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Auszug aus "Leif"

in Auszüge aus unseren Büchern 30.12.2020 23:20
von Yggdrasil • Federlibelle | 1.110 Beiträge | 2873 Punkte

Da ich ja meinen "Weihnachtsblues" an anderer Stelle losgeworden bin und mich stattdessen über die Raunächte ausgelassen habe, hier ein Auszug aus "Leif - ein Wikingerabenteuer":

Kapitel 27:
Gleich nach dem Julfest war die Zeit der Raunächte. Ganze zwölf Nächte dauerte diese unheimliche Zeit an. Die Alten nannten sie auch die toten oder fehlenden Tage, in denen die Geister und die Seelen der Verstorbenen die Nächte beherrschten. Es schien, als ob die Naturgesetze nicht mehr vorhanden wären. Unerklärliches konnte passieren. Manchmal schreckten Menschen aus dem Schlaf hoch, weil sie meinten, Türen schlügen zu, obwohl kein Wind herrschte. Unverhofft konnten Töpfe vom Herd fallen, oder Hunde tot vor der Tür liegen.
Auch Gyde hatte in den Raunächten Angst, denn für Mädchen und junge Frauen sollten sie besonders gefährlich sein. So blieben sie und Ragnhild im Haus. Um ihre Angst zu vertreiben, sangen sie laut und schlugen mit Holzstöcken gegen eiserne Pfannen und Töpfe. Der Lärm sollte die Geister vom Haus fernhalten.
„Komm, wir machen draußen Lärm. Wir gehen ums Haus und vertreiben die Unheimlichen.“
„Hast du keine Angst?“, flüsterte Gyde.
„Doch, aber wir müssen es tun.“
Ragnhild öffnete die Tür und die beiden Frauen traten hinaus. In dem Moment begann der Wind zu heulen, zerrte an Gydes Kleidern. Die Tür wurde ihr aus der Hand gerissen und schlug mit lautem Krachen zu. Blitze zuckten, Wolken jagten über den Himmel. Eine Reihe vermummter Gestalten zog laut schreiend und mit Stöcken um sich schlagend durch die Gasse. Gyde duckte sich an die Hauswand und hielt Ragnhilds Hand. Die Luft erbebte vor schrillen Schreien, langgezogenen Heultönen und lautem Poltern.
„Was sind das für schreckliche Laute?“ Gyde klammerte sich an Ragnhilds Mantelzipfel. „Viele Leute sind draußen in den Gassen und vertreiben die Geister …“. Ob sie selber daran glaubte?
„Die wilden Reiter, ja? Das sind die wilden Reiter, Ragnhild. Odin führt sie an. Was will er …?“
„Das weiß niemand, mein Kind.“
Plötzlich ließ der Wind nach, man spürte ihn kaum mehr auf der Haut. Das Heulen und Pfeifen aber war nicht verstummt.
„Odin und seine Horden sind weitergezogen. Was für ein Glück für uns!“
Noch oft liefen die beiden Frauen um den Hof, machten Lärm und baten die Götter um Hilfe. Erst spät in der Nacht gingen sie wieder ins Haus und wärmten sich am Herd.
„Eine grausige Nacht. Schlafen kann ich nicht mehr.“
Gyde rückte näher an die alte Weberin heran. Sie zitterte immer noch und konnte den Becher kaum halten.

Irgendwann war Gyde doch am Feuer eingeschlafen. Sie erwachte von Geräuschen, die von draußen hereindrangen Nur zögernd kam die Erinnerung an die letzte Nacht. Dann wurde die Tür geöffnet, und die Weberin kam hinein. Gyde las Angst und Panik in Ragnhilds Augen.
„Was ist los?“
„Etwas Schreckliches ist passiert. Man hat die Tochter der Färberin gefunden. Tot, nackt, draußen auf dem Ruheplatz der Verstorbenen.“
„Tot? Wie konnte das passieren? Sie ist jung. Und nackt?“
„Ja, man hatte sie auf eine Felsplatte gelegt. Dann hat man ihre Adern an den Handgelenken aufgeschnitten. Sie war blutleer. Aber,“ Ragnhild zögerte kurz und fuhr dann fort, „das Blut ist nicht auf den Boden getropft. Jemand muss es aufgefangen haben.“
Entsetzt starrte Gyde die Weberin an. „Was hat das zu bedeuten?“
„Wir wissen es nicht. Allerdings hat man den Schmied in Ketten gelegt. Seine Kleider waren von Blut getränkt. Er sagt, er habe zwei volle Krüge Wein geleert. Sturzbetrunken sei er gewesen und wäre dann böse gestürzt.“
„Timme? Du meinst, er hat damit zu tun?“
„Da streiten sich die Männer drum. Einige sagen, Odin hätte das Blut der Jungfrau geholt, aber verdächtig ist das schon mit Timme. Er soll vor das Thing gestellt werden. Man wird eine Versammlung außer der Reihe einberufen“


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