#1

SGZ 43 Vorstellungsgespräch

in Die Geschichten der Woche 24.10.2021 17:20
von Rieke.ke (gelöscht)
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Das Vorstellungsgespräch

Es war schon wieder mal zu spät geworden, als sich Astrid für den Vorstellungstermin fertig machte. Sie hatte eigentlich genügend Zeit gehabt. Hatte extra einen Tag Urlaub genommen, als sie die Einladung bekommen hatte. 15:15 Uhr sollte sie da sein. Sie hatte ausgeschlafen und sich heute sehr viel Zeit gelassen, zuviel Zeit, wie sich jetzt herausstellt.
Sie hatte geplant spätestens 13:30 Uhr loszufahren. Jetzt war es schon 13:00 Uhr und sie war noch nicht mal fertig angezogen. Der Zeitpuffer, den sie hatte schmolz also wie Schnee in der Sonne.
Beim Anziehen der Strumpfhose, blieb sie mit einem Fingernagel hängen. „Oh Mist, ein Loch in der Strumpfhose, jetzt habe ich auch noch eine Laufmasche. Schnell, her mit dem Nagelack“, dachte sie. Auf einem Bein hüpfte sie durch das Badezimmer und suchte nach dem Fläschchen. Jetzt sträubte es sich auch noch beim Öffnen, weil der Deckel festklebt. Sie hatte es wohl beim letzten Mal schief zugemacht. Der Deckel brach ab und ergoß seinen Inhalt auf den Boden. Verflixt! So ein Ärger!

Das Stellenangebot war, wie für sie gemacht. Ein junges Unternehmen suchte nach einer erfahrenen Leiterin der Buchhaltung. Sie könnte 500 € monatlich mehr bekommen und Astrid war sich sicher, dass sie alle anderen Kriterien erfüllen würde. Der einzige Nachteil, war die Entfernung. Die Firma war 60 km entfernt, in Bremen Arsten. Doch unter dem Strich würde sie Gewinn machen.

Jetzt klingelt auch noch das Telefon. „Moin Astrid, geht es dir gut an deinem freien Tag?“ erkundigte sich Petra, ihre liebste Arbeitskollegin.
„ Moin, na klar , gab Astrid zurück, während sie versuchte sich möglichst geräuschlos weiter anzuziehen. Sie konnte Petra nicht erzählen, was sie vorhatte, denn Petra konnte kein Geheimnis bei sich behalten. Ihre einzige Schwäche, dachte sie, sonst freue ich mich immer, wenn Petra anruft, doch jetzt habe sie einfach keine Zeit zu plaudern.

Mit einer Hand zog sie die gute Bluse an und richtete sich sorgsam den Rock. Während dessen, hörte sie Petras Monolog über die Ereignisse des heutigen Vormittags. „Stell dir vor, der Hintze ist einfach in unser Büro gekommen, ohne Anzuklopfen! Unmöglich der Kerl! Dann hat er mir seine Unterlagen auf die Tastatur geworfen und ist wortlos gegangen und hat die Tür sogar geknallt, dieser Kretin! Ich bin dann hinter ihm her und“
„Du Petra, ich habe es gerade sehr eilig, denn ich muss noch meine Tante besuchen, Du weißt schon, sie ist sehr eigen und legt großen Wert auf Pünktlichkeit. Ich rufe Dich heute Abend an, wenn ich zurück bin.“ unterbrach Astrid ihre Freundin, sehr froh über die gelungene Ausrede. „Ich muss Schluss machen, bis heute Abend, tschüss!“ Astrid drückte den Anruf weg, ohne auf Petras Erwiderung zu warten.

Dann schminkte sie sich sorgsam, doch rutschte mit dem Lidstrich aus. „Mist, Mist, Mist!“ schimpfte sie. Der Lidstrich war wassersfest und sehr schwer zu entfernen. Mit Mühe konnte die das Ärgerniss überschminken, war aber mit dem Ergebnis nicht zufrieden.

14: 15 Uhr „Oh man! Jetzt aber schnell!“ Astrid, hatte gerade mal etwas mehr als eine Stunde Zeit. Mit Parkplatzsuche würde es sehr knapp werden und ein Stau oder eine rote Ampel würden nun echte Probleme machen. „Wenn schon Scheiße, dann mit Schwung! Warum hat sich gerade jetzt alles gegen mich verschworen?“ schimpfte sie laut.
Sie zog sich schnell an, stolperte ins Wohnzimmer und wollte ihre Papiere aus ihrem alten Schreibtisch holen, in der sie sie am Wochenende zusammengesucht und vorsichtshalber in der oberen Schublade geschlossen hatte. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn Petra sie gefunden hätte.

Sie schloss die Schublade auf und zog daran. Nichts passiert! Der Schlüssel wackelte nur seltsam in ihrer Hand.
Der Schreibtisch war ein Erbstück ihrer Großmutter, genauer ihres Ururgroßvaters. Ein Orginal Biedermeierschreibtisch aus Kirschholz mit kostbaren Intarsien. Ihr einziges wirklich wertvolles Stück in der ganzen Wohnung. Es war fast das einzige Möbelstück, was sie nach der Scheidung mitgenommen hatte. Gerd wollte ursprünglich, dass sie ihn verkauft und ihm die Hälfte des Erlös abgab. Aber da war Astrid vor gewesen, es hatte einen Riesenkrach gegeben, doch ihr Anwalt hatte sich letztlich durchsetzen können. Für den Transport hatte sie extra ein Unternehmen beauftragt, damit dem guten Stück nichts passiert.
Vorsichtig ruckelte und zog sie nun an der Schublade, ein Trick, mit dem er vielleicht die Lade freigab. Astrid schwitzte und wischte sich über die Stirn. Jetzt war auch noch das Make up verwischt. Sie versuchte es mit beten, keine Reaktion!
Jetzt schrie sie den Schreitisch an: „Du dummes Miststück, gleich hole ich den Schraubenzieher und eine Säge! Ich brauche die Papiere jetzt, sofort. Bitte, geh endlich auf!“ Doch der Schreibtisch war eingeschnappt und hielt seine Schublade um so fester.

Dann kamen ihr die Tränen, als sie auf die Uhr sah. Dreiviertel Drei! Zu spät, sie würde es auf keinen Fall pünklich schaffen. Astrid konnte sich jetzt nur noch entschuldigen und etwas von einem streikenden Auto vorlügen und um einen neuen Termin bitten. Eine lahme Ausrede, zumal der neue Chef sich dann Gedanken machen würde, ob Astrid Probleme bekommen würde, wenn die Witterung das Autofahren erschweren würde.
„Was für einen Eindruck, würde er von mir bekommen“, dachte sie und verzweifelte langsam. Sie nahm ihr Telefon, rief in der Firma an und entschudigte sich. Sie hatte Glück und bekam gleich für den nächsten Tag einen neuen Termin. Doch nun zweifelte sie.

500 € mehr, aber was war der Preis? Sie fühlte sich in ihrer jetztigen Stellung wohl, bei ihrer Scheidung hatten ihre Kollegen zu ihr gehalten und sogar Hintze hatte beim Auszug geholfen. Er war es gewesen, der sich auch noch mit Gerd angelegt hatte, als er versuchte Astrid zu bedrohen.
Mit ihrem Chef verstand sie sich sehr gut und hatte Vertrauen zu ihm. Eigentlich war alles rundum gut.
Astrid setzte sich nun gemütlich in ihren Lieblingssessel und betrachtete ihren Schreibtisch. Vielleicht hatte er recht, das Geld war die Widrigkeiten nicht wert. Wenn die Spritpreise weiter steigen, schon garnicht. „Wer weiß, wozu es gut ist“, würde ihre Tante jetzt sagen, Astrid lächlete.
Sie versuchte nun ein letztes Mal die Lade zu öffnen, wie von Zauberhand glitt sie leicht auf. Astrid nickte nun lächelnd dem Schreibtisch zu und machte sich in aller Ruhe einen Cappucchino. Im Sessel zurück, wählte sie die Nummer ihrer Tante. Heute Abend würde sie Petra an rufen und morgen ganz entspannt mit dem Fahrrad ins Büro fahren.


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#2

RE: SGZ 43 Vorstellungsgespräch

in Die Geschichten der Woche 25.10.2021 16:00
von Bree • Federlibelle | 4.187 Beiträge | 16674 Punkte

Liebe @Rieke.ke

die Geschichte gefällt mir richtig gut. Man leidet mit deiner Prota mit, als einfach alles schiefgeht. Die Kommode gibt dem ganzen eine charmante Note und das Ende ist eine schöne, logische Folgerung.
Das Ganze hast du amüsant erzählt. Das Einzige, wo ich etwas anmerken könnte, betrifft ein paar von Astrids Gedankengängen.

Zitat
„Oh Mist, ein Loch in der Strumpfhose, jetzt habe ich auch noch eine Laufmasche. Schnell, her mit dem Nagelack“, dachte sie. Auf einem Bein hüpfte sie durch das Badezimmer und suchte nach dem Fläschchen.


Das klingt in meinen Ohren ein wenig unnatürlich. Ich hätte es beim "Oh, Mist!" belassen. Jeder weiß, was passiert, wenn man mit dem Fingernagel in einer Strumpfhose hängen bleibt, das brauchst du nicht extra zu erklären. Ein bisschen Wissen darf und sollte man bei seinen Lesern immer voraussetzen.

Zitat von Rieke.ke im Beitrag #1
Sie konnte Petra nicht erzählen, was sie vorhatte, denn Petra konnte kein Geheimnis bei sich behalten. Ihre einzige Schwäche, dachte sie, sonst freue ich mich immer, wenn Petra anruft, doch jetzt habe sie einfach keine Zeit zu plaudern.

Hinter 'dachte sie' würde ich einen Punkt machen und dann so weitermachen: Sonst freute sie sich immer, wenn Petra anrief, doch nun hatte sie einfach keine Zeit zum Plaudern.

Gern gelesen!

LG
Bree


Der Kriminalschriftsteller ist eine Spinne, die die Fliege bereits hat, bevor sie das Netz um sie herum webt.
(Sir Arthur Conan Doyle)

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#3

RE: SGZ 43 Vorstellungsgespräch

in Die Geschichten der Woche 26.10.2021 14:54
von Herbert Glaser • Federlibelle | 664 Beiträge | 1233 Punkte

Hallo Ulrike,

die ganzen Mißgeschicke haben mich an Sketche von Loriot erinnert.

Alles - wirklich alles - geht schief.

Beruhigend, dass sich Astrid dadurch Gedanken macht und ihre Entscheidung noch einmal überdenkt.

Viele Grüße

Herbert


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#4

RE: SGZ 43 Vorstellungsgespräch

in Die Geschichten der Woche 27.10.2021 12:34
von Doro • Federlibelle | 2.270 Beiträge | 8898 Punkte

Hallo @Rieke.ke ,

auch ich habe mit Astrid mitgelitten. Ich gehöre ja auch zu denjenigen, die immer auf den letzten Drücker fertig sind. Da darf dann auch nix dazwischen kommen. Ich konnte also umso besser mit ihr mitfühlen. Kopfkino lief mit.

Als am Schluss die Schreibtischschublade ganz einfach aufging, hätte nur noch gefehlt, dass jemand zuschaut. Vorführeffekt. Geht mir oft so. Damit man sich ja richtig blöd vorkommt.

Geerbst hat Bree ja schon.

Ebenfalls gern gelesen.

LG
Doro


Gib jedem Tag die Chance, der schönste deines Lebens zu werden. (Mark Twain)
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#5

RE: SGZ 43 Vorstellungsgespräch

in Die Geschichten der Woche 29.10.2021 17:19
von Gini • Federlibelle | 1.765 Beiträge | 3609 Punkte

@Rieke.ke die Ärmste. Was für ein Schlamassel. Zum Glück öffnet ihr das die Augen
und sie bleibt bei ihrem jetzigen Job. Ich bin ja eher so, dass ich 2 Stunden einplane, wenn ich einen Termin habe.
Wenn dann noch Zeit ist, mache ich Matrix oder Jing Shin. Das entspannt mich.


Gedanken sind nicht stets parat,/ Man schreibt auch, wenn man keine hat.

Wilhelm Busch (1832-1908)
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#6

RE: SGZ 43 Vorstellungsgespräch

in Die Geschichten der Woche 29.10.2021 22:29
von Jana88 • Federlibelle | 537 Beiträge | 1242 Punkte

Das ist ja richtig genial. Da müht sie sich so ab, und der Schreibtisch hilft ihr, die richtige Erkenntnis zu finden.
Warum immer nach höherem streben, wenn man es doch gut und bequem hat.
Finde ich super.


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Am Ende wird alles gut. Wenn es nicht gut wird, ist es noch nicht das Ende *Oscar Wilde
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#7

RE: SGZ 43 Vorstellungsgespräch

in Die Geschichten der Woche 30.10.2021 09:23
von Ranito • Forums-Schmetterling | 156 Beiträge | 419 Punkte

Der Schreibtisch hilft bei der Entscheidungsfindung, das erlebt man nicht oft.

Ganz schön hektisch, aber vielleicht ist es so richtig.


-- + —
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* DANKE * für jeden neuen Tag - jeden Moment - jede Geste - jede Reaktion, den/die ich erleben darf! Doch wem darf ich eigentlich * DANKE * sagen? Ich wüsste es so gerne ... Alles nur durch Zufall entstanden, wie es so ist? Nein, das kann nicht möglich sein! Gut, dass uns Menschen zumindest dieses Geheimnis bis heute verborgen bleibt. Der Glaube ist ganz sicher ein guter Lösungsansatz! Träumen wir weiter und hoffen auf ein gemeinsames Leben ... auch danach. Für hier und bis jetzt in jedem Fall erst einmal: * DANKE *
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#8

RE: SGZ 43 Vorstellungsgespräch

in Die Geschichten der Woche 06.11.2021 15:35
von -jek • Federlibelle | 686 Beiträge | 2088 Punkte

Für mich klingt es, als ob nicht die Dinge Widerstand gegen die Bewerbung leisten, sondern als ob wir einen Konflikt zwischen Bewusstsein und Unbewusstem erleben. Aber vielleicht habe ich zuviel über Psychologie gelesen. Freud sagt sinngemäß: "Eine Fehlleistung ist erstens ein Fehler und zweitens eine Leistung", weil der Fehler Unbewusstes deutlich werden lässt. So gesehen, hat die Erzählung ein klassisches Thema überzeugend variiert.


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Wenn du Schreibregeln beherrscht, ist das gut. Wenn sie dich beherrschen, ist das schlecht.
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