#1

SGZ Nr. 41 - Die Marsianer - Teil 9 - Ein gutes Team

in Die Geschichten der Woche 14.10.2021 08:29
von Bree • Federlibelle | 4.233 Beiträge | 16875 Punkte

„Die ist doch total durchgeknallt!“, regte sich Dr. Lars Brown auf. Sein Blick war auf den Hologrammbildschirm vor ihnen gerichtet, auf dem die zukünftige Präsidentin des Mars gerade verkündet hatte, was auf dem roten Planeten alles anders sein würde.
„Keine Waffen, okay“, meinte Lars abwinkend. „Wir als Ärzte wissen am besten, was sie anrichten können. Aber Zwangsrückkehr zur Erde schon beim ersten Verstoß gegen die Strafgesetzregeln, oder dass Männer keine Entscheidungen mehr treffen dürfen, ohne sie vorher von einer Frau absegnen zu lassen … Das ist doch Bullshit! Da kann sie uns ja gleich kastrieren!“
Dr. Mercedes Moirot betrachtete ihren Kollegen und Geliebten mit gemischten Gefühlen. Sicher, einige dieser neuen Regeln, die Sara Wong gerade formuliert hatte, waren etwas radikal, doch im Grunde gab Mercedes ihr recht. Die Menschen hatten die Erde im Namen von Gier und Gewalt bereits fast vollständig vernichtet. Etwas musste sich ändern, damit auf dem Mars nicht dasselbe geschah. Und in der Geschichte der Menschheit hatten Frauen meist besser regiert als Männer. Ein Grund, weshalb Sara Wong zur Präsidentin ernannt worden war, wie Mercedes gehört hatte, und nicht ihr charmanter, attraktiver Kollege Bobby Hartmann.
Mercedes fand Letzteren äußerst anziehend, aber der Ausdruck in den Augen des Politikers gefiel ihr weniger. Darin spiegelten sich Ehrgeiz, Machtgier und Skrupellosigkeit. Eigenschaften, die – wenn Hartmann den Posten erhalten hätte – aus dem Mars früher oder später eine neue Erde gemacht hätten. Vielleicht gelang es Sara, mit ihren Visionen die Welt ein bisschen besser zu machen.
Vielleicht aber auch nicht. Allzu diktatorisch durfte es nicht werden, das war Mercedes klar. Denn dann würden zumindest die Männer den Aufstand proben. Und körperlich waren sie Frauen noch immer überlegen. Sie musterte Lars von der Seite. An ihm liebte sie seine Kraft und Stärke. Sie fühlte sich von ihm beschützt, empfand Sicherheit, wenn er bei ihr war. Würde er es sich nach der Verkündung der Marsgesetze noch einmal überlegen und womöglich hierbleiben? Hoffentlich nicht!
„Du kommst doch aber trotzdem mit, oder?“, fragte Mercedes bang. Jetzt, wo sie, das farblose Mauerblümchen, Lars für sich gewonnen hatte, wollte sie keinesfalls, dass die ihr wohlbekannte Einsamkeit zurückkehrte. Er mochte nicht perfekt sein, dafür war er zu sehr von sich überzeugt und zu aufbrausend, aber er war mehr, als sie vom Schicksal je erhofft hatte.
Lars wandte den Blick von Sara Wong ab und wandte sich Mercedes zu. Seine kräftige Hand drückte ihre, er schenkte ihr ein vages Lächeln. „Ich gebe zu, der Gedanke, auszusteigen, war kurz da. Aber ich habe gelernt, mich nicht von meinen spontanen Gefühlen übermannen zu lassen. Also, ja, Mercy, mein Engel. Ich komme mit.“
Mercedes atmete erleichtert aus. Der Satz über seine Gefühle jedoch löste bei ihr eine gewisse Unruhe aus. Der Moment, an dem sie sich nähergekommen waren, tauchte vor ihrem inneren Auge auf. Ein Erdbeben während einer Operation, sie hatten den Patienten deshalb verloren, und Mercedes selbst wäre ebenfalls beinahe gestorben. Doch Lars war wie ein Ritter in glänzender Rüstung erschienen und hatte sie nicht nur gerettet, sondern ihr mit einem leidenschaftlichen Kuss das Gefühl vermittelt, dass er unfassbar froh darüber war, dass sie wegen seines Muts und seiner Tatkraft überlebt hatte.
War dieser besondere Moment, so überlegte sie, gar nicht spontan gewesen? Hatte Lars sich bereits länger zu ihr hingezogen gefühlt und nur auf den perfekten Moment gewartet?
Damit hätte Mercedes leben können. Doch tief in ihr war da diese Ahnung, dass der Grund für seine Liebesbezeugung an jenem Tag nicht nur darin begründet lag, dass er etwas für sie empfand. Sie wusste, er wollte unbedingt bei den Auserwählten sein. Schon Wochen vorher hatte er kaum über etwas anderes gesprochen. Er wollte unbedingt zu den wenigen Personen gehören, die für den ersten Flug zum Mars ausgesucht worden waren. Doch seine Bewerbung war abgelehnt worden. Nur dank ihr gehörte Lars nun auch zu diesem erlesenen Kreis.
Hatte er das so geplant? War sie für ihn nur ein Mittel zum Zweck?
Bevor Mercedes diesen ernüchternden Gedanken weiterspinnen konnte, erzitterte der Boden unter ihren Füßen. Sie tauschte einen erschrockenen Blick mit Lars.
„Bitte nicht schon wieder“, flüsterte sie. Das letzte Beben, das ihr Leben so gravierend verändert hatte, lag nur wenige Wochen zurück. Für sie war es gut ausgegangen, doch für viele andere nicht.
„Wieso wurden wir nicht gewarnt, zum Teufel?“, fluchte Lars. „Nur wegen der blöden Rede dieser Wong?“
Mercedes wusste es nicht. Sie saß wie betäubt da, die Hände in die Polster des Sofas gekrallt, und betrachtete, wie sich der Boden wölbte. Vielleicht war dieses Beben ebenso wie das letzte einfach zu spontan entstanden. Die Zeiten, als sich derartige Naturkatastrophen im Voraus ankündigten, waren nicht mehr die Norm. Es häuften sich in der jüngsten Vergangenheit plötzliche Vorfälle.
Ein weiteres Zeichen dafür, dass die Erde kurz vor dem Kollaps stand?
Das Zittern unter ihren Schuhsohlen wurde stärker. „Wir müssen hier raus!“, rief Mercedes panisch und sprang von der stylischen Couch in Lars‘ Appartement auf.
Lars kam zeitgleich mit ihr auf die Füße. „Mir nach! Schnell!“, befahl er, und lief voraus Richtung Hausflur. Mercedes folgte ihm aus dem Appartement. Im Treppenhaus angekommen sah sie, dass sich nach und nach immer mehr Türen öffneten. Auch die Nachbarn waren dem Instinkt gefolgt, ihr Zuhause zu verlassen und Zuflucht im Freien zu finden. Entsetzte, verzweifelte und ängstliche Menschen füllten den Flur und strebten zunächst zum Fahrstuhl, drückten die Knöpfe. Doch das Display, das sonst anzeigte, in welchem Stock sich die Kabine befand und wie viele Sekunden man noch auf sie warten musste, blieb schwarz.
„Zur Treppe!“, brüllte jemand, und die Menge folgte der Stimme. Lars hielt Mercedes zurück. Sie sah ihn zuerst verwundert an, dann erkannte sie, was ihn dazu bewogen hatte. Es ballten sich zu viele Personen am Absatz nach unten. Erste Schreie ertönten, Menschen stürzten die Stufen hinab.
„Sieh nur“, rief Lars gegen den Lärm an. Ihr Blick folgte seinem ausgestreckten Arm. Was sie sah, entsetzte sie zutiefst. Die Treppenstufen, die nach unten – in die vermeintliche Sicherheit – führten, begannen sich zu bewegen, als wären sie aus Gummi.
Jemand links von Mercedes riss just in diesem Augenblick ein Fenster auf, das tagsüber für Licht sorgte. Doch nun war es draußen finster und es schien zu stürmen. Mercedes erkannte es daran, dass der Mann beim Fenster sich gegen den Wind stemmen musste. Er begann, auf das Fensterbrett zu klettern. Mercedes durchlief ein eiskalter Schauder. Sie befanden sich hier im achten Stockwerk. Wenn der Mann sprang oder bei dem Sturm das Gleichgewicht verlor, wäre das sein Todesurteil.
„Kommen Sie da herunter!“, rief sie gegen die Schreie der Menschen und das Heulen des Sturms an, und rannte auf ihn zu. Bekam seinen Unterschenkel zu fassen und zerrte daran. Der Wind pfiff und heulte, zerzauste Mercedes‘ Haar und trieb ihr Tränen in die Augen.
Der Mann versuchte, sich loszureißen. „Verschwinden Sie!“, brüllte er, das runde Gesicht zu einer weinerlichen Grimasse verzerrt. „Ich weiß, was ich tue. Lassen Sie mich …“
Doch sie schüttelte den Kopf und krallte ihre Finger fester um sein Bein. „Auf keinen Fall!“
Ein weiterer heftiger Erdstoß brachte Mercedes aus dem Gleichgewicht. Sie stürzte zu Boden, schrie auf und ihre Finger gaben den Schenkel des Mannes frei. Der nutzte die Gelegenheit, wandte sich der Dunkelheit zu und sprang.
„Neeeeeiiiiinnnn!!“ Sie rappelte sich auf, stürzte zum Fenster und ahnte mehr, als dass sie es sah, dass der Körper des Mannes auf dem gepflasterten Boden aufschlug. Das Gesicht in die Hände vergraben stand Mercedes da und schluchzte. Was nur hatte den Mann bewogen, seinem Leben ein solches Ende zu setzen? Steckte nur eine Panikhandlung wegen des Erdbebens dahinter? Oder war er aus einem anderen Grund derart verzweifelt gewesen?
Das Schaukeln und Zittern unter ihr wurde schwächer. Sie registrierte es beinahe unbewusst, denn noch immer waren ihre Gedanken bei dem Mann, dem sie nicht hatte helfen können. Dasselbe grausige Gefühl, das sie in diesem Moment erfüllte, hatte sie schon einmal gehabt: An jenem Tag im OP, als das erste Beben sie alle überrascht und ihren Patienten getötet hatte.
Zwei schwere, sanfte Hände legten sich auf ihre Schultern. Lars‘ Stimme flüsterte: „Du hättest nichts tun können, Mercy. Ich habe gerade mit seiner Mutter gesprochen, bei der er lebte. Er hatte manisch-depressive Schübe. Er war krank.“
Langsam drehte sie sich um. Über Lars' Schulter sah sie eine ältere Frau am Fenster stehen und laut jammernd in die Tiefe blicken.
Lars zog Mercedes an sich und sie bettete ihren Kopf an seiner breiten Brust. Sie fühlte sich innerlich vollkommen leer. Wie ausgehöhlt. „Mag sein, dass er krank war. Doch es ist trotzdem furchtbar“, wisperte sie.
„Ich weiß.“
Sie riss sich zusammen. Um sie herum herrschten noch immer Aufregung und Angst. Schmerzensschrei erfüllten die Luft. Es gab Verletzte, die versorgt werden mussten.
„Komm“, sagte sie zu Lars. „Helfen wir denen, denen noch zu helfen ist.“
Er nickte. Seine eben noch besorgte Miene zeigte nun Entschlossenheit und Tatkraft. Mercedes‘ Herz fühlte sich wieder ein wenig leichter an. Lars war genau wie sie ein Mensch, der dann, wenn es drauf ankam, die Ärmel hochkrempelte und anpackte, wo es notwendig war. Hoffentlich bleiben wir weiterhin ein so gutes Team, dachte sie. Auch auf dem Mars.
Selten hatte sie mit einer Hoffnung mehr danebengelegen …


Der Kriminalschriftsteller ist eine Spinne, die die Fliege bereits hat, bevor sie das Netz um sie herum webt.
(Sir Arthur Conan Doyle)

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zuletzt bearbeitet 14.10.2021 08:43 | nach oben springen

#2

RE: SGZ Nr. 41 - Die Marsianer - Teil 9 - Ein gutes Team

in Die Geschichten der Woche 14.10.2021 14:35
von -jek • Federlibelle | 696 Beiträge | 2110 Punkte

Eine spannende Berg- und Talfahrt der Gefühle. Grosse Klasse, wie du das äußere Erdbeben mit dem inneren der Heldin verbindest.


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Wenn du Schreibregeln beherrscht, ist das gut. Wenn sie dich beherrschen, ist das schlecht.
Bree findet das Top
Bree hat sich bedankt!
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#3

RE: SGZ Nr. 41 - Die Marsianer - Teil 9 - Ein gutes Team

in Die Geschichten der Woche 15.10.2021 12:45
von Bree • Federlibelle | 4.233 Beiträge | 16875 Punkte

Lieber @-jek

ich danke dir! Diese "Erdbeben-Verbindung" hinsichtlich dem echten Beben und der Gefühlslage meiner Prota war mir beim Schreiben gar nicht bewusst. Danke, dass du mich darauf aufmerksam gemacht hast.

LG
Bree


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#4

RE: SGZ Nr. 41 - Die Marsianer - Teil 9 - Ein gutes Team

in Die Geschichten der Woche 15.10.2021 14:07
von Herbert Glaser • Federlibelle | 664 Beiträge | 1233 Punkte

Hallo Britta,

mit dem letzten Satz bestätigst du bereits die aufgekommenen Zweifel bezüglich Lars' eigentlichen Absichten.

Ob eine von Frauen dominierte Welt tatsächlich besser ist - wer weiß.

Bin gespannt, wie sich das Leben auf deinem Mars so entwickelt.

Viele Grüße

Herbert


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#5

RE: SGZ Nr. 41 - Die Marsianer - Teil 9 - Ein gutes Team

in Die Geschichten der Woche 15.10.2021 16:44
von Gini • Federlibelle | 1.786 Beiträge | 3647 Punkte

@Bree Das ist wirklich ein Chaos. Auf der Welt und in Mercys Gefühlen.
Der letzte Satz lässt mich an seiner Liebe zu ihr zweifeln. Hab ich ja schon einmal gedacht.
Jek hat durchaus recht mit seiner Anmerkung, dass es wirklich eine super Kombi ist.
Ich bin gespannt, wie es sich alles weiterentwickelt.
Mein Sohn war heute bei uns und meinte, dass die Menschheit in Italien, er kam gerade von dort,
sich nicht so viele Gedanken über die Umwelt machen wie hier. Dort gibt es in den Supermärkten
jede Menge Plastik und hier in Deutschland kasteien wir uns deswegen.
Es müssten die ganzen Länder bereit sein, etwas zu ändern. Sieht aber manchmal nicht danach aus.


Gedanken sind nicht stets parat,/ Man schreibt auch, wenn man keine hat.

Wilhelm Busch (1832-1908)
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#6

RE: SGZ Nr. 41 - Die Marsianer - Teil 9 - Ein gutes Team

in Die Geschichten der Woche 22.10.2021 17:24
von Doro • Federlibelle | 2.303 Beiträge | 9008 Punkte

Liebe @Bree ,

wirklich sehr spannend.

Zitat von Bree im Beitrag #1
Selten hatte sie mit einer Hoffnung mehr danebengelegen …
Du machst mich neugierig, aber das ist ja gewollt.
Hast du eigentlich noch den Überblick? Sind ja inzwischen schon ganz schön viele Fäden, die du da irgendwann wieder zusammenbringen musst. Ich bin echt gespannt, wie das Szenario auf dem Mars weitergehen wird.

Gern gelesen.

Zitat von Gini im Beitrag #5
Es müssten die ganzen Länder bereit sein, etwas zu ändern. Sieht aber manchmal nicht danach aus.
@Gini , das stimmt. Aber deswegen zu sagen, wenn die anderen nix machen, dann brauchen wir auch nicht, ist natürlich auch keine Lösung.

LG
Doro



Gib jedem Tag die Chance, der schönste deines Lebens zu werden. (Mark Twain)
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#7

RE: SGZ Nr. 41 - Die Marsianer - Teil 9 - Ein gutes Team

in Die Geschichten der Woche 24.10.2021 08:59
von Bree • Federlibelle | 4.233 Beiträge | 16875 Punkte

Hallo @Doro

danke für dein Feedback. Freut mich, dass du die Story als spannend empfindest. Ich bin selbst neugierig, wie das Ganze weitergeht.

Zitat von Doro im Beitrag #6
Hast du eigentlich noch den Überblick? Sind ja inzwischen schon ganz schön viele Fäden, die du da irgendwann wieder zusammenbringen musst.

Ja, noch geht es. Ich habe eine Liste angefertigt, auf der ich alle Protagonisten festhalte.
Aber es wird wohl dauern, bis ich weiterschreiben kann. Momentan hat der Krimi Priorität ...

LG
Bree


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