#1

SGZ 35: Ein echter Angerer

in Die Geschichten der Woche 28.08.2022 21:37
von Doro • Federlibelle | 2.270 Beiträge | 8898 Punkte

Der Kaffeeautomat gab einen Seufzer von sich. Sabine nahm ihr Haferl und trank in kleinen Schlucken den Latte Macchiato. Fünf Minuten Ruhe, bevor der alltägliche Familienwahnsinn losbrachte.
„Mama!“
Sie sah auf die Küchenuhr. Keine 30 Sekunden. Neuer Rekord.
Ein erneutes „Mama“ ignorierte sie ebenfalls.
„Hörst du schlecht?“ Jonas stürmte in die Küche.
„Guten Morgen erst einmal“, sagte Sabine, holte einige Stücke Obst aus dem Kühlschrank und wusch es sorgfältig. Die Obstschale stellte sie auf den Tisch.
„Wo ist mein schwarzes Hemd?“
Sabine zuckte die Achseln. „Keine Ahnung. Vermutlich irgendwo in deinem Zimmer.“
Jonas runzelte die Stirn. „Ich hab die Dreckwäsche extra auf einen Haufen zusammengeschoben. Gleich neben die Tür.“
„Und ich habe euch gesagt, dass ich nur Wäsche wasche, die in der Waschküche landet.“ Sie nahm einen Apfel aus der Obstschale und schnitt ihn in Spalten. „Ich habe einfach keine Lust mehr, euch alles nachzuräumen.“ Mit dem Messer deutete sie auf den Platz neben der Spüle. „So wie euer Geschirr. Es ist doch wirklich keine Arbeit, wenn jeder sein Glas oder was auch immer, in die Spülmaschine stellt anstatt obendrauf.“
„Wenn“, mischte sich Andreas ein und klaute zwei Apfelstückchen, „es keine Arbeit ist, warum beschwerst du dich dann?“
Jonas nickte seinem Vater grinsend zu, wurde aber sofort wieder ernst und erkundigte sich erneut, nach dem Verbleib seines Hemdes.
„Wenn jeder sein Zeug aufräumt, geht es schnell“, sagte Sabine und schnitt den nächsten Apfel auf, „wenn ich aber alles machen muss, dauert es.“
„Das ist dein Job“, maulte Jonas, vermied es jedoch, sie dabei anzuschauen. „Außerdem wäscht ja die Waschmaschine. Die macht die Arbeit. Ich muss gleich los. Wo ist jetzt mein Hemd?“
„Wenn es keine Arbeit ist“, sagte sie mit süffisantem Lächeln, „warum beschwerst du dich dann?“ Sie schüttete Haferflocken in eine Schüssel und goss Hafermilch darüber. „Aber du hast recht, mein Schatz, ich hab ganz vergessen, dass bei uns die Wäsche alleine in die Maschine hüpft und sich nachher selbst auf – und abhängt. Und in eure Kleiderschränke marschiert dann alles ebenfalls allein. Wahrscheinlich haben wir Heinzelmännchen. Wenn das so ist …“ Sie stand auf, nahm ihren Kaffeebecher und ging auf die Terrasse. „… dann können die ab jetzt gerne meinen Job übernehmen.“
Jonas lief hinterher. „Hä? Was soll das jetzt? Was ist mit meinem Hemd? Du weißt doch, dass wir in der letzten Woche vor den Ferien jeden Tag ein anderes Motto haben.“
„Ja, weiß ich.“ Sie setzte sich in den Liegestuhl und stellte das Kaffeehaferl auf den Boden.
„Und was mach ich jetzt?“
„Was anderes anziehen?“
„Das geht nicht. Heute ist schwarz-weiß. Meine weiße Jeans hab ich. Fehlt noch das schwarze Hemd.“
Sabine schloss die Augen und spürte die Sonnenstrahlen auf dem Gesicht. Es könnte so friedlich sein. Ein paar Spatzen tschilpten, irgendwo hämmerte ein Specht.
„Mama!“, hörte sie Luisa rufen. „Weißt du, wo meine Turnschuhe sind?“
„Frag die Heinzelmännchen“, gab Sabine zurück, ohne die Augen zu öffnen.
„Du bist echt …“
Sabine blinzelte und sah, dass Jonas sich vor ihrem Stuhl aufgebaut hatte, die Hände in die Taille gestützt.
„Sprich dich aus“, sagte sie betont sanft.
Wutschnaubend drehte er sich um und verschwand im Wohnzimmer.
„Mama ist total merkwürdig drauf“, informiert er seine Schwester. „Faselt was von Heinzelmännchen.“
„Das ist ein Gedicht von August Kopisch und kein Gefasel“, berichtigte Sabine, bückte sich und hob ihr Kaffeehaferl hoch. „Wie war zu Köln es doch vordem, mit Heinzelmännchen so bequem! Denn, war man faul, man legte sich - Hin auf die Bank und pflegte sich: Da kamen bei Nacht, ehe man's gedacht, die Männlein und schwärmten und klappten und lärmten …
Und so weiter.“
„Passt fast zu unsrem Deutschthema“, sagte Luisa. „Wir müssen einen Aufsatz scheiben. Die Arbeit im Wandel der Zeit. Voll gemein. Es sind eh bald Ferien. Kein Mensch macht noch richtigen Unterricht, nur die Stiglmeier. Als ich ihr das gesagt habe, ist die voll ausgerastet.“ Sie stellte sich kerzengerade hin, nahm ein Buch aus dem Regal und klopfte mit dem Finger darauf. „Fräulein Angerer“, äffte sie die Lehrerin nach, „Bildung macht keine Ferien. Mit dieser Einstellung werden sie im Berufsleben nicht weit kommen. Mein Job ist es zu lehren und Ihrer, zu lernen.“
„Wenn nur noch ein Lehrer Unterricht macht“, meinte Sabine, „ist es ja nicht so schlimm. Dann musst du für die anderen Fächer nix tun.“
„Wir sollen uns ein Gedicht über Arbeit raussuchen und darüberschreiben.“ Sie schnaubte. „So einen Quatsch kenne ich überhaupt nicht.“
Sabine erinnerte sich, dass sie Gedichtinterpretationen während der Schulzeit ebenfalls nicht leiden konnte.
„Google‘s doch“, schlug Jonas vor. „Wie die Stiglmeier gesagt hat, es ist schließlich dein Job.“
Sabine stand auf. „Wenn ich morgens“, rezitierte sie, „in die Küche geh, ich nur lauter Arbeit seh. Teller, Schüsseln, Töpfe, Tassen - Besteck liegt rum und zwar in Massen.“
Ihre Familie sah sie an und für einen Moment war es still. Lediglich von draußen hörte man eine Amsel schimpfen. Sabine dachte kurz nach, holte Luft und wollte weitersprechen.
Luisas Finger flogen über das Display ihres Handys. „Nicht so schnell. Kannst du das wiederholen? Ich find’s nicht. Vom wem ist das?“
„Ringelnatz oder Wilhelm Busch?“, fragte Andreas.
„Weder noch.“ Sabine prustete los. „Das ist ein echter Angerer.“
„Echt jetzt? Voll krass.“ Luisa grinste verschmitzt. „Mama, kannst du das fertig dichten?“
„Bestimmt.“ Sabine kritzelte die ersten Zeilen auf den Block, der neben dem Telefon lag. Sie sah ihre Tochter an. „Warum?“
„Darüber schreibe ich die Interpretation. Mal schaun, ob die Stiglmeier was merkt.“
Jonas schlug seiner Schwester auf die Schulter. „Klasse Idee. Find ich cool.“
„Du wirst noch berühmt.“ Andreas nahm den Block, las Sabines Küchengedicht und reichte ihr einen Stift. „Du musst es noch signieren.“ Er grinste. „Jetzt ist es ein echter Angerer.“


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#2

RE: SGZ 35: Ein echter Angerer

in Die Geschichten der Woche 29.08.2022 11:07
von Bree • Federlibelle | 4.190 Beiträge | 16683 Punkte

Liebe @Doro

ich finde Sabine und ihre gelassene Art herrlich sympathisch! Und nebenbei dichtet sie auch noch.
Wie gut ich ihren Frust über die Mehrarbeit durch gleichgültige Familienmitglieder verstehen kann! Zum Glück ist es bei uns inzwischen normal, dass jeder seinen Kram in den Geschirrspüler stellt, meine Älteste kümmert sich auch selbst um ihre Wäsche - sogar die Kleine macht das hin und wieder. Und gestern hat sie ihr Zimmer richtig gründlich aufgeräumt (weil sie ein Kätzchen bekommen soll - einen Grund braucht es meistens schon).
Du hast diese so alltägliche Situation wunderbar natürlich und unterhaltsam erzählt. Das Lesen hat richtig Spaß gemacht.

LG
Bree


Der Kriminalschriftsteller ist eine Spinne, die die Fliege bereits hat, bevor sie das Netz um sie herum webt.
(Sir Arthur Conan Doyle)

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Einen eigenen Youtube-Kanal habe ich auch. Dort lese ich einige meine Geschichten.
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Doro hat sich bedankt!
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#3

RE: SGZ 35: Ein echter Angerer

in Die Geschichten der Woche 03.09.2022 17:16
von Gini • Federlibelle | 1.765 Beiträge | 3609 Punkte

@Doro sehr locker und lustig die Mutti. Ich war früher nicht so.
Hab mich zwar nicht aufgeregt, aber lieber alles selber gemacht. Das hat mich auch
nicht gestört. Ich hab es echt gerne für die Kinder getan. Und siehe da, trotzdem kann jeder
von ihnen seinen Haushalt super führen. Sogar mein Sohn.


Gedanken sind nicht stets parat,/ Man schreibt auch, wenn man keine hat.

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#4

RE: SGZ 35: Ein echter Angerer

in Die Geschichten der Woche 03.09.2022 20:07
von -jek • Federlibelle | 686 Beiträge | 2088 Punkte

@Doro Sag bitte Sabine, dass sie dran bleiben soll. "Nach den Mühen der Berge kommen die Mühen der Ebene." ;-)


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Wenn du Schreibregeln beherrscht, ist das gut. Wenn sie dich beherrschen, ist das schlecht.
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#5

RE: SGZ 35: Ein echter Angerer

in Die Geschichten der Woche 04.09.2022 09:56
von Carlotta Lila • Federlibelle | 2.101 Beiträge | 9188 Punkte

Liebe @Doro, klar, Haushalt macht sich von alleine(-; ist ja keine Arbeit! "Das ist dein Job", sagt mein Mann gerne.
Ich dann: "wie kommst du da drauf"
Er: "weil du es immer gemacht hast"
Unsere Dialoge kenne ich auswändig, aber ich hab auch meine Tricks!
So, wie deine Sabine. Aber die hat es mit einer ganzen Familie zu tun und noch dazu pubertierende Kinder!
Ich fands schön, dass sie am Ende immerhin Anerkennung für ihre Dichtkunst von ihren Lieben bekommen hat!
Vielleicht hast du auch mal Lust und schreibst das Gedicht weiter, das fing ja schon gut an
Liebe Grüße
Carlotta Lila


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#6

RE: SGZ 35: Ein echter Angerer

in Die Geschichten der Woche 04.09.2022 10:19
von -jek • Federlibelle | 686 Beiträge | 2088 Punkte

@Doro Ich habe anhand deiner Geschichte wieder einmal über etwas Grundsätzliches nachgedacht. Die Heldin hat ein Problem / einen Konflikt und findet eine Lösung. Die meisten Geschichten, ich denke auch diese, enden mit dem eindeutigen Erfolg. Meine Geschichten lasse ich lieber offener ausgehen, weil das nach meinem Gefühl näher an der Realität ist: Ein Konflikt ist angefasst worden, positive Aussichten sind da, aber jetzt geht es erst richtig los. Aber das ist letztlich eine Geschmackssache, und die Lesenden mit ihren Erwartungen enttäusche ich manchmal, was ich zwiespältig hinnehme.


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#7

RE: SGZ 35: Ein echter Angerer

in Die Geschichten der Woche 04.09.2022 10:43
von Carlotta Lila • Federlibelle | 2.101 Beiträge | 9188 Punkte

Lieber @-jek, wenn die Geschichten kein rundes Ende haben, sind sie oft wie Haken, die sich im Hirn festsetzen. Es ist natürlich ein bisschen gemein, die Leser*innen 'im Regen stehen zu lassen. Das ambivalent Gefühl kenne ich gut!
Liebe Grüße
Carlotta Lila


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#8

RE: SGZ 35: Ein echter Angerer

in Die Geschichten der Woche 04.09.2022 12:51
von Doro • Federlibelle | 2.270 Beiträge | 8898 Punkte

Liebe @Bree , @Gini , @Carlotta Lila und lieber @-jek ,

danke für's Feedback.

Zitat von Bree im Beitrag #2
Du hast diese so alltägliche Situation wunderbar natürlich und unterhaltsam erzählt. Das Lesen hat richtig Spaß gemacht.
Danke.

Zitat von -jek im Beitrag #4
Sag bitte Sabine, dass sie dran bleiben soll.
Ich werd's ausrichten.


Zitat von Carlotta Lila im Beitrag #5
klar, Haushalt macht sich von alleine(
Unglaublich diese Annahme, oder?

Wenn ich motze, z.B. weil das Geschirr eben nicht in sondern auf der Spülmaschine steht, höre ich als Antwort: "Du motzt eh immer und wenn wir es einräumen, ist es auch falsch." Stimmt, aber nur, weil sie es schaffen 3 Gläser und 5 Schüsseln so in der Spülmaschine zu verteilen, dass sonst nix mehr Platz hat.


Zitat von Carlotta Lila im Beitrag #7
wenn die Geschichten kein rundes Ende haben, sind sie oft wie Haken, die sich im Hirn festsetzen.
Sehr schön ausgedrückt, @Carlotta Lila .


Zitat von -jek im Beitrag #6
Meine Geschichten lasse ich lieber offener ausgehen, weil das nach meinem Gefühl näher an der Realität ist: Ein Konflikt ist angefasst worden, positive Aussichten sind da, aber jetzt geht es erst richtig los.
Ich pesönlich mag Geschichten mit offenem Ende nicht so gern. Zum Schreiben finde ich offene Enden dagegen einfacher, weil man sich keine Lösung überlegen muss. Davon abgesehen, dass es für manche Konflikte mehrere Lösungsmöglichkeiten gibt. In der Realität muss ich mich für eine Möglichkeit entscheiden. Dann gibt es zwei Möglichkeiten, entweder es war richtig oder es war falsch.
Ich gehöre zu den faulen Lesern. Mir ist es lieber, wenn ich eine Lösung präsentiert bekomme. Ich mag auch keine Krimis, wo der Bösewicht davonkommt. Selbst wenn das realtitäsnäher ist.

Aber wie du schon gesagt hast, die Geschmäcker sind (Gott sei Dank) verschieden.


Bei meiner Geschichte gibt es, finde ich jedenfalls, eigentlich auch keine eindeutige Lösung. Denn ob die Familie in Zukunft mehr mithilft, lässt sich nur schwer vorhersagen. (Aus meiner Erfahrung her würde ich sagen: eher nicht. Bei uns klappt das phasenweise ganz gut, dann fallen alle wieder in ihr ursprüngliches Muster zurück. Solange, bis mir der Kragen platzt. Dann funktioniert es wieder eine Zeit lang ganz gut und das Spiel fängt von vorne an.).

LG
Doro


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