#1

SGZ 1 - Roberts Versprechen

in Die Geschichten der Woche 02.01.2022 18:45
von Gini • Federlibelle | 1.759 Beiträge | 3580 Punkte

„Nimm bitte die Rose als Symbol für meine Liebe.“
Zaghaft hielt Robert seiner Frau die Rose direkt vor die Nase. Christa konnte sich dem Duft der ihr entgegnströmte kaum entziehen. Trotzem drehte sie den Kopf schnell zur Seite. Sie wollte Robert nicht zeigen, dass sie zu Hoffen anfing. Wann würde er sein Versprechen endlich mal einhalten?
Was Robert gesten Nacht veranstaltet hatte, konnte und wollte sie nicht immer wieder verzeihen. Sein Verhalten tat ihr unendlich weh.
„Hast du schon wieder vergessen, wie du mich behandelt hast? Da kannst du mir hundertmal ein Symbol der Liebe vor die Nase halten. Ich kann dir nicht immer wieder vergeben.“
Jetzt traten ihr doch die Tränen in die Augen. Obwohl sie es unbedingt vermeiden wollte. Andererseits konnte ihr Mann ruhig merken, wie verletzt sie war. Robert zog seine Stirn in Falten. Als würde er nachdenken, was gestern Nacht passiert war.
„Immer versprichst du mir, nicht so viel zu trinken, wenn du mit deiner Rentnergang unterwegs bist.“
Bei dem Gedanken an die letzte Nacht spürte Christaeinen Kloß im Hals, der ihr die Kehle zuschnürte. Immer wenn Robert sich mit alten Kollegen traf, artete es aus. Er trank dann so unkontrolliert, dass er nichts mehr mitbekam.
„Es tut mir so leid, aber uns haben die anderen Kollegen jedes Mal einen Schuss in den Glühwein getan. Wir haben es wirklich nicht gemerkt, weil wir etwas weiter weg vom Thresen standen. Uns wurden die Becher rübergereicht. Wir haben wirklich nicht mitbekommen, dass es kein reiner Glühwein war.“
Robert stand wie ein begossener Pudel vor seiner Frau. Mit hängenden Schultern und einem Blick, der herzerweichend war.
"Ach, und rausschmecken konnte man das auch nicht?"
Christa dachte mit Schaudern an die letzte Nacht. Kurz vor 24 Uhr ging das Telefon und sie konnte ihren Mann kaum verstehen, so verwaschen klang seine Stimme.

Nur so viel war rauszuhören, dass er jetzt den letzten Bus nehmen wollte. Bevor sie noch aussprechen konnte, dass sie ihn doch lieber von Bahnhof anholen wollte, hatte er sein Handy schon ausgeschaltet. Christa stand unschlüssig da und überlegte dann eine Weile. Entschied sich dann aber, Rolf entgegenzufahren. Sie war zu unruhig und besorgt, um nur abzuwarten. Wer weiß, dachte sie, wenn er ausversehen schon vorher aussteigt, verirrt er sich womöglich noch.
Schnell stieg sie in ihr Auto und fuhr los. Am Ende der Siedlung kam ihr Robert schon im Zickzack Schritt entgegen. So schwanken, hatte sie ihn schon ewig nicht mehr gesehen. Sie stieg schnell aus und lief ihm entgegen, um ihn zu stützen.
„Na der hatte wohl ein paar Glühwein zuviel“, hörte sie zwei andere Fahrgäste leise tuscheln. Sie waren auch aus dem gleichen Bus gestiegen, wie Robert.
Wie peinlich, dachte Christa. Aber was ging sie die Meinung der anderen an. Als sie bei ihrem Mann angekommen war, stieß er sie zur Seite.
„Hau ab, geh weg“, nuschelte er vor sich hin.
Christa kannte das schon. Immer wenn er in so einem Zustand war, wusste ihr Mann nicht mehr, was er tat. Ihr sonst so lieber Mann, wurde dann zum Monster. Zum Glück passierte das nicht allzu oft. Zuhause trank er abends eigentlich nur Selter. Da war es eher sie selbst, die gerne mal ein Glas Wein genoß.
Rolf stieß beim Heimweg an mehrere Autospiegel. Aber das konnte sie nicht verhindern. Er würde sie nur immer wieder wegstoßen. Christa hatte ihr Auto an der Straße abgestellt und folgte Rolf in einigem Abstand.

Mit zitternden Händen schloss Christa die Tür auf, als sie und Rolf endlich dort ankamen. Die Situation ging ihr sehr nahe. Aber heute Nacht war nicht mit ihm zu reden. Robert krabbelte auf allen Vieren nach oben ins Gästezimmer. Da ließ er sich einfach fallen. Christa wollte ihm noch helfen, sich auf die Couch zu legen, aber vergeblich.
„Verpiss dich einfach“, war sein ganzer Kommentar.
Frustriert ging sie ins Schlafzimmer und versuchte sich zu beruhigen. Es war nicht so einfach, weil ihr Herz vor Aufregung raste. Sie versuchte ganz langsame Atemübungen zu machen und schlief schließlich doch ein.

In der Nacht wurde sie von einem Röcheln und stöhnen geweckt. So schnell sie konnte, schoß sie hoch und lief ins andere Zimmer. Robert lag da und um ihn herum war alles rot. Er hatte den ganzen Glühwein erbrochen. Das Zimmer roch, wie auf einem Weihnachtsmarkt. Allerdings auch etwas säuerlich. Sie rümpfte ihre Nase.
Den Läufer kann ich nur noch wegschmeißen, dachte Christa. Verzweifelt stand sie vor ihm und wusste nicht was sie machen sollte. Würde sie versuchen ihm zu helfen, müsste sie bestimmt wieder alle möglichen Beschimpfungen über sich ergehen lassen. Aber konnte sie ihn einfach in so liegen lassen?
Ja, entschied sie. Christa ließ allerdings die Tür offen. Dann konnte sie Robert hören, wenn etwas war. Er schnarchte aber schon wieder friedlich vor sich hin. An Schlafen war für Christa den Rest der Nacht nicht mehr zu denken.
Und jetzt, am nächsten Morgen, stand er vor ihr und hielt ihr die Rose wie eine Trophäe in. Als Symbol für seine Liebe.
Er sollte die Liebe zu mir lieber anders ausdrücken, dachte Christa zynisch. Nicht mit so einer albernen Rose.
„Ich versprech dir, es kommt nicht wieder vor. Der Uwe, der auch dabei war, ist sogar gestürzt. Vor der Haustür. Seine Frau hatte ein Stöhnen gehört und aus dem Fenster geschaut. Da lag er und seine Stirn blutete.“
Robert wollte Christa wohl damit versöhnlich stimmen, dass er nicht der Einzige war, der so abgestürzt war.
„Und, beschimpft er seine Frau dann auch so, wie du mich?“
Christa war noch lange nicht so weit ihrem Mann zu verzeihen. Das würde noch Tage dauern.

„Ach Schatz weißt du, mir hat mal jemand gesagt, jeder hat so seinen eigenen Suff-Charakter. Die einen sind aggressiv, andere schlafen gleich ein, oder sind ganz ruhig. Was denkst du, welchen Suff-Charakter hab ich?“ Ein kleines Schmunzeln lag um seinen Mund.
„Ich möchte jetzt nicht mit dir darüber reden.“
Christa drehte sich um und verließ die Küche. Vorher schielte sie aus den Augenwinkeln noch kurz zu Robert. Er sah wirklich sehr schuldbewusst aus. Die Rose hing etwas traurig in seiner Hand.
Hoffentlich gibt er seinem Liebessymbol mal etwas Wasser, hoffte Christa.


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Wilhelm Busch (1832-1908)
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#2

RE: SGZ 1 - Roberts Versprechen

in Die Geschichten der Woche 03.01.2022 13:31
von Bree • Federlibelle | 4.115 Beiträge | 16399 Punkte

Liebe @Gini

ich kann Christa gut verstehen und hoffe, sie lässt Robert noch eine Weile schmoren. Auch mir ist es zuwider, wenn jemand so viel trinkt, dass er die Kontrolle über sich verliert. Dafür ist mir mit den Jahren einfach das Verständnis abhanden gekommen. Wenn mein Mann, z. B. auf Feiern, ein gewisses Level erreicht hat, fahre ich meistens recht bald nach Hause, weil ich das einfach nicht mag. Es verdirbt mir regelrecht den Abend. Ich weiß, dass das für viele etwas extrem sein mag, aber so empfinde ich eben.

Du hast den Absturz von Robert sehr anschaulich geschildert, und auch Christas Enttäuschung. So wie Robert sie behandelt, wäre ich auch stocksauer und würde ihm zukünftig bestimmt nicht entgegenfahren oder abholen.

LG
Bree


Der Kriminalschriftsteller ist eine Spinne, die die Fliege bereits hat, bevor sie das Netz um sie herum webt.
(Sir Arthur Conan Doyle)

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Alles über meine Bücher & mich findet ihr auf meiner Website: www.brittabendixen.de
Einen eigenen Youtube-Kanal habe ich auch. Dort lese ich einige meine Geschichten.
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#3

RE: SGZ 1 - Roberts Versprechen

in Die Geschichten der Woche 03.01.2022 17:27
von Gini • Federlibelle | 1.759 Beiträge | 3580 Punkte

@Bree lieben Dank für dein Feedback. Leider ist es bei mir auch autobiografisch.
Mein Mann merkt wirklich nichts mehr wenn er feiert. Meist bin ich auch nicht dabei.
Ich kann gut verstehen, wenn du die Reißleine ziehst und nach Hause fährst.
Am nächsten Morgen weiß mein Schatz wirklich nichts mehr von dem Abend.
Ich hab grad eine TS darüber geschrieben.


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Wilhelm Busch (1832-1908)
Bree hat sich bedankt!
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#4

RE: SGZ 1 - Roberts Versprechen

in Die Geschichten der Woche 04.01.2022 19:45
von Carlotta Lila • Federlibelle | 2.070 Beiträge | 9039 Punkte

Liebe @Gini, so eine Glühweinschichte hatte ich mit dem Meinigen auch schon mal. Ich war sehr, sehr böse. Hast du gut beschrieben, aus der Sicht der Frau!
LG
Carlotta Lila xxx


https://www.leseflamme.jimdofree.com

Unsere größte Schwäche liegt im Aufgeben. Der sicherste Weg zum Erfolg ist immer, es noch einmal zu versuchen.
Thomas Alva Edison
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#5

RE: SGZ 1 - Roberts Versprechen

in Die Geschichten der Woche 04.01.2022 19:57
von Herbert Glaser • Federlibelle | 664 Beiträge | 1233 Punkte

Hallo,

das (sehr anschaulich) Geschilderte ist nicht wirklich ein Kompliment für Männer, die zuviel Alkohol trinken.

Und bitter natürlich, dass ihr beide selbst schlechte Erfahrungen damit gemacht habt.

Zum Glück darf ich behaupten, dass mir so etwas (hoffentlich auch in Zukunft) nicht passiert.

Auch ich trinke gerne ein Bier oder mal z.B. einen Gin, aber immer im Rahmen.

Der einzige heftige Rausch in meiner Jugend reicht mir bis an mein Lebensende!

Aber auf jeden Fall ein bedrückendes Thema.

Viele Grüße

Herbert


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#6

RE: SGZ 1 - Roberts Versprechen

in Die Geschichten der Woche 04.01.2022 20:27
von Jana88 • Federlibelle | 537 Beiträge | 1240 Punkte

@Gini
ich habe ja den Text bei deiner TS in dem betreffenden Beitrag gelesen, aber jetzt sehe ich, dass es biographisch ist. Das ist wirklich keine schöne Sache.
Du hast es anschaulich beschrieben, das ist nicht leicht, wenn man selbst betroffen ist.


*************************************************************************************************************************************
Am Ende wird alles gut. Wenn es nicht gut wird, ist es noch nicht das Ende *Oscar Wilde
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#7

RE: SGZ 1 - Roberts Versprechen

in Die Geschichten der Woche 05.01.2022 10:57
von Doro • Federlibelle | 2.229 Beiträge | 8764 Punkte

Liebe @Gini ,

ich habe inzwischen auch kein Verständnis mehr, wenn jemand zu viel trinkt. Das kann man Jugendlichen ein oder zweimal verzeihen, aber keinem Erwachsenen. Unsere Mittlere hatte mal einen heftigen Rausch. Ihr ging es wirklich besch... Das Problem war, dass sie gar nicht mal zuviel getrunken hatte, sondern zuvor zu wenig gegessen. Und vor allem nur einen Salat. Bei den anderen beiden hat es nur zu Kopfschmerzen gereicht, aber das war lehrreich genug. Unser Sohn hat zu dem mal mitbekommen, wie sich jemand im Vollrausch zum Affen gemacht hat. Sich so zu blamieren, ist für ihn eine so schreckliche Vorstellung, dass er schon aus dem Grund nie viel trinkt. Meinen Mann habe ich noch nie betrunken erlebt. Wahrscheinlich, weil es ihm als Jugendlicher nach einem Rausch dermaßen schlecht ging, dass er seitdem nur noch in Maßen trinkt (und auch, bei Feiern).

Ich hoffe, dass Rolf die Sauerei selbst wegputzen musste. Und sie soll ihn ruhig ein paar Tage schmoren lassen. Eine Rose als Symbol für seine Liebe ist zwar im Prinzip eine süße Geste, aber in dem Fall muss er sich schon was Besseres einfallen lassen. Ihre Verletztheit war gut zu spüren.

LG
Doro


Gib jedem Tag die Chance, der schönste deines Lebens zu werden. (Mark Twain)
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#8

RE: SGZ 1 - Roberts Versprechen

in Die Geschichten der Woche 05.01.2022 15:13
von Gini • Federlibelle | 1.759 Beiträge | 3580 Punkte

@Jana @Herbert Glaser @Carlotta Lila @Doro

Danke fürs Kommentieren meiner Geschichte.

Zitat von Doro im Beitrag #7
Ich hoffe, dass Rolf die Sauerei selbst wegputzen musste.

Ernsthaft? In unserem Fall, hätte mein Mann es sowieso nicht zu meiner Zufriedenheit weggemacht.
Zitat von Herbert Glaser im Beitrag #5
das (sehr anschaulich) Geschilderte ist nicht wirklich ein Kompliment für Männer, die zuviel Alkohol trinken.


Ich denke, es gibt auch Frauen die sich so benehmen. Also keine Sorge.
@Carlotta Lila
Zitat von Carlotta Lila im Beitrag #4
so eine Glühweinschichte hatte ich mit dem Meinigen auch schon mal. Ich war sehr, sehr böse.

Glaub mir, ich war es auch.


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#9

RE: SGZ 1 - Roberts Versprechen

in Die Geschichten der Woche 05.01.2022 16:48
von Ranito • Forums-Schmetterling | 156 Beiträge | 419 Punkte

Und jedes Mal hat sie ihm verziehen. Das muss Liebe sein!

Schön, wie Du das Symbol der Rose immer wieder erwähnst.

Hat mir sehr gut gefallen, liebe Gini!


-- + —
mein neues Forum: https://kantopia.xobor.de
* DANKE * für jeden neuen Tag - jeden Moment - jede Geste - jede Reaktion, den/die ich erleben darf! Doch wem darf ich eigentlich * DANKE * sagen? Ich wüsste es so gerne ... Alles nur durch Zufall entstanden, wie es so ist? Nein, das kann nicht möglich sein! Gut, dass uns Menschen zumindest dieses Geheimnis bis heute verborgen bleibt. Der Glaube ist ganz sicher ein guter Lösungsansatz! Träumen wir weiter und hoffen auf ein gemeinsames Leben ... auch danach. Für hier und bis jetzt in jedem Fall erst einmal: * DANKE *
— + —
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#10

RE: SGZ 1 - Roberts Versprechen

in Die Geschichten der Woche 06.01.2022 08:15
von Yggdrasil • Federlibelle | 1.110 Beiträge | 2873 Punkte

@Gini Gern gelesen - und ich könnte viel zu dem Thema sagen.
Bei dem begrenzten Rahmen des SGZ kann man nur an der Oberfläche kratzen, aber in der TS bist Du ja schon tiefer gegangen.


www.marten-petersen.com
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#11

RE: SGZ 1 - Roberts Versprechen

in Die Geschichten der Woche 06.01.2022 11:36
von Gini • Federlibelle | 1.759 Beiträge | 3580 Punkte

@Ranito Danke für dein Lob.

@Yggdrasil Danke fürs lesen. Ja, die SGZ Geschichte ist nur ein kleiner Ausschnitt aus meiner TS.


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