#1

Historisches Knistern - Geheimnis im Kloster

in Archiv 14.06.2022 21:58
von Carlotta Lila • Federlibelle | 2.101 Beiträge | 9188 Punkte

Hallo liebe WiesenbewohnerInnen,

hier ist nun endlich auch mein Wettbewerbsbeitrag. Er ist im Rahmen von Erzählungen entstanden, die vielleicht mal zu einem Roman zusammen gefügt werden. Aber der Beitrag lässt sich auch als eigene Geschichte lesen, da in ihm eine abgeschlossene Handlung enthalten ist.

Ein paar Ausdrücke will ich erklären:


Quechua - indigenes Volk in Peru, Ecuador, Bolivien
Conversos - spanische Juden, die ab dem 15. Jh. zum Katholizismus übertraten, aber trotzdem verfolgt wurden.
Postläufer - waren bei den Inkas Läufer, welche Nachrichten von einem Ort zum anderen überbrachten.
querida amiga - liebe Freundin


Geheimnis im Kloster

Es war schon dunkel, als Juana an die Tür meiner Kammer klopfte.
„Störe ich, Senora Flora? Ihr saht heute so bedrückt aus.“
Juana war die Nonne, die uns vor zwei Tagen das Klostertor geöffnet hatte. Wir waren völlig erschöpft aus den Anden angekommen. Juana mochte siebzehn Jahre alt sein, etwa in meinem Alter. Die Nonnentracht ließ sie streng aussehen, aber ihre Gesichtszüge waren fein und sie schien mir vertraut, wie eine Schwester.
„Aber nein“, freute ich mich. Ich nahm ihre Hand und zog sie zu mir aufs Bett. „Wir wollen Freundinnen sein.“
Als sie mich so warm anlächelte, öffnete ich ihr mein Herz und erzählte, wie ich mit Amaru aus Arequipa aufgebrochen war, um meinen verschollenen Bruder Pedro zu suchen.
„Seid ihr ein Paar? Aber du bist doch Spanierin und er ist ein Indio?“ Juana schlug sich mit der Hand auf den Mund. „Tut mir leid, das geht mich nichts an.“
Es war nicht leicht, jemanden zu erklären, wie ich aufgewachsen war, aber Juana flößte mir soviel Vertrauen ein, wie ich es selten empfand. So erzählte ich, dass meine Familie jüdische Conversos aus Spanien waren. Mein Vater hatte mit viel Geld hier in Peru eine Art Adelsstellung erworben. Als Kinder waren Pedro und ich mit indianischen Kindern, deren Eltern für uns arbeiteten, aufgewachsen. Gemeinsam hatten wir gespielt, zusammen im Fluss geschwommen und Fische gebraten. Das Leben auf der Hazienda meiner Eltern, war eine friedliche Welt für sich.
„Sie haben Dich mit Amaru reisen lassen? Mein Vater hätte mich getötet!“, rief Juana.
„Na ja, wir sind heimlich aufgebrochen. Aber ich bin sicher: meine Eltern werden mir ewig danken, wenn ich ihnen Pedro zurückbringe. Alles andere spielt dann keine Rolle mehr“
„Seid ihr ein richtiges Liebespaar, Amaru und du?“, fragte sie.
Mir schoss das Blut ins Gesicht. „Ja“, flüsterte ich.
Juana berührte meine heiße Wange mit ihrer Hand.
„Ich erzähle dir jetzt etwas, aber du musst schwören, nichts zu verraten!“
„Dein Geheimnis ist bei mir sicher“, sagte ich.
Plötzlich stand Juana auf und riss sich ihre Nonnenhaube vom Kopf.
„Mir ist so heiß“, sie lächelte entschuldigend. Eine Flut welliger, blauschwarzer Haare fiel ihr bis auf die Hüften hinab. Sie sah atemberaubend aus, wie Pankarita, die Liebesgöttin der Quechua.

„Hätte ich nur solche Eltern wie du!“, rief sie aus. Aber mein Vater ist ein Mann ohne Herz. Ich bin das Kind seiner indianischen Mätresse, die gestorben ist, als ich klein war. Die spanische Frau meines Vaters hat mich großgezogen. Sie ist lieb, aber hat überhaupt nichts zu sagen. Vater war wenig zuhause. So blieb ich mir selbst überlassen und fühlte mich lange Zeit frei. Mein Unglück war, dass die Frau meines Vaters einfach keinen Sohn bekam. Deshalb verlobte mich Vater mit Rocco, einem Kaufmann. Wenn er selbst schon keinen Sohn haben konnte, sollte ich möglichst bald einen Enkel zeugen! Ich aber liebte bereits seit langem heimlich Joaquin, unseren Gärtner. Er ist mein Leben und mein Schicksal!“
„Oh wie aufregend, unsere Geschichten ähneln sich“, rief ich aus.
Leider hat mein Vater hat uns beide erwischt. Er schlug mich halbtot und verjagte Joaquin. Er hätte mich auch gleich mit Rocco verheiratet, aber der ist auf einer Reise. So hat Vater mich zu den Nonnen gebracht.“
„Und was ist mit Joaquin?“, fragte ich atemlos.
„Oh, er ist sehr klug. Er hat es geschafft, dass er als Postläufer für das Kloster arbeitet. So können wir uns manchmal sehen, wenn er Briefe bringt. Und …“ Juana sah mich beschwörend an: „Du sagst wirklich nichts, oder?“
Ich legte die Hand auf mein Herz.
„Morgen kommt er mich holen.“
„Dann könnt ihr später auf der Hazienda meiner Eltern wohnen“, rief ich spontan aus.
„Ich danke dir von Herzen.“, sagte Juana.
Dann musste sie gehen, denn es war Zeit für ihren nächtlichen Wachgang durchs Kloster.

Am nächsten Tag sah ich Amaru mit einem jungen Mann reden und ich wusste sofort, dass es Joaquin war. Er und Amaru könnten Brüder sein, dachte ich. Joaquin aber war feingliedriger, sein Haar auch blauschwarz, aber gekraust und seine Haut war ein wenig heller als Amarus. Von seinen Augen, ging ein so intensives Leuchten aus, dass ich noch nie bei einem Menschen gesehen hatte. Ich suchte Juana, konnte sie aber nirgendwo finden. Unruhig lief ich durch die bewaldete Umgebung des Klosters. Ich wollte meine neue Freundin unbedingt noch sehen, bevor sie für immer fortging. Mitten im Wald stieß ich bei meiner Suche auf Thermalquellen, in weißen Tropfstein eingebettete Becken, übereinanderliegend. Ich stieg die natürlichen Stufen hoch zu einem Wasserfall.
Dann sah ich Juana. Sie stand im obersten Becken – ganz nackt, so wie die Natur sie geschaffen hatte. Von oben sprühte durch ein Blätterdach Wasser ins Becken. Das Sonnenlicht, dass durch die Blätter flutete ließ kleine Regenbögen entstehen. Durch dieses Farbenspiel hindurch, sah ich Joaquin ans Ufer treten. Sein muskulöser Läuferkörper leuchtete bronzefarben. Er watete durch das Wasser zu Juana, umschloss sie mit seinen Armen und sie schmiegte sich eng an ihn. Mit ihren Blicken hielten sie einander fest und ich konnte den Strom der Energie spüren, der zwischen ihnen hin und her floss. Juana tauchte ihre hohle Hand ins Wasser und benetzte seinen Körper damit. Er nahm nun ihren Kopf in beide Hände, als sei er eine zarte Blüte, leuchtend, wie die wilden Blumen am Ufer des Beckens. Er küsste sie. Erst schüchtern und dann intensiver. Ich konnte meinen Blick nicht von den beiden abwenden. Es war, als ob ich Juana wäre, die mit Amaru dort stand und ich fühlte, was sie fühlte. Beide Körper verschmolzen miteinander. Es gab nur mehr ein Wesen, dass sich im Tanz der Blätter, Blumen und Nektar trinkenden Kolibris wiegte. Irgendwann lösten sich beide voneinander und mir war, als schwebten sie aus dem Wasser. Das waren ja keine Menschen, sondern die Engel der Liebe! Ich stieß einen Laut des Entzückens aus – und erschrak, als sie mich bemerkten. Nun würde Juana böse sein und ich wäre wohl nicht mehr ihre Freundin. Doch sie kniete nieder bei mir und küsste sie mich. „Pass auf dich auf, Amiga!“, hauchte sie in mein Ohr. Dann tauchte sie mit Joaquin ins Dickicht des Waldes ein und verschwand.

Es wunderte Amaru und mich, dass im Kloster Juana niemand vermisste. Es musste doch aufgefallen sein, dass sie weg war. Erst nach ein paar Tagen – gewiss konnte niemand mehr die beiden finden - fasste ich mir ein Herz und fragte die Äbtissin, nach Juana.
Sie sah mich verblüfft an: „Von wem redest du?“
Ich erzählte von der Nonne, die uns das Tor geöffnet hatte, als wir angekommen waren.
Die Äbtissin schwieg erst. Dann seufzte sie. „Armes Mädchen.“ Und nach einer Weile: „Armer junger Mann!“
Mein Herz schlug auf einmal bis zum Hals. „Ist ihnen etwas zugestoßen?“
„Dios mio, das ist schon so lange her! Juana war ein Mädchen, dass von ihrem Vater zu uns geschickt wurde, nachdem er sie halbtot geprügelt hatte. Sie liebte unseren Postläufer. Die Nonnen hatten Mitleid und die beiden nicht verraten. “
„Aber Juana war erst gestern bei mir und wir haben miteinander geredet!“
„Das war ein Geist. Juana und Joaquin sind schon vor langer Zeit von spanischen `Èdelmännern‘ erschlagen worden.“
„Das glaube ich nicht!“
Die Äbtissin lächelte: „Doch es ist wahr, denn ich habe ihre Geister auch schon gesehen. Sie haben mich mal vor jemandem gewarnt. Es sind gute Geister. Vielleicht wollten sie auch Amaru und dich warnen? Ihr kommt bald nach Cuzco und da müsst ihr Euch bedeckt halten. Wer weiß, sind die Feinde deines Bruders vielleicht auch eure Feinde? Auch ist es unschicklich, wenn eine junge Spanierin mit einem Quechua reist.“

Als Amaru und ich einige Tage später das Kloster verließen, hätte mich niemand erkannt, denn ich war als Junge verkleidet.
Als wir ein Stück geritten waren, fühlte ich plötzlich einen Windhauch. Und es war Juana, die neben mir schwebte und mich auf die Wange küsste: „Pass gut auf dich auf, querida Amiga!“


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zuletzt bearbeitet 15.06.2022 07:12 | nach oben springen

#2

RE: Historisches Knistern - Geheimnis im Kloster

in Archiv 16.06.2022 11:00
von Bree • Federlibelle | 4.190 Beiträge | 16683 Punkte

Liebe @Carlotta Lila

die Story hat was von einem Historienfilm. Besonders gut hat mir die Szene am Wasserfall gefallen. Da hast du deine ganze Bandbreite von detaillierten Beschreibungen gezeigt. Ich konnte alles gut vor mir sehen, den Lichteinfall, das durch die Blätter plätschernde Wasser ... und dazu das geforderte erotische Knistern.
Sehr schön!
Dass die beiden sich als Geister herausstellen, kam überraschend. Vielleicht tauchen sie noch häufiger in deiner Fortsetzungsstory auf?
Gute Geister an der Seite zu haben, kann schließlich nie schaden.

Ich wünsche dir viel Glück mit diesem schönen Beitrag!

LG
Bree


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#3

RE: Historisches Knistern - Geheimnis im Kloster

in Archiv 16.06.2022 12:20
von Doro • Federlibelle | 2.270 Beiträge | 8898 Punkte

Liebe @Carlotta Lila ,

wie Bree gefällt mir die Szene am Wasserfall am besten. Da lief das Kopfkino mit.


Zitat von Carlotta Lila im Beitrag #1
Es war schon dunkel, als Juana an die Tür meiner Kammer klopfte.
Der erste Satz hat mich stutzen lassen. Woher weiß die Prota, wer anklopft, bevor sie öffnet?


Dass Juana ein Geist ist, hat mich nicht überrascht, aber schließlich hab ich ja auch gerade von dir einen anderen Text gelesen. Mir gefällt die Wendung, dass die beiden Geister sind. Gute Geister, die anderen helfen.


LG
Doro


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#4

RE: Historisches Knistern - Geheimnis im Kloster

in Archiv 16.06.2022 18:01
von Gini • Federlibelle | 1.765 Beiträge | 3609 Punkte

@Carlotta Lila eine wunderschöne Geschichte. Irgendwie nicht von dieser Welt.
Si mystisch und romantisch. Aber auch tragisch. Was für eine tragische Liebe die beiden verband.
Und dann dieser furchtbare Vater. Wie kann mein sein Kind halbtot prügeln?
Ich fand es auch traurig, dass Juana und ihr Liebster ums Leben gekommen sind. Bei der Offenbarung, dass
Flora nur mit einem Geist eine Verbindung hatte, ist schon ein Gänsehaut Moment gewesen.


Gedanken sind nicht stets parat,/ Man schreibt auch, wenn man keine hat.

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#5

RE: Historisches Knistern - Geheimnis im Kloster

in Archiv 18.06.2022 21:53
von Jana88 • Federlibelle | 537 Beiträge | 1242 Punkte

Fast elfengleich ist die Szene beim Wasserfall. So magisch.
Und zugleich dieses Historische in deiner Geschichte sind eine schöne Mischung. Das macht es richtig fesselnd.


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Am Ende wird alles gut. Wenn es nicht gut wird, ist es noch nicht das Ende *Oscar Wilde
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#6

RE: Historisches Knistern - Geheimnis im Kloster

in Archiv 20.06.2022 17:56
von Anka • Federlibelle | 750 Beiträge | 3295 Punkte

Liebe @Carlotta Lila,
da kann ich mich nur anschließen. Mir gefällt die Atmosphäre sehr gut, die deine ganze Geschichte von vorn bis hinten umgibt und sie fast magisch macht. Der Zusammenhalt der beiden Frauen hat mich berührt. Auch als sich herausstellt, dass die eine ein guter Geist ist. Die Liebesszene am Wasserfall verdient wirklich Beifall. Soooo schön. Deine Erklärungen am Anfang waren sehr hilfreich für mich, du scheinst dich intensiv damit beschäftigt zu haben. Der Text hat mich mitgenommen auf eine Reise in eine ferne Zeit und eine ferne Welt, bei der ich wunderbare Bilder gesehen habe. Danke dir dafür!


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#7

RE: Historisches Knistern - Geheimnis im Kloster

in Archiv 22.06.2022 07:23
von Carlotta Lila • Federlibelle | 2.101 Beiträge | 9188 Punkte

Liebe @Bree, @Gini, @Doro, @Anka!

Danke für eure tollen Feedbacks, da habe ich mich echt riesig gefreut. Auch, dass die erotische Szene gelungen ist! Ich habe mir versucht ein Bild vorzustellen und dieses im Kopf zu beschreiben. Im Nachhinein würde ich in einer Neuversion vielleicht mehr Andeutungen darüber geben, dass es sich bei dem Liebespaar Juana und Joaquin um Geister handelt - tja, wann sind unsere Geschichten schon jemals fertig! ((-;
Herzliche Grüße XXX
Charlotta Lila


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#8

RE: Historisches Knistern - Geheimnis im Kloster

in Archiv 23.06.2022 12:45
von -jek • Federlibelle | 686 Beiträge | 2088 Punkte

@Carlotta Lila Den Komplimenten schließe ich mich gerne an, Spannung und Erotik knistern "liebevoll" vereint. Zwei geringfügige Erbsen möchte ich aber noch ins Wasser plumpsen lassen:
"Mit ihren Blicken hielten sie einander fest": Doch wohl auch mit den Armen? Eine andere Formulierung für den innigen Augenkontakt wäre mir deshalb lieber.
"Doch sie kniete nieder bei mir": Dazu muss sie erst einmal zur Erzählerin kommen, z.B.: "Doch sie löste sich aus Joaquins Armen, kam herauf und kniete lächelnd bei mir nieder"


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