#1

Historisches Knister - Zeitenwende

in Archiv 19.05.2022 10:31
von Yggdrasil • Federlibelle | 1.139 Beiträge | 2920 Punkte

Basierend auf eine wahren Begebenheit ...


Zeitenwende

Die Wolldecke war verrutscht und Kurt lag mehr neben als auf ihr. Das Heu piekte, und das nachfolgende Jucken war fast unerträglich. Aber Kurt ertrug es gerne, solange er Ludmilla in seinen Armen halten konnte. Sie lag an seiner Schulter, das blasse Gesicht war vom langen pechschwarzen Haar umrahmt.
„Du bist so nachdenklich. Was bedrückt dich?“
Ludmilla antwortete nicht, seufzte aber tief.
Kurt drehte sich auf die Seite und schaute sie eindringlich an. Langsam öffnete sie die Augen. Wie konnten Augen nur so grün sein!
„Nun sag schon, Liebes. Du hast doch irgend etwas. Ein Problem im Dienst? Was ist es?“
Ludmilla richtete sich auf und stützte sich auf den Ellenbogen. Mit der freien Hand streichelte sie Kurts Wange.
„Mein Liebling, ich weiß nicht, wie lange unsere Liebe noch geheim bleibt. Ich fürchte, mein Vorgesetzter, Oberstleutnant Petruljew, ahnt etwas. Gestern machte er so eine Andeutung. Ob ich Ahnung von der Landwirtschaft einer LPG hätte. Dabei lachte er hinterhältig. Kurt, wir müssen aufpassen. Eine Liebschaft mit einem Deutschen ist uns Rotarmisten nicht erlaubt. Man wird mich drangsalieren. Und dich auch. Was das bedeutet, weißt du selber.“
Kurt schwieg. Er wusste genau, wozu Stasi und KGB fähig waren.
Ludmilla stand auf und begann, sich ihre Uniform anzuziehen. Kurt blieb im Heu liegen und sah zu. Wie er ihren Körper bewunderte!
„Ich habe Angst“, flüsterte Ludmilla Kurt ins Ohr. „Ich liebe dich!“
Sie stieg die Leiter hinunter.


Kurt schrieb den Wochenbericht über die geleistete Arbeit. Noch am Mittag musste der Bericht zur Post gebracht werden. Bei der Bezirksregierung würde man sich freuen, so positive Zahlen zu lesen.
Es klopfte.
„Herein!“
„Kurt, du sollst zum Bezirksamt der Partei kommen. Der Genosse Vorsitzende will dich sprechen. Sofort.“ Die Sekretärin war außer Atem, so schnell hatte sie den Weg von der Verwaltung zum Büro des Produktionsleiters zurückgelegt.
„Sofort? Was ist denn so eilig?“
„Keine Ahnung, aber unverzüglich hat es in der Meldung geheißen.“
„Na gut, dann mach ich mich auf den Weg.“
Der Trabbi brachte ihn binnen einer Stunde zum SED-Bezirksamt. Der Genosse Vorsitzende war ein Jagdkollege, fast ein Freund. Vielleicht sollte es zusammen auf eine Jagdpartie gehen. Aber warum so eilig?
„Gehen Sie gleich durch, Genosse. Sie werden erwartet.“
Die Empfangsdame öffnete die Tür zum Vorsitzenden.
„Tach Hans, was ist denn so eilig?“
„Setz dich, Kurt. Ich komme gleich zur Sache. Du hast ein Verhältnis mit einer Soldatin der Sowjetarmee. Versuche es gar nicht erst zu leugnen, mir liegen Beweisfotos vor. Und frage nicht, wer sie gemacht hat.“
„Ja, Hans, wenn du schon alles weißt, ich liebe Ludmilla.“
„Mensch Kurt, du weißt dass das nicht sein darf. Ich könnte dich sofort festnehmen, aber wir haben mit der Stasi abgesprochen, dass ich in diesem Fall freie Hand habe. Weil du unser bester Mann bist. Wir können auf dich und deine Fähigkeiten nicht verzichten. Also lasse ich die Sache fallen.“
„Und Ludmilla? Was ist mit ihr?“
„Da waren mir die Hände gebunden. Sie ist schon zurück in die Sowjetunion, in einem Flieger des KGB. Du wirst sie nicht wiedersehen, Kurt. Tut mir leid.“
„Scheiße“, sagte Kurt, „aber trotzdem danke, Hans.“

***

Die folgenden Monate waren zermürbend für Kurt. Er sehnte sich nach Ludmilla, träumte von ihr, suchte nach ihr. Keine Spur. Natürlich war ihm bewusst, dass sie außer Landes gebracht worden war, aber die Hoffnung blieb. Nachts wälzte er sich im Bett, rief nach ihr und umarmte die Kissen. Aber er war und blieb allein.
Der Meinung war auch Rosemarie, das Nachbarmädchen. Sie kannten sich seit ihrer Kindheit, aber mehr war nie gewesen. Jetzt fand das Mädchen Zugang zu Kurt, sie verliebte sich in ihn, den sie seit vielen Jahren heimlich angebetet hat. Kurt erwiderte ihre Zuneigung und sie wurden ein Paar. Allerdings war Ludmilla nie aus Kurts Gedanken und Träumen verschwunden. Nachts redete er von ihr, nannte ihren Namen. „Ludmilla, Liebste!“
Rosemarie weckte ihn.
„Wer ist Ludmilla?“, fragte sie.
Kurt erzählte ihr die ganze Geschichte. „Und sie wird immer wieder in meinen Träumen erscheinen, Rosemarie, das sollst du wissen.“
„Wenn es sie nur in deinen Träumen gibt“, antwortete Rosemarie und küsste Kurt.
„Versprochen“, erwiderte Kurt.

Die Hochzeit wurde standesgemäß im Festsaal der LPG gefeiert.
Bald wurde der Sohn Matthias geboren, ein Jahr darauf die Tochter Corinna. Eine heile Familie, wie es schien. Nur Rosemarie musste mit der Unsichtbaren das Ehebett teilen. Sie ertrug es, um ihrer Liebe zu Kurt willen – und um den äußeren Schein zu wahren.



Nach der Wende 1989 und der Wiedervereinigung erkannte Kurt die Zeichen der neuen Zeit. Er machte sich selbstständig mit einem Großhandel für Fenster und Türen. Dazu baute er einen Montagetrupp auf. Der Betrieb war erfolgreich, und Kurt überaus arbeitsam. Rosemarie war weiterhin die treue Ehefrau und und hielt Kurt immer den Rücken frei, wie es in Freundeskreis hieß. Sie fuhr Kleinteile und Werkzeug zu den verschiedenen Baustellen, wenn es irgendwo hakte. So sorgte sie für einen reibungslosen Ablauf der Aufträge. Ihr Kleintransporter wurde oft auf den Straßen gesehen, Rosemarie am Steuer und ihr getreuer Schäferhund Hasso auf dem Beifahrersitz. Nie fuhr sie ohne den Hund. Bis eines Tages das Unglück geschah. Hasso, schon in die Jahre gekommen, schaute Rosemarie kurz an, dann sprang er ihr an die Kehle. Der Wagen prallte gegen einen Baum.

Ein paar Tage nach der Beerdigung sprach Kurt mit seinen Kindern über die Zukunft und wie es mit dem Betrieb weitergehen sollte. Corinna wollte nach dem Schulabschluss Floristin werden und hatte bereits eine Stelle. Matthias wollte nach dem Abitur studieren und in die Industrie gehen. Für die Firma hatten die Kinder kein Interesse.
„Warum fragst du so genau danach?“, fragte Matthias.
Kurt überlegte, dann begann er, von den zwanzig Jahren der Ehe zu sprechen, und wie gut sie es gehabt hatten.
„Aber dann ist da noch Ludmilla …“.
Kurt erzählte seien beiden Kindern die ganze Geschichte von Ludmilla, und auch, dass ihre Mutter immer von ihr gewusste hatte.
„Nun will ich mich auf die Suche nach Ludmilla machen. Vielleicht gibt es sie noch. Sie müsste in der heutigen Ukraine leben. Zumindest stammt sie daher, aus einem kleinen Bergdorf in den Karpaten. Helft ihr mir mit dem neuen Internet? Ihr kennt euch da besser aus.“

***

Die Fahrt hatte einen Tag gedauert. Spätabends war er bei Ludmilla angekommen. Sie hatte viel miteinander telefoniert und sich dann für heute verabredet.
„Mein Liebster, jetzt bist du da. Wie ich mich nach dir gesehnt habe!“
„Ich liebe dich immer noch, Ludmilla, genau wie damals. Immer habe ich von dir geträumt.“
„Komm rein, mein Lieber, wir müssen uns alles erzählen.“
Und das dauerte die ganze Nacht, und es blieb nicht nur beim Erzählen. Beide hatten Familie, beide Kinder. Trotzdem hatten sie über fast dreißig Jahre in ihren Gedanken ihre Liebe fortgeführt.

Kurt blieb bei Ludmilla. Er verkaufte die Firma und das Haus. Die Kinder waren einverstanden. Mit dem Überschuss aus dem Verkauf konnten sie gut leben. Auch die teure OP für Ludmillas krebskranke Tochter konnten sie bezahlen.
Sie betrieben einen kleinen Berghof und konnten vom Verkauf von Gemüse und Käse etwas dazuverdienen. Am meisten aber beschäftigten sie sich miteinander, mit ihrer Liebe.
„Jetzt“, sagte Ludmilla, „jetzt ist es kein Traum mehr!“

Die Jahre vergingen, bis im Februar 2022 plötzlich russische Panzer in ihrem Dorf standen. Soldaten mit ihren Kalaschnikows streunten durchs Dorf und mordeten, was sich bewegte.
Ein Trupp Soldaten näherte sich auch dem Berghof von Kurt und Ludmilla. Kurt sah die Rotarmisten ankommen.
„Nein!“, schrie er, „ihr dürft unser Leben unsere Familie und unsere Liebe nicht zerstören. Wir waren doch einmal Brudervölker, vereint im Sozialismus!“
Wie hohl klangen diese Worte, selbst in seinen eigenen Ohren.
Ein Soldat hob die Waffe, als Kurt ihnen entgegen stolperte.
„Stoi!“
„Aber wir sind doch friedliche …“.
Der Rest ging Rattern der Maschinengewehrsalve unter.


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#2

RE: Historisches Knister - Zeitenwende

in Archiv 19.05.2022 14:06
von Bree • Federlibelle | 4.181 Beiträge | 16646 Punkte

Lieber @Yggdrasil

du liebe Güte, was für ein dramatisches Ende dieser Liebe!
Du bringst gleich mehrere historische Ereignisse unter, die DDR-Zeit, den Mauerfall, die Wiedervereinigung und den aktuellen Krieg in der Ukraine.
Im Prinzip wäre das alles Stoff für einen Roman. Da könntest du all das, was jetzt sehr komprimiert erzählt wurde, viel ausführlicher darstellen. Es ist ja auch eine gewaltige Zeitspanne, die du in dieses Zeichenkorsett zwängen musstest.

Diese innige Liebe zwischen Kurt und Ludmilla ist beneidenswert, und ich habe mich sehr für die beiden gefreut, als sie nach jahrzehntelanger Trennung wieder zueinander gefunden haben.
Und dann dieses abrupte, durch Putins Krieg ausgelöste gewaltsame Ende ...
Aber zumindest konnten sie noch eine Zeitlang zusammen sein.

Du schreibst, die Geschichte basiert auf tatsächlichen Ereignissen. Das macht sie noch um einiges eindringlicher, da persönliche Schicksale viel mehr Emotionen auslösen als allgemeine Darstellungen dieses schrecklichen Krieges. Hat Ludmilla überlebt? Oder wurde sie ebenfalls erschossen?

Danke für diesen Beitrag!

LG
Bree


Der Kriminalschriftsteller ist eine Spinne, die die Fliege bereits hat, bevor sie das Netz um sie herum webt.
(Sir Arthur Conan Doyle)

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#3

RE: Historisches Knister - Zeitenwende

in Archiv 19.05.2022 17:52
von Gini • Federlibelle | 1.765 Beiträge | 3609 Punkte

@Yggdrasil was für eine eindrucksvolle Geschichte. Ich habe mitgelitten, mit geliebt und war völlig drinnen
in deiner Geschichte. Vergangenheit und Zeitgeschehen, alles dabei.
Wie furchtbar tragisch das Ende. Aber alles insgesamt, zum weinen schön.


Gedanken sind nicht stets parat,/ Man schreibt auch, wenn man keine hat.

Wilhelm Busch (1832-1908)
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#4

RE: Historisches Knister - Zeitenwende

in Archiv 01.06.2022 16:54
von Doro • Federlibelle | 2.265 Beiträge | 8880 Punkte

Hallo @Yggdrasil ,

du hast eine Tragödie geschrieben, die erst mit dem letzten Satz zu einer wurde. Historische Eckpunkte sind auch mehr als genug drin. Ich gebe @Bree recht, das ist Stoff für einen ganzen Roman.

Durch das Komprimieren kommt für mich das erotische Knistern zu kurz. Es ist zweifellos eine Liebesgeschichte, aber Erotik vermisse ich im Text. (Oder hab ich da was falsch verstanden? )

Der Titel "Zeitenwende" gefällt mir gut und passt hervorragend.

Das Ende passt zur Geschichte, auch, wenn es mir nicht gefällt. Das Tragische daran ist, dass dieses Ende momentan gar nicht so selten ist. Das ist sehr traurig.


LG
Doro


Gib jedem Tag die Chance, der schönste deines Lebens zu werden. (Mark Twain)
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#5

RE: Historisches Knister - Zeitenwende

in Archiv 18.06.2022 22:14
von Jana88 • Federlibelle | 537 Beiträge | 1242 Punkte

Was für ein Wahnsinn. So eine langanhaltende Liebe, die so furchtbar endet. Sehr, sehr tragisch.
Ich habe absolut mitgelitten und war mittendrin.
Auch wenn viel passiert in wenigen Zeichen, kann man sich alles gut vorstellen.


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Am Ende wird alles gut. Wenn es nicht gut wird, ist es noch nicht das Ende *Oscar Wilde
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#6

RE: Historisches Knister - Zeitenwende

in Archiv 19.06.2022 00:05
von Carlotta Lila • Federlibelle | 2.090 Beiträge | 9151 Punkte

Hallo @Yggdrasil In atemberaubenden Tempo erzählst du ein ganzes Leben - Roman im Zeitraffer. Dennoch steuerst du sehr gezielt auf das Ende zu, wo sich der Kreis auf tragische Art schliesst und Ludmillas und Kurts Leben wieder von der Politik zerstört wird. Diesmal ganz.
Wirklich schade für die beiden!
Den Text habe ich übrigens in einem Rutsch gelesen, sehr spannend - obwohl du die dramatischen Momente nicht ausgekostet hast. Das blieb der Vorstellung überlassen.
LG
Carlotta Lila


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Unsere größte Schwäche liegt im Aufgeben. Der sicherste Weg zum Erfolg ist immer, es noch einmal zu versuchen.
Thomas Alva Edison
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zuletzt bearbeitet 19.06.2022 00:06 | nach oben springen

#7

RE: Historisches Knister - Zeitenwende

in Archiv 19.06.2022 07:33
von Anka • Federlibelle | 750 Beiträge | 3295 Punkte

Lieber @Yggdrasil, da kann ich mich nur anschließen. Deine Geschichte geht sehr unter die Haut, obwohl sie fast wie eine Art Biografie erzählt wird. So viele Ereignisse hast du geschildert, das ganze Leben und wenn es auf einer wahren Begebenheit beruht, nehme ich an du hattest Kontakt damit? Ich habe mitgefiebert, fand die Rosemarie sehr bewundernswert und war glücklich, als die beiden (Kurt und Ludmilla) sich wiedergefunden hatten. Sehr schlimm, dieser gegenwärtige Krieg und sehr passend dazu das Ende. Das lässt einen schockiert zurück.


Geschichten schreiben ist wie zaubern!
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#8

RE: Historisches Knister - Zeitenwende

in Archiv 23.06.2022 13:08
von -jek • Federlibelle | 686 Beiträge | 2088 Punkte

@Yggdrasil Grandioser Plot, du hast es einfach drauf, aber recht zufrieden bin ich noch nicht. Der Stoff reicht für einen Roman, für eine kurze Erzählung müsstest du ganz viele Details über Bord schmeißen, z.B.:
Genaueres über Kurts Selbständigkeit nach der Wende
wie genau Rosemarie starb
Berufe der Kinder
Krebsbehandlung von Ludmillas Nachwuchs
usw
Dann bliebe auch mehr Platz für die Erotik. Zwei sehr junge Menschen haben einander geiiebt. Bei ihrem Wiedersehen sind reichlich dreißig Jahre vergangen. Ist die Erotik die Gleiche geblieben oder hat sich etwas verändert?


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Wenn du Schreibregeln beherrscht, ist das gut. Wenn sie dich beherrschen, ist das schlecht.
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