#1

SZG 47 Das Brennen

in Die Geschichten der Woche 26.11.2021 11:31
von Rieke.ke (gelöscht)
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Das Brennen


Ich schwang mich mit Mühe auf die hohe Steinmauer, die den Slum von der Steppe trennte. Meine Hände versuchten einen Platz zwischen den einbetonierten Glasscherben zu finden, an dem ich mich gefahrlos setzen konnte. Jetzt konnte ich einen Blick auf die Stadt werfen, die für Jahrzehnte mein Zuhause gewesen war. Im Licht der untergehenden Sonne, blitzten die großzügigen Glasflächen und schickten wie Leuchttürme Zeichen in die endlose Weite der Steppe.
„Marc, was machst du da oben, komm runter da!“ rief er. Ismael stand unten auf der Hüfte hatte er eines seiner kleinsten Kinder. „Wir wollen essen!“ Ich sah ihn von oben an und schüttelte den Kopf. „Nee, lass mal, ich komme später“ rief ich ihm halbherzig zu.
Ich wollte die Gastfreundschaft seiner Familie nicht länger in Anspruch nehmen. Seine drei Frauen hatten genug damit zu tun, täglich Essbares aus den Kompostieranlagen der Stadt zu sammeln. Mit Plastikfetzen heizten und kochten sie in der Blechhütte, die sie sich mit mir teilten. Ismael und Ilie waren die einzigen Slumbewohner, die sich mir gegenüber großherzig verhalten hatten und ihr kärgliches Leben mit mir teilten. Die anderen sahen mich mit den verschlagenen Augen hungriger Wölfe an. In den ersten drei Nächten hatten sie mir mein letztes Hab und Gut geraubt und mich zusammengeschlagen im Dreck liegengelassen. Jetzt war ich der Mann ohne Geschichte.
Ich betrachtete die Häuser der Stadt hinter der großen Mauer und dachte an mein früheres Leben zurück, als ich noch Teil dieser Gesellschaft war. Auch ich habe mit Ekel auf den Slum und seine Bewohner gesehen, mich für etwas Besseres gehalten und meine Arbeitskraft damit verbracht, die Flächen des Slums in Wohnraum für die Stadt zu verwandeln. Die gleiche Stadt, die ihre hohen Mauern vor den Menschen des Slums hermetisch verriegelt hat. Ich war Teil einer wohlhabenden Innenwelt gewesen und jetzt war ich Teil der hungerleidenden Außenwelt. Beide waren wie Wasser und Öl voneinander geschieden.


Bis zu jenem Tag, als sich mein Leben wandelte. Ich war einer der führenden Manager, der alles tat um der Gesellschaft zu nutzen und gleichzeitig von ihr zu profitieren. Wir lebten in dem geschlossenen Kreis des Wohlstands, in der jeder einen unverzichtbaren Anteil darstellte. Die Stadt als geschlossenes System, wohlversorgt und trotzdem von der Arbeitsleistung der Bürger abhängig. Wie in einem Bienenvolk hatte jeder eine Aufgabe zu erfüllen und war Teil des Ganzen. Ich auch, bis ich über den Reinigungsroboter in meiner Wohnung stolperte und mit dem Kopf aufschlug.
Ein verhängnisvoller Tag. Im medizinischen Versorgungszentrum kam ich wieder zu mir, als eine Ärztin mit besorgter Mine auf ihr Tablett sah. „Herr Couston, wir haben da ein Problem!“ Ich hörte ihre Worte, wie durch Watte und fragte sie was sie meinte. Meine rasenden Kopfschmerzen machten es mir fast unmöglich sie zu verstehen. „Was meinen Sie damit, Frau Dr.?“ Meine Frage ließ sie im Raum stehen und beschäftigte sich stattdessen mit dem Diagnosecomputer, der auf den Displays Kurven und Diagramme zeigte. Ein Pfleger betrat den Raum, warf einen abschätzigen Blick auf mich und sagte: „Er ist nur ein Klasse C Patient.“ „Klasse C? Das ändert nun alles!“ bemerkte die Ärztin.
Nur Grundversorgung, sonst nichts!“ Dann verließ sie mit wehendem Kittel den Raum. Als mich der Pfleger auf die C Station schob, erklärte er mir was passieren wird. „Sie bekommen hier die Grundversorgung für eine Woche, dann werden sie entlassen. Mehr ist bei Klasse C nicht drin. Werden Sie schnell wieder gesund, dann sorgen sie dafür ihre Versorgungsklasse mindestens auf A+ verbessern. Glauben Sie mir, es ist besser so.“
Im miefigen Krankensaal C angekommen, war ich entsetzt. Hier waren mindestens 30 Männer, die in den Betten lagen. Von leicht verletzt, bis schwerkrank, manche stöhnten, manche wurden beatmet manche warteten auf den Tod. Mir selbst, so erschien es mir, ging es noch ganz gut, doch als sie mich nach einem erneuten Krampfanfall wieder ins Bett legten, fühlte ich mich so schwach, wie noch nie. Die Anfälle kamen nun jeden Tag. Die Tabletten, die sie mir gaben, lähmten meine Gedanken und fühlten sich, wie Klebstoff im Gehirn an. Daheim in meiner Wohnung fand ich mich kaum zurecht, vergaß die Zeit beim Nachdenken über mich selbst und starrte aus dem Fenster.
Es dauerte nicht lange und sie sortierten mich aus. Nutzlos geworden für diese Gesellschaft wurde ich entsorgt, wie eine Drohne aus dem Bienenstock. Ich verlor alles, die Arbeit, die Wohnung, mein bisheriges Leben. Drei Tage später schloss sich das große Tor hinter mir.
Ich saß im Rollstuhl mit meiner Habe mitten im Slum und war in kurzer Zeit von Jugendlichen umringt. Sie lachten, warfen mich aus dem Rollstuhl und stahlen mir alles was ich noch hatte. Dann stießen und traten sie mich, nur aus Vergnügen. Ich kroch auf allen vieren durch den Dreck, versuchte mich zu schützen bis Ismael und Ilie kamen. Sie hoben mich auf säuberten mich und verbanden meine Wunden und gaben mir zu essen. Drei Wochen lebte ich bei Ilies Familie, jeden Abend kam er zu mir und lehrte mich wieder zu gehen. „Was soll aus dir werden, Marc? Du musst zu Kräften kommen und gehen, sonst fressen dich die Ratten.“ Er erzählte, wie er sich mit seiner Familie auf den Weg gemacht hat Mit dem letzten Pferd und dem Karren, nachdem ein Hochwasser das Dorf zerstört hat. Wochenlang sind sie gefahren, dann haben Banditen ihr Pferd und den Karren gestohlen. Zu Fuß sind sie weiter immer nach Nordwesten immer in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Seine Frau starb bei einer Fehlgeburt mitten im Winter. Der Boden war zu hart gefroren um sie zu beerdigen. Als sie hier ankamen hatten sie keine Kraft mehr und kaum noch Hoffnung. „So lange dein Herz noch schlägt“ sagte Ilie, „so lange musst Du auf dein Herz hören. Jeder Tag ist es wert, gelebt zu werden und Liebe zu geben.“ Abends tranken wir von dem Fusel, den hier alle trinken, um die Hoffnungslosigkeit zu vergessen. Er brennt die Eingeweide frei und packt den Kopf in Watte.


Dann zog ich zu Ismael, weil Ilie eine neue Frau fand, meine Beine fanden ihre Kraft wieder, doch noch immer fühlte ich mich immer noch nutzlos, weil ich nichts zum Leben beitragen konnte. Ismaels Familie nahm mich freundlich auf. Seine drei Frauen kümmerten sich um die Kinder und um Essen, während er mit Drogen handelte und ein angesehener Mann war. Jeden Tag kamen Freunde und Händler, sie kauften und verkauften den schlechten Stoff, der das Hirn zerfrisst. Ismael und ich wurden Freunde so weit man das unter diesen Umständen behaupten kann.In der Ruhe reifte mein Plan, ich musste weg von hier, von der Stadt von diesem Slum und mit meinen Händen eine neue Stadt, ein neues Leben aufbauen.


Alisha ertrug den stinkenden Freier nicht länger, der sich auf ihr abmühte. Sie stieß ihn von sich weg und rannte so schnell sie konnte die äußere Mauer entlang, raus aus ihrem Revier. Weg nur weg aus dieser Hölle! Sie war stark und schnell, doch sie konnte dieses Leben keine Minute länger ertragen.


Ich sah sie rennen. Sie kam auf mich zu, ich hielt ihr eine Hand hin, damit ich ihr auf meine Mauer helfen konnte. Sie ergriff meine Hand und ich sah in ihren Augen, den Zorn und die Verzweiflung, doch keine Ergebenheit. Dann schauten wir in die Ferne in der die Sonne gerade unterging und nickten uns zu. Der wortlose Pakt war geschlossen.
Wir würden in der Wildnis ein neues Leben anfangen.


Doro findet das Top
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#2

RE: SZG 47 Das Brennen

in Die Geschichten der Woche 26.11.2021 12:10
von MIO • Fleißbiene / Fleißdrohne | 46 Beiträge | 140 Punkte

Hallo @Rieke.ke

Während des Lesens spürte ich auch ein Brennen am ganzen Körper. Diese Geschichte saugt einen ja regelrecht auf und nach jedem Satz habe ich gehofft, dass es besser wird, aber es kann immer noch schlimmer kommen. Einige Fragen stellen sich mir? Warum war er als Manager nur C Patient und wo kam Alisha plötzlich her? Sie kam mir ein bisschen plötzlich und dann auch noch mit so einer traurigen Geschichte. Ich hoffe, dass die beiden in der Widnis eine Heimat finden...


„So lange dein Herz noch schlägt“ sagte Ilie, „so lange musst Du auf dein Herz hören. Jeder Tag ist es wert, gelebt zu werden und Liebe zu geben.“

Das ist eine wundervolle Botschaft.



LG MIO


hat sich bedankt!
zuletzt bearbeitet 26.11.2021 12:18 | nach oben springen

#3

RE: SZG 47 Das Brennen

in Die Geschichten der Woche 26.11.2021 12:59
von Bree • Federlibelle | 4.233 Beiträge | 16875 Punkte

Liebe @Rieke.ke

mit deiner Geschichte beschreibst du ein Leben am Rande der Gesellschaft, das düsterer kaum sein könnte. Im Prinzip wird aber alles nur angerissen, es kommt mir eher wie eine Zusammenfassung vor. Da ist viel Potential für ein längeres Projekt vorhanden, mit dem du alles detaillierter erzählen kannst.
Der von @MIO zitierte Satz gefällt auch mir besonders gut. Er strahlt Hoffnung und Zuversicht aus, und das in dieser grausigen Umgebung. Sehr schön.
Alisha kommt in der Tat sehr plötzlich. Ich würde sie und ihr Verhältnis zu Marc früher im Text zumindest mal am Rande erwähnen, damit man nicht über ihr abruptes Auftauchen stolpert.

Der Schluss der Story macht neugierig. Wie wird dieses neue Leben wohl aussehen?

Gern gelesen!

LG
Bree


Der Kriminalschriftsteller ist eine Spinne, die die Fliege bereits hat, bevor sie das Netz um sie herum webt.
(Sir Arthur Conan Doyle)

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Alles über meine Bücher & mich findet ihr auf meiner Website: www.brittabendixen.de
Einen eigenen Youtube-Kanal habe ich auch. Dort lese ich einige meine Geschichten.
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hat sich bedankt!
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#4

RE: SZG 47 Das Brennen

in Die Geschichten der Woche 26.11.2021 17:08
von Herbert Glaser • Federlibelle | 664 Beiträge | 1233 Punkte

Hallo Rieke,

beim Lesen deiner Geschichte hatte ich die Slums in Brasilien und Südafrika vor Augen.

Beide kamen vor allem während der jeweiligen Fußballweltmeisterschaften in ihren Ländern in den Fokus der Weltöffentlichkeit.

Leider hat sich die Situation dort nicht wesentlich gebessert.


Auch ich habe mich gefragt, warum einer der führenden Manager nur Patient der Klasse C ist.

Das könntest du noch näher erklären.


Viele Grüße

Herbert


hat sich bedankt!
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#5

RE: SZG 47 Das Brennen

in Die Geschichten der Woche 26.11.2021 21:31
von Rieke.ke (gelöscht)
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Dankeschön für Eure Kommentare.

Ich hatte eine 2050 Geschichte für eine Anthologie geschreiben, die das Leben in einer Stadt im Jahr 2050 beschreibt. Diese Geschichte lehnt sich daran an, gehört aber nicht dazu, sie ist komplett neu. (Könnte man eventuell später mal zusammen ausbauen???) Nur der Prota spielt auch in der anderen Geschichte.
Ich habe eigentich keinen Bezug zu SF, weiß auch nicht ob ich das schreiben kann. Für die Anthologie hat die erste Geschichte jedenfalls nicht gereicht. Im Moment probiere ich einfach viel aus, da helfen eure Kommentare.
Ich dachte auch an das Leben in den heutigen Flüchtlingslagern, so oder ähnlich stelle ich mir das vielleicht vor.


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#6

RE: SZG 47 Das Brennen

in Die Geschichten der Woche 27.11.2021 22:28
von Doro • Federlibelle | 2.303 Beiträge | 9008 Punkte

Hallo @Rieke.ke ,

eine düstere Geschichte, auch, wenn das Ende hoffen lässt, dass sie vielleicht doch irgendwo ein besseres Leben führen könnten.

Hier hat es mich kurz aus der Geschichte gerissen:

Zitat von Rieke.ke im Beitrag #1
Alisha ertrug den stinkenden Freier nicht länger, der sich auf ihr abmühte. Sie stieß ihn von sich weg und rannte so schnell sie konnte die äußere Mauer entlang, raus aus ihrem Revier. Weg nur weg aus dieser Hölle! Sie war stark und schnell, doch sie konnte dieses Leben keine Minute länger ertragen.
Vielleicht, weil die Perspektive wechelt. Davor und danach schreibst du in der Ich-Perspektive.

Ich habe mit deinem Prota mitgefühlt und gelitten.



LG
Doro


Gib jedem Tag die Chance, der schönste deines Lebens zu werden. (Mark Twain)
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#7

RE: SZG 47 Das Brennen

in Die Geschichten der Woche 28.11.2021 16:45
von Gini • Federlibelle | 1.786 Beiträge | 3647 Punkte

@Rieke.ke was für ein grausames Leben muss er führen. Es erschreckt einen richtig.
Aber ich finde es sehr gut geschrieben. Die Alisha kam mir allerdings auch zu überraschend.
Das könnte man noch weiter ausführen.
Ist es nicht furchtbar, dass man so tief fallen kann? Die Szene im Krankenhaus fand ich auch
sehr deprimierend. Hoffentlich wird so etwas nie Wirklichkeit.
Warum ist er nur ein Klasse C. Patient? Er hatte doch bestimmt als Manager ein gutes Einkommen?


Gedanken sind nicht stets parat,/ Man schreibt auch, wenn man keine hat.

Wilhelm Busch (1832-1908)
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#8

RE: SZG 47 Das Brennen

in Die Geschichten der Woche 28.11.2021 22:27
von Rieke.ke (gelöscht)
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Die Geschichte spielt in einer zukünftigen Gesellschaft. Ich baue sie noch aus, aber mir ist die Zeit davon gelaufen.


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