#1

SGZ 36 - Ein Freund, ein guter Freund ...

in Die Geschichten der Woche 04.09.2022 13:10
von Bree • Federlibelle | 4.190 Beiträge | 16683 Punkte

Natalie beißt auf ihrem Daumennagel herum. Welcher Teufel hat sie geritten? ‚Ich liebe es, zu kochen‘, hat sie behauptet. Dabei brennen ihr sogar die Spiegeleier an. Ratlos steht sie nun im Supermarkt und überlegt, was sie zubereiten soll. Es muss Eindruck machen, aber darf nicht zu schwierig sein.
Sie zieht ihr Smartphone heraus und ruft Piet an. Vielleicht kann er ihr helfen, schließlich arbeitet er in einem Restaurant.
„Na, Schnecke, was gibt’s?“, fragt er.
„Du musst mir helfen“, sagt sie ohne Umschweife, aber mit gedämpfter Stimme. Schließlich ist es nicht nötig, dass die anderen Supermarktkunden ihren Hilferuf mithören. „Ich habe Jonathan zum Essen eingeladen.“
„In ein Restaurant? Wollt ihr zu uns ins ‚Vivida‘ kommen und ich soll dir einen Tisch reservieren?“
Natalie schüttelt den Kopf, obwohl Piet das nicht sehen kann. „Nee, ich hab behauptet, ich könne kochen, und hab ihn zu mir eingeladen. Um halb acht steht er vor meiner Tür.“
Stille. Dann beginnt Piet laut zu lachen. Natalie runzelt die Stirn. „Das ist nicht witzig!“
„Und ob das witzig ist“, widerspricht Piet, noch immer lachend. „Du kriegst doch kaum Dosenravioli warm.“
Sie mag ihren Kumpel, doch manchmal ist seine Direktheit ein bisschen zu viel für Natalie. Zum Beispiel jetzt. „Hilf mir!“, fleht sie. „Was kann ich kochen, das schwer aussieht, aber einfach ist? Du kennst dich doch aus.“
„Weil ich in unserem Lokal das Bier zapfe? Klar, ich bin Profi.“ Piet hat zu Lachen aufgehört. „Also, Steak würde ich an deiner Stelle nicht nehmen, du würdest ihm glatt Schuhsohlen servieren.“
Natalie beißt sich auf die Zunge und schweigt.
„Geflügel lieber auch nicht. Wenn du das zu roh auf den Teller bringst, wird dein Schwarm womöglich krank.“
„Wie wäre es mit einem Auflauf?“, fragt sie kleinlaut.
„Am besten mit Hack“, stimmt Piet zu. „Ein Nudelauflauf ist vermutlich machbar. Such dir ein einfaches Rezept bei Google raus. Du, ich muss jetzt los, die Arbeit ruft. Ich melde ich morgen bei dir. Schließlich will ich wissen, wie die Geschichte ausgeht.“ Er kichert schon wieder.
Natalie schnaubt. „Idiot. Aber danke trotzdem.“ Sie schneidet ihm das Lachen ab, indem sie die rote Taste drückt. Anschließend ruft sie einfache Auflauf-Rezepte bei Google auf und findet tatsächlich eines, das ihr zusagt. Einigermaßen selbstsicher beginnt sie, die Zutaten in den Einkaufswagen zu legen.

Um halb drei steht sie in der Küche und beginnt mit der Zubereitung, denn sie will einen Probelauf starten, um nachher nicht völlig zu versagen. Knoblauch und Zwiebeln würfeln, Dosentomaten pürieren, Gewürze und Kräuter zugeben … Ihr steht der Schweiß auf der Stirn. Sie kann einfach nicht nachvollziehen, dass es Menschen gibt, die sich diesen Horror gern antun. Ob Jonathan wohl gern kocht? Sie hat ihn noch nicht gefragt. Oh Gott, nachher ist er ein verkappter Paul Bocuse! Bei der Vorstellung rinnt der Schweiß noch schneller. Welche Auflaufform nimmt sie am besten? Die große oder lieber zwei kleine? Sie entscheidet sich für die beiden kleineren. Das Hackfleisch muss erst angebraten werden. Auf hoher Flamme, steht in dem Rezept. Bald zischt, qualmt und riecht es in ihrer Mini-Küche wie irre. Unsicher schiebt Natalie die Fleischbröckchen in der Pfanne hin und her, aus Angst, dass sie sich in Kohle verwandeln.
Das Nudelwasser kocht. Rasch kippt sie eine Packung Penne hinein. Soll die Tomatensauce so doll blubbern? Ängstlich dreht sie die Temperatur runter und rührt in der Sauce. Oh, verdammt, das Fleisch verkohlt! Wieso tut sie sich diesen Stress an? Ja, Jonathan ist ein charmanter, gutaussehender Mann, der Humor und obendrein einen guten Job besitzt. Ein Traumtyp mit schickem Wagen. Sie kennt ihn seit drei Wochen und hat noch keinen Fehler an ihm finden können. Natalies Hoffnung ist, dass heute die Nacht der Nächte ist, denn bisher ist zwischen ihnen noch nichts gelaufen. Sie haben sich ein paarmal gut unterhalten, seine Blicke signalisierten Interesse, doch körperlich … Sie muss unbedingt noch duschen, ehe er kommt. Am besten, wenn der Auflauf im Ofen ist.
Der Ofen! Verdammt, der muss doch vorgeheizt sein. Eilig stellt sie ihn auf die vorgegebene Temperatur ein. Zwanzig hektische und überaus anstrengende Minuten später steht die kleine Probe-Auflaufform in der mörderischen Hitze und Natalie lehnt sich erschöpft auf eiem Küchenstuhl zurück. Ihr Blick wandert durch ihre Küche, die aussieht, als hätten sich zwanzig Köche in ihr ausgetobt. Leere Tomatendosen stehen neben dem Hackbrett, auf dem noch die Zwiebel- und Kräuterreste liegen, in der Spüle weicht die Pfanne ein, daneben warten die Töpfe darauf, gereinigt zu werden, und dazwischen liegen Besteck und diverser anderer Krempel.
Ich hätte einfach was beim Lieferservice bestellen und hübsch angerichtet servieren sollen, denkt sie und seufzt langanhaltend. Dann steht sie stöhnend auf und macht sich daran, die Küche wieder in einen Normalzustand zu versetzen.

Eine Dusche und eine halbe Stunde später hat der Käse eine dunkle Färbung angenommen. Sehr dunkel ist er, wenn sie ehrlich ist. Natalie öffnet die Ofentür und holt mit Topflappen den Auflauf hervor. Ihr Herz wummert, als sie ihn auf dem Tisch abstellt und eine Gabel holt. Sie fischt einen Bissen heraus, eine Nudel mit etwas Fleisch, Sauce und Käse. Ängstlich pustet sie und schiebt sich das Essen in den Mund. Wenig später treten ihr Tränen in die Augen. Die Nudeln sind viel zu weich, das Fleisch schmeckt verbrannt, die Sauce fade. „Ach, verdammte Scheiße!“, brüllt sie herzhaft und pfeffert die Gabel quer durch die Küche.
In diesem Moment klingelt es an ihrer Tür. Entsetzt steht sie da. Hat sie sich in der Zeit vertan? Ein rascher Blick zur Küchenuhr lässt ihren nach oben geschnellten Puls wieder sinken. Es ist noch nicht einmal halb sechs. Das kann unmöglich Jonathan sein. Vermutlich ein Paketbote, der ein Päckchen für ihre Nachbarin bei ihr abliefern will. Das geschieht dreimal die Woche. Mindestens.
Natalie atmet tief durch und verlässt die Küche. Öffnet die Tür – und steht Jonathan gegenüber.
„Hi!“, sagt er mit einem freundlichen Grinsen.
„Jona- … Ich … Was …?“, stottert Natalie verstört.
„Entschuldige, dass ich so früh bin“, sagt er. „Darf ich reinkommen?“
Wortlos lässt sie ihn eintreten. Bemerkt eine Stofftasche in seiner rechten Hand, die prall gefüllt ist. Irgendwas Grünes ragt heraus. Wie in Trance schließt sie die Haustür und steht da wie paralysiert.
Jonathan dreht sich zu ihr um. „Ich war gerade im ‚Vivida‘, hab dort mit einem Kollegen was getrunken.“
Natalie ahnt Schreckliches, doch sie schweigt.
„Piet hat uns bedient“, berichtet Jonathan weiter.
In Natalies Kopf wirbeln verschiedene Arten, ihren besten Kumpel um die Ecke zu bringen, herum. Dabei spielen Schusswaffen, scharfe Messer und schwere Gegenstände, die auf seinem Kopf landen, eine Rolle.
„Er hat mich auf unsere Verabredung angesprochen, und als ich ihm erzählte, wie gern ich koche, machte er den Vorschlag, dass wir unser Abendessen doch zusammen zubereiten könnten. Ich fand das eine Super-Idee und habe alle Zutaten für eine leckere Pizza eingekauft.“ Triumphierend hält er die Einkaufstasche in die Höhe. „Du magst doch Pizza?“
Natalie nickt.
Erst jetzt scheint Jonathan zu realisieren, dass sie vor Freude nicht total aus dem Häuschen ist.
„Ich kann aber auch gehen und später wiederkommen“, schlägt er unsicher vor. „Wenn du die Idee nicht so gut findest, dann –“
Endlich findet Natalie ihre Sprache wieder. „Doch, doch, sie ist super“, versichert sie. „Gehen wir in die Küche.“ Sie weist ihm den Weg. Als sie sie erreichen fragt sie wie beiläufig: „Und hat Piet noch was gesagt? Ich meine, über mich oder so?“
Jonathan wirft ihr einen kurzen Blick zu. „Nein. Wieso? Gibt es etwas, das ich wissen sollte?“ Er stellt die Tasche auf ihrer Arbeitsplatte ab.
Natalie schüttelt den Kopf und stellt sich so vor den Küchentisch, dass sie den misslungenen Auflauf hinter sich verbirgt. Den wird sie gleich unauffällig irgendwo verstecken. „Nein, absolut nicht.“
Er würde noch früh genug merken, dass sie, was ihre Kochkünste anging, ein wenig übertrieben hat …


Der Kriminalschriftsteller ist eine Spinne, die die Fliege bereits hat, bevor sie das Netz um sie herum webt.
(Sir Arthur Conan Doyle)

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zuletzt bearbeitet 04.09.2022 13:13 | nach oben springen

#2

RE: SGZ 36 - Ein Freund, ein guter Freund ...

in Die Geschichten der Woche 04.09.2022 17:58
von Doro • Federlibelle | 2.270 Beiträge | 8898 Punkte

Liebe @Bree ,

ich habe mich köstlich amüsiert. Kopfkino lief mit.

Die Ärmste. Ich kann zwar einigermaßen kochen, aber habe trotzdem mitgelitten.

Zitat von Bree im Beitrag #1
In Natalies Kopf wirbeln verschiedene Arten, ihren besten Kumpel um die Ecke zu bringen, herum. Dabei spielen Schusswaffen, scharfe Messer und schwere Gegenstände, die auf seinem Kopf landen, eine Rolle.
Zitat von Bree im Beitrag #1
Den wird sie gleich unauffällig irgendwo verstecken.
Also wie sie das machen will, hätte mich jetzt schon interessiert.


Gern gelesen.


LG
Doro


Gib jedem Tag die Chance, der schönste deines Lebens zu werden. (Mark Twain)
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#3

RE: SGZ 36 - Ein Freund, ein guter Freund ...

in Die Geschichten der Woche 05.09.2022 11:19
von Bree • Federlibelle | 4.190 Beiträge | 16683 Punkte

Liebe @Doro

danke für dein Feedback! Ich freue mich, dass ich dich amüsieren konnte. Da ich selbst nur unwesentlich geschickter in der Küche bin als Natalie konnte ich mich sehr gut in sie hineinversetzen.

Das mit dem Verstecken des Auflaufs kriegt Natalie schon hin. Sie wartet, bis Jonathan anfängt, seine Einkäufe auszupacken und stellt die Form dann rasch auf den nächstbesten Küchenschrank ... Hoffentlich ist sie bis dahin so weit abgekühlt, dass sie sich anfassen lässt. Wenn nicht ... oje!

LG
Bree


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#4

RE: SGZ 36 - Ein Freund, ein guter Freund ...

in Die Geschichten der Woche 07.09.2022 12:21
von Graugnom • Federlibelle | 261 Beiträge | 1409 Punkte

hallo @Bree

ich habe selten so gelacht wie gerade beim Lesen deiner Geschichte.
Du hast hier alle Register des Humors gezogen und bist dabei nicht in den Klamauk abgerutscht.
Ich habe mir die Schweißausbrüche, die mißtrauischen Blicke auf Nudeln und andere Zutagen vorgestellt.
Blicke die Dingen galten, die für sie von einem anderen Stern kamen.
Bree, eine rundherum gelungene Geschichte zum gute Laune bekommen.

Die verschiedenen "Tötungsarten" für ihren Freund haben mich köstlich amüsiert - was für eine hinreissende Fantasie.
Danke dafür


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zuletzt bearbeitet 07.09.2022 12:23 | nach oben springen

#5

RE: SGZ 36 - Ein Freund, ein guter Freund ...

in Die Geschichten der Woche 07.09.2022 13:11
von Bree • Federlibelle | 4.190 Beiträge | 16683 Punkte

Ich freue mich gerade sehr über dein Feedback, liebe @Graugnom
Schön, dass ich dich amüsieren konnte. Natalie und ich haben das "Talent" beim Kochen gemein, deshalb fiel es mir leicht, diese Story zu schreiben. Es flutschte so richtig, das ist immer klasse.

LG
Bree


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#6

RE: SGZ 36 - Ein Freund, ein guter Freund ...

in Die Geschichten der Woche 10.09.2022 16:26
von Gini • Federlibelle | 1.765 Beiträge | 3609 Punkte

@Bree die Arme. Ich kann auch nicht besonders kochen. Meine Kinder erzählen heute noch manchmal,
also Mutti, bei dir gab es ja jeden 2.Tag Spinat, klar, brauchte ich nur auftauen, oder dauernd gab es Sahnehack,
war auch ziemlich einfach u.s.w.
Man sollte lieber bei der Wahrheit bleiben. Auch wenn man einen Traummann beeindrucken will.


Gedanken sind nicht stets parat,/ Man schreibt auch, wenn man keine hat.

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#7

RE: SGZ 36 - Ein Freund, ein guter Freund ...

in Die Geschichten der Woche 10.09.2022 21:31
von Carlotta Lila • Federlibelle | 2.101 Beiträge | 9188 Punkte

Liebe @Bree, das ist ja eine süße Geschichte. Mir geht es beim Kuchen backen so. Ich kann einfach keine teige machen (-:
Aber Gottseidank ist alles gut ausgegangen.
Sehr lebendig und flüssig erzählt! Mir hätte es gut gefallen, wenn Jonathan den Auflauf entdeckt hätte
Liebe Grüße,
Charlotte


https://www.leseflamme.jimdofree.com

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#8

RE: SGZ 36 - Ein Freund, ein guter Freund ...

in Die Geschichten der Woche 03.01.2024 14:59
von Bree • Federlibelle | 4.190 Beiträge | 16683 Punkte

Liebe @Carlotta Lila

auf der Suche nach einem Text für die Lesebühne, die morgen stattfindet, bin ich auf diese etwas ältere Geschichte von mir gestoßen und habe festgestellt, dass ich dir für dein hilfreiches Feedback noch gar nicht gedankt habe.
Das hole ich hiermit nach:

Deinen Tipp habe ich mir zu Herzen genommen, den Text nochmal gründlich überarbeitet und das Ende abgeändert.
Vielleicht magst du ja mal schauen, ob es so besser ist.
Falls sonst noch jemand Verbesserungsvorschläge hat, würde ich mich darüber natürlich auch sehr freuen!

Hier ist die überarbeitete Story:

"Ein Freund, ein guter Freund ..."

Natalie schiebt ratlos den Einkaufswagen durch die Supermarktgänge. Welcher Teufel hat sie geritten? ‚Ich liebe es, zu kochen‘, hat sie behauptet. Dabei brennen ihr sogar die Spiegeleier an. Krampfhaft überlegt sie, was sie zubereiten soll. Es muss Eindruck machen, aber darf nicht zu schwierig sein. Vielleicht hat Piet eine Idee, schließlich arbeitet er in einem Restaurant.
Sie zieht ihr Smartphone heraus und wählt die Nummer ihres besten Freundes, der ihr Jonathan vorgestellt hat.
„Na, Schnecke, was gibt’s?“, fragt er.
„Du musst mir helfen“, sagt sie. „Ich habe Jonathan zum Essen eingeladen.“
„Oh! Hierher, ins ‚Vivida‘? So ich euch einen Tisch reservieren?“
„Nee, ich hab ihn zu mir eingeladen. Um halb acht steht er vor meiner Tür. Aber ich weiß nicht, was ich zubereiten soll.“
Stille. Dann beginnt Piet laut zu lachen. Natalie runzelt die Stirn. „Das ist nicht witzig!“
„Und ob das witzig ist“, widerspricht Piet, noch immer lachend. „Du kriegst doch kaum Dosenravioli warm.“
Sie mag Piet sehr, doch manchmal ist ihr seine Direktheit ein bisschen zu direkt. Zum Beispiel jetzt. „Hilf mir!“, fleht sie. „Was kann ich kochen, das schwer aussieht, aber einfach ist? Du kennst dich doch aus.“
„Weil ich in unserem Lokal das Bier zapfe? Klar, ich bin Profi.“ Piet hat zu Lachen aufgehört. „Also, Steak würde ich an deiner Stelle nicht nehmen, du würdest ihm glatt Schuhsohlen servieren.“
Natalie beißt sich auf die Zunge und schweigt.
„Geflügel geht auch nicht. Wenn du das zu roh auf den Teller bringst, wird dein Schwarm womöglich krank.“
„Wie wäre es mit einem Auflauf?“, fragt sie kleinlaut.
„Am besten mit Hack“, stimmt Piet zu. „Ein Nudelauflauf ist vermutlich machbar. Such dir ein einfaches Rezept bei Google raus. Du, ich muss jetzt los, die Arbeit ruft. Ich melde ich morgen bei dir. Schließlich will ich wissen, wie die Geschichte ausgeht.“ Er kichert schon wieder.
Natalie schnaubt. „Idiot. Aber danke trotzdem.“ Sie schneidet ihm das Lachen ab, indem sie die rote Taste drückt. Anschließend ruft sie einfache Auflauf-Rezepte bei Google auf und findet tatsächlich eines, das ihr zusagt. Einigermaßen selbstsicher beginnt sie, die Zutaten in den Einkaufswagen zu legen.

Um halb drei steht sie in der Küche und beginnt mit der Zubereitung, denn sie hat sich vorgenommen, sicherheitshalber einen Probe-Auflauf zu machen. Knoblauch und Zwiebeln würfeln, Dosentomaten pürieren, Gewürze und Kräuter zugeben … Ihr steht der Schweiß auf der Stirn und die Zwiebel lässt ihre Augen brennen. Stöhnend wischt Natalie sich die Tränen weg. Sie kann einfach nicht nachvollziehen, dass es Menschen gibt, die sich diesen Horror gern antun. Ob Jonathan wohl gern kocht? Sie hat ihn noch nicht gefragt. Oh Gott, nachher ist er ein verkappter Tim Mälzer! Bei der Vorstellung rinnt der Schweiß noch schneller.
Das Hackfleisch muss erst angebraten werden. Auf hoher Flamme, steht in dem Rezept. Bald zischt, qualmt und müffelt es in ihrer Mini-Küche wie irre. Unsicher schiebt Natalie die Fleischbröckchen in der Pfanne hin und her.
Das Nudelwasser kocht. Hastig kippt sie eine Packung Penne hinein. Soll die Tomatensauce so doll blubbern? Sie dreht die Temperatur runter und rührt um. Oh, verdammt, das Fleisch sieht aus wie Kohlestückchen! Schnell schiebt sie die Pfanne von der Kochplatte.
Wieso tut sie sich diesen Stress an? Ja, Jonathan ist ein charmanter, attraktiver Mann, der Humor und obendrein einen guten Job hat. Natalie will unbedingt einen guten Eindruck machen, doch ob ihr das gelingen wird …?
Ihr Blick fällt auf den Ofen. Verdammt, der muss doch vorgeheizt sein. Eilig stellt sie ihn auf die vorgegebene Temperatur ein.
Zwanzig hektische und anstrengende Minuten später steht die Probe-Auflaufform im Ofen und Natalie lässt sich erschöpft auf einen Küchenstuhl fallen. Ihr Blick wandert durch die Küche, die aussieht, als hätten sich zwanzig Köche in ihr ausgetobt. Leere Tomatendosen stehen neben dem Hackbrett, auf dem noch die Zwiebel- und Kräuterreste liegen, in der Spüle weicht die Pfanne ein, daneben warten die Töpfe darauf, gereinigt zu werden, und auf jedem freien Platz dazwischen liegen Besteck und diverser anderer Krempel.
Ich hätte was beim Lieferservice bestellen und hübsch angerichtet servieren sollen, denkt sie verzweifelt. Dann müsste ich jetzt auch nicht diese Sauerei aufräumen.

Eine Dusche und eine halbe Stunde später hat der Käse eine dunkle Färbung angenommen. Eine sehr dunkle Färbung, wenn sie ehrlich ist. Natalie öffnet vorsichtig die Ofentür, holt mit Topflappen den Auflauf hervor, stellt ihn auf den Tisch und holt sich eine Gabel. Sie fischt einen Bissen heraus, eine Nudel mit etwas Fleisch, Sauce und Käse, pustet darauf und schiebt sich das Essen in den Mund. Sekunden später steht ihr Urteil fest: Die Nudeln sind viel zu weich, das Fleisch schmeckt verbrannt, die Sauce fade. Sie hat es verbockt.
„Ach, verdammte Scheiße!“, brüllt sie herzhaft und pfeffert die Gabel quer durch die Küche.
In diesem Moment klingelt es an ihrer Tür. Entsetzt steht sie da. Hat sie sich in der Zeit vertan? Ein rascher Blick zur Küchenuhr lässt ihren nach oben geschnellten Puls wieder sinken. Es ist noch nicht einmal sechs. Das kann unmöglich Jonathan sein. Vermutlich ein Paketbote, der ein Päckchen für ihre Nachbarin bei ihr abliefern will. Das geschieht dreimal die Woche. Mindestens.
Natalie atmet tief durch und verlässt die Küche. Öffnet die Tür – und steht Jonathan gegenüber.
„Hi!“, sagt er mit einem freundlichen Grinsen.
„Jona- … Ich … Was …?“, stottert Natalie verstört.
„Entschuldige, dass ich so früh bin“, sagt er. „Darf ich trotzdem reinkommen?“
Wortlos lässt sie ihn eintreten. Er trägt eine prall gefüllte Stofftasche in seiner rechten Hand, aus der etwas Grünes herausragt.
Jonathan dreht sich zu ihr um, als sie die Tür wieder schließt. „Was hältst du davon, wenn wir zusammen kochen? Zu zweit macht das doch viel mehr Spaß. Ich habe alle Zutaten für Pizza dabei. Du magst doch Pizza?“ Triumphierend hält er die Einkaufstasche in die Höhe.
Natalie nickt. „Doch … Ja. Klar.“
Erst jetzt scheint Jonathan zu realisieren, dass sie vor Freude nicht total aus dem Häuschen ist.
„Ich kann aber auch gehen und später wiederkommen“, schlägt er unsicher vor. „Wenn du die Idee nicht so gut findest, dann –“
Endlich findet Natalie ihre Sprache wieder. „Doch, doch, sie ist super“, versichert sie.
„Dann ist es ja gut.“ Jonathan klingt ehrlich erleichtert.
Sie geht voraus und stellt sich so vor den Küchentisch, dass sie den misslungenen Auflauf hinter sich verbirgt. Den wird sie gleich unauffällig irgendwo verstecken.
Jonathan beginnt, die Einkäufe auszuräumen.
Das ist der perfekte Moment, sagt sich Natalie, dreht sich um und schnappt sich die Auflaufform, um sie mit einem „Bin kurz im Bad“ aus der Küche und damit aus Jonathans Blickfeld zu bringen. Doch noch ehe sie eine Silbe hervorbringen kann, stößt sie einen Schmerzensschrei aus und lässt die noch immer verflucht heiße Auflaufform reflexartig fallen. Sie hat vergessen, die Topflappen zu benutzen.
Der Inhalt landet auf dem Boden, Nudel, Hack und Käse fliegen herum und verwandeln Natalies Küche in ein Schlachtfeld mit Tomatensauce. Peinlich berührt und mit schmerzenden Händen sieht sie zu Jonathan, der mit offenem Mund dasteht und das Chaos betrachtet.
„Was … was ist das?“, fragt er.
Natalie senkt den Kopf. Sie bringt es nicht fertig, ihn anzusehen. „Der misslungene Versuch eines Nudelauflaufs“, murmelt sie kaum hörbar.
Einen Augenblick lang herrscht Stille. Nur das leise Brummen des Kühlschranks ist zu hören. Natalie wünscht sich ein Mauseloch, oder dass sich der Boden unter ihr auftut, oder dass Mr. Spock sie von hier weg auf die Enterprise beamt. Irgendetwas, um dieser Peinlichkeit zu entgehen, doch natürlich geschieht nichts dergleichen. Fieberhaft überlegt sie, was sie sagen oder tun könnte, um diese entsetzliche Spannung aufzulösen, doch sie fühlt sich wie gelähmt.
Jonathan kommt, vorsichtig den Essensresten ausweichend, auf sie zu und hebt, als er sie erreicht hat, mit dem Zeigefinger ihr Kinn an, so dass sie ihn anschauen muss. Er lächelt. Nicht herablassend oder schadenfroh, sondern so, dass Natalies Herz einen fröhlichen Hopser macht.
„Du bist gar nicht so wild aufs Kochen, oder?“, fragt er leise und lässt ihr Kinn los.
Sie schüttelt den Kopf.
„Und nur, um mich zu beeindrucken, hast du es trotzdem versucht?“
Sie nickt.
„Das ist süß.“ Er nimmt ihr Gesicht in beide Hände und gibt ihr einen sanften Kuss. Nathalie fühlt sich prompt wie im siebten Himmel.
„Übrigens war ich vorhin kurz bei Piet im Vivida“, erzählt Jonathan.
Natalie stürzt aus dem siebten Himmel und landet mit einem schmerzhaften Ruck in der Realität.
„Im … im Vivida?“, stottert sie.
„Ja, auf ein Feierabendbier mit meinem Kollegen. Natürlich alkoholfrei, ich muss ja noch fahren.“
Sein Blick schweift durch den Raum. „Ich schlage vor, wir machen schnell sauber und dann zeige ich dir, wie man Pizza macht. Einverstanden?“
„Gerne“, stößt sie erleichtert hervor.
Während sie Scherben und Essensreste vom Boden aufklauben, fragt sie möglichst beiläufig: „Hat Piet dir womöglich irgendwas über meine mangelnden Kochkünste erzählt?“
„Klar“, antwortet Jonathan.
„Klar“, wiederholt Natalie erschüttert. In ihrem Kopf wirbeln verschiedene Arten, ihren besten Kumpel um die Ecke zu bringen, herum. Dabei spielen Schusswaffen, scharfe Messer und schwere Gegenstände, die auf seinem Kopf landen, eine Rolle. „Dieser verräterische Mistkerl“, zischt sie.
Jonathan zwinkert ihr zu. „He, er ist auch mein Freund, schon vergessen? Er meinte, er will nicht, dass ich versehentlich vergiftet werde. Was glaubst du, wer die Idee mit der Pizza hatte?“
„Ich hätte dich doch nicht vergiftet!“, ruft Natalie empört.
Jonathan sieht sie zärtlich an. „Das weiß ich“, meint er. „Aber Piets Idee, zusammen zu kochen, fand ich klasse. Ich hatte nämlich gar keine Lust, noch bis halb acht darauf zu warten, dich endlich wiederzusehen.“
Natalies Herz schmilzt wie zuvor der Käse im Backofen. „Wenn das so ist“, sagt sie versöhnlich, „will ich unserem Freund nochmal verzeihen.“

ENDE


Der Kriminalschriftsteller ist eine Spinne, die die Fliege bereits hat, bevor sie das Netz um sie herum webt.
(Sir Arthur Conan Doyle)

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#9

RE: SGZ 36 - Ein Freund, ein guter Freund ...

in Die Geschichten der Woche 03.01.2024 15:12
von Yggdrasil • Federlibelle | 1.142 Beiträge | 2923 Punkte

@Bree Keine kritischen Anmerkungen, außer "Leicht und locker" der Text


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#10

RE: SGZ 36 - Ein Freund, ein guter Freund ...

in Die Geschichten der Woche 04.01.2024 07:29
von Carlotta Lila • Federlibelle | 2.101 Beiträge | 9188 Punkte

Liebe @Bree, super erzählt, ich glaube der bildhafte Text mit viel Situationskomik und Miterlebnismomenten (wem ist schon nicht mal beim Kochen was missglúckt) eignet sich super zum Vorlesen. Mir gefällt es sehr gut, wie du das Ende (schön dramatisch, die Form fällt runter) geschrieben hast
Ich wünsch dir viel Erfolg
LG
C Lila


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#11

RE: SGZ 36 - Ein Freund, ein guter Freund ...

in Die Geschichten der Woche 04.01.2024 09:07
von Bree • Federlibelle | 4.190 Beiträge | 16683 Punkte

Lieber @Yggdrasil liebe @Carlotta Lila

ich danke euch sehr für euer Feedback! Nun freue ich mich darauf, die Story heute Abend zu lesen und werde berichten, wie sie ankam.
Nochmals danke, liebe Charlotte, für die Idee hinsichtlich der Auflaufform. Freut mich, dass dir gefällt, wie ich sie umgesetzt habe!

LG
Bree


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