#1

SGZ - 39 Zurück ins Leben

in Die Geschichten der Woche 27.09.2021 17:29
von Gini • Federlibelle | 1.765 Beiträge | 3609 Punkte

„Mutti, ich würde mir wünschen, dass du wieder mit dem Schreiben anfängst. Du hast früher so gerne Geschichten aufs Papier gebracht. Ich kann mich noch genau erinnern, wie du an deinem Schreibtisch gesessen hast und Papa und ich durften dich eine Zeitlang nicht stören.“
Amelie sah ihrer Mutter bittend in die Augen. Sie musste irgendwas finden, damit Marta wieder am Leben teilnahm. Seit dem Tod von Amelies Vater, war das Leben ihrer Mutter anscheinend auch vorbei. Es tat Amelie im Herzen weh, zu sehen, das Martas immer mehr ein Schatten ihrer selbst wurde.
„Ach Liebes, mein Kopf ist so leer, ich wüsste gar nicht, woher ich eine Idee zum Schreiben hervorholen sollte. Lass mir doch meine Gedanken an die glücklichen Zeiten mit deinem Vater. Den möchte ich nachängen und sonst erwarte ich nicht mehr viel vom Leben.“
Amelie spürte Zorn in sich aufsteigen. Ihre Mutter hatte schließlich noch eine Aufgabe und sollte sich nicht so hängen lassen. Schließlich war sie erst Anfang siebzig und sah immer noch sehr gut aus. Ihre Haare hatten einen satten Kastanienton und ihr Gesicht wies kaum Falten auf. Durch den ganzen Kummer war sie zwar ein bischen zu dünn geworden, aber das war das kleinste Übel. Wenn sie erst einmal wieder am Leben teilnehmen würde, hätte sie bestimmt auch wieder mehr Appetit.
Marta hatte den Unmut ihrer Tochter wohl wahrgenommen und beeilte sich sie milder zu stimmen.
„Ich werde darüber nachdenken, kannst du damit leben?“
Jetzt zeigte sich sogar ein zaghaftes Lächeln in ihrem Gesicht. Amelie hatte einen kleinen Hoffnungsschimmer. Vielleicht hatte sie ihrer Mutter den richtigen Impuls gegeben. Sie verabschiedete sich und hing auf der Rückfahrt ihren Gedanken nach. Das Schreiben war früher eine große Leidenschaft ihrer Mutter gewesen. Sie hatte sogar Geschichten in verschiedenen Anthologien veröffentlicht. Amelie konnte sich noch an das Strahlen in Martas Gesicht erinnern, wenn sie ihrer Familie voller Freude wieder ihre Geschichte zwischen zwei Buchdeckeln unter die Nase hielt.

Amelie konnte diese Leidenschaft zwar nicht so nachvollziehen, schreiben war so gar nicht ihr Ding, aber sie hatte sich immer riesig für ihre Mutter gefreut. Überhaupt waren ihre Eltern und sie eine glückliche Familie gewesen. Ihr Haus war von Wärme und Harmonie geprägt. Ja, bis ihr Vater an seinem Leiden verstarb. Da war dann plötzlich gar nichts mehr so, wie es mal war. Ihre Mutter lag wochenlang nur im Bett und trug die T-Shirts von Amelies Vater. Sie selbst kam die erste Zeit jeden Tag in ihr Elternhaus, um für ihre Mutter den Haushalt zu führen und sie zu nötigen, zumindest ein paar Bissen zu essen.
Das war jetzt alles schon ein Jahr her, aber Marta ging es immer noch nicht wieder gut. Sie schaffte zwar die nötigsten Dinge im Haus, aber wenn das erledigt war, saß sie am Nachmittag nur auf der Couch und betrachtete Fotoalben.

Heute Morgen war Amelie dann die zündende Idee gekommen. Sie hatte in der Zeitung gelesen, dass der Verlag Autoren suchte, die Tiergeschichten schreiben. Jeden Tag eine kleine Begebenheit aus dem Leben ihres Tieres. Der Hund ihrer Eltern lebte zwar nicht mehr, aber Amelie wusste, dass ihre Mutter fast jeden Tag etwas von ihrem Hund aufgeschrieben hatte. Ganz beiläufig hatte sie die Zeitung auf dem Couchtisch ihrer Mutter liegenlassen. In der Hoffnung, dass sie einen Blick drauf werfen würde.
In den nächsten Tagen hatte Amelie viel in der Firma zu tun. Aber am Wochenende besuchte sie ihre Mutter wieder. Sie war gespannt, ob sie vielleicht doch ...?
„Hallo meine Süße. Ich wollte dir mal etwas vorlesen und deine Meinung dazu hören.“
Amelie kannte ihre Mutter gar nicht wieder. Marta hatte zwar ihre Jogginghose an, aber dazu einen hübschen Pulli aus ihrem eigenen Schrank. Mal kein T-Sirt von dem Vater.
Das ist doch schon mal ein winziger Fortschritt, dachte sie froh.

„Du hast ja ganz unauffällig den Zeitungsartikel hier liegen lassen.“
Marta zwinkerte ihrer Tochter verschmitzt zu. Dann ging sie zum Esstisch und holte ein Notizbuch.
Sie machte eine Handbewegung zur Couch und beide kuschelten sich dicht nebeneinander.

„Hör zu, das hab ich schon zu dem Thema verfasst.“
Marta begann, zu lesen.

Hallo, ich bin der Barni. Cavalier-King-Charles-Spaniel seiner Rasse.
Klingt ziemlich vornehm, ich weiß. Ich bin auch von vornehmer Abstammung.
Eigentlich heiße ich ja Ikarus. Ikarus von Barnim. Das hatte glaube ich, irgendwas mit einem griechischen Gott zu tun. Auf jeden Fall fand mein neues Herrchen den Namen nicht so toll. Da ich ja aus dem Zwinger „Vom Barnim“ stamme, haben meine Menschen mich Barni genannt.
Ist für mich auch o.k. Beim Züchter gab es nur noch mich und meinen Kumpel.
Der war aber schon fünf Monate alt, ich hingegen erst 12 Wochen. Da frag ich euch doch, was ist besser? Ich habe mich natürlich gleich vorgedrängelt und mich an dem neuen Frauchen hochgehangelt. Bums, saß ich auf ihrem Schoß. Da war die Sache doch ganz klar entschieden.

Meine Züchterin nannte mich Minispaniel.
Hallo, was für eine Diskriminierung, als wenn ich mini wäre. Meine Menschen haben mich dann endlich mit zu sich nach Hause genommen.

Das schönste an meinem neuen Zuhause ist die Couch. Ich darf dort nämlich rauf. Natürlich nur mit einer Decke. Herrlich, wenn Herrchen und ich dann dort abhängen. Nur Frauchen stört manchmal. Sie gönnt uns einfach nicht die Ruhe, die wir brauchen ...
Marta legte den Notizblock zur Seite und guckte Amelie auffordernd an.
„Wie findest du das?“, fragte sie ihre Tochter.
Amelie nahm ihre Mutter gerührt in die Arme.
„Ich finde da ganz wunderbar, Mutti. Pass auf, das schicken wir jetzt zu dem Verlag und ich bin sicher, dass sie diesen Text mit Kusshand nehmen werden.
Martas Glänzen in ihren Augen war ein ganz kleines Stückchen Leben für sie selbst.
Für Amelie war es eine ganze Welt voll Glück.



Gedanken sind nicht stets parat,/ Man schreibt auch, wenn man keine hat.

Wilhelm Busch (1832-1908)
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#2

RE: SGZ - 39 Zurück ins Leben

in Die Geschichten der Woche 28.09.2021 13:18
von Bree • Federlibelle | 4.187 Beiträge | 16674 Punkte

Liebe @Gini

was für eine schöne Idee von Amelie! Und dass der Hund Barni heißt, ist sicher kein Zufall ...
Ich wünsche mir, dass die Geschichte genommen wird und Marta wieder Lebensmut bekommt.

LG
Bree


Der Kriminalschriftsteller ist eine Spinne, die die Fliege bereits hat, bevor sie das Netz um sie herum webt.
(Sir Arthur Conan Doyle)

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Alles über meine Bücher & mich findet ihr auf meiner Website: www.brittabendixen.de
Einen eigenen Youtube-Kanal habe ich auch. Dort lese ich einige meine Geschichten.
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#3

RE: SGZ - 39 Zurück ins Leben

in Die Geschichten der Woche 28.09.2021 15:17
von Gini • Federlibelle | 1.765 Beiträge | 3609 Punkte

@Bree danke für dein Feedback. Na klar, Barni spielt nicht zufällig mit. Kannst du dich noch erinnern, dass ich früher mal die Idee hatte, ein Buch über Barni zu schreiben?


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#4

RE: SGZ - 39 Zurück ins Leben

in Die Geschichten der Woche 28.09.2021 15:42
von Herbert Glaser • Federlibelle | 664 Beiträge | 1233 Punkte

Da sieht man mal, was die Schreibleidenschaft alles bewirken kann.


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#5

RE: SGZ - 39 Zurück ins Leben

in Die Geschichten der Woche 28.09.2021 16:16
von MIO • Fleißbiene / Fleißdrohne | 46 Beiträge | 140 Punkte

Hallo @Gini
Finde ich toll, dass das Schreiben der Mutter von Amelie wieder Lebensmut gibt. Ich finde die Geschichte sehr gefühlvoll und auch wenn sie den Wettbewerb nicht gewinnt, gewonnen hat sie auf alle Fälle und bleibt hoffentlich dran.
LG MIO


zuletzt bearbeitet 28.09.2021 16:17 | nach oben springen

#6

RE: SGZ - 39 Zurück ins Leben

in Die Geschichten der Woche 28.09.2021 20:37
von -jek • Federlibelle | 686 Beiträge | 2088 Punkte

@Mio Gewonnen auf alle Fälle haben wir Schreiber/innen doch alle, oder? ;-)


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Wenn du Schreibregeln beherrscht, ist das gut. Wenn sie dich beherrschen, ist das schlecht.
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#7

RE: SGZ - 39 Zurück ins Leben

in Die Geschichten der Woche 29.09.2021 11:34
von Graugnom • Federlibelle | 261 Beiträge | 1409 Punkte

hallo Gini,
wie schön, dass Marta den Impuls zum Schreiben bekommen hat.
Die frohen Erlebnisse mit Barni aufzuschreiben, bringt ihr glückliche Zeiten zurück.
Du hast ja selber viele positive Erinnerungen an deinen Barni und wolltest ausführlicher über ihn schreiben.
Vielleicht ist das der Beginn des Buches, dass du mal angedacht hast.
Wenn ja, dann toi-toi-toi für dich.


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#8

RE: SGZ - 39 Zurück ins Leben

in Die Geschichten der Woche 29.09.2021 17:41
von Gini • Federlibelle | 1.765 Beiträge | 3609 Punkte

@Graugnom @MIO @Herbert Glaser @-jek
Danke für eure liebe Meinung zu meiner Story.


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#9

RE: SGZ - 39 Zurück ins Leben

in Die Geschichten der Woche 03.10.2021 11:56
von Carlotta Lila • Federlibelle | 2.098 Beiträge | 9179 Punkte

Liebe @Gini!
Du schaffst es wieder mal, so ein rührendes Thema aufzugreifen! Und schon hast du mich damit wieder gehabt: In diesem Jahr ist der Papa von meinem Mann gestorben. Die Mutter von meinem Mann (sie ist 78) hat danach Wochen- und monatelang den Lebensmut verloren. Wir sind in diesem Sommer mit der Mama und der Tante von meinem Mann in einem kleinem Ort in der Türkei am Meer gewesen, damit sie wieder Lebensmut bekommt. Das hat gut funktioniert, es geht ihr jetzt wieder besser. Sie wohnt halt in Istanbul und wir in Wien ... ist nicht gerade der nächste Weg, aber inzwischen hat sie es endlich gelernt WhatsApp zu benützen und so kann meine Mann - und manchmal auch ich - mit ihr viel chatten!
Das ganze mit dem Schreiben von Tiergeschichten zu verbinden - mit den früheren Hobbys - finde ich super!
Liebe Grüße
Carlotta Lila


https://www.leseflamme.jimdofree.com

Unsere größte Schwäche liegt im Aufgeben. Der sicherste Weg zum Erfolg ist immer, es noch einmal zu versuchen.
Thomas Alva Edison
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#10

RE: SGZ - 39 Zurück ins Leben

in Die Geschichten der Woche 03.10.2021 14:29
von Gini • Federlibelle | 1.765 Beiträge | 3609 Punkte

@Carlotta Lila danke für dein Feedback. Ich finde es schön, dass deine Schwiegermutter
wieder ein wenig Mut gefasst hat. Ich weiß ja nicht, ob es in der Türkei auch einen Hospizverein gibt.
Unser hiesiger, macht z.B. auch Trauerbegleitung. Da geht eine ausgebildete Trauerbegleiterin
zu den Trauernden und hilft ihnen über die schwere Zeit. Das finde ich sehr schön.


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#11

RE: SGZ - 39 Zurück ins Leben

in Die Geschichten der Woche 10.10.2021 21:23
von Ranito • Forums-Schmetterling | 156 Beiträge | 419 Punkte

Herzlichen Glückwunsch zum Gewinn des SGZ, liebe Gini!


-- + —
mein neues Forum: https://kantopia.xobor.de
* DANKE * für jeden neuen Tag - jeden Moment - jede Geste - jede Reaktion, den/die ich erleben darf! Doch wem darf ich eigentlich * DANKE * sagen? Ich wüsste es so gerne ... Alles nur durch Zufall entstanden, wie es so ist? Nein, das kann nicht möglich sein! Gut, dass uns Menschen zumindest dieses Geheimnis bis heute verborgen bleibt. Der Glaube ist ganz sicher ein guter Lösungsansatz! Träumen wir weiter und hoffen auf ein gemeinsames Leben ... auch danach. Für hier und bis jetzt in jedem Fall erst einmal: * DANKE *
— + —
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#12

RE: SGZ - 39 Zurück ins Leben

in Die Geschichten der Woche 10.10.2021 21:42
von Gini • Federlibelle | 1.765 Beiträge | 3609 Punkte

Danke dir auch @Ranito


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Ranito hat sich bedankt!
zuletzt bearbeitet 10.10.2021 21:42 | nach oben springen

#13

RE: SGZ - 39 Zurück ins Leben

in Die Geschichten der Woche 19.02.2022 15:53
von Mary Poppins • Federlibelle | 183 Beiträge | 664 Punkte

Wie rührend diese Geschichte ist.... ich kann beide Seiten so gut verstehen. Die Tochter will ihre Mutter wieder mit mehr Lebensfreude erleben, auf der anderen Seite: was ist schon ein Jahr Trauer...?


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#14

RE: SGZ - 39 Zurück ins Leben

in Die Geschichten der Woche 20.02.2022 13:50
von Gini • Federlibelle | 1.765 Beiträge | 3609 Punkte

@Mary Poppins danke, dass du die Geschichte gelesen hast. Ich denke, für eine Tochter ist
es schwer, ihre Mutter so zu sehen. Aber du hast recht, ein Jahr der Trauer ist gar nichts.
Ich weiß nicht, ob ich dann schon wieder aktiv sein könnte.


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#15

RE: SGZ - 39 Zurück ins Leben

in Die Geschichten der Woche 20.02.2022 14:02
von Mary Poppins • Federlibelle | 183 Beiträge | 664 Punkte

@Gini… ja, sehr schwer für beide Seiten…


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