#1

SGZ Nr. 16 - Ein neuer Tag in Silver City

in Die Geschichten der Woche 17.04.2022 09:36
von Bree • Federlibelle | 4.190 Beiträge | 16683 Punkte

Ein neuer Tag in Silver City

Ella May sah aus dem Fenster mit den dünnen, fast blinden Scheiben. Die Hauptstraße von Silver City war leer, wenn man von dem klapprigen Gaul aussah, der mit hängendem Kopf vor der Schmiede angebunden war. Eine Windböe wirbelte den Sand der Straße auf. Die Sonne, die eben hinter dem Hügel außerhalb der Stadt aufging, tauchte die Szenerie in goldenes Licht. Im Prinzip, dachte Ella May, ist Silver City eine hübsche Stadt. Aber nicht mehr für sie.
Sie schaute nach links, so weit wie es ihr das Fenster gestattete. Von Jon und Herb, die aus dieser Richtung kommen würden, war bisher nichts zu sehen. Ihr blieb also noch etwas Zeit. Zeit, die sie zu nutzen gedachte.
Sie drehte sich um, ihr Blick wanderte durch das Zimmer. Auf dem ungemachten Bett lag ihr Koffer. Die meisten ihrer Habseligkeiten lagen bereits darin. Ella May öffnete die Schublade des wackeligen Nachttisches und holte ihre Smith & Wesson hervor. Mit routiniertem Blick überprüfte sie, ob sie noch geladen war, nickte zufrieden und schob sich die Waffe in ihr Strumpfband. Mit einem leichten Rascheln fiel der Stoff ihres violetten Taftkleides darüber.
Dann packte sie ihre letzten persönlichen Besitztümer in den Koffer, schloss ihn ohne Mühe, denn viel besaß sie nicht, und stellte ihn neben der Tür an die Wand. Als sie sich aufrichtete, fiel ihr Blick in den kleinen Spiegel, der schief an einem Nagel hing und mindestens so blind war wie die Fensterscheiben. Ihre blonden Locken, die sich seitlich aus dem Haarknoten gelöst hatten, hingen schlaff herunter, und ihr bleiches Gesicht wirkte angespannt. Ella May zog ihren Lippenstift aus dem kleinen Beutel, den sie am Gürtel ihres Kleides trug, und zog sich die Lippen leuchtendrot nach.
Eine deutliche Verbesserung konnte sie nicht feststellen, als sie sich noch einmal musterte, aber zumindest fühlte sie sich weniger farblos.
Ein Geräusch ließ Ella May aufhorchen und sie trat erneut ans Fenster. Die Straße war nun belebter. Der Gaul vor der Schmiede war verschwunden, doch vor dem Saloon unterhielten sich zwei Männer, Der Gemischtwarenhändler öffnete seine Türen, die Lehrerin, ein ältliches Fräulein mit einem so aufrechten Gang, das man meinen könnte, sie hätte eine Holzlatte verschluckt, ging raschen Schrittes auf das Schulgebäude am Ende der Straße zu, und der Sheriff hämmerte einen weiteren Steckbrief neben die anderen, die bereits an der Holzwand seines Hauses hingen. Die Schläge seines Hammers waren es, die Ella May gehört hatte. Aus der Entfernung konnte sie nicht erkennen, wer gesucht wurde, doch sie ahnte es. Im Augenblick war der Name Black Luther Wilson in aller Munde. Der Mann mit dem schwarzen Bart und dem geschmeidigen Gang eines Panthers wurde verdächtigt, die Bank im benachbarten Pearl Valley überfallen und drei Menschen erschossen zu haben. Ella May hatte erst gestern davon gehört. Hoffentlich wurde der Kerl bald gefasst. Der Banküberfall war nicht das Einzige, was man Black Luther zur Last legte. Er war zu einer Gefahr geworden.
Ella May registrierte aus dem Augenwinkel eine Bewegung und ihr Herzschlag beschleunigte sich. Jon und Herb ritten gemächlich nebeneinander in die Stadt. Sie begrüßten die Lehrerin, die ihren Weg kreuzte, und steuerten zielsicher Ella Mays Haus an. Als Jon den Kopf hob und zu ihr hochsah, trat sie rasch einen Schritt zurück. Es war soweit.
Sie atmete tief durch, dann ging sie zur Tür, nahm ihren zum Kleid passenden Hut vom Haken und setzte ihn auf. Anschleßend ergriff sie ihren Koffer und verließ das Zimmer, ohne sich noch einmal umzusehen. Ihre Knie zitterten, als sie die schmale Treppe nach unten stieg.
Sie hörte die Hufe der beiden Pferde näherkommen. Eines der Tiere schnaubte, dann blieben beide stehen. Geschirr klimperte. Das Geräusch von Stiefeln, die auf dem staubigen Boden aufkamen, erklang, und kräftige Schritte, begleitet vom leisen Klingen der Sporen, näherten sich der Tür.
Ella Mays Kehle war wie zugeschnürt, doch sie nahm all ihren Mut zusammen, ergriff den Türknauf und zog daran.
Ihr Blick traf auf die von Jon und Herb.
„Morgen, Ella May“, sagte Jon.
„Wo ist Mom?“, fragte Herb.
„In ihrem Zimmer“, antwortete Ella May mit hocherhobenem Kinn. „Geht nur, sie wird sich freuen, euch zu sehen.“
„Was willste mit dem Koffer, hä?“, wollte Jon wissen, und wies mit seinem schmutzigen Zeigefinger auf das Gepäckstück in ihrer Linken.
„Ich gehe“, erwiderte Ella May hart.
„Einkaufen?“, fragte Herb. „Aber wieso mit’m Koffer?“
Ella May schloss kurz die Augen und zwang sich zur Ruhe. Dann blickte sie ihre beiden Brüder an. War es falsch, was sie tat? Wie konnte sie es verantworten, ihre kranke Mutter diesen beiden Dummköpfen auszuliefern?
Andererseits hatte Ella May auch ein eigenes Leben, uns sie wollte nicht an der Seite der mürrischen alten Frau verdorren, die kein Wort des Dankes für alles, was Ella May für sie tat, über ihre dünnen Lippen brachte.
„Kommt schon rein“, forderte sie Jon und Herb auf.
Die beiden traten über die Schwelle und nahmen ihre Hüte ab. Kaum waren sie im Haus, verließ Ella May es. „Lebt wohl, ihr drei“, sagte sie mit einem unbeschwerten Lächeln. Dann knallte sie die Tür hinter sich zu und trat auf die sonnenbeschienene Straße. So sah sie zwar nicht die Reaktion ihrer Brüder, doch es machte ihr keine Mühe, sie sich vorzustellen. Garantiert starrten die beiden mit aufgerissenen Augen auf die zugeschlagene Tür, versuchten mit offen stehenden Mündern zu begreifen, was gerade geschehen war, und würden schließlich einen Blick tauschen, der Schrecken und Hilflosigkeit ausdrückte.
Ella May ging zum Nachbarhaus hinüber. Davor stand eine kleine Kutsche. Der Sohn der alten Bessie hatte angeboten, sie zum Bahnhof zu fahren. In einer halben Stunde ging der Zug nach Kansas City. Und dort würde sie der Mann erwarten, nach dem sie sich so sehnte. Black Luther Wilson, der Mann mit dem schwarzen Bart und dem geschmeidigen Gang eines Panthers, der mit einem Blick aus seinem dunklen Samtaugen dafür sorgte, dass ihre Knie weich wurden.
Nach dem erfolgreichen Banküberfall würde er gewiss genug Geld zusammen haben, damit sie gemeinsam nach New York reisen und ein neues Leben beginnen konnten.
Mit einem Lächeln der Vorfreude begrüßte Ella May Bessies Sohn und kletterte in die Kutsche.


Der Kriminalschriftsteller ist eine Spinne, die die Fliege bereits hat, bevor sie das Netz um sie herum webt.
(Sir Arthur Conan Doyle)

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#2

RE: SGZ Nr. 16 - Ein neuer Tag in Silver City

in Die Geschichten der Woche 17.04.2022 16:50
von Doro • Federlibelle | 2.270 Beiträge | 8898 Punkte

Liebe @Bree ,

erst dachte ich, schade, dass es keine Fortsetzung der Geschichte vom letzten SGZ ist. Aber ich wurde nicht enttäuscht. Die Geschichte ist spannend, auch, weil du ein paar falsche Spuren legst. (Z.B. die mit der Waffe, die sie für ihre Brüder ja nicht braucht.)

Gern gelesen.

LG
Doro


Gib jedem Tag die Chance, der schönste deines Lebens zu werden. (Mark Twain)
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#3

RE: SGZ Nr. 16 - Ein neuer Tag in Silver City

in Die Geschichten der Woche 18.04.2022 17:35
von Bree • Federlibelle | 4.190 Beiträge | 16683 Punkte

Liebe @Doro

es war schon merkwürdig. Kaum hatte ich das Wort der Woche gelesen, hatte ich eine Western-Szene vor mir. Und ich schrieb drauflos, ohne eine Ahnung zu haben, worauf es hinauslaufen würde. Nach ca. 2/3 fiel mir das letzte SGZ ein, und dass ich ja eine Fortsetzung schreiben wollte.
Was soll's? Ist sie eben nächste Woche dran. Man kann Kreativität nun einmal nicht so richtig steuern.
Freut mich aber, dass diese Geschichte dich nicht enttäuscht hat, obwohl du etwas anderes erwartet hattest.

Deine Reaktion (hihi ) freut mich besonders, weil Western ja kein Genre ist, in dem ich mich häufig bewege. Umso lustiger, dass diese Story raus wollte.
Danke für dein Feedback!

LG
Bree


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#4

RE: SGZ Nr. 16 - Ein neuer Tag in Silver City

in Die Geschichten der Woche 24.04.2022 18:44
von Gini • Federlibelle | 1.765 Beiträge | 3609 Punkte

@Bree du kannst also auch Western. Warum wundert es mich nicht?
Sehr spannend, mit einem unerwartetem Ende. Ich kann sie verstehen,
dass sie keine Lust hat ihre Zeit mit einer nörgelnden Frau zu verbringen.
Auch wenn es ihre Mutter ist. Da flüchtet man doch lieber zu seinem Liebsten.
Hoffentlich kommen sie ihm nicht auf die Schliche, dann ist es vorbei mit Honey Moon.


Gedanken sind nicht stets parat,/ Man schreibt auch, wenn man keine hat.

Wilhelm Busch (1832-1908)
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Bree hat sich bedankt!
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#5

RE: SGZ Nr. 16 - Ein neuer Tag in Silver City

in Die Geschichten der Woche 24.04.2022 19:47
von Bree • Federlibelle | 4.190 Beiträge | 16683 Punkte

Liebe @Gini

danke für dein Feedback.

Zitat von Gini im Beitrag #4
du kannst also auch Western. Warum wundert es mich nicht?

Lieb von dir, aber ob ich so einen richtigen Western 'könnte', weiß ich nicht. So eine Szene könnte sich auch in einer Plattenbausiedlung in Zwickau oder in einem Fachwerkhaus Ende des 19. Jahrhunderts in NIederbayern abspielen.
Aber mir war irgendwie nach 'Westernfeeling', und ich hatte anfangs keine Ahnung, wohin die Reise geht.

Freut mich aber, dass du die Story als spannend empfunden hast. Danke!

LG
Bree


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#6

RE: SGZ Nr. 16 - Ein neuer Tag in Silver City

in Die Geschichten der Woche 24.04.2022 20:34
von blauer Granit • Federlibelle | 688 Beiträge | 3425 Punkte

Liebe Bree!
Ich fand die Geschichte sehr gut. In die Westernatmosphäre kam ich schnell hinein. Ich muss sagen ich hätte gerne mehr über die Protagonistin erfahren. So eine geheimnisvolle Figur macht Appetit.


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#7

RE: SGZ Nr. 16 - Ein neuer Tag in Silver City

in Die Geschichten der Woche 26.04.2022 12:00
von Bree • Federlibelle | 4.190 Beiträge | 16683 Punkte

Zitat von blauer Granit im Beitrag #6
Ich muss sagen ich hätte gerne mehr über die Protagonistin erfahren. So eine geheimnisvolle Figur macht Appetit.

Stimmt, liebe @blauer Granit
Ella May scheint tatsächlich eine interessante Figur zu sein. Wer weiß, vielleicht baue ich diese Story irgendwann aus, und beleuchte sie dann von allen Seiten.

Danke für dein Feedback!

LG
Bree


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#8

RE: SGZ Nr. 16 - Ein neuer Tag in Silver City

in Die Geschichten der Woche 29.04.2022 07:55
von Yggdrasil • Federlibelle | 1.142 Beiträge | 2923 Punkte

@Bree Ich gebe es zu, ohne rot zu werden: Western war früher als Junge meine Hauptlektüre. Ob sich eine amerikanische Dörflerin vor 150 Jahren so durchsetzen konnte?
Aber gut geschrieben allemal - und gern gelesen!


www.marten-petersen.com
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#9

RE: SGZ Nr. 16 - Ein neuer Tag in Silver City

in Die Geschichten der Woche 29.04.2022 10:29
von Bree • Federlibelle | 4.190 Beiträge | 16683 Punkte

Dankeschön, @Yggdrasil

natürlich habe ich das Genre nur gewählt, um dir eine Freude zu machen.
Selbstverständlich ist Ella May keine typische Vertreterin für die damalige Zeit. Das wäre ja auch langweilig ...

LG
Bree


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#10

RE: SGZ Nr. 16 - Ein neuer Tag in Silver City

in Die Geschichten der Woche 29.04.2022 17:52
von -jek • Federlibelle | 686 Beiträge | 2088 Punkte

Alles Gute für Ellen May, möge sie mit ihrem Liebsten in den Sonnenaufgang reiten! Ja, stimmt, normal reiten Westler in den Sonnenuntergang, aber New York liegt nun mal in der anderen Richtung ...


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Wenn du Schreibregeln beherrscht, ist das gut. Wenn sie dich beherrschen, ist das schlecht.
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