#1

SGZ 23: Ruhe ist das beste

in Die Geschichten der Woche 04.06.2023 10:24
von Doro • Federlibelle | 2.270 Beiträge | 8898 Punkte

Ruhe ist das beste


Magda zog die Liege in den Schatten unter den Apfelbaum und legte sich hin. Die Kinder in der Umgebung waren in der Schule oder im Kindergarten, die meisten Ehemänner in der Arbeit, also war es still. Relativ jedenfalls. Kein Geschrei, keine Handwerker und kein Rasenmäher.
Über ihr trällerten einige Vögel ihre Lieder. Magda schloss die Augen und lauschte. Sie erkannte eine Amsel und eine Meise. Der Straßenverkehr war nur als Hintergrundrauschen zu hören.
Ruhe war genau das, was sie brauchte. Es kratzte leicht im Hals und sie fühlte sich ein bisschen schlapp. Nachher würde sie sich einen Salbeitee kochen, aber erst ein kurzes Schläfchen. Power-Napping nannte das ihre Schwiegertochter.
„San’S scho fertig mit der Arbeit?“, ertönte da eine Stimme, die sie unschwer erkannte. Frau Hinterseher, Nachbarin und Ratschkathl vom Dienst. „Oder san’S malad? Hob’s grad beim Frühstück in der Zeitung glesen.“
„Dass i Hoisschmerzn hob?“, hakte Magda nach und setzte sich seufzend auf.
„Natürlich net. A Sommergrippe geht um. Reihenweise wer’n die Leut krank. Des Reformhaus vorn an der Ecke hot nur mehr vormittags offn. A Frechheit is des. Aba wos wuist macha?“
Eine rhetorische Frage, darum sparte sich Magda eine Antwort. Ohnehin brauchte die Nachbarin niemanden, um eine Unterhaltung zu bestreiten, das schaffte sie ganz allein. Sie stellte die Fragen und beantwortete sie in der Regel auch sofort.
„Nix“, sagte Frau Hinterseher. „Es is, wia es is. Aba Eana rat ich, dass Sie an Schal umwickeln. An recht an dicken.“
Magda schüttelte den Kopf. „Bei dem Wetter? Da geh ich ein. I brauch nur a paar Minuten zum Ausruhen. I wünsch Earna no an schöna Tag.“ Magda legte sich wieder hin.
„Wollt ja nur behilflich sein.“
„Magda?“, rief in dem Moment Franz und kam auch gleich auf die Terrasse gerumpelt, nicht ohne gegen einen der Terrassenstühle zu stoßen, der auf die Platten krachte.
„Pscht!“, hörte Magda die Nachbarin sagen. „Earna Frau hot’S dawischt.“
„Wos? Äh, wie bitte?“, fragte Franz.
Magda hörte, wie er seine Hausschuhe gegen Gartenclogs tauschte.
„Sommergrippe“, erklärte Frau Hinterseher. „Am besten is da Ruhe und viel trinken.“
„Soll i dir an Schnaps bringen?“, fragte Franz und schlurfte über die Wiese.
Magda schüttelte den Kopf. „Aba einen Salbeitee. Des wär nett und in einer Viertelstund kimmt der Handwerker. Wenn’st den reinlassn tätst?“
„Tee und Handwerker“, wiederholte Franz. „Kein Problem. I wollt zwar eigentlich den Rasen mähen, aba is ja wuarscht. Mach i später. Ruh du dich aus.“
Er brachte ihr eine Decke, auch, wenn es dafür viel zu warm war und ging ins Haus zurück. Die Kirchenglocken schlugen halb elf.
„Mei“, ließ sich Frau Hinterseher abermals vernehmen, „Sie ham scho Glück mit Ihrem Franz. Des tät net jeder. Die meistn, die wo in die Rente kemma, machn nix dahoam.“
Magda zog die Decke bis zur Nasenspitze, rollte sich auf die Seite, sodass die Nachbarin nun mit ihrer Rückseite reden musste, sollte sie weiterquasseln. Aber – o Wunder – es blieb ruhig.


„So.“
Magda schreckte auf, sie war anscheinend eingeschlafen gewesen.
Franz stellte die Teetasse, sowie das Honigglas ins Gras. „Hier. Der Tee.“
Die Glocken läuteten. Magda zählte mit. Elf Schläge.
„Danke“, sagte sie, nippte vorsichtig. „Der is ja fast kalt.“
Franz zuckte mit den Schultern. „Mei, i hob no a bissl wos im Haushalt gmacht. Des dauert.“
Ruckartig setzte sie sich auf. „Was genau?“
„In der Waschküch lag die Dreckwäsche aufm Bodn. Lauter Haufn. Wie schaugt denn des aus? Jetztat is ois ordentlich im Wäschekorb. I versteh net, warum di des net stört, wenns so unordentlich is. Aba des wird jetztat anders. I organisier des ois neu.“
Magda holte tief Luft, stieß sie langsam wieder aus. „Die Wäsche hatte ich bereits vorsortiert. Und es waren genau drei Haufn. Oaner mit den Handtüchern, oaner mit dunkler Wäsch und der dritte mit der hellen.“
„Ach so. Na, is ja net so schlimm, des geht ja ruckzuck.“ Er setzte sich ans Fußende der Liege. „Und des Geschirr, des hob i in die Spülmaschine eingeräumt. War ganz schön viel. Warum räumst des net glei ein? Der Handwerker, der war fei bisher net da. Aba des kennt ma ja. Handwerker.“ Er schüttelte missbilligend den Kopf. „Warum kimmt der eigentlich?“
Magda seufzte erneut. Aus tiefster Seele wünschte sie sich die Zeiten zurück, wo Franz jeden Morgen in die Arbeit geradelt war.
„Der Handwerker“, sagte sie so ruhig wie möglich, „soll die Spülmaschine reparieren. Die is kaputt.“
Erst jetzt fiel ihr auf, dass er sich einen Schal um den Hals gewickelt hatte.
Sie deutete darauf. „Du woaßt scho, dass mia bestimmt dreißig Grad hab’n?“
Er nickte. „I glaub, i werd auch krank.“
Es klingelte. Franz wischte sich theatralisch über die Stirn. „Des is bestimmt der Handwerker - am besten, du machst auf. I leg mi derweil a bissl hin. Ruhe is in so am Fall des beste.“


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#2

RE: SGZ 23: Ruhe ist das beste

in Die Geschichten der Woche 04.06.2023 19:56
von Alexander Bär • Fleißbiene / Fleißdrohne | 59 Beiträge | 224 Punkte

Sehr geschmunzelt beim Lesen. Und der Ausdruck 'Ratschkathl' ist einfach nur göttlich. Wo spielt die Geschichte eigentlich? Ich hatte beim Lesen eine Reihenhaussiedlung in einem Münchener Vorort vor Augen ...


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#3

RE: SGZ 23: Ruhe ist das beste

in Die Geschichten der Woche 07.06.2023 10:39
von Bree • Federlibelle | 4.190 Beiträge | 16683 Punkte

Liebe @Doro

herrlich, mal wieder so richtig schön bayerisch. Ich lese das echt gern. Und Magda tut mir leid. Eine nervige Nachbarin und ein über-fürsorglicher Ehemann - so lange er nicht auch "krank" wird ...
Mir graust auch schon davor, wenn mein Mann irgendwann immer daheim ist, denn er muss auch immer "irgendwas machen" und nervt mit seiner dauernden Aktivität. Wenn man sich mal eine Pause gönnt, kriegt man ein richtig schlechtes Gewissen ...
Wenn es soweit ist, werde ich vermutlich oft auf Lesereise gehen ...


Hat Spaß gemacht, danke!

LG
Bree


Der Kriminalschriftsteller ist eine Spinne, die die Fliege bereits hat, bevor sie das Netz um sie herum webt.
(Sir Arthur Conan Doyle)

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#4

RE: SGZ 23: Ruhe ist das beste

in Die Geschichten der Woche 07.06.2023 11:45
von Chris2000 • Forums-Schmetterling | 59 Beiträge | 274 Punkte

Ohje! Hausfrauenlos! Wäsche durcheinander- Spülmaschine ... und Mönnerschnupfen. Ist zwar sehr klassisches Rollenverhalten, aber leider auch wahr😉
habe anhaltend geschmunzelt😄


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#5

RE: SGZ 23: Ruhe ist das beste

in Die Geschichten der Woche 07.06.2023 14:29
von -jek • Federlibelle | 686 Beiträge | 2088 Punkte

@Doro Plastische Schilderung eines "ruhelosen" Nachmittags. Daumen hoch! Aber die Protagonistin sollte lernen, auch für Weniges dankbar zu sein. Immerhin hat ihr Schatz die Wäsche nur weggestopt, statt sie unsortiert in die Maschine zu schieben und anzustellen ...


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#6

RE: SGZ 23: Ruhe ist das beste

in Die Geschichten der Woche 11.06.2023 19:20
von Carlotta Lila • Federlibelle | 2.101 Beiträge | 9188 Punkte

Liebe @Doro, hihi, ich musste an meinen Vater denken: immer wenn meine Mutter krank war, hat er sich zu ihr ans Bett gesetzt, herumgeseufzt und gesagt: "ich glaube, ich werde auch krank."
Ich kann mir das auch nicht vorstellen, dass mein Mann in der Rente dauernd anwesend ist. Das stelle ich mir recht anstrengend vor, er ist ein eher unruhiger Mensch, der immer beschäftigt werden will.
Eine überfürsorgliche Nachbarin und Tratsche zugleich ist in der Realität was Ärgerliches, aber für eine Story eine gute Zutat .
Liebe Grüße
Carlotta Lila


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#7

RE: SGZ 23: Ruhe ist das beste

in Die Geschichten der Woche 12.06.2023 11:02
von Doro • Federlibelle | 2.270 Beiträge | 8898 Punkte

@Alexander Bär , @Carlotta Lila , @-jek , @Chris2000 und @Bree ,

freut mich, dass euch die Geschichte gefällt.


Zitat von Alexander Bär im Beitrag #2
Wo spielt die Geschichte eigentlich? Ich hatte beim Lesen eine Reihenhaussiedlung in einem Münchener Vorort vor Augen ...
@Alexander Bär , da es für die Geschichte nicht wichtig ist, habe ich es nicht erwähnt. Aber du hast recht. Ich wohne in einem Münchner Vorort und manche Nachbarn sind einfach die perfekte Vorlage für solche Geschichten.

Zitat von Bree im Beitrag #3
Wenn man sich mal eine Pause gönnt, kriegt man ein richtig schlechtes Gewissen ...
Kenn ich. Bei mir ist es oft so, dass ich stundenlang mit irgendwas beschäftigt bin und echt rumrödel. Niemand lässt sich währenddessen blicken, es sei denn, um zu fragen, ob das Essen fertig ist oder weil jemand was sucht. Aber wenn ich mich dann mal aufs Sofa lege, dann kommt jemand und lästert, weil ich "den ganzen Tag auf dem Sofa liegen kann".

Zitat von Chris2000 im Beitrag #4
Ist zwar sehr klassisches Rollenverhalten, aber leider auch wahr😉
Ja, bei uns auch. Ich vergesse oft, dass ich total präzise Anweisungen gebe. Wenn ich sage "könntest du bitte die Wäsche aus der Maschine holen, wenn sie fertig ist", dann macht er genau das. Er hängt die Wäsche anschließend nicht auf, weil ich ihm das nicht aufgetragen habe. Liegt mein Mann auf dem Sofa, stören ihn die Kinder nicht. Auch, wenn er liest. Ich werde fast immer gestört, zumindest wenn sie daheim sind.


Zitat von -jek im Beitrag #5
Aber die Protagonistin sollte lernen, auch für Weniges dankbar zu sein. Immerhin hat ihr Schatz die Wäsche nur weggestopt, statt sie unsortiert in die Maschine zu schieben und anzustellen ...
Tatsächlich hatte ich daran gedacht, das einzubauen, aber 60 Minuten sind einfach zu kurz und ich wollte innerhalb der Stunde fertig sein.


LG
Doro


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#8

RE: SGZ 23: Ruhe ist das beste

in Die Geschichten der Woche 01.07.2023 20:48
von Jana88 • Federlibelle | 537 Beiträge | 1242 Punkte

@Doro
Ich lese gerade mal wieder ein bisschen im Forum rum und habe deine Geschichte gefunden.
Wie herrlich ich die ganze Zeit schmunzeln musste.
So ein Klischee und oft so wahr.
Mein Mann ist meistens von früh bis spät im Büro, in der anderen Zeit lässt er sein Zeug überall liegen.
Wenn er zuhause ist und es ist zu schlechtes Wetter für den Garten, muss ich entweder einen Ausflug anordnen, oder er hat Zeit sich umzugucken und will überall mitmischen. Hier müsste mal wieder geputzt werden, hier müssen wir umräumen und dies und jenes ist auch unpraktisch.
Außer er ist krank, dann ist er natürlich krank.

Super, wie man in deiner Geschichte so manche Person wiedererkennt. :-)


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Am Ende wird alles gut. Wenn es nicht gut wird, ist es noch nicht das Ende *Oscar Wilde
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