#1

SGZ 5/22 Der Baumstamm

in Die Geschichten der Woche 05.02.2022 19:09
von Carlotta Lila • Federlibelle | 2.098 Beiträge | 9179 Punkte

Was bisher geschah: Flora und Tupac, sind auf einer Reise durch Tupacs Heimatland Peru. Eines ihrer Ziele ist der Colcacanyon. Um dorthin zu gelangen, müssen sie ein karge Vulkanlandschaft durchqueren. So gelangen sie zu einem kleinen Dorf am Fuß des Canyons. Während Tupac dort damit beschäftigt ist, Bergführer für den Abstieg in den Canyon zu finden, plagt sich Flora mit einer Horde Kinder ab, die alle um Bonbons betteln.
Mit den zwei Führern, Carlo und Fredo Cabra steigen sie schließlich ab und gelangen zum Colcafluss, der den Canyon teilt. Auf die andere Seite, wo der Weg weiter führt, gibt es aber leider keine Brücke. sondern nur einen Seilzug mit Haken daran. Die Gebrüder Cabra versprechen am nächsten Tag ein Seil zu bringen, damit man wenigstens das Gepäck trocken transportieren kann. Flora und Tupac verbringen die Nacht unten im Canyon.

Anmerkung: Dieser Text war eigentlich sehr schnell fertig, aber ich brauchte für die Bearbeitung des "Raumes" des "Hin und Hers" und der Dimensionen doch etwas Überarbeitung, sonst wäre es unverständlich und voll von Wiederholungen geworden. War also eine Herausforderung!

Der Baumstamm

Es war nur ein Baumstamm, der über der breiten Spalte vor ihnen lag, die sich vor ihnen auftat. Sehr dünn wirkte er, so wie der Ast, der auch über dem trägen Flüsschen in der Vorstadt von Arequipa gelegen hatte. Aber dort wäre sie bei einem Ausrutschen höchstens dreckig geworden – abgesehen vielleicht von einer kleinen Schwermetallvergiftung.
Flora lehnte sich an die überhängende Felswand, die den schmalen Pfad begrenzte. Das Wasser des Colcaflusses schäumte an die 30 Meter tief unter ihnen. Ihr Herz begann rasend zu klopfen.
Tupac hatte seinen Rucksack schon geschultert: In zwei - drei seiner Bergziegensprünge hüpfte er über den Baumstamm - war das wirklich so einfach? - Und dann war er schon auf der anderen Seite, wo sich der Pfad wieder fortsetzte. Er drehte er sich nach ihr um und winkte ihr fröhlich zu: „komm, hab‘ keine Angst!“
Flora versuchte abzuschätzen, in wieviel Schritten sie auf die andere Seite des Abgrunds gelangen konnte.
Ein Schritt, um mit dem linken Fuß auf den Stamm zu gelangen, während man mit dem rechten noch Bodenkontakt halten konnte. Dann müsste man einen ganzen Schritt auf dem Ast tun, um erst wieder mit dem dritten Schritt festen Boden zu erreichen. Das war also eindeutig ein Schritt zu viel.
„Na los“, rief Tupac, „Willst du hier anwachsen? Du hast schon so viel geschafft. Jetzt geht das doch auch noch!“

Natürlich, er wollte sie ermutigen. Ja sie hatten doch schon so viel geschafft! Und heute früh, als sie gerade aus dem Schlafsack gekrochen waren, hatten die Brüder Cabra tatsächlich ein Seil gebracht. Tupac hatte sich damit in den Fluss geworfen und nach mehreren Anläufen, er war von der Strömung immer wieder abgetrieben worden, hatte er den Haken zu fassen gekriegt, der etwa in der Mitte des Colcaflusses an einem Kabel herabpendelte. Schier ewig hatte es gedauert, bis er das verrostete Ungetüm herangezerrt hatte. Die Brüder Cabra standen die ganze Zeit breitbeinig mit verschränkten Armen da und sahen grinsend zu, wie sich Tupac abplagte.
„Na“, sagte Fredo zu Flora: „Wenn er stirbt, wen von uns heiratest du dann?“
Aber Tupac brachte den Haken sicher ans Ufer. Als er aus dem Wasser rauskam schüttelte er seine langen Haare wie ein nasser Hund.
Tupac hievte den ersten Rucksack auf den Haken, warf sich wieder ins Wasser und zog die Last mit sich. Durch das Seil, an dem er sich jetzt festhalten konnte, wurde er nicht abgetrieben wie vorher und so schaffte er es erstaunlich schnell auf die andere Seite zu gelangen. Den Rucksack deponierte er zwischen ein paar Felsbrocken. Als er in kräftigen Schwimmzügen wieder durch das Wasser zurückschoss, erinnerte er Flora an ein Walross, das sich erst an Land wieder in einen Menschen verwandelte.
„Zieht euch aus, dann kann ich eure Kleider trocken rüberbringen,“ sagte Tupac zu Fredo und Carlo.
Die Brüder rührten sich nicht.
„Na los“, rief Tupac. „Ich hab‘ euch für die ganze Tour durch den Canyon bezahlt!“
„Senor“, sagte Carlo Cabra und blickte zu Boden, „wir können nicht schwimmen.“
Tupac sah ihn an, als wollte er ihn fressen, dann brüllte er los. „Ihr Hijos de Puta. Warum habt ihr das früher nicht gesagt?“
„Sie haben nicht gefragt, Senor und …“, sagte Fredo.
Tupac schnitt ihm den Satz mit einer wütenden Gebärde ab und würdigte dann die Brüder keines Blickes mehr. „Wenn ich wieder am anderen Ufer bin, dann kommst du“, sagte er zu Flora. Zieh dich jetzt aus.“
Angenehm war es nicht, sich vor den Männern bis auf den roten Badeanzug auszuziehen. Aber gottseidank hatte sie ihn wenigstens schon an! Tupac band ihr T-Shirt, die Jeans und die Wanderschuhe an den Haken. Dann sprang er wieder ins Wasser und verwandelte sich in das lastenziehende Walross.
Sie bewunderte ihn in diesem Moment restlos.
Dann hörte sie die Brüder Cabra hinter sich frech lachen.
„Na Senorita, kannst du denn überhaupt schwimmen?”
Sich drehte sich nicht nach ihnen um, als sie ins Wasser sprang. Es war weitaus kälter als sie gedacht hatte und sie wurde schnell von der starken Strömung erfasst und abgetrieben. Doch sie kämpfte und ihr Zorn auf die Brüder Cabra verlieh ihr Kraft. So erreichte sie das andere Ufer vielleicht 30 Meter unter der Stelle, wo Tupac gelandet war. Keine Ahnung, wie sie den Sandhügel, der sich da vor ihr auftürmte, hochkrabbeln sollte. Sie bohrte ihre Gliedmaßen in den feuchten Sand, klammerte sich an kleine Felsvorsprünge, die sie ertastete, zog sich daran hoch und dann war sie irgendwann oben auf einem Pfad.
Das Schäumen des Flusses war jetzt viel leiser, nur der Wind pfiff geräuschvoll durch die Klüfte. Die Brüder Cabra am anderen Ufer sah sie auch. Aber die sahen jetzt so klein und lustig aus, zwei Männchen in karierten Hemden und abgeschabten Hosen. Tupac, der sich - wie zum Teufel schaffte er das alles mit solcher Leichtigkeit? - beide Rucksäcke auf die Schultern gehievt hatte, war bald bei ihr gewesen und hatte ihr anerkennend auf die Schulter geklopft. Doch er gönnte ihr nur einen Moment zum Verschnaufen. Dann kam wieder sein unvermeidliches „Vamos!“, das sie inzwischen hasste.
Sie waren aber noch keine Meile gelaufen, als der Pfad aprupt abbrach. Eine breite Spalte, die wie das Innere eines Kamins tief in den Fels hineinreichte, klaffte vor ihnen auf. Weit unten tobte wild und böse der Colcafluss, wie in einem Kessel. Brücke gab es keine, auf die andere Seite der breiten Spalte führte nur diesen Baumstamm. Ach Gott und Tupac war schon drüben, er war wie ein begnadeter Seiltänzer balanciert, ohne jede Unsicherheit.

„Na los oder willst du hier anwachsen?“, rief Tupac noch einmal und es klang jetzt sehr ungeduldig.
Flora stand da wie eine Säule und wünschte sich inständig, eine fliegende Kondorgottheit würde auftauchen, um sie auf breiten Schwingen über den Abgrund zu tragen. Ihr wurde schon schwindlig, wenn sie nur ein wenig nach unten sah. Sie würde stürzen und sich an den spitz vorstehenden Felszacken schwer verletzten, bevor sie ins tobende Wasser aufklatschte.
„Flora?!“, schrie Tupac. Sie konnte sehen, wie erschöpft auch er war - ganz grau war der Arme im Gesicht. Es tat ihr ja so leid, dass er sich jetzt mit ihr herumplagen musste. Also gut, sagte sie sich, ich wage es! Doch als sie ihren klobigen Wanderschuh auf den Baumstamm setzte, begann der sofort zu wackeln.
Ein absurdes Bild tauchte plötzlich vor ihr auf: Wie durch ein Wurmloch erblickte sie ihr Wohnzimmer zuhause, wo die Eltern auf dem Sofa saßen und besorgt zu ihr hinsahen. Spürten sie etwa, dass ihre Tochter in Gefahr war? Dieser Gedanke trieb Flora Tränen in die Augen. Sie zog ihren Fuß wieder zurück und rief Tupac, der noch immer von der anderen Seite heftig winkte, trotzig zu: „Ich geh‘ da nicht rüber, ich bin nicht lebensmüde!“ Dann setzte sie sich einfach auf den steinigen Boden und begann zu weinen.


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#2

RE: SGZ 5/22 Der Baumstamm

in Die Geschichten der Woche 05.02.2022 22:33
von Herbert Glaser • Federlibelle | 664 Beiträge | 1233 Punkte

Hallo Carlotta,

ich kann Flora gut verstehen!

Niemals würde ich da rübergehen - ich bin absolut nicht schwindelfrei.

Aber ich nehme an, dass sie irgendwie auf die andere Seite kommt.

Viele Grüße

Herbert


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#3

RE: SGZ 5/22 Der Baumstamm

in Die Geschichten der Woche 06.02.2022 08:34
von Doro • Federlibelle | 2.270 Beiträge | 8898 Punkte

Liebe @Carlotta Lila ,

sehr spannend geschrieben.

Ich leide mit ihr. Ich wäre wahrscheinlich auch nicht über den Baumstamm gelaufen. Jedenfalls nicht ohne angeseilt zu sein. (Ich hätte allerdings so einen Urlaub schon nicht gemacht. Ich bin mehr fürs Vorausplanen.)

LG
Doro


Gib jedem Tag die Chance, der schönste deines Lebens zu werden. (Mark Twain)
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#4

RE: SGZ 5/22 Der Baumstamm

in Die Geschichten der Woche 06.02.2022 09:21
von Jasemine • Forums-Schmetterling | 59 Beiträge | 310 Punkte

Das ist des Zweifels ohne, sehr gut geschrieben.


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#5

RE: SGZ 5/22 Der Baumstamm

in Die Geschichten der Woche 06.02.2022 12:50
von Gini • Federlibelle | 1.765 Beiträge | 3609 Punkte

@Carlotta Lila wieder eine spannende Folge deiner Tuplac Storys.
Nach jeder Folge bin ich umso glücklicher, dass ich das nicht erleben muss.
Bin gespannt, wie es irgendwann ausgeht.


Gedanken sind nicht stets parat,/ Man schreibt auch, wenn man keine hat.

Wilhelm Busch (1832-1908)
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#6

RE: SGZ 5/22 Der Baumstamm

in Die Geschichten der Woche 10.02.2022 11:07
von Carlotta Lila • Federlibelle | 2.098 Beiträge | 9179 Punkte

Lieber @Herbert, liebe @Gini, liebe @Doro!
Herzlichen Dank fürs Lesen und eure Kommentare. Und das ich euch unterhalten konnte.
Ich denke ja, wir wollen ganz sicher nicht alles erleben, was wir lesen.
Ich liebe z.B. toll geschriebene Thriller - würde sie aber nicht unbedingt erleben wollen

Liebe @Jasemine, ganz herzlichen Dank für deinen Kommentar "ohne Zweifel gut geschrieben". Darüber habe ich mich sehr gefreut

Liebe GRüße
Carlotta Lila


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