Er sollte regelmäßig Sport treiben! Martin klettert weiter, muss die Hände zu Hilfe nehmen, um sich zu halten. Dann ist oben, auf der Bahntrasse. Keuchend nimmt die letzten Schritte und erreicht den Ansatz des Brückengeländers. Er setzt sich auf den kalten Stahl und schaut über die ausgedehnten Hafen- und Schleusenanlagen. Eine große Fähre zieht unter ihm vorbei, Richtung Skandinavien. Schemenhafte Umrisse, aber viele Lichter, die sich im Wasser spiegeln. Autos, die sich über die benachbarte Spur der Bundesstraße schieben. Links dann das Lichtermeer der Trabantenstadt.

Ein leichtes Vibrieren des Stahls, auf dem er sich nieder gesetzt hat, holt ihn aus seiner Gedankenwelt. Dann hört er ein herannahendes Geräusch, das immer stärker wird und in einem Dröhnen mündet. In gleichem Maße nimmt das Vibrieren zu. Dann wird er von Windstößen erfasst, die ihn fast vor den vorbei donnernden Zug gerissen hätten.
Langsam beruhigt sich sein Puls, der bei der Vorbeifahrt des Zuges in die Höhe geschnellt war. Eine Adrenalinausschüttung erfolgt und lässt seinen erkalteten Körper mit Wärme durchfluten.

„Jetzt aber! Los geht es!“ animiert er sich selbst und wendet sich dem Metall zu. Er holt tief Luft und steigt auf das Geländer. Vorsichtig richtet er sich auf und sucht festen Halt. Durch die Sohlen seiner Laufschuhe spürt er die eisernen Nieten, die wir Knöpfe die eisernen Träger übersäen. Wieder atmet er tief ein und macht den ersten Schritt vorwärts, aufwärts. Na also, es geht doch! Weitere zwei Schritte bringen ihn nach vorne. Schon spürt er eine gewisse Höhe und die Krümmung, die sich verändert. Noch zwei, schon zaghaftere Schritte bringen ihn weiter, höher. Ein zwar leichter aber doch hartnäckiger Wind erfasst ihn, macht ihn unsicher. Der Seewind, vielleicht auch ein Aufwind, macht sich deutlich bemerkbar. Er tut das, was er nicht darf: Ein Blick nach unter versetzt ihm einen derartigen Schrecken, dass er auf die Knie sank, sich bäuchlings auf dem kalten Stahl niederlässt. Er wartet, bis der Schreck sich gelegt hat, hebt den Kopf und schaut nach vorne, nach oben, dem Ziel entgegen. Der Blick ist nicht mehr so bedrohlich wie eben, aus dem Stand, aber bis zum Ziel ist es aus dieser Bodenperspektive noch ein weiter Weg.
Nun bewegt er sich also in der Bauchlage weiter und umklammert mit den Fingern die Seiten der Stahlträger. Er erfühlt mit den Füßen die Ränder seines stählernen Weges, spürt die Nieten am ganzen Körper. Ein Hindernis liegt plötzlich vor ihm. Eine Querstrebe über den Eisenträger, in ganzer Breite und etwa fünf Zentimeter hoch. Was ist das? Eine Schweißnaht? Ja, eine deutliche Schweißnaht an der Verbindungsstelle von zwei Segmenten der Brückenkonstruktion. Langsam schiebt er sich über das Hindernis. So klein es auch ist, es treibt ihm wieder den Schweiß auf die Stirn.

Er bewegt sich weitere zehn Zentimeter vor. Der kalte Stahl, nass von der Abendfeuchtigkeit, kühlt seinen Körper aus. Trotzdem ist er schweißnass vor Anstrengung. Oder vor Angst? Nein, Angst wovor? Er ist doch schon sehr weit gekommen, kurz vor dem höchsten Punkt, dem Zenit, von dem ihn höchstens noch fünf Meter trennen. Dann wird er oben sein, das geschafft haben, wovon er seit seiner Kindheit träumt! Nochmals setzt er an, kriecht sich weiter vor, und nochmals, und nochmals. Wieder hält er inne, schaut nach vorn, dort, wo das Ziel liegt. Zurück schauen darf er nicht, vor allem nicht nach unten. Noch zwei Meter. Er überwindet sich, robbt wieder vor, hält inne, ruht sich aus, lockert die Muskeln, versucht, sich zu entkrampfen. Dann wieder weiter, einmal, zweimal, jeweils nur ein Stückchen. Langsam merkt er, wie die Krümmung des Stahls nachlässt, wie er kaum mehr höher, nur noch vorwärts kommt. Die Angst schwindet, die Freude wächst ins Unermessliche. Ein unglaubliches Glücksgefühl durchströmt ihn. Bald, bald ist er oben. Zum letzten Mal setzt er an, und: Geschafft!
Er ließ die Stirn auf den kalten Stahl sinken, schließt die Augen und genießt den Augenblick. Er hat einen Sieg errungen, über sich selbst und über seinen Vater. Nun kann er auf seinem Weg wieder zurück.

Zurück? Wie soll er das machen? Er kann ja nicht nach hinten sehen, sich nicht orientieren! Er wird den Halt verlieren, stürzen, sterben!
Ah, die Lösung: Vorwärts, einfach weiter, dem Bogen folgen, er würde unten ankommen. Er rückt vor, einmal, zweimal, dreimal. Was ist das? Er kommt zwar schnell vorwärts, schneller als vorher aufwärts, aber es schiebt und drückt ihn nach vorne, das Eigengewicht macht sich bemerkbar. Und noch ist das Gefälle schwach, es wird aber stärker werden, mit jedem Meter. Und dann? Panik steigt in ihm auf, als er die Folgen erkennt, das Gewicht wird sich stärker bemerkbar machen, je weiter er nach unten kommt. Auch hier wird er stürzen, sterben ….

Vaaaaaater!


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#2

RE: SGZ 9/2023 Der Vater

in Die Geschichten der Woche 03.03.2023 17:07
von Gini • Federlibelle | 1.765 Beiträge | 3609 Punkte

@Yggdrasil was für eine spannende Story. Ich glaube, dass Mutproben schon immer ein Thema war. Leider aber oft für Jugendliche.
Wodurch dann einige auch den Tod finden. Dein Prota war erwachsen. Trotzdem wollte er wohl für sich selbst und seinem Vater, ich weiß nicht, ob sein Vater noch lebt, etwas beweisen. Aber leider ging das schief. Sehr tragisch.
Eine kleine Erbse:

Zitat von Yggdrasil im Beitrag #1
Durch die Sohlen seiner Laufschuhe spürt er die eisernen Nieten, die wir Knöpfe die eisernen Träger übersäen.


Gedanken sind nicht stets parat,/ Man schreibt auch, wenn man keine hat.

Wilhelm Busch (1832-1908)
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#3

RE: SGZ 9/2023 Der Vater

in Die Geschichten der Woche 03.03.2023 22:37
von Carlotta Lila • Federlibelle | 2.098 Beiträge | 9179 Punkte

@Yggdrasil : sehr spannend, man ahnt schon irgendwie das Ende ... schwächlicher Büromensch. Rauf schafft er es, aber runter nicht. Dies ist eine reale Brücke. Aber wie viele Menschen sind ehrgeizig, bis zum Wahnsinn, bis zum Burnout, nur weil sie ihren Eltern was beweisen wollen!
Kleine subjektive Erbse: Ich finde das Wort "Adrenalinausschüttung" zu lang und zu umständlich.
Sonst: Runde Story, gerne gelesen!
LG
Carlotta Lila


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#4

RE: SGZ 9/2023 Der Vater

in Die Geschichten der Woche 04.03.2023 11:20
von Bree • Federlibelle | 4.187 Beiträge | 16674 Punkte

Lieber @Yggdrasil

bei dem Wort "Brücke" dachte ich zunächst an eine 'normale' Brücke, also eine mit Geländer, die dafür da ist, dass man sie überquert.
Aber da lag ich falsch. Diese Brücke dient nicht dazu, dass man auf ihr sicher ein Gewässer überqueren kann, sondern ist eine echte Gefahr. Und Martin will sich dieser Gefahr stellen - ohne jedoch an die Konsequenzen zu denken, was sich später rächt.
Du hast diese Story sehr spannend und bildlich dargestellt, ich habe mit Martin gefiebert, ob er es schafft.
Und ja, er konnte seine Angst überwinden, das Erlebnis von einst zu einem - vorläufigen - guten Ende führen. Aber dann die Erkenntnis: Nach unten ist es noch gefährlicher.
Ein prima Twist, aber ein furchtbares Ende für Martin.

Prima gemacht!
Zwei Kleinigkeiten:
Erstens

Zitat von Yggdrasil im Beitrag #1
Dann ist oben, auf der Bahntrasse. Keuchend nimmt die letzten Schritte

Hier hast du 2 x das Wörtchen 'er' vergessen.
Zweitens bist du mindestens zweimal in der Zeit verrutscht. Aber beides ist nur wesentlich, wenn du die Story nochmal brauchen solltest.

LG
Bree


Der Kriminalschriftsteller ist eine Spinne, die die Fliege bereits hat, bevor sie das Netz um sie herum webt.
(Sir Arthur Conan Doyle)

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#5

RE: SGZ 9/2023 Der Vater

in Die Geschichten der Woche 04.03.2023 16:28
von Yggdrasil • Federlibelle | 1.141 Beiträge | 2922 Punkte

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#6

RE: SGZ 9/2023 Der Vater

in Die Geschichten der Woche 04.03.2023 17:07
von Yggdrasil • Federlibelle | 1.141 Beiträge | 2922 Punkte
zuletzt bearbeitet 04.03.2023 17:08 | nach oben springen

#7

RE: SGZ 9/2023 Der Vater

in Die Geschichten der Woche 04.03.2023 18:42
von Doro • Federlibelle | 2.270 Beiträge | 8898 Punkte

Hallo @Yggdrasil ,

ich hab mir das Foto angeschaut. Da wird mir schon beim Hinsehen ganz anders. Nie im Leben würde ich da hinaufklettern.

Deine Geschichte ist spannend geschrieben und ich hoffe, er kommt heil runter. Vielleicht wird er gerettet. Wie die Katzen, die zwar auf den Baum rauf, aber nicht mehr runter kommen.

LG
Doro


Gib jedem Tag die Chance, der schönste deines Lebens zu werden. (Mark Twain)
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#8

RE: SGZ 9/2023 Der Vater

in Die Geschichten der Woche 04.03.2023 21:35
von Sabrina Meinen • Federlibelle | 546 Beiträge | 1592 Punkte

@Yggdrasil : Deine Geschichte erinnert mich daran, wie ich die Zugspitze erklommen habe. Als ich auf dem Gipfel war, stand für mich fest, der Weg nach unten geht nur über die Seilbahn. Ich war zu erschöpft. Außerdem wollte ich weder eine Zerrung noch eine andere Verletzung riskieren. Ich hatte damals meine Ausbildung abgeschlossen und wollte ins Berufsleben starten. Da macht sich ein Kletterunfall ganz schlecht. War schon gewagt überhaupt hoch zu gehen.
Ich habe mich ein ganzes Stück in deiner Geschichte wieder entdeckt. Auch in dem Punkt es anderen zu zeigen.


Finde den Mut für die Veränderung, die du dir wünscht,
die Kraft, es durchzuziehen
und den Glauben daran, dass sich alles zum Besten wenden wird.
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#9

RE: SGZ 9/2023 Der Vater

in Die Geschichten der Woche 05.03.2023 07:42
von Ylvie Wolf • Federlibelle | 126 Beiträge | 654 Punkte

Moin,
Eine spannende Geschichte mit noch offenem Ende, hab ich gern gelesen.
Die kleinen Tippfehler haben die anderen ja schon genannt, sonst ist mir nichts größeres aufgefallen. Inhaltlich haben mir besonders die Details der Brücke gefallen - nicht, weil ich so gerne Brücken mag, sondern weil es den Charakter der Figur widerspiegelt. Und seine Nervosität unterstreicht.

Liebe Grüße
Ylvie


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#10

RE: SGZ 9/2023 Der Vater

in Die Geschichten der Woche 05.03.2023 11:53
von -jek • Federlibelle | 686 Beiträge | 2088 Punkte

Das war heftig. Ich kenne die präzise beschliebenen Panikattacken vom dienstlichen Klettern auf Baukränen, und Ich konnte kaum weiterlesen. Als Brücke hatte ich mir allerdings sich eine Gitterkonstruktion mit vielen Streben vorgestellt.
Ansonsten ging es mir wie @Sabrina Meinen: Ich erinnerte mich an ein Abentuer, dass ich abbrechen musste: Die Steilküste von Möns Klint diretissima hochklettern (war und ist verboten, glaube ich), und nach 98 Metern aiuf die letzten zwei verzichten und den Rückwärtsgang einlegen.


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Wenn du Schreibregeln beherrscht, ist das gut. Wenn sie dich beherrschen, ist das schlecht.
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