#1

SGZ 42 Rauhnacht

in Die Geschichten der Woche 17.10.2021 13:53
von Rieke.ke (gelöscht)
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Rauhnacht

Der Wind klapperte an den Läden der kleinen Kate, die sich tief in den Boden duckte. Der Eisregen prasselte hart auf die Erde und erzeugt ein unheimliches Rauschen. Von außen sah man nur das Dach der Kate, das erst kürzlich mit Mist und Stroh sorgsam gedeckt wurde. Deshalb war es innen wohlig warm, auf dem immer noch glimmenden Feuer stand ein großer irdener Topf mit kräftiger Suppe. Der Rauch zog durch das Rauchloch an den Schinken und den Würsten vorbei die von der Decke hingen. Der Winter konnte lang werden in der Heidelandschaft, doch sie hatte gut vorgesorgt. Beim letzten Blutmond hatte sie das Schwein und die alte Kuh geschlachtet. Die Söhne hatten ihr noch ein Wildschwein von der letzten Jagd gebracht. Die Ernte war gut gewesen und sie verstand sich auf das sorgsame Haltbarmachen des Emmers. Sie würde auch diesen Winter überleben, wenn die Götter es wollten, dachte sich Ava.
Die wilde Jagd tobte draußen weiter. Wehe dem, der sich jetzt noch draußen aufhielt. Hexen und Kobolde würden ihn finden und quälen. Wehrwölfe ihn fressen, Sleipnir, das achtbeinige Pferd Wotans, würde ihn unter seine Hufen zermalmen. In den Rauhnächten hatten die Menschen Ruhe zu halten, das Rad des Lebens stand still in diesen Tagen, so war es Brauch. Erst am Morgen nach der zwölften Nacht, begann es sich weiterzudrehen.

Sie hatte es warm und gemütlich drinnen, nur der Schein des Feuers erhellte die dunkle Kate. Hinten hörte sie sie Tiere schlafen, das Glucksen der Hühner das Wiederkäuen der Kuh. Sie hütete das Feuer und legte sich auf die Bettstatt ins Stroh. Leise hörte sie die Mäuse huschen, die sich im Dachstroh verbargen. Der Hund legte sich zu ihr, sein warmer Körper drückte sich an sie.
Im Sommer war ihr Mann gestorben, bei einer Jagd hatte ihn ein Keiler schwer verletzt, sie hatte noch versucht ihm mit ihrem Heilwissen zu helfen. Doch Wotan hat ihn zu sich genommen und sie hatten ihn mit allen Ehren bestattet. Die Söhne zündeten den Leichenbrand, es wurde gegessen und sehr viel getrunken, denn er war ein Ehrenmann und ihre Söhne stolze Krieger.
Sie war zwar nur das Kebsweib gewesen, doch sie hatten sich all die Jahre geliebt. Deshalb konnte sie so unbeschwert leben und wurde nicht an irgendeinen alten Krieger weiter verschachert. Sie sah noch gut aus, hatte fast noch alle Zähne, obwohl sie fünf Kinder geboren hatte. Drei Söhne lebten noch, die anderen Kinder hatten das Erwachsenenalter nicht erreicht. Zufrieden lächelte sie und fiel in einen leichten Schlaf.


Dann hörte sie es, das Wimmern und Klopfen an der Tür. Sie schreckte hoch, jetzt würden sie die Unholde holen. Wenn sie die Tür öffnete ließ sie das Unheil hinein. Der Hund stand an der Tür bellte und geiferte, er würde sie verteidigen, das war gewiss. Seine rauhe Stimme zerschnitt die Nacht. Sie grub sich tiefer ins Stroh zurück, zog die Decke über ihren Kopf, um das Wimmern und klagen nicht zu hören.
Es wurde leiser, sogar der Wind legte sich etwas. Der Hund stand immer noch an der Tür und knurrte. Das Klopfen hatte aufgehört, doch das Wimmern war noch da. Dann winselte der Hund und kratzte an der Tür.
Sollte sie aufmachen? Und wenn sich die Unholde nur versteckt hatten? Wie zur Bestätigung glucksten die Hühner, eine Henne gackerte aufgeregt.
Sie stand auf und zündete einen Kienspan an, vielleicht könnte sie draußen etwas erkennen, wenn sie durch die Ritzen der Tür sah. Doch da war nichts, nur das klägliche Wimmern. „Wie ein Kind“, dachte sie.
Vorsichtig öffnete sie die Tür für einen Spalt, schwer schleifend schob sich etwas zur Seite. Wieder Wimmern. Der Hund sprang von hinten gegen die Tür und dann sah sie das Körbchen, ein Bündel lag darin. Der Schnee hatte schon eine dünne Schicht darüber gedeckt. Sie zog das Körbchen nach innen und wußte sofort was ihm war.
Der Hund lief hinaus bis zum Hollerbusch und schnüffelte. „Komm zurück“ rief sie, die wilder Jagd kommt jeden Moment wieder. Unter jedem Holler war die Grenze zum Reich der Zwerge, ihnen sollte sich in dieser Nacht kein Lebender nähern. Die Zwerge wurden sehr verehrt und waren gleichsam unheimlich.
Es sind nur ein paar Schritte und sie könnte zurück sein, bevor es die Zwerge merkten. Sie lief so schnell sie konnte, packte den Hund am Fell und dann sah sie es. Ein Menschlein, zusammengekrümmt, kaum noch am Leben. Sie hob das Bündel leicht auf und lief mit dem Hund wieder ins Haus. Innen verriegelte sie sorgsam die Tür, entfachte das Feuer erneut und besah sich ihre Gaben.
Im Körbchen lag unter den Decken ein Baby die Nabelschnur blutete noch leicht. Das Köpfchen war noch nass und schmierig von der Geburt, ein kräftiges kleines Mädchen, das aus vollem Halse schrie. Im größeren Bündel eine magere junge Frau, fast noch ein Mädchen. Sie war bewusstlos, grau im Gesicht und blutete noch von der Geburt, mehr tot als lebendig lag sie da. Ihr Kopf war kahl geschoren und schmutzig.

Was sollte sie tun? Es war die siebte der rauen Nächte, eine Losnacht, die über das Schicksal entscheidet. Wenn sie die beiden zurück ins Leben holte, würde sie sich für ihr ganzes weiteres Leben an sie binden. Sie würde mit ihnen teilen müssen, noch einmal ein Kind aufziehen. Sie zögerte, noch könnte sie beide wieder in den Wald bringen, dann wären sie in wenigen Stunden tot. Wer weiß, was sie sich da ins Haus holte?
Das Mädchen stöhnte leise und das Kind hatte wieder angefangen zu wimmern. Sie begann langsam und routiniert beide zu versorgen. Dann holte sie sich beide in die Bettstatt deckte sie zu und wärmte sie mit ihrem Körper.


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#2

RE: SGZ 42 Rauhnacht

in Die Geschichten der Woche 17.10.2021 15:09
von Herbert Glaser • Federlibelle | 664 Beiträge | 1233 Punkte

Hallo Ulrike,

eine schöne und auch durchaus schön gruselige Geschichte.

Dabei habe ich einige Wörter gelernt (Google sei Dank!), die ich vorher nicht kannte:

Kate = Hütte, einfaches Wohnhaus

Emmer = Getreide (Zweikorn) aus der Gattung Weizen

Kebsweib = Nebenfrau, Konkubine

Losnacht = Andreasnacht, Nacht zum 30. November


Eine Erbse:

Sie zog das Körbchen nach innen und wußte sofort was ihm war.

Hier fehlt ein "in":

Sie zog das Körbchen nach innen und wußte sofort was in ihm war.

Viele Grüße

Herbert


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#3

RE: SGZ 42 Rauhnacht

in Die Geschichten der Woche 17.10.2021 23:04
von Doro • Federlibelle | 2.229 Beiträge | 8764 Punkte

Liebe @Rieke.ke ,

klingt wie der Beginn eines Romans. Auf alle Fälle einer längeren Geschichte und ich würde gern wissen, wie es weitergeht mit Ava und den beiden.

Die unwirtliche Nacht hast du gut beschrieben. Kopfkino lief mit.

Zitat von Rieke.ke im Beitrag #1
hatte fast noch alle Zähne, obwohl sie fünf Kinder geboren hatte.
Spielst du da auf das Sprichwort "Jedes Kind ein Zahn" an?

Gern gelesen.

Lg
Doro


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#4

RE: SGZ 42 Rauhnacht

in Die Geschichten der Woche 17.10.2021 23:59
von Rieke.ke (gelöscht)
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Liebe Doro,
Dankeschön.
das ist in der Tat ein unvollendetes Romanprojekt, das ich eine Zeitlang liegen gelassen habe. Die Geschichte spielt zur Zeit der Völkerwanderung ungefähr in meiner Heimat. Das war ja eine geschichtslose Zeit, ich muss sehr viel über diese germanischen Bauernkrieger recherchieren, damit es nicht unglaubwürdig wird. Ich wollte einfach mal sehen, ob ich das kann. Das wäre dann der erste längere Text, den ich schreibe.
LG
Rieke

Liebe


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#5

RE: SGZ 42 Rauhnacht

in Die Geschichten der Woche 18.10.2021 06:54
von Yggdrasil • Federlibelle | 1.110 Beiträge | 2873 Punkte

Eine sehr intensive Beschreibung dieser von mir sehr interessanten Zeit der "verlorenen Tage".


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#6

RE: SGZ 42 Rauhnacht

in Die Geschichten der Woche 21.10.2021 10:04
von Yggdrasil • Federlibelle | 1.110 Beiträge | 2873 Punkte

@Rieke.de Vielleicht passend zu Deinem Text:






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zuletzt bearbeitet 21.10.2021 10:05 | nach oben springen

#7

RE: SGZ 42 Rauhnacht

in Die Geschichten der Woche 21.10.2021 11:23
von Rieke.ke (gelöscht)
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@ Yggdrasil
Dankeschön! Ich habe schon ein paar Mal an solchen Ritualen teilgenommen. Es war schön und eindrucksvoll, aber wir konnten nur teilweise das nachempfinden, was unsere Vorfahren dabei empfunden haben.
Denn wir gingen am Ende in unsere warmen Häuser zurück und machten den vollen Kühlschrank auf. Unsere Vorfahren waren hingegen allesamt der Witterung, dem Hunger und Schicksal schutzlos ausgeliefert.
LG
Rieke


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#8

RE: SGZ 42 Rauhnacht

in Die Geschichten der Woche 21.10.2021 11:26
von Yggdrasil • Federlibelle | 1.110 Beiträge | 2873 Punkte

@Rieke.ke Ich habe das Thema in meinem historischen Roman "Leif - ein Wikingerabenteuer" verarbeitet. Waren schon harte Zeiten damals.


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#9

RE: SGZ 42 Rauhnacht

in Die Geschichten der Woche 21.10.2021 20:50
von Rieke.ke (gelöscht)
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ich habe das Schreiben an dem Romanprojekt jetzt wieder aufgenommen.


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#10

RE: SGZ 42 Rauhnacht

in Die Geschichten der Woche 23.10.2021 12:26
von Graugnom • Federlibelle | 261 Beiträge | 1409 Punkte

hallo @Rieke.ke
du hast in deinem Text über ein faszinierendes Thema geschrieben und vieles von dem, was die Zeit der Rauhnächte ausmacht, reingebracht. Mit diesem und ähnlichen Themen beschäftige ich mich schon länger und kann dir nur zustimmen, dass wir Menschen von heute nur eine schwache Ahnung von dem haben, was die Vorfahren in alten Zeiten bewegte - woran sie glaubten - was sie fürchteten - und wie wichtig die Einhaltung der Rituale war, um sich vor Unheil zu schützen.
Nur ein kleiner Hinweis von mir: Um sich vor dem Bösen in den Raunächten zu schützen, könnte Ava beim Öffnen der Türe ein wenig Salz auf die Türschwelle streuen - das würde den bösen Geistern, Wiederkehrern etc. den Weg ins Haus versperren.
Ich habe deinen Text gerne gelesen - er enthält viel Mystisches.


zuletzt bearbeitet 23.10.2021 12:28 | nach oben springen

#11

RE: SGZ 42 Rauhnacht

in Die Geschichten der Woche 24.10.2021 09:20
von Bree • Federlibelle | 4.115 Beiträge | 16399 Punkte

Hallo @Rieke.ke

auch ich habe deine Geschichte gern und mit einem kleinen Gruseln gelesen. Das Ende klingt in der Tat wie der Beginn von etwas Größerem.

Zitat von Rieke.ke im Beitrag #4
das ist in der Tat ein unvollendetes Romanprojekt, das ich eine Zeitlang liegen gelassen habe.

Das finde ich klasse, muss aber auch darauf hinweisen, das das SGZ nicht dafür gedacht ist, alte bzw. bereits fertige Texte zu posten.
Es geht darum, binnen einer Stunde zu einem bestimmten Wort etwas zu schreiben, und zwar spontan.
Zukünftig werde ich Texte, die nicht durch das SGZ entstanden sind, nicht mehr zum Ranking zulassen.

Aber jetzt wieder zu deiner Geschichte. Du hast die Umstände, unter denen Ava lebt, sehr bildhaft und lebendig beschrieben. Ich sah sie und ihre Hütte praktisch vor mir. Prima gemacht!.
Ein paar Dinge, über die ich gestolpert bin:
Zitat von Rieke.ke im Beitrag #1
Der Wind klapperte an den Läden der kleinen Kate, die sich tief in den Boden duckte. Der Eisregen prasselte hart auf die Erde und erzeugt ein unheimliches Rauschen. Von außen sah man nur das Dach der Kate, das erst kürzlich mit Mist und Stroh sorgsam gedeckt wurde. Deshalb war es innen wohlig warm, auf dem immer noch glimmenden Feuer stand ein großer irdener Topf mit kräftiger Suppe.

In diesem Absatz hat die Adjektivitis voll zugeschlagen. Vielleicht könntest du das eine oder andere Adjektiv löschen, damit sie nicht so geballt daherkommen.

Zitat von Rieke.ke im Beitrag #1
Der Hund legte sich zu ihr, sein warmer Körper drückte sich an sie.
Im Sommer war ihr Mann gestorben,

Zwischen diesen beiden Sätzen wäre ein perfektes Plätzchen für einen eleganten Übergang. Z. B. (...) Dorthin, wo früher (Name des Mannes) gelegen hatte. (...)
Nur so als Tipp ...

Zitat von Rieke.ke im Beitrag #1
die wilder Jagd kommt jeden Moment wieder.

Den Satz hab ich nicht kapiert. Meinst du "Wilderjagd"?

LG
Bree


Der Kriminalschriftsteller ist eine Spinne, die die Fliege bereits hat, bevor sie das Netz um sie herum webt.
(Sir Arthur Conan Doyle)

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#12

RE: SGZ 42 Rauhnacht

in Die Geschichten der Woche 24.10.2021 15:15
von Rieke.ke (gelöscht)
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Vielen Dank, liebe Bree,

Danke für die Erbsensucherei!
Die wilde(r) Jagd, hat ein r zuviel und war er Ausdruck bezeichnete das Wirken der Götter und Unholde in den Zeiten der Rauhnacht. Es gibt eine Menge an Ver- und Geboten, die sich bis heute gehalten haben. ZB. Keine Wäsche aufhängen in der Weihnachtszeit.
Die nächsten Geschichten werde ich, wie sonst immer spontan schreiben.
LG
Rieker


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