#1

SGZ 3/23 Jan und die "Kleine Glocke"

in Die Geschichten der Woche 19.01.2023 10:42
von Yggdrasil • Federlibelle | 1.110 Beiträge | 2873 Punkte

Jan und die „Kleine Glocke“

Es war immer wieder spannend, wenn Familienbesuch kam. Nicht nur, dass es viele Geschichten zu hören gab, die manchmal nicht für die Ohren von fünfjährigen Jungs bestimmt waren, es gab auch jede Menge Süßigkeiten oder ein paar Münzen. Hin und wieder gelang es Jan, noch ein paar Groschen mehr zu erbetteln. Besonders bei Onkel Alfred klappte es. Das Geld kam in die Spardose, die Naschsachen teilte er sich über eine Woche oder länger gut ein.
Wenn Onkel Alfred sich mit Jans Vater an den Schachtisch setzte, um ein Partie zu spielen, wie sie es nannten, saß er oft auf Onkels Schoß und durfte die geschlagenen Figuren sortieren.

Inzwischen war Jan dreizehn geworden und beherrschte selbst das Schachspiel. Auch seinen Onkel, der ihm mittlerweile fremd geworden war, hatte er vor ein paar Jahren im Spiel besiegt. Aber der war schon lange nicht mehr zu Besuch gekommen, er sei viel im Ausland unterwegs, hieß es.

Hin und wieder litt Jan unter Albträumen. Laut hatte er im Schlaf um Hilfe gerufen, bevor er schweißgebadet aufgewacht war und sich im Bett aufgesetzt hatte. Nur zu deutlich erinnerte er sich an die große Gestalt im langen, schwarzen Ledermantel. Sie hatte einen Schlapphut getragen. Das Gesicht war von einer großen Sonnenbrille verdeckt gewesen, ein Halstuch hatte Kinn und Mund verborgen. Der Mann hatte Jan verfolgt, ein ganzes Stück auf dem grünen, dicht bewachsenen Feldweg. Aber zu guter Letzt war es Jan gelungen, zu entkommen. Sein eigener Schrei hatte ihn geweckt.
Dann nur wenige Wochen später, war es der gleiche Traum gewesen, aber diesmal hatte der Unheimliche ihn in einem Kornfeld erwischt, ihn gepackt und Jan war von dem flatternden Ledermantel eingehüllt worden. Es war ihm nicht gelungen zu entkommen, und auch dieses Mal erwachte er schweißnass.

Wieder fand ein Familientreffen mit den Onkeln und Tanten statt. Onkel Alfred sei überraschend nach langer Zeit aus dem Ausland zurückgekehrt, und das müsse doch gefeiert werden, hieß es in der Familie.
„Du siehst so blass aus, mein Junge, was ist mit dir. Bist du nicht gesund?“ Onkel Alfred, sah Jan mitfühlend an. Jan zögerte. „Ach, ich habe schlechte Träume, das ist alles.“
„Na, wenn die Träume so schlecht sind, dass du davon krank wirst, dann ist das schon ein Problem. Ein großes sogar. Wir sollten darüber reden.“
Aber Jan sträubte sich. „Nein, das möchte ich nicht. Es ist doch etwas kindisch, und ich bin kein kleines Kind mehr.“
„Nun komm schon, das klären wir in einem Männergespräch.“ Onkel Alfred stand auf und zog Jan mit sich. „Draußen im Garten, dort hört niemand zu.“
Erst widerwillig, aber dann doch erleichtert, folgte Jan. So konnte er sich einmal aussprechen. Der Onkel konnte gut zuhören. Er fragte nicht nach, wiegte seinen Kopf. Dann meinte er: „Hör zu, ich erinnere mich ganz genau an solche Träume. Ich hatte ähnliche als ich in deinem Alter war. Das gibt sich bald, und dann hast du sie vergessen. Und glaube mir, dann träumst du von ganz anderen Sachen …“.
Er zwinkerte Jan zu.
„Wenn du meinst Onkel, aber …“.
„Nichts aber, so etwas hängt man nicht an die große Glocke, verstehst du?“
„Hmm, ja, wenn du meinst“, wiederholte Jan.
„Gut dann gehen wir wieder hinein. Man wird uns schon vermissen.“

Nicht an die „große Glocke“, hatte der Onkel gesagt. Zu gern hätte er aber mit jemanden darüber gesprochen. Ob er es dann an die „kleine Glocke“ hängen konnte?
Jan lächelte. Nur er nannte sie die Kleine Glocke. Seine hübsche Lehrerin. Natürlich war Fräulein Gessner älter als er, aber warum nicht? Lange dunkle Haare, hochgesteckt zu einem kunstvollen Geflecht. Und am schlanken Hals immer die silberne Kette mit dem kleinen Glöckchen. Manchmal bimmelte es leise, wenn die Lehrerin durch die Klasse ging. Und Jan glaubte fest, dass das Glöckchen immer nur dann anschlug, wenn Fräulein Gessner an seinem Platz vorbei ging.
Ob er mit ihr über seine Träume reden konnte?

Ganz plötzlich ergab sich die Gelegenheit. Fräulein Gessner hatte ihn gebeten, nach der Stunde kurz zu ihr an den Pult zu kommen, sie wolle noch einmal seinen Aufsatz besprechen. Und im Anschluss ergriff Jan die Gelegenheit. „Fräulein Gessner, kann ich auch mit Ihnen reden? Da sind solche Träume …“.
Und Fräulein Gessner hatte Zeit und hörte zu, ohne Jan zu unterbrechen. Ihr Gesicht wurde immer ernster und sie schaute zur Seite, um es vor Jan zu verbergen.
„Das ist sehr schön, dass du mir von deinen geheimen Träumen erzählt hast. Und natürlich kann ich mitfühlen und erkenne, dass sie für dich ein Problem sind.“
„Und? Was raten Sie mir?“
Die Lehrerin zögerte kurz und erwiderte dann: „Wenn der Traum wiederkommt – und er wird kommen – reißt du dem Mann die Sonnenbrille von den Augen und auch das Tuch. Dann wirst du erkennen, wer sich so verbirgt. Danach reden wir weiter. In Ordnung?“
Jan sah sie zweifelnd an. „Im Traum die Brille wegnehmen? Geht das?“
„Du wirst sehen, es geht!“

Ein paar Wochen später, Jan hatte das Gespräch mit Fräulein Gessner längst vergessen, war der Traum wieder da. Der gleiche Feldweg, die gleich Stelle. Der Mann war auf Jan zugegangen, hatte ihn zugewunken. Diesmal war Jan stehen geblieben, obwohl er große Angst hatte. Nun war der Unheimliche nur wenige Meter von ihm entfernt, Jan wollte davonlaufen, aber obwohl er vor Angst zitterte, blieb er stehen. Dann, mit einer plötzlichen Bewegung, sprang er vor und entriss dem Fremden Brille und Tuch.
Im gleichen Moment, in dem Jan das Gesicht von Onkel Alfred erkannte, verblasste es und Jan erwachte. Er versuchte, sich an den Traum zu erinnern, aber er war bereits verschwunden.


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#2

RE: SGZ 3/23 Jan und die "Kleine Glocke"

in Die Geschichten der Woche 19.01.2023 16:46
von Gini • Federlibelle | 1.759 Beiträge | 3580 Punkte

@Yggdrasil krasse Geschichte. In dem Moment, als ich las, dass Jan auf dem Schoß von Alfred saß als kleiner Junge,
kam mir der Verdacht. Wer weiß, was er noch alles mit dem Jungen angestellt hat.
Der Aufenthalt im Ausland, war wohl eher im Gefängnis. Man kann nur hoffen, dass Kinder dieses Trauma überwinden können.
Was ich sehr bezweifle. Ich denke, so ein Erlebnis wird ihnen ein Leben lang nachhängen.
Du hast es sehr intensiv beschrieben, ohne Details aufzuzeigen. Sehr berührend.
Ich verstehe nur nicht, warum Jans Familie immer noch Kontakt mit diesem Monster hat.


Gedanken sind nicht stets parat,/ Man schreibt auch, wenn man keine hat.

Wilhelm Busch (1832-1908)
zuletzt bearbeitet 19.01.2023 16:47 | nach oben springen

#3

RE: SGZ 3/23 Jan und die "Kleine Glocke"

in Die Geschichten der Woche 19.01.2023 17:44
von Doro • Federlibelle | 2.229 Beiträge | 8764 Punkte

Lieber @Yggdrasil ,

eine Geschichte, die viel Raum für Spekulationen lässt. Wie z.B. war das nur ein gewöhnlicher Albtraum oder hat Onkel Alfred seinen Neffen missbraucht? War der Auslandsaufenthalt wirklich im Ausland oder im Gefängnis oder einer Klinik? Wenn der Onkel den Neffen wirklich missbraucht hat, warum wird er dann zu Familienfesten eingeladen?

Eine kleine Erbse:

Zitat von Yggdrasil im Beitrag #1
Onkel Alfred, sah Jan mitfühlend an.
Das Komma muss weg.


Zitat von Gini im Beitrag #2
In dem Moment, als ich las, dass Jan auf dem Schoß von Alfred saß als kleiner Junge,
kam mir der Verdacht. Wer weiß, was er noch alles mit dem Jungen angestellt hat.
Ist das nicht traurig, @Gini , dass man sofort an was Schlimmes denkt? [/quote]
LG
Doro


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#4

RE: SGZ 3/23 Jan und die "Kleine Glocke"

in Die Geschichten der Woche 19.01.2023 23:24
von Carlotta Lila • Federlibelle | 2.070 Beiträge | 9039 Punkte

Hallo @Yggdrasil, du hast eine Geschichte geschrieben, bei der man äber alles mögliche spekulieren kann.
Dein Stil ist sehr interessant. Du verrätst nicht allzuviel, der Leser muss raten.
LG
Carlotta Lila


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#5

RE: SGZ 3/23 Jan und die "Kleine Glocke"

in Die Geschichten der Woche 20.01.2023 11:44
von Jana88 • Federlibelle | 537 Beiträge | 1240 Punkte

Ich mag die geheimnissvolle Schreibweise, in der du häufig deine Geschichten gestaltest. Man muss einfach darüber nachdenken, was der Hintergrund von allem ist. Und es gibt mehrere Möglichkeiten.
Toll geschrieben.


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Am Ende wird alles gut. Wenn es nicht gut wird, ist es noch nicht das Ende *Oscar Wilde
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#6

RE: SGZ 3/23 Jan und die "Kleine Glocke"

in Die Geschichten der Woche 20.01.2023 12:43
von Bree • Federlibelle | 4.115 Beiträge | 16399 Punkte

Lieber @Yggdrasil

wie die anderen bereits erwähnten, gibt es in deiner Geschichte viel Raum für Spekulationen. Solche Träume haben ja meist eine recht reale Ursache. Thema und Idee gefallen mir sehr gut, auch die Lehrerin und ihr Vorschlag sind super.

Apropos Vorschlag.
Falls du die Story noch einmal nutzen möchtest, hätte ich ein paar Tipps, wie du sie aufbauen könntest.

Wie wäre es, wenn du direkt mit dem Traum einsteigst. Sehr gut - schon wegen der unvermeidlichen Rückblende - wäre es, wenn du die Geschichte im Präsens schreibst. Dann sparst du die die "Hatte"-Stellen.
1. Jan wacht auf, erinnert sich an den Traum. Möglicherweise starten diese, nachdem Jan erfahren hat, dass eine Familienfeier geplant ist und auch Onkel Alfred kommen wird, der ja jahrelang "im Ausland" war. Dass da ein Zusammenhang besteht, muss Jan aber noch nicht hier klarwerden.
2. Das Wiedersehen mit dem Onkel ruft die Erinnerung an die Begegnungen in der Kinderzeit wach. Das könnte das Unbehagen, als Alfred mit ihm allein sprechen will, noch steigern.
3. Anschließend das Gespräch mit der Lehrerin.
4. Der Traum, in dem Jan die Ratschläge seiner Lehrerin umsetzt und erfährt, wer der geheimnisvolle Mann ist.
5. Zum Schluss könnte man noch eventuelle Konsequenzen andeuten. Was wird Jan tun, wenn ihm klar wird, dass damals, als er noch klein war, irgendwas geschehen sein muss, dass ihm erst jetzt klar wird? Alles auf sich beruhen lassen? Sich seinen Eltern bzw. der Lehrerin anvertrauen? Oder - das wäre natürlich auch spannend - versuchen, den Onkel zu überführen, damit der seine gerechte Strafe bekommt? Alles ist möglich.

Da ja Onkel Alfred die einzige Realperson ist, die in Frage kommt, war meine Überraschung gering, als sich herausstellte, dass er derjenige welche ist. Aber dadurch wird der Verdacht, der sich langsam aufbaut, bestätigt.

Tolle Story!

LG
Bree


Der Kriminalschriftsteller ist eine Spinne, die die Fliege bereits hat, bevor sie das Netz um sie herum webt.
(Sir Arthur Conan Doyle)

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#7

RE: SGZ 3/23 Jan und die "Kleine Glocke"

in Die Geschichten der Woche 20.01.2023 13:42
von Yggdrasil • Federlibelle | 1.110 Beiträge | 2873 Punkte

@Gini Danke - und ja, der Verdacht fällt natürlich sofort auf Onkel Alfred. Aber war er es wirklich? Das geht ganz bewusst nicht aus meinem Text hervor.


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#8

RE: SGZ 3/23 Jan und die "Kleine Glocke"

in Die Geschichten der Woche 20.01.2023 13:43
von Yggdrasil • Federlibelle | 1.110 Beiträge | 2873 Punkte

@Doro Genau, Du hast es erfasst. Aber wir erwischen uns leicht (wie Du erkannt hast) bei latenten Vorurteilen. Unschön, aber es ist so. Da geht viel gut gemeinte Zuneigung verloren.


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#9

RE: SGZ 3/23 Jan und die "Kleine Glocke"

in Die Geschichten der Woche 20.01.2023 13:43
von Yggdrasil • Federlibelle | 1.110 Beiträge | 2873 Punkte

@Jana88 Danke Dir, ich mag das auch.


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#10

RE: SGZ 3/23 Jan und die "Kleine Glocke"

in Die Geschichten der Woche 20.01.2023 13:46
von Yggdrasil • Federlibelle | 1.110 Beiträge | 2873 Punkte

@Bree Danke auch Dir für Deine Rückmeldung. Dir besonders für Deine Vorschläge für eine Fortentwicklung. Das mache ich immer dann, wenn mir eine entsprechende Anthologie-Ausschreibung über den Weg läuft.
So gemacht mit meiner "Gräfin Esterhazy" und "Shoona die letzte Schamanin". Bei beiden warte ich noch auf das Ausschreibungsergebnis.


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