#1

SGZ Nr. 27: Der Anhalter

in Die Geschichten der Woche 04.07.2021 12:30
von Beate W. • Forums-Schmetterling | 134 Beiträge | 368 Punkte

Der Anfang dieser Geschichte stammt aus einem anderen Schreibstündchen, und das Wort der Woche hat mich dazu inspiriert, einfach weiter zu schreiben ...Der AnhalterEs regnet in Strömen. Selbst auf der höchsten Stufe schafft es der Scheibenwischer kaum, für einigermaßen klare Sicht zu sorgen. Trotzdem sieht Regina die Bewegung am Straßenrand gerade noch rechtzeitig. Mit quietschenden Bremsen bringt sie ihren Wagen zum Stehen. Eine kleine nassbraune Gestalt tapert vor dem Auto auf die Straße, zögert einen Moment, als ob sie nicht wüsste, ob sie sich wieder zurück ziehen oder weiter gehen soll, plumpst auf den Hintern und blinzelt in das grelle Licht des Scheinwerfers.Was ist das? Durch die beschlagene Scheibe kann Regina nicht viel erkennen. Für einen Igel ist es zu groß und zu lang, für einen Fuchs nicht rot genug. Ein junges Wildschwein, das den Anschluss an seine Familie verloren hat? Regina weiß, dass sie sich einem Wildtier nicht näheren darf. Erst recht nicht, wenn es sich so merkwürdig verhält wie das Tier da draußen auf der Straße. Vielleicht ist es krank oder verletzt. Jedenfalls sitzt es vor ihrem Auto und macht auch keine Anstalten, dort weg zu gehen, als sie die Hupe betätigt. Vielleicht wird es von ihrem Licht geblendet. Regina schaltet den Scheinwerfer aus und hofft inständig dass nicht ausgerechnet jetzt noch ein Auto hier vorbei kommt. Ohne Licht kann sie zwar noch weniger sehen, aber es gibt auch nichts zu sehen. Da draußen scheint sich nichts zu bewegen. Kopfschüttelnd legt Regina den Rückwärtsgang ein, setzt ein paar Meter zurück und schickt sich an, im großen Bogen um das Tier herum zu fahren. Keine Chance. Kaum, dass sie wieder anfahren will, rappelt es sich hoch und tapst geradewegs auf sie zu.Immerhin kann Regina jetzt erkennen, dass es kein Wildschwein ist sondern ein Hund. Ein nasser, dreckiger, kurzbeiniger Hund. Er setzt sich wieder vor ihr Auto, und diesmal landet sein Hintern direkt in einer Pfütze. Offenbar ist der arme Kerl am Ende seiner Kräfte.Regina schaltet den Warnblinker ein und sucht ihren Regenschirm unter dem Sitz hervor. Sie hat zwar nicht viel Erfahrung mit Hunden, aber vielleicht gelingt es ihr ja trotzdem, ihn in den Kofferraum zu locken. Schließlich ist ein Hund kein Wildtier.Kaum dass sie die Fahrertür öffnet, kommt wieder Leben in das Bündel Elend. Er springt auf, wischt unter ihrer Tür durch und hopst mit wedelndem Schwänzchen auf ihren Schoß. Mit einem Küsschen bedankt er sich bei seiner Retterin, springt weiter auf den Beifahrersitz, schüttelt das Wasser und den Dreck aus seinem Fell und rollt sich mit einem zufriedenen Grunzen zusammen.

[Hier beginnt meine SGZ-Stunde]

"Igitt!" Der spitze Schrei lässt den vierbeinigen Anhalter hoch schrecken. Doch als dem schrecklichen Geräusch keine schrecklichen Taten folgen, gähnt er herzhaft, dreht sich zweimal um sich selbst und kuschelt sich wieder in den Autositz.Regina ist den Tränen nah. In der Mittagspause hat sie ihren Wagen aus der Werkstatt abgeholt, Inspektion mit Grundreinigung, und jetzt sieht es in dem silbergrauen Panda aus wie in einem landwirtschaftlichen Nutzfahrzeug. Es riecht übrigens auch so ähnlich. Einen Moment lang spielt Regina mit dem Gedanken, das schnarchende Stinktier auf ihrem Beifahrersitz am Kragen zu packen und wieder in den Regen hinaus zu befördern. Doch genau in diesem Moment ertönt von draußen ein Geräusch, das sie beide vor Schreck erstarren lässt. Zuerst ist es nur ein dumpfes Grollen, dann kracht es direkt über ihnen ohrenbetäubend.Mit einem Angstschrei taucht der kleine Hund in den Fußraum hinab. Regina kneift die Augen zu und presst ihre Hände auf die Ohren. Sie hofft inständig, dass es kein Baum ist, der auf sie herab stürzt. Sie hat den Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, als es hinter ihren Lidern für einen Moment taghell wird, bevor es zum zweiten Mal kracht und rumpelt, als wolle nicht nur ein Baum sondern der Himmel auf sie herab stürzen. Schutzsuchend drängt sich der Hund zwischen ihre Füße und die Pedale. Er zittert wie Espenlaub."Jetzt mach aber mal halblang", raunzt sie ihn an. "Das ist doch nur ein Gewitter."Ihre Ansprache ist zwar nicht besonders freundlich, aber sie scheint dem Hund trotzdem Mut zu machen. Seine Schnauze wagt sich wieder unter dem Bremspedal hervor. Im Licht des nächsten Blitzes erkennt Regina, dass er mit angstvoll aufgerissenen Augen zu ihr herauf starrt."Jetzt komm wenigstens..." Der Rest ihres Satzes geht in einem weiteren Donnerschlag unter. Im gleichen Moment landet ein bebendes Bündel Angst auf Reginas Schoß und vergräbt seine nasse Schnauze unter ihrem T-Shirt."Sag mal, spinnst du jetzt völlig?" Regina versucht vergeblich, den Hund wenigstens unter ihren Kleidern hervor zu zerren. Sie spürt seinen heißen Atem direkt unter ihren Brüsten. Draußen blitzt und donnert es gleichzeitig. Vielleicht ist es ja auch kein Donner sondern ein Fels, der von einem Blitz getroffen talwärts taumelt und alles unter sich begraben wird. Wie aus Kübeln stürzt der Regen vom Himmel und verwandelt die Straße in einen reißenden Fluss. Sturmböen zerren an dem kleinen Wagen. Regina rechnet schon fast damit, dass er die Bodenhaftung verliert und von den Wassermassen talwärts geschwemmt wird. Plötzlich knallt und knattert es überall. Hagelkörner so groß wie Taubeneier prasseln aufs Dach und gegen die Windschutzscheibe. Regina ertappt sich dabei, dass sie so inbrünstig betet, wie sie es seit ihrer Kindheit nicht mehr getan hat."Lieber Gott, bitte mach, dass ich überlebe. Ich verspreche dir auch, dass ich ganz nett zu diesem Hund bin, obwohl er mein Auto so zugesaut hat."Erst als der Wind allmählich abflaut, der Donner in einem anderen, weiter entfernten Tal weiter grollt, und der Regen die Hagelkörner von der Straße wäscht, merkt sie, wie tröstlich es sich anfühlt, diesen kleinen, nassen Hund ganz fest im Arm zu halten ...


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#2

RE: SGZ Nr. 27: Der Anhalter

in Die Geschichten der Woche 04.07.2021 12:49
von Doro • Federlibelle | 2.229 Beiträge | 8764 Punkte

Liebe @Beate W. ,eine süße Geschichte. Kopfkino lief mit. Ich habe mit ihr mitgelitten, als das Tier das frisch geputzte Auto so versaut hat. (Ist so ähnlich, wenn ich den Boden wische und kurz drauf jemand mit Dreckschuhen "nur schnell was holen muss".)Gern gelesen.LG
Doro

PS.: Ich hab die Antwort jetzt zweimal gepostet, weil ich nicht weiß, welcher Post gelöscht wird.


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#3

RE: SGZ Nr. 27: Der Anhalter

in Die Geschichten der Woche 04.07.2021 21:55
von -jek • Federlibelle | 678 Beiträge | 2064 Punkte

Wie es wohl weitergeht? Meine Hündin Cissi und ich spekulieren schon wild. ;-)


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Wenn du Schreibregeln beherrscht, ist das gut. Wenn sie dich beherrschen, ist das schlecht.
Beate W. hat sich bedankt!
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#4

RE: SGZ Nr. 27: Der Anhalter

in Die Geschichten der Woche 04.07.2021 23:05
von Herbert Glaser • Federlibelle | 664 Beiträge | 1233 Punkte

Hallo Gini,

dir ist es gelungen, dass ich beim Lesen sowohl mit Regina, als auch mit dem armen Hund mitfühlen konnte.

Und ich habe ein neues Wort gelernt ("tapsen" kannte ich schon, aber "tapern" war mir neu. "Eine kleine nassbraune Gestalt tapert vor dem Auto auf die Straße"


Die Geschichte hat Spaß gemacht!


An einigen Stellen fehlt nach dem Punkt am Satzende ein Leerzeichen.



Viele Grüße

Herbert


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#5

RE: SGZ Nr. 27: Der Anhalter

in Die Geschichten der Woche 05.07.2021 10:56
von Gini • Federlibelle | 1.759 Beiträge | 3580 Punkte

@Herbert Glaser da hast du mich wohl mit der der Beate W. verwechselt.

@Beate W. eine ganz bezaubernde Geschichte. Ich liebe Hunde und hätte den kleinen auch
sofort zu mir ins Auto geholt. Mir auch egal, ob er schmutzig ist. Mein Hund war auch oft ziemlich
dreckig. Mein Mann sagte dann immer, züchtest du ein Biotop bei dir im Auto? Ich hab es nämlich
nie sauber gemacht.
Du hast so schön Bildhaft geschrieben, dass ich selber beim Gewitter im Auto saß und den kleinen Hund an mich gedrückt hielt.


Gedanken sind nicht stets parat,/ Man schreibt auch, wenn man keine hat.

Wilhelm Busch (1832-1908)
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#6

RE: SGZ Nr. 27: Der Anhalter

in Die Geschichten der Woche 05.07.2021 19:51
von Herbert Glaser • Federlibelle | 664 Beiträge | 1233 Punkte

Stimmt, ich wollte eigentlich "Beate" schreiben - sorry!


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#7

RE: SGZ Nr. 27: Der Anhalter

in Die Geschichten der Woche 05.07.2021 20:19
von Beate W. • Forums-Schmetterling | 134 Beiträge | 368 Punkte

Mit Gini verwechselt zu werden, ist für einen Neuling wie mich ein echtes Kompliment ...


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zuletzt bearbeitet 05.07.2021 20:23 | nach oben springen

#8

RE: SGZ Nr. 27: Der Anhalter

in Die Geschichten der Woche 05.07.2021 20:31
von Beate W. • Forums-Schmetterling | 134 Beiträge | 368 Punkte

Vielen Dank für eure Rückmeldungen. Die machen mir nämlich Lust auf mehr, und vielleicht will ja eine Sommer-Love-Story daraus werden.

@Doro : Ursprünglich war es sogar ein neues Auto, aber das habe ich dann selbst nicht übers Herz gebracht.

@-jek : Sag Cissy viele Grüße von mir, für den vierbeinigen Anhalter gibt es auf jeden Fall ein Happy End.

@Herbert Glaser: Vielleicht gibt es das Wort "tapern" ja nur bei uns in der Gegend. Wo die Punkte und die zugehörigen Zeilenumbrüche am Anfang des Textes geblieben sind, wüsste ich allerdings auch gerne.

@Gini: Und das mit dem Biotop muss ich mir unbedingt merken ...


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zuletzt bearbeitet 05.07.2021 20:32 | nach oben springen

#9

RE: SGZ Nr. 27: Der Anhalter

in Die Geschichten der Woche 06.07.2021 10:59
von Doro • Federlibelle | 2.229 Beiträge | 8764 Punkte

Hallo @Beate W. ,

Zitat von Beate W. im Beitrag #8
Vielleicht gibt es das Wort "tapern" ja nur bei uns in der Gegend.
Ich kannte das Wort auch nicht. Allerdings kann man es sich hier aus dem Kontext erschließen. Hab aber trotzdem im Duden nachgeschaut. Es gibt das Wort tatsächlich. Ist Norddeutsch.

LG
Doro


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#10

RE: SGZ Nr. 27: Der Anhalter

in Die Geschichten der Woche 06.07.2021 11:48
von Bree • Federlibelle | 4.115 Beiträge | 16399 Punkte

Hallo @Beate W.

mir hat die Geschichte auch gut gefallen, besonders natürlich der letzte Satz. So ein Erlebnis schweißt zusammen, ich wette, Regina und der Hund werden noch allerbeste Freunde.
Das war ja schon kein Gewitter mehr bei dir, eher ein halber Weltuntergang. Ist das nicht toll, welche Macht wir Autoren haben? Können mal eben so ein Unwetter aus dem Hut zaubern, und wenn wir davon genug haben, lassen wir einfach wieder die Sonne scheinen.
Ich liebe dieses Hobby!

Zitat von Beate W. im Beitrag #1
Mit einem Angstschrei taucht der kleine Hund in den Fußraum hinab.

Den Angstschrei nehme ich dir aber nicht ab, der klingt mir zu menschlich. Wie wäre es stattdessen mit einem 'jämmerlichen Winseln'?

Tapern kenne ich übrigens - logisch, bin ja auch am nördlichsten Zipfel des Landes beheimatet. Das ist so ein langsames Trotten (für alle, die es nicht kennen).

Ich würde mich freuen, liebe Beate, wenn wir von dir auch eine "Ultimative Lovestory" lesen dürfen.

LG
Bree


Der Kriminalschriftsteller ist eine Spinne, die die Fliege bereits hat, bevor sie das Netz um sie herum webt.
(Sir Arthur Conan Doyle)

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Alles über meine Bücher & mich findet ihr auf meiner Website: www.brittabendixen.de
Einen eigenen Youtube-Kanal habe ich auch. Dort lese ich einige meine Geschichten.
Den Button findet ihr auf meinem Profil.
Beate W. hat sich bedankt!
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#11

RE: SGZ Nr. 27: Der Anhalter

in Die Geschichten der Woche 08.07.2021 04:49
von Beate W. • Forums-Schmetterling | 134 Beiträge | 368 Punkte

Danke für den Tipp ...

Zitat von Bree im Beitrag #10
Den Angstschrei nehme ich dir aber nicht ab, der klingt mir zu menschlich. Wie wäre es stattdessen mit einem 'jämmerlichen Winseln'?

Der Hund, den ich vor Augen (oder Ohren) hatte, kann übrigens wirklich schreien, und das klingt dann auch fast menschlich. Ich werde trotzdem eine passendere Formulierung finden, weil ich davon ausgehe, dass die meisten Leser eher keinen Schrei-Hund kennen ...

Und ein kerniges Gewitter hört sich in den engen Felstälern des Donnersbergs wirklich wie ein Weltuntergang an, weil man nicht nur den aktuellen Donnerschlag sondern noch drei bis vier Echo-Donnerschläge hört. Dort wo ich bis vor vier Jahren gewohnt habe, hat sich die Hauptstraße im Dorf bei einem heftigen Gewitterregen öfter als einmal in einen dreißig Zentimeter tiefen Fluss verwandelt, weil der Kanal die Wassermassen, die in den Felsen natürlich nirgends versickern können, einfach nicht mehr aufnehmen konnte. Und bei fünfundzwanzig Prozent Steigung hat so ein Fluss genug Schwung, um ziemlich ungemütlich zu werden ...


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