#1

SGZ 15/22 Die Äbtissin von Cuzco

in Die Geschichten der Woche 14.04.2022 22:18
von Carlotta Lila • Federlibelle | 2.131 Beiträge | 9331 Punkte

Anmerkung: Dies ist die Fortsetzung von SGZ 14 - das Kind

Die Äbtissin von Cuzco

Nachdem wir das Kind mit uns genommen haben, waren wir zügig weiter geritten. Dennoch hatte es über sieben Tage gedauert, bis wir in Cuzco ankamen. Die letzten Tage waren wir durch eine Landschaft geritten, die weit niedriger als die mächtigen Anden war, dafür waren die Berge um Cuzco weithin berühmt durch ihre bunten Farbstreifen. In den dunklen Gassen, fragten wir uns nach dem Weg zum Kloster durch. Es war nicht besonders weit und unsere erschöpften Pferde trugen uns gerade noch über die letzten steilen Straßenzüge. Cuzco war viel enger als Arequipa und es roch überall nach Rauch. Vor allem gab es in den Straßen viel mehr Indianer als in Arequipa, das merkte ich sofort. Das die Stadt von der spanischen Krone beherrscht wurde, zeigte dennoch die mächtige Kirche auf der Plazza de Armas.
Auf unserem Weg hatten Amaru und ich uns darauf geeinigt, den kleinen Jungen, der knapp seiner Opferung für die Götter entronnen war, vorerst zu den Nonnen in Obhut zu geben. Inzwischen nannten wir ihn Antay, was auf Quechua "Kupferrot" bedeutete: Wenn die Sonne auf sein schwarzes Haar fiel, hatte es einen rötlichen Schimmer.
An der Pforte des Klosters wurden wir der Äbtissin gemeldet. Eine junge Nonne, die sich als Juaquinta vorstellte, führte uns hinein und erklärte, wir müssten noch ein wenig warten, könnten aber inzwischen essen. Wir ließen uns das nicht zweimal sagen.
„Nirgendwo wird man so gut verköstigt, wie in einem Kloster“, flüsterte ich Amaru zu, um ihn aufzuheitern, denn es war ihm anzusehen, dass er sich unwohl in den steinernen Hallen fühlte.
„Dies ist alles auf Inkamauern gebaut“, sagte er leise und wies auf die Grundmauern. Mindestens eine Fußspanne der Wände bestand aus runden, gigantischen Steinen – Inkatempel - unzerstörbar stabil. Das hatten wohl die Spanier erkannt und genützt. Nur einen Teil der Inkamauern hatten sie abgetragen und darauf hatten sie dann mit kleinen glatt behauenen Steinblöcken das Kloster darauf gesetzt.
„Meerschweincheneintopf gefällig?“ Die beleibte Köchin sprach diese Worte auf spanisch, aber sie hatte eindeutig das runde Gesicht einer Quechuaindianerin.
„Kartoffelbrei gibt es auch.“ Ihr Blick fiel auf den kleinen Antay, der sie vergnügt anlachte und wanderte dann von Amaru zu mir. „Ist das … das ist wohl nicht euer Sohn?“
„Nein“, sagte ich und warf Amaru einen Blick zu. Wir hatten uns ausgemacht, nicht die Wahrheit und möglichst wenig zu erzählen.
„Wir haben Antay in der Nähe von Cuszco gefunden, er hat seine Eltern verloren. Jetzt hoffen wir, dass wir ihn einstweilen hier im Kloster unterbringen können.“
Die Köchin seufzte: „Leider findet man zurzeit so viele Kinder, die ihre Eltern verloren haben. Es ist der ständige Krieg mit den spanischen Soldaten. Wir haben im Kloster schon ein ganzes Waisenhaus einrichten müssen.“
Noch immer sah sie Amaru und mich neugierig an, doch wir dachten nicht daran, ihr zu erklären, wie wir heimlich miteinander aufgebrochen waren, ohne meinen Eltern oder sonst jemanden etwas zu sagen.
„Wenn ihr zum Abendessen bleibt gibt es Lammbraten und Maiskolben“, sagte die Köchin. In diesem Moment klopfte es an der Türe und die Nonne Juaquinta bat uns zur Äbtissin. Sie führte uns durch lange Arkadengänge mit farbenfrohen Malereien von Blumengirlanden und Vögeln. Als sie meine bewundernden Blicke bemerkte, erklärte sie: „Das malen alles wir Nonnen. Die Männer sagen ja oft, dass Frauen zur Kunst nicht fähig sind. Aber wir müssen hier keine Kinder großziehen und so schaffen wir in unserer freien Zeit Werke, genauso wie die Männer. Gleich werdet ihr unsere Äbtissin kennen lernen, die gerade an einer Abhandlung schreibt, wie es sonst nur die gelehrten Mönche tun.“ Bewunderung schwang in der Stimme der jungen Nonne mit.
Am Ende des langen Ganges angekommen, öffnete Juaquinta eine schwere Tür und wir traten in einen lichtdurchfluteten Raum ein. Ich musste ein paarmal blinzeln, bevor ich etwas sehen konnte.
„Tretet nur näher“, sagte eine helle Frauenstimme. Dann sah ich die Äbtissin: Sie saß an einem mächtigen Schreibtisch und war über ein dickes Buch gebeugt, an dem sie offensichtlich gerade schrieb: in der rechten Hand hielt sie einen Federkiel. Mit der linken wies sie zu ein paar Stühlen und einem Tisch.
„Ich muss noch ein paar Zeilen fertig schreiben“, seid so gut und wartet noch kurz.
Juaquinta brachte uns eine wassergefüllte Karaffe mit Gläsern und schenkte uns ein. Dann verschwand sie.
Endlich erhob sich die Äbtissin von ihrem Schreibtisch. Wenn ich erwartet hatte, eine füllige und ältere Matrone zu sehen, wurde ich nun schwer getäuscht.
Sie war schlank und beweglich. Ihr Gesicht wirkte jung, auch wenn sie es vielleicht nicht mehr war, ich konnte zahlreiche, feine Fältchen sehen. Doch ihre Augen waren groß und von einem warmen Braun, wie Waldhonig. Wegen dieser Augen liebte ich Äbtissin Teresa sofort. Augenblich kam mein Entschluss, ihr eine Lüge über Antay zu erzählen ins Wanken. Ich warf Amaru einen Blick zu. Doch der wirkte angespannt und presste den Kleinen, den er im Arm trug, fest an sich.
Äbtissin Teresa goss sich nun auch ein Glas Wasser ein. „Ihr seid mir heute eine willkommene Unterbrechung. Seit Tagen arbeite ich nun an dieser Abhandlung über Menschenopfer in den Anden und ich versuche zu erklären, dass das Menschenopfer auch in der christlichen Kultur seinen Platz hatte. Ich kann einfach nicht aufhören zu schreiben.“
„Aha“, sagte ich wenig geistreich und versuchte mir die nächsten Worte zurecht zu legen. Konnte diese Frau womöglich Gedanken lesen? Amaru verspannte sich noch mehr, ich konnte es fühlen.
„Und nicht nur Jesus Christus wurde für alle Menschen geopfert. Im Alten Testament sollte Moses seinen Sohn Isaak opfern und erst im letzten Moment hat Gott verzichtet. In den alten vorchristlichen Kulturen Griechenlands, auf Kreta gab es Menschenopfer: Die schönsten Jünglinge und Mädchen schickte man durch ein Labyrinth und opferte sie dem Minotaurus. Und es gibt noch viele weitere Beispiele. Das alles will ich in meiner Schrift darlegen.“
Teresa trank das Wasserglas mit einem Zug aus.
„Entschuldigt, ich bin hier noch ganz gefangen in meinen Gedanken, mit denen ihr sicher nicht viel anfangen könnt.“ Sie lächelte herzlich. „Was hat euch hierhergeführt?“
Ich brachte kein einziges Wort heraus, denn ich wollte und konnte diese Frau nicht anlügen.
„Wir haben den Kleinen hier gefunden und suchen einen sicheren Platz für ihn“, sagte Amaru an meiner Stelle knapp.
„Ja, so ein süßer Junge“, Teresa beugte sich zu ihm und tätschelte seine Wange, woraufhin Antay sofort zu lächeln begann. Man musste ihn einfach liebhaben.
„Er kann gerne hierbleiben, solange ihr es wollt. Wie lange werdet ihr in Cuzco bleiben?“
„Wir möchten meinen Bruder besuchen, aber wir wissen nicht genau, wo er sich befindet“, erklärte ich und es war eigentlich nicht gelogen.
Auch mit dieser kargen Aussage gab sich die Äbtissin anscheinend zufrieden.
„Ihr könnt hier gerne übernachten und Euch verköstigen lassen. Falls ihr Hilfe braucht, sagt es nur. Nur wenn Ihr geht, würde ich gerne noch einmal mit Euch sprechen.“
Warum nur hatte ich das Gefühl, dass diese Frau über alles Bescheid wusste und in meiner Seele zu lesen vermochte?
Die junge Nonne kam wieder und sie zeigte uns den Ort, wo die Waisenkinder untergebracht waren. Wir ließen Antay aber noch nicht dort. Er war es so gewöhnt bei uns zu sein und würde uns sicher vermissen – und ich ihn auch, musste ich mir eingestehen. In der Nacht schlief der Kleine aber bei Amaru, der in einer eigenen Kammer untergebracht war, denn wir waren ja kein Ehepaar. Ich hatte mit Amaru noch darüber reden wollen, ob wir Antays Geschichte vielleicht doch erzählen wollten. Auch könnten wir im Kloster womöglich etwas über meinen verschollenen Bruder erfahren. Schließlich war er ja ein Mönch und man kannte ihn vielleicht. Aber aus Amaru war nichts herauszubringen.
„Mach was du willst, ich gehe schlafen“, hatte er nur gesagt. „Dies hier ist deine Welt und du musst wissen, was du tust.“
So lag ich die ganze Nacht ganz allein wach und wälzte mich auf meinem weichen Schlaflager aus Alpakafell hin und her. Und das lag gewiss nicht nur daran, dass ich zu viele Maiskolben verzehrt hatte!


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zuletzt bearbeitet 14.04.2022 22:39 | nach oben springen

#2

RE: SGZ 15/22 Die Äbtissin von Cuzco

in Die Geschichten der Woche 16.04.2022 10:36
von Bree • Federlibelle | 4.233 Beiträge | 16875 Punkte

Liebe @Carlotta Lila

eine schöne Fortsetzung. Deine Beschreibungen gefallen mir, man ist praktisch mit im Kloster. Und alle Schwestern dort sind freundlich und hilfsbereit. Was sie ja vermutlich auch sein sollten, doch aus anderen historischen Geschichten weiß ich, dass es nicht unbedingt so sein muss. Manchmal war die Ernte schlecht und auch die Klosterinsassen leiden Hunger. Dann sind weitere Mäuler, die gestopft werden wollen, eine Belastung, und so mancher Mönch oder auch Nonne würde ihren Unmut darüber nicht verbergen. Aber hier scheint es ja genug zu geben.
Spricht der kleine Antay überhaupt nicht? Auch nicht mit deinen Protas? Wenn es so ist, wäre es vielleicht nicht schlecht, das kurzzeitig zu erwähnen. Normal ist das ja nicht, gerade kleine Kinder plappern viel. Und da Antay viel lächelt, scheint er nicht allzu traumatisiert zu sein von dem, was er erlebt hat.

Ich habe noch zwei kleine Erbsen für dich:

Zitat von Carlotta Lila im Beitrag #1
„Ich muss noch ein paar Zeilen fertig schreiben“, seid so gut und wartet noch kurz.

Da sind die zweiten Gänsefüßchen ein bisschen verrutscht.
Zitat von Carlotta Lila im Beitrag #1
Wegen dieser Augen liebte ich Äbtissin Teresa sofort.

Woher weiß sie, wie die Äbtissin heißt? Wenn diese sich zuvor mit Namen vorgestellt hat, wäre dieser Gedankengang nachvollziehbarer.

LG
Bree


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#3

RE: SGZ 15/22 Die Äbtissin von Cuzco

in Die Geschichten der Woche 16.04.2022 21:26
von Doro • Federlibelle | 2.303 Beiträge | 9008 Punkte

Liebe @Carlotta Lila ,

deine Geschichte wird immer spannender. Auch ich konnte mir die Szene im Kloster gut vorstellen. Ich bin schon neugierig, wie es weitergeht.

Zitat von Carlotta Lila im Beitrag #1
„Dies hier ist deine Welt und du musst wissen, was du tust.“
Meint er damit das Kloster? Denn das kennt sie doch auch nicht. Oder meint er die Welt der "Weißen"?
LG
Doro


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#4

RE: SGZ 15/22 Die Äbtissin von Cuzco

in Die Geschichten der Woche 17.04.2022 16:09
von Graugnom • Federlibelle | 261 Beiträge | 1409 Punkte

@Carlotta Lila

Dein Text liest sich flüssig und hat viele Informationen für den Leser.
Etwas irritiert mich. Du schreibst, dass Moses bereit war, seinen Sohn Isaak Gott zu opfern.
So wie ich diese Bibelstelle kenne, war es nicht Moses, sondern Abraham.


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#5

RE: SGZ 15/22 Die Äbtissin von Cuzco

in Die Geschichten der Woche 18.04.2022 09:06
von Carlotta Lila • Federlibelle | 2.131 Beiträge | 9331 Punkte

Liebe @Graugnom, sorry es war Abraham.
Ich sollte wieder mal das Alte Testament lesen!
Danke xxx
C Lila


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#6

RE: SGZ 15/22 Die Äbtissin von Cuzco

in Die Geschichten der Woche 23.04.2022 12:30
von Gini • Federlibelle | 1.786 Beiträge | 3647 Punkte

@Carlotta Lila deine Geschichte ist spannend und auch geheimnisvoll. Als würde da noch etwas im
Hintergrund passieren. Das Kloster konnte ich mir, dank deiner Beschreibung, gut vorstellen.
Ich könnte mir auch vorstellen, dass in der Nacht etwas passiert.
Wir haben hier in der Nähe das "Kloster Nütschau". Dort werden z.B. auch Seminare abgehalten.
Eine ehemalige Freundin von mir hat sich einmal drei Tage dort eingemietet um zu schweigen.
Das wäre nichts für mich.


Gedanken sind nicht stets parat,/ Man schreibt auch, wenn man keine hat.

Wilhelm Busch (1832-1908)
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Carlotta Lila hat sich bedankt!
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