#1

SGZ 38: Männergespräch

in Die Geschichten der Woche 19.09.2021 20:37
von Doro • Federlibelle | 2.335 Beiträge | 9123 Punkte

Max zog die Beine an und starrte auf das undurchdringliche Blättergewirr. Wollte er seine Ruhe haben, kletterte er auf den Apfelbaum. So wie jetzt. Er legte den Kopf in den Nacken. Nur ein kleines Bisschen blauen Himmel konnte er sehen. Wenn er groß war, würde er Astronaut werden. Nach den Ferien kam er in die Schule. Und ratzfatz würde er in zum Mond oder zum Mars fliegen.
Er musste nachdenken. Das ging im Haus nicht. Da war Lisa. Sie nervte. Entweder sie brüllte oder sie brabbelte. Verstehen konnte man sie nicht. Höchstens Mama. Er hatte sich auf seine Schwester gefreut, aber doch nicht so. Die konnte nix. Noch nicht mal Fußballspielen. Und dafür hätte er sie am meisten gebraucht. „Das dauert noch ein bisschen“, hatte Mama gesagt. „Warte mal ab, bis sie laufen kann.“
Mama hatte gelogen. Lisa konnte seit ein paar Wochen laufen, aber im Tor konnte er sie nicht brauchen. Sie war zu dumm. Sie verstand nicht, dass sie den Ball fangen sollte.
Mama mochte es überhaupt nicht, wenn er sagte, dass Lisa dumm sei.
„Dumm, dumm, dumm“, murmelte er vor sich hin. Hier hörte ihn niemand.
Schade, dass er Lisa nicht umtauschen konnte. Wie das neue Kaninchen von Moritz. Das hatten dessen Eltern sogar zweimal umgetauscht. Bis sie eines gefunden hatten, das sich mit dem alten Karnickel vertrug.
Er rupfte Blätter von einem Zweig, knüllte sie klein zusammen und versuchte, einen der Äpfel zu treffen.
„Max? Max wir wollen bald essen.“
Ihm doch egal. Er hatte eh keinen Hunger.
„Mahax!“ Papas Stimme kam näher. Mist. Er hätte sich ein besseres Versteck suchen sollen.
„Wusst ich’s doch“, sagte Papa kurzdrauf und grinste schnaufend. „Als Bub bin ich auch immer im Apfelbaum gesessen.“
Max zuckte mit den Achseln und stützte das Kinn auf die Knie.
„Okay. Wenn du nicht reden willst, kannst du vielleicht nicken?“
Max schüttelte den Kopf.
„Du bist sauer auf jemanden“, stellte Papa fest. „Auf mich?“
Erneut schüttelte Max den Kopf.
„Auf Mama?“
Max überlegte. Eigentlich wollte er nicht nicken. Reden aber auch nicht.
„Du bist nicht auf Mama sauer?“
„Hä?“ Max schaute Papa an.
„Verräts du mir, warum du auf Mama sauer bist?“
„Sie hat gelogen und“, Max holte tief Luft, „sie hat Lisa viel lieber als mich.“ So, jetzt wars raus.
„Aber das stimmt doch gar nicht“, meinte Papa. „Wie kommst du denn da drauf?“
Max schluckte. Er wollte nicht weinen. Schließlich war er kein Baby mehr. „Ich hab gehört, wie jemand gesagt hat, dass ein Baby der Mittelpunkt der Familie ist. Und Mama findet das auch.“ Er blinzelte. „Zwei Mittelpunkte gibt’s nicht. Also hat sie gelogen.“
Papa schwieg eine Weile, dann legte er ihm die Hand aufs Knie. „Darf ich mich zu dir setzen?“
Max zuckte mit den Achseln. Für Papa anscheinend ein Ja. Es dauerte eine Weile, dann saßen sie nebeneinander.
„Erinnerst du dich an den Ausflug ins Planetarium?“
Max nickte. „Das war toll.“ Vor allem, weil Oma und Opa auf Lisa aufgepasst hatten und er seine Eltern den ganzen Nachmittag für sich allein gehabt hatte.
„Der Mittelpunkt unseres Sonnensystems“, begann Papa.
„… ist die Sonne“, ergänzte Max.
„Stimmt. Aber unser Sonnensystem ist nicht das einzige in der Milchstraße.“
Wieder nickte Max. „Die Alpha-Centauri-Galaxy ist unserem Sonnensystem am nächsten.“
„Wow!“ Papa sah ihn erstaunt an. „Dass du dir die schwierigen Namen merken kannst. Ich muss die immer nachschauen. Jedenfalls hat diese Galaxy auch einen Mittelpunkt. Aber dennoch gehören die …“
„… alle zu unserer Milchstraße“, vervollständigte Max. Er überlegte. Schließlich lächelte er. „Du meinst, jede Galaxy hat einen Mittelpunkt, aber alle zusammen sind die Milchstraße.“
Papa wuschelte ihm durch die Haare. „Ganz genau. Schlaues Kind. Können wir jetzt runter? Ich hab Hunger.“
Nacheinander kletterten sie vom Baum.
„Na endlich“, sagte Mama. „Schnell Hände waschen. Das Essen wird kalt. Was war denn so wichtig?“
Max und Papa sahen sich an. „Männergespräch“, antwortete Papa.
„Und worüber genau?“, wollte Mama wissen.
Max verdrehte die Augen. Mamas waren immer so neugierig. „Ich bin eine Galaxy, Lisa ist eine andere und zusammen sind wir die Milchstraße“, erklärte er.
„Muss ich das verstehen?“, hakte Mama nach.
Papa grinste und zwinkerte ihm zu.
Max schüttelte den Kopf. „Männergespräch halt“, sagte er achselzuckend und ging mit Papa ins Bad, um sich die Hände zu waschen.


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#2

RE: SGZ 38: Männergespräch

in Die Geschichten der Woche 20.09.2021 08:01
von Herbert Glaser • Federlibelle | 664 Beiträge | 1233 Punkte

Hallo Doro,
was für eine reizende Geschichte!
Man muss nur die richtigen Bilder bzw. Vergleiche finden, um Kinder zu erreichen.

Viele Grüße

Herbert


Doro hat sich bedankt!
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#3

RE: SGZ 38: Männergespräch

in Die Geschichten der Woche 20.09.2021 10:29
von Doro • Federlibelle | 2.335 Beiträge | 9123 Punkte

Hallo @Herbert Glaser ,

Zitat von Herbert Glaser im Beitrag #2
Man muss nur die richtigen Bilder bzw. Vergleiche finden, um Kinder zu erreichen.
Das gilt nicht nur für Kinder. Im Pilates wird auch ganz viel mit Bildern gearbeitet. Das funktioniert viel besser, als wenn man nüchtern (mit Fachbegriffen) erklärt bekommt, was man machen soll.

Allerdings brauchen Kinder sicher andere Bilder wie Erwachsene. Und Kinder lernen am besten von Kindern. Eines unserer Kinder hat ganz lang die Schere falsch gehalten. Da konnte ich hundert Mal sagen bzw. zeigen, wie es richtig geht. Dann haben wir meine Schwester besucht und die Kinder haben dort irgendwas gebastelt. Plötzlich hör ich, wie meine Nichte sagt: "Wie hälst denn du die Schere. Das macht man so ..." Von da an wurde die Schere richtig benutzt.


LG
Doro


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#4

RE: SGZ 38: Männergespräch

in Die Geschichten der Woche 20.09.2021 10:53
von Bree • Federlibelle | 4.319 Beiträge | 17337 Punkte

Ich schließe mich an, liebe @Doro

es ist wirklich eine reizende Geschichte. Dieses Gefühl der Erstgeborenen, dass man selbst plötzlich auf Rang 2 gerutscht ist und sich schlimmstenfalls nicht länger geliebt fühlt, ist sicher häufig. Da ist von den Eltern Fingerspitzengefühl gefragt. Und der Papa ist deiner Story macht das richtig gut.

Schön geschrieben, gern gelesen! Übrigens, Galaxy ist englisch, wir schreiben das Wort so: Galaxie. Ich habe es beim Lesen automatisch englisch ausgesprochen / gedacht.

LG
Bree


Der Kriminalschriftsteller ist eine Spinne, die die Fliege bereits hat, bevor sie das Netz um sie herum webt.
(Sir Arthur Conan Doyle)

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______________________________________

Alles über meine Bücher & mich findet ihr auf meiner Website: www.brittabendixen.de
Einen eigenen Youtube-Kanal habe ich auch. Dort lese ich einige meine Geschichten.
Den Button findet ihr auf meinem Profil.
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#5

RE: SGZ 38: Männergespräch

in Die Geschichten der Woche 22.09.2021 17:13
von Doro • Federlibelle | 2.335 Beiträge | 9123 Punkte

Liebe @Bree ,

Zitat von Bree im Beitrag #4
Dieses Gefühl der Erstgeborenen, dass man selbst plötzlich auf Rang 2 gerutscht ist und sich schlimmstenfalls nicht länger geliebt fühlt, ist sicher häufig.
Ja, das haben die meisten Erstgeborenen, wenn sie entthront werden.


Zitat von Bree im Beitrag #4
Übrigens, Galaxy ist englisch, wir schreiben das Wort so: Galaxie.
Du hast recht, ich habs schon geändert.

Zitat von Bree im Beitrag #4
es ist wirklich eine reizende Geschichte.
Danke!


LG
Doro


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#6

RE: SGZ 38: Männergespräch

in Die Geschichten der Woche 23.09.2021 17:57
von Gini • Federlibelle | 1.796 Beiträge | 3671 Punkte

@Doro ach der arme kleine Max. Ich kann mir richtig vorstellen, wie er sich vernachlässigt fühlt.
Das können Kinder irgendwie nicht verstehen, dass ein Baby viel mehr Aufmerksamkeit braucht.
Als meine Enkelin 3 war, wurde ihr Bruder geboren. Sie meinte dann zu uns, er kann kurz bleiben, aber
dann kann man ihn ja wieder zurückgeben. Mein Mann und ich musste lachen. Haben wir ihr natürlich nicht
gezeigt.


Gedanken sind nicht stets parat,/ Man schreibt auch, wenn man keine hat.

Wilhelm Busch (1832-1908)
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#7

RE: SGZ 38: Männergespräch

in Die Geschichten der Woche 23.09.2021 21:22
von Jana88 • Federlibelle | 562 Beiträge | 1300 Punkte

Das süßeste Männergespräch überhaupt :-)
Herrlich sowas. Meine Tochter wünscht sich seit langem eine Schwester, aber sie will dann das Baby sein. Hab ihr oft erklärt dass es so rum nichts mehr wird. :-)


*************************************************************************************************************************************
Am Ende wird alles gut. Wenn es nicht gut wird, ist es noch nicht das Ende *Oscar Wilde
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#8

RE: SGZ 38: Männergespräch

in Die Geschichten der Woche 29.09.2021 15:34
von Yggdrasil • Federlibelle | 1.184 Beiträge | 3049 Punkte

Schön geschrieben - gern gelesen!


www.marten-petersen.com
Doro hat sich bedankt!
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#9

RE: SGZ 38: Männergespräch

in Die Geschichten der Woche 29.09.2021 16:22
von Doro • Federlibelle | 2.335 Beiträge | 9123 Punkte

Liebe @Gini , @Jana88 und @Yggdrasil ,

danke fürs Feedback.

Nein, Gini, das können Kinder nicht verstehen. Andererseits verstehen sie viel mehr, als man meint.


Zitat von Jana88 im Beitrag #7
aber sie will dann das Baby sein.
So eine Phase hatte eines unserer Kinder als das Baby da war. Wollte den Schnuller, die Flasche etc. Okay, hab ich gesagt, dann behandle ich dich wie ein Baby. Hat nur einen halben Tag gedauert (Gab Brei zum Mittagessen/ Süßigkeiten und so waren natürlich auch tabu/ Fernschauen und Spielplatz gabs auch nicht).


LG
Doro


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#10

RE: SGZ 38: Männergespräch

in Die Geschichten der Woche 03.10.2021 12:02
von Carlotta Lila • Federlibelle | 2.150 Beiträge | 9409 Punkte

Liebe @Doro, das ist ja eine sehr nette Geschichte! Super, dass Max auch so ein gutes Vorstellungsvermögen hat und so auch in dem "Männergespräch" seine Eifersucht überwinden kann!

Die Stelle ist super: Kinderlogik (-:

Zitat von Doro im Beitrag #1
„Ich hab gehört, wie jemand gesagt hat, dass ein Baby der Mittelpunkt der Familie ist. Und Mama findet das auch.“ Er blinzelte. „Zwei Mittelpunkte gibt’s nicht. Also hat sie gelogen.“


ich versuche übrigens gerade eine neue Maunza bei uns einzugewöhnen. Da es mit Worten bei den Katzen nicht so gut funktioniert, verwende ich neben allen möglichen Tricks auch Pheromone für Katzen!
Liebe Grüße
Carlotta Lila


https://www.leseflamme.jimdofree.com

Unsere größte Schwäche liegt im Aufgeben. Der sicherste Weg zum Erfolg ist immer, es noch einmal zu versuchen.
Thomas Alva Edison
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