#1

SGZ 21 - Kahinis Gemälde

in Die Geschichten der Woche 22.11.2020 12:49
von Sophie Reichardt • Fleißbiene / Fleißdrohne | 60 Beiträge | 147 Punkte

Die Sonne brannte heiß. So heiß, dass es selbst für die Wüstentiere des Zoos unerträglich war. Jeder zog sich in die hintersten Winkel seines Geheges zurück und um die Plätze im Schatten entbrannte sogar Streit. Nur die Elefanten schienen sich nichts aus der Hitze zu machen. Thabo zwinkerte seiner Frau Dana zu, die zwinkerte ihrem Sohn Kahini zu und dann eilten sie auch schon zu dem kleinen Teich in ihrem Gehege und ließen die schönste Rüsseldusche auf sich niederprasseln. Herrlich! Kahini töröte vor Freude und obwohl er keine besonders gute Singstimme hatte, begann er, ein altes Steppenlied zu singen: „Töröötöörötööörötöörötötötöröö“. Bis er dann bemerkte, dass sich die Blicke der umliegenden Tiere auf ihn gerichtet hatten. Seine Eltern duschten sich kommentarlos weiter, sie waren seinen Gesang ja schon gewohnt, doch die anderen sahen – nun, bestenfalls überrascht, schlimmstenfalls von einem Gehörsturz geplagt aus. Die peinliche Stille wurde von einem leisen, heiseren Lachen unterbrochen. Es war Youma, eine junge Gazelle von schräg gegenüber. Sie sah zu ihm hinüber und ihre Augen funkelten vor Begeisterung. Wenn er könnte, wäre Kahini rot geworden, doch so fühlte er nur, wie sein Gesicht vor Scham glühte. Ausgerechnet Youma! Am liebsten hätte er die Zeit zurückgedreht. Den Rest des Tages verbrachte er schweigsam und bemühte sich, nicht zum Gazellengehege hinüberzuschauen. Einmal konnte er dann doch nicht widerstehen. Bewundernd beobachtete er, wie grazil sie zur Futterstelle sprang und wie schön ihr Fell im Licht der Abendsonne aussah. Irgendwann stupste ihn Dana sanft mit dem Rüssel an. „Willst du nichts essen?“
„Komm ja schon“, brummte er, aß dann aber nur wenig.


Genauso trübselig startete dann auch sein nächster Tag. Thabo und Dana begannen schon, sich ernsthaft Sorgen zu machen, da geschah plötzlich etwas, das ihn aus seiner Niedergeschlagenheit riss. Einer der Wärter hatte im Gehege eine Staffelei aufgebaut und daneben einen Tisch mit Farbtöpfchen und Pinseln aufgestellt.
Neugierig kam die kleine Familie näher, was den Pfleger sehr zufrieden machte.
„Heute hab ich was ganz besonders für euch, ihr dürft nämlich malen.“ Und zu Kahini, der ganz vorn stand, sagte er: „Hast du da Lust drauf, mein Dickerchen?“
Dana trompetete laut, empört wegen des „Dickerchens“, aber Kahini hatte kaum zugehört. Fasziniert nahm er die bunten Farben in Augenschein. Der Wärter half ihm, den Pinsel mit dem Rüssel aufzunehmen und erklärte, dass er die Borsten in die Eimer tunken müsse. Zunächst stellte sich Kahini sich recht unbeholfen an, doch nach etlichen Versuchen gelang es ihm, endlich Farbe auf die Leinwand zu befördern.
Wahnsinn! Nach und nach entdeckte er, dass er bestimmte Muster und Motive erzeugen konnte, wenn er den Pinsel hin- und herbewegte und mehr als eine Farbe benutzte. Den ganzen Tag stand er vor der Staffelei, den nächsten auch und er malte und malte und malte. Am dritten Tag klatschte der Wärter schließlich begeistert in die Hände. Auf dem Bild, das Kahini gerade vollendet hatte, waren zwei bunte Blumen zu sehen. Er kam aus dem Loben gar nicht mehr heraus, Thabo und Dana umrüsselten ihren Sohn stolz und auch der Künstler selbst vergaß alles um sich herum und trötete triumphierend.

Das Bild wurde mit einer wasserdichten Schutzhülle versehen und vor dem Zaun seines Geheges aufgehängt. Alle Tiere, die es sehen konnten, brüllten, mähten und zwitscherten Komplimente. Und Youma? Auf ihre Reaktion war Kahini am gespanntesten und sah etwas nervös zu ihr hinüber. Sie lächelte und sein Herz machte einen kleinen Hüpfer. All seinen Mut zusammennehmend winkte er ihr mit seinem Rüssel zu. Youma – lachte wieder. Gerade wollte er sich enttäuscht abwenden, da sah er, dass sie ihm zunickte. Die schöne Youma nickte ihm tatsächlich zu. Kahini traute seinen Augen nicht. Ob am Ende … Vielleicht war das Lachen von neulich gar nicht böse gemeint. Ein warmes, wohliges Gefühl machte sich in ihm breit, von der Rüsselspitze bis zu den Fußsohlen. Jetzt wünschte er sich, er hätte etwas anderes gemalt. Ihm fehlten nämlich die Worte.

In der Nacht, als alles schlief, machte sich jemand am Gemälde vor dem Elefantengehege zu schaffen. Ein kräftiger Hieb – da lag es zerstört auf dem Boden.
Am nächsten Morgen traute der Wärter seinen Augen nicht: „Oh Gott – das schöne Bild! Da sind doch bestimmt wieder irgendwelche Randalierer in den Zoo eingestiegen. Na wartet, wenn ich euch erwische …“
Kahinis Plan ging auf. Wenig später kam der Pfleger ganz verlegen zu ihm und fragte, ob er nicht Lust hätte, noch etwas zu malen. Natürlich hatte er Lust. Zielsicher landete sein Pinsel im Topf mit dem Hellbraun.

Jetzt war es Youma, die das Maul kaum zubekam. Drüben, bei den Elefanten … Kahini hatte wirklich Talent. Es war, als würde sie sich selbst sehen. Und wie verlegen er jetzt wegschaute – süß!
Könnte sie doch auch so toll malen! Sie überlegte hin und her, lief auf und ab, schabte ihre Hörner an allen möglichen Dingen, doch ihr wollte keine Idee kommen, wie sie ihm sagen konnte, dass sie auch … „Hat dich eine Wespe gestochen oder warum hüpfst du hier so komisch herum?“
„Alex!“
Auf dem Zaun saß ein kleiner Zeisig, der auf der Esche nebenan wohnte. Die beiden hatten sich mit der Zeit angefreundet, sie erzählte ihm von dem Zoo in Frankreich, wo sie früher gelebt hatte, und er von den Dingen, die im restlichen Zoo und jenseits der Mauern passierten.
„Ach, was frag ich eigentlich“, beantwortete Alex seine Frage selbst und nickte zur Elefantenfamilie hinüber, „Seinetwegen, oder?“
Youma nickte.
„Schau mal, das Blatt da passt doch perfekt zu der Situation. Das sieht fast so aus wie ein Herz“, sagte er.
„Ja und?“ Sie begriff nicht, was er meinte.
„Die Menschen malen so ein Herz, wenn sie verliebt sind.“
„Du meinst …“
„Ich meine.“
„Würdest du es ihm bringen?“, bat Youma aufgeregt.
„Ich dachte schon, du fragst nie.“

Kahini staunte nicht schlecht, als ein Vogel direkt vor ihm landete und ein Blatt fallen ließ. „Eilexpress“, rief er mit verstellter Stimme.
„Von wem ist das?“, fragte der Elefant erstaunt.
Alex legte den Kopf schief: „Dreimal darfst du raten.“
Während der Zeisig zu seinem Nest zurückflog, besah sich Kahini das Blatt näher und ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. Er hob den Kopf und sein Blick traf auf Youmas. Sie lächelte auch.
„Wenn doch bloß dieser dumme Zaun nicht wäre!“, rief er aus.
„Ich habe in der letzten Zeit fleißig Springen geübt“, erwiderte sie mit einem hintergründigen Lächeln, „Ein paar Tage noch, dann schaffe ich es sicher.“
Sein Herz bollerte wie verrückt.
„Dann hier am Zaun?“
Sie nickte: „Wenn alle schlafen.“
Behutsam hob er das Blatt mit dem Rüssel auf, schwenkte es freudig hin und her und Youma grüßte mit ihren Hörnern zurück. Dann trottete Kahini los, um ein sicheres Versteck für seinen Schatz zu finden.


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zuletzt bearbeitet 28.11.2020 21:56 | nach oben springen

#2

RE: SGZ 21 - Kahinis Gemälde

in Die Geschichten der Woche 22.11.2020 16:12
von Bree • Federlibelle | 4.187 Beiträge | 16674 Punkte

Liebe @Sophie Reichardt
wie süß, eine tierische Lovestory! Elefant und Gazelle - wo das wohl endet? Mit einem Gafant oder einer Elezelle?
Nein, im Ernst, das ist wirklich eine niedliche Geschichte, die du dir da hast einfallen lassen. Schon die Sache mit dem Bild fand ich klasse. Sowas dürfen manche Elefanten ja wirklich machen, wenn ich nicht irre. Und der kleine Elefant hat sich ja einiges einfallen lassen, um die Gazelle zu beeindrucken. Schön!

Meine Lieblingsformulierung:

Zitat von Sophie Reichardt im Beitrag #1
Thabo und Dana umrüsselten ihren Sohn stolz

Ein tolles Bild, gefällt mir super!

Zweimal hast du die Perspektive gewechselt. Das erste Mal hier:
Zitat von Sophie Reichardt im Beitrag #1
Thabo und Dana begannen schon, sich ernsthaft Sorgen zu machen,

Das kannst du ganz leicht umändern, z. B. in "Thabo und Dana (bzw. Kahinis Eltern) schauten schon ganz besorgt drein."

Der zweite Perspektivwechsel betrifft Youma. Natürlich kann man das machen, aber gerade bei Kurzgeschichten hat es sich bewährt, möglichst bei einer Sichtweise zu bleiben, damit der Leser nicht "von einem Kopf in den anderen springen" und sich immer wieder neu orientieren muss.
Die Unterhaltung zwischen Youma und dem Vogel ist niedlich, gerade weil Alex so frech ist. Andererseits könnte er das auch bei Kahini sein. Wenn du bei dem Elefanten bleibst und auf einmal der kleine Vogel mit dem Blatt angeflattert kommt, könnte Alex ja durch die Blume alles das mitteilen, was er (ungehört von Kahini und auch dem Leser) vorher mit Youma besprochen hat.
Ich hoffe, ich konnte das jetzt verständlich rüberbringen.
Wie gesagt, nur eine Anregung. Die Geschichte an sich gefällt mir sehr gut. Ich stelle mir vor, wie die zwei irgendwie aus ihren Gehegen rauskommen und nachts bei Mondlicht unterm Sternenhimmel nebeneinander einen kleinen Bummel durch den Zoo machen ...

Gern gelesen!

LG
Bree


Der Kriminalschriftsteller ist eine Spinne, die die Fliege bereits hat, bevor sie das Netz um sie herum webt.
(Sir Arthur Conan Doyle)

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Sophie Reichardt hat sich bedankt!
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#3

RE: SGZ 21 - Kahinis Gemälde

in Die Geschichten der Woche 22.11.2020 16:25
von Doro • Federlibelle | 2.270 Beiträge | 8898 Punkte

Liebe @Sophie Reichardt ,

auch mir gefällt deine Geschichte ausgesprochen gut. Kopfkino lief mit. Manchmal kam ich mit den Namen durcheinander und musste nachlesen, wer wer ist.

Bei uns im Tierpark gab es mal eine Ausstellung mit solchen Elefantengemälden. Einige waren gar nicht so schlecht und besser als so manche Millionenkunstwerke angesagter Künstler.

Geerbst hat Bree ja schon, wobei mich der Wechsel zur Gazellenperspektive nicht gestört hat.

LG
Doro


Gib jedem Tag die Chance, der schönste deines Lebens zu werden. (Mark Twain)
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#4

RE: SGZ 21 - Kahinis Gemälde

in Die Geschichten der Woche 23.11.2020 00:56
von Sturmruhe • Federlibelle | 951 Beiträge | 4293 Punkte

@Sophie Reichardt , deine Geschichte hat mich gerade zum Laecheln gebracht, sie gefaellt mir sehr gut. Der Perspektivwechsel hat mich hier nicht gestoert, die Geschichte ist dafuer lang und unkompliziert genug. Das "Umruesseln" ist eine perfekte Wortschoepfung, ganz nach meinem Geschmack!

LG
Marion


„Wir sind das, was wir wiederholt tun. Vorzüglichkeit ist daher keine Handlung, sondern eine Gewohnheit.“
Aristoteles

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#5

RE: SGZ 21 - Kahinis Gemälde

in Die Geschichten der Woche 25.11.2020 14:39
von Sinjane • Federlibelle | 492 Beiträge | 2770 Punkte

@Sophie Reichardt Was für eine schöne Geschichte! Ich stelle mir vor, wie viel Spaß Kahini beim Erschaffen seiner Kunst haben muss. Das könnte ein superschönes Bilderbuch werden


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Um erfolgreich zu schreiben, lies viel und schreibe viel (frei nach: Stephen King) Und trink viel Kaffee (ergänzt durch: Sinjane)
Sophie Reichardt hat sich bedankt!
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#6

RE: SGZ 21 - Kahinis Gemälde

in Die Geschichten der Woche 28.11.2020 21:58
von Carlotta Lila • Federlibelle | 2.098 Beiträge | 9179 Punkte

Liebe @Sophie Reichard, ich finde auch, dass diese süße Geschichte ein Kopfkino auslöst und super zu illustrieren wäre!
Ich habe auf YouTube mal einen malenden Elefanten gesehen, das hat mich sehr fasziniert, ob er angeleitet wurde oder das von selber gemalt hat? Das frag ich mich. Weißt du das vielleicht?
Gratuliere zu dieser super Idee!
Herzliche Grüße
Carlotta LIla


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