#1

SZG 48 Nachtdienst

in Die Geschichten der Woche 02.12.2021 16:38
von Rieke.ke (gelöscht)
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Nachtdienst

Silke war fix und fertig, sie hatte nun schon 19 Stunden Dauerbereitschaft hinter sich. Sie stand zitternd in der kleinen Teeküche der Unfallchirurgie und hielt verkrampft eine Tasse Kaffee in der Hand. Schwarz mit ganz viel Zucker, nur so würde sie die restlichen 6 Stunden durchhalten. Eine kurze Kaffee -und Zigarettenpause, dann ging es weiter. Das Wartezimmer war seit gestern voller Menschen, ein ununterbrochener Strom von Patienten, die sich auf irgendeine Weise Hilfe von ihr erhofften. Von ihr und von ihrem Kollegen Pawel, die als diensthabende Ärzte gegen den Strom ankämpften.
Die Schwestern Annette und Beate waren die Vorposten, die die Hilfesuchenden nach Dringlichkeit sortierten und sich deren Unmut anhören mussten. Man musste dabei ganz schön Nerven haben und sich manche Unverschämtheiten anhören. Nein, der Mann mit dem geklemmten Finger muss noch warten, weil die alte Dame mit der Atemnot früher behandelt werden muss auch wenn der Herr schon länger wartet.
Annette richtet sich zu ihrer ganzen Größe auf und erklärt es dem „Freund vom Direktor“ des Hauses eindringlich. Eine schreiende vielköpfige Familie besteht auf der sofortigen Behandlung eines zufrieden eingeschlafenen Babys mit Bauchschmerzen. Auch das muss warten, genau wie die anderen Patienten, die heute Morgen schon beim Hausarzt gewesen sein könnten, mit all den großen und kleinen Krankheiten, mit deren sie jetzt die Notaufnahme zum bersten brachten.
Vielen ging es wirklich sehr schlecht, die mussten Silke und ihr Kollege ins Krankenhaus aufnehmen und auf Station bringen. Das hieß dann, im Haus herumtelefonieren und nach einem freien Bett suchen.
Sie sah auf die Uhr, gleich Mitternacht und die Arbeit nahm kein Ende. Pawel sah sie an: „Fröhliche Weihnachten, Silke. Gott segne Dich! Niech Bóg was błogosławi i wesołych świąt!”
Silke sah Pawel verständnislos an. „Weihnachten pah! Lass mich mit diesem Blödsinn zufrieden, ich bin froh, wenn ich frei habe und meine Ruhe. Den Dienst hier mache ich nur wegen der Feiertagszulage. Ich glaube nicht an Weihnachten und den ganzen Mist.” Sie drehte sich ruckartig um und verschwand in ihr Behandlungszimmer. Dort wartete sie auf den nächsten Patienten. Ein alter Mann kam schnaufend und hinkend ins Zimmer. Er sah aus wie ein Penner, fand Silke. Der Mann hielt sich das Bein, seine rote Hose war zerrissen und ließ einen Blick auf das blutende Knie frei.
„Legen Sie sich auf die Liege und machen sich sich unten frei” befahl sie ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Der Mann stöhnte laut entledigte sich seiner schweren Stiefel, die mit vernehmbaren Rumpeln auf den Boden fielen. Silke legte die Schutzmaske und die Einmalhandschuhe an und wandte sich ihren Patienten zu. „Privat oder Kasse? War es ein Arbeitsunfall?” spulte sie ihr Programm ab. „Na dann war es wohl mehr ein Arbeitsunfall” sagte der Mann zweifelnd „Welche BG?” fragte Silke weiter routiniert. Der Mann schüttelte den Kopf, "Das weiß ich nicht so genau, tut mir leid!” „Ich gebe Ihnen die Papiere mit, die müssen Sie dann ihren Arbeitgeber einreichen.” Damit machte sie sich daran die große Wunde zu säubern. Der Mann verzog ein wenig das Gesicht, als sie die Wunde mit Desinfektionsmittel auswusch. „Wie ist das denn passiert?” fragte sie, jetzt doch etwas interessiert. „ Ich bin mit dem Schlitten in einer Schneewehe stecken geblieben und als ich ihn freischaufeln wollte, hat sich Rudolf erschrocken und hat mich getreten. „Wollen Sie Anzeige erstatten?” fragte Silke.
„Anzeige erstatten? Warum und gegen wen?” fragte der Mann besorgt. „Na gegen diesen Rudolf, immerhin hat er Sie schwer verletzt, wenn auch vielleicht nicht mit Absicht, aber seine Haftpflicht muss dann für den Schaden aufkommen. Stellen sie sich vor, sie würden erwerbsunfähig, wer soll dann ihre Rente zahlen?”
"Ich kann doch Rudolf nicht anzeigen, er hat sich doch nur erschrocken.” antwortete der Mann empört. „ Diese Wunde ist sehr tief, ich werde sie nähen müssen, keine Angst ich habe Talent zum Nähen, ich gebe Ihnen eine Spritze dann schlafen Sie schön und morgen früh sind sie fast wieder auf dem Damm.” sagte Silke selbstbewußt. Das geht nicht, ich muß doch weiter ausliefern, ich will gleich wieder los.” Empörte sich der Mann.

„Na gut, dann man ich es unter Lokalanästhesie aber auf ihre Verantwortung.
Silke holte das Material aus dem Nebenzimmer. Dort traf sie auf Pawel. „ich habe einen komischen Patienten. Der sieht aus, wie ein alter Penner und spricht wirres Zeug von einem Schlitten. Er will, dass ich ihm die große Wunde nähe und dann sofort wieder los. Ich frage mich, ob ich ihm den diensthabenden Psychiarter vorstellen soll. Ich glaube der hat ne Schraube locker. Komische Pizzaboten sind heute unterwegs.”

Dann ging sie wieder ins Behandlungszimmer und nähte die Wunde, die sich unter ihren Händen sofort schloß. Silke traute ihren Augen kaum oder lag es am Schlafmangel?
Als sie fertig war erhob sich der Mann und griff in seinen Sack, der am Boden lag. Er entnahm ihm ein kleines Kästchen. „Das ist für Dich Silke und frohe Weihnachten!” Dann war er verschwunden.
Als ihre Schicht vorüber war lief Silke nach Hause in ihr Zimmer. Es war noch früh am Weihnachtsmorgen, die Dämmerung erschien am Himmel. Sie wunderte sich immer noch über den Mann, der plötzlich ihren Namen kannte. Dort machte sie sich einen Kaffee, nahm das Kästchen aus ihrer Handtasche und öffnete es.
Es war eine kleine Spieluhr mit er sich drehenden Ballettänzerin. Sie spielte „Vom Himmel hoch” Silke sah fasziniert auf die Figur und fühlte sich in die Zeit ihrer Kindheit versetzt, als Weihnachten noch Weihnachten war, die Familie zusammenkam und alle zusammen aßen und tranken. Ihr wurde wieder warm ums Herz und Tränen füllten ihre Augen. Sie dachte an ihre Oma und ihre Eltern, den Tannenbaum und den Zauber der Weihnacht in jenen Tagen. Dann saß sie ihn ihrem Sessel hörte noch ein paar mal die Melodie und rief ihre Eltern an. Sie würde heute nach zu ihnen fahren. Sie würde später auch noch Pawel anrufen umd ihm und seiner Familie frohe Weihnachten wünsche


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#2

RE: SZG 48 Nachtdienst

in Die Geschichten der Woche 02.12.2021 17:27
von Doro • Federlibelle | 2.270 Beiträge | 8898 Punkte

Liebe @Rieke.ke ,

eine wunderschöne und berührende Geschichte. Passend zur Adventszeit. (Die wäre auch was für den Adventskalender gewesen.)



Zitat von Rieke.ke im Beitrag #1
Als sie fertig war erhob sich der Mann und griff in seinen Sack, der am Boden lag.
Den Sack sollte er vielleicht anfangs schon dabei haben.

Sehr gern gelesen.


LG
Doro



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#3

RE: SZG 48 Nachtdienst

in Die Geschichten der Woche 03.12.2021 14:07
von Herbert Glaser • Federlibelle | 664 Beiträge | 1233 Punkte

Ich bin zwar aus Zeitgründen beim Adventskalender nicht dabei, aber eine SGZ-Geschichte kann man doch auch da noch einreichen, oder?

Viele Grüße

Herbert


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#4

RE: SZG 48 Nachtdienst

in Die Geschichten der Woche 05.12.2021 09:28
von Bree • Federlibelle | 4.187 Beiträge | 16674 Punkte

Lieber @Herbert Glaser

das wäre sicherlich möglich, aber nun kennen wir diesen Text ja von hier. Ich denke nicht, dass es sinnvoll ist, ihn an zwei verschiedenen Stellen zu posten.

Liebe @Rieke.ke

danke für diese weihnachtliche Geschichte. Schon bei der roten Hose ahnte ich, dass der Patient ein ganz besonderer ist.
Und es gefiel mir, dass Silke sich, was das Weihnachtsfest betrifft, wegen der geschenkten Spieldose darauf besinnt, was diese Tage bedeuten. Sie möchte nun doch mit ihrer Familie das Fest begehen und Pawel fröhliche Weihnachten wünschen.
Schade ist, dass sie unsympathisch rüberkommt, als sie den Weihnachtsmann behandelt. Natürlich ist es verständlich, dass sie nach einer langen anstrengenden Schicht müde und erschöpft ist. Aber ihr Verhalten hat etwas Abwertendes und Herablassendes, das mir nicht so gefiel. Für Ärzte sollten ja alle Patienten in erster Linie Menschen sein, die behandelt werden müssen. Die Bezeichnung "Penner" kam mir da ein wenig hart vor. Aber vielleicht irre ich mich auch, und manche Ärzte sehen ihre Patienten so.
Meine Nichte arbeitet als Krankenschwester, und sie ist ein ganz anderer Typ. Mag sie auch noch so erschöpft und kaputt sein, für die Patienten hat sie immer ein Lächeln, versucht ihnen die Angst zu nehmen und sie zu beruhigen.
Ich finde, der Weihnachtsmann hätte Silke das Geschenk mit einer entsprechenden Bemerkung geben können, die ihr zu denken gibt. Damit sie mal überlegt, ob ihr Verhalten immer angemessen ist.
All das ist nur mein persönlicher Eindruck. Die Geschichte ist sehr schön und versetzt in Weihnachtsstimmung.
Einen schönen 2. Advent!

LG
Bree


Der Kriminalschriftsteller ist eine Spinne, die die Fliege bereits hat, bevor sie das Netz um sie herum webt.
(Sir Arthur Conan Doyle)

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#5

RE: SZG 48 Nachtdienst

in Die Geschichten der Woche 06.12.2021 16:44
von Gini • Federlibelle | 1.765 Beiträge | 3609 Punkte

@Rieke.ke eine liebe Weihnachtsgeschichte. Der Weihnachtsmann hat Silke ihren Glauben an
Weihnachten zurückgegeben. Klar, dass sie nach dem langen Dienst total erschöpft war, aber
ich muss Bree recht geben. So sollte man nicht über seine Patienten denken. Und schon gar
nicht über den Weihnachtsmann. Aber man weiß natürlich nicht, was in den Köpfen der Ärzte vorgeht.


Gedanken sind nicht stets parat,/ Man schreibt auch, wenn man keine hat.

Wilhelm Busch (1832-1908)
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