#1

SGZ 44 "Am Kiosk" von Herbert Glaser

in Die Geschichten der Woche 01.11.2021 14:20
von Herbert Glaser • Federlibelle | 664 Beiträge | 1233 Punkte

Am Kiosk

von Herbert Glaser


Unsicher trat die junge Frau zum Kiosk und spähte durch das halb geöffnete Glasschiebefenster.
„Hallo ... Entschuldigung ...“
„Dennis packt Ware aus.“ Ein älterer Mann lehnte im Halbschatten des Kioskdaches am Ende der schmalen Ablagefläche, grinste, und entblößte dabei eine beachtliche Zahnlücke. Erschrocken machte die Frau einen Schritt zur Seite.
„Aha, und wann kommt dieser ... Dennis?“
„Keine Panik, Schätzchen“. Mit einer halbvollen Bierflasche klopfte er an die Scheibe. „Dennis, hier ist Kundschaft für dich!“.
„Ich bin nicht ihr Schätzchen, mein Herr, und außerdem ...“
Also, Herr hat mich seit Ewigkeiten niemand mehr genannt, das muss gefeiert werden ... auf Ihr Wohl.“ Genüsslich trank er einen großen Schluck Bier. „Ich bin Heinz ... wie darf ich Sie nennen?“
Melanie, wenn es unbedingt sein muss. Kommt jetzt bald dieser ...“
„Was gibt‘s denn?“ Ein junger Mann lugte durch die Öffnung zu Heinz. Ungekämmte Haare tanzten kreuz und quer auf seinem Kopf herum. Ein armseliger Flaum von Schnurrbart zierte die Oberlippe.
„Das Fräulein möchte deine Dienste in Anspruch nehmen.“
Dennis bemerkte Melanie. „Was kann ich für Sie tun?“ Hektisch versuchte er mithilfe eines kleinen Spiegels, die Frisur in eine ansehnlichere Form zu bringen.
Für das Studium benötige ich die Zeitschrift Psychologie im Alltag“.
Fasziniert starrte Dennis sie an.
„Hallo ... arbeiten Sie noch hier?“, drängte sie, „Mein Bus kommt in ein paar Minuten!“
„Äh, natürlich, bin gleich wieder da.“ Dennis war plötzlich hellwach, machte kehrt und stieß mit dem Kopf an ein Regal, was Melanie zu einem Schmunzeln veranlasste.
Gut, dass ich die Zeitschrift bisher nicht abbestellt habe“, rief er aus dem hinteren Teil des Kiosks, „die wird bei mir fast nie verlangt, aber ... voi­là ... da ist sie.“ Triumphierend legte er das Journal auf den Verkaufstresen. „Soll ich das nächste Heft zurücklegen ... erscheint in vier Wochen?“
„Das wäre großartig.“ Sie hastete zur Straße.

*

„Sie gehören wohl zum Inventar?“, wurde Heinz von Melanie begrüßt, die auf sein Bierglas deutete, das auf einem runden Bistrotisch stand. „Gerade beim Frühstück?“.
„Na klar, schließlich braucht man eine Grundlage für den Tag.“
Neues Equipment gibt es offensichtlich auch?“
„In den letzten vier Wochen hat sich einiges getan. Dennis sagt, ein Tisch wirkt einladender als der schmale Tresen ... und trinken soll ich jetzt aus einem Glas ... sieht ansprechender aus. Na wenn er meint, ist sein Geschäft.“
Er zwinkerte Melanie zu. „Hat natürlich nichts mit Ihnen zu tun.“
Guten Morgen“, tönte es fröhlich aus dem Kiosk, „ich hab‘ Sie schon erwartet.“
Guten Morgen“, antwortete die Angesprochene. Eine Falte grub sich zwischen ihre Brauen. „Wo ist Dennis heute? Oh, Entschuldigung, ich hab‘ Sie gar nicht erkannt.“
„Er war beim Friseur“, bestätigte Heinz das Offensichtliche, „wirkt seriöser. Hat aber nichts mit Ihnen zu tun.“
„Trink du mal lieber in aller Ruhe dein Bier!“, wies Dennis ihn zurecht und hielt Melanie die aktuelle Psychologie im Alltag hin.
„Brauchen Sie die für Ihre Vorlesungen?“
„Nicht direkt. Wir treffen uns regelmäßig im kleinen Kreis ... der Professor und seine Studenten. Es geht darum, bis zu den Semesterferien ein umfangreiches Soziologie-Experiment zu entwickeln.
„Sie wollen den Prof beeindrucken“, mutmaßte Dennis, „aber reicht es aus, eine Zeitschrift zu lesen?“
„Helfen sollte es auf jeden Fall. Unser Professor schreibt einen dreiteiligen Aufsatz für das Blatt. Ich streue dann in der Runde einige seiner Gedanken ein ... natürlich so unauffällig wie möglich.“
Deshalb kaufen Sie das Heft nicht in der Nähe der Uni“, kombinierte Heinz, „damit niemand etwas merkt ... hab‘ mich schon gewundert.“
Und“, ignorierte ihn Dennis, „hat es geholfen?“
„Sieht so aus.“ Melanie steckte die Zeitschrift in ihre Tasche und bezahlte. „Er war beeindruckt. In der nächsten Ausgabe erscheint der letzte Teil, dann ist bald Semesterende und er entscheidet, wer bei dem Versuch dabei ist.“
„Verstehe ... kann ich ein Käffchen anbieten? Cappuccino, Milchkaffee, Latte?“
„Er hat jetzt einen Kaffeeautomaten ... hat aber nichts mit Ihnen zu tun.“ Heinz schmunzelte und nahm einen kräftigen Schluck.
„Danke, vielleicht beim nächsten Mal. Ich muss los.“
„Bis in vier Wochen“, rief Dennis, „... und viel Erfolg mit dem Experiment.“

*

Geht aufs Haus.“ Dennis servierte Melanie eine Tasse Cappuccino. „Tolles Kleid!“
Vielen Dank.“ Das Grün ihrer Augen leuchtete wie ein Smaragd in der Sonne. Sie lächelte und wandte sich an Heinz. „Kein Heißgetränk für Sie?“
„Kaffee ist reines Gift. Ich bleibe lieber bei meinem Vollwertgetränk. Prost.“
Dennis schüttelte den Kopf. „In dem Heft sieht der Professor ungewöhnlich jung aus.“
„Er ist auch der Grund, warum ich den Kurs besuche. Soziologie ist nicht gerade ein Lieblingsfach von mir, aber seine Vorlesungen sind ein Erlebnis.“
Und heute zum letzten Mal?“
Ja, nach dem Vortrag setzten wir uns zusammen und ich kann nur hoffen, dass meine Strategie aufgeht.“
„Das heißt aber für uns ... Sie brauchen ab jetzt keine Zeitschrift mehr von mir. Sollten wir uns nicht ...“
Wissen Sie was, ich komme morgen vorbei und erzähle Ihnen, wie es mir ergangen ist“.

*

„Wo ist Heinz?“ Melanie ließ ihren Blick schweifen und entdeckte den Gesuchten in einiger Entfernung auf einer Bank sitzend. Der erwiderte ihren Gruß, indem er die Bierflasche hob.
Dennis zupfte imaginäre Fussel von seiner Jacke. „Ist nicht gut für das Geschäft, wenn er hier dauernd rumhängt. Außerdem wollte ich ungestört mit Ihnen reden und Sie fragen, ob wir nicht irgendwann zusammen ... aber berichten Sie erst, wie es gestern gelaufen ist.“
„Das ist schnell erzählt, es hat funktioniert.“
„Gratuliere, Sie dürfen also bei der Versuchsreihe mitmachen?“
„Es ging gar nicht um das Experiment. Ich sagte ja, dass mich Soziologie nicht sonderlich interessiert.“
„Warum dann der ganze Aufwand mit der Zeitschrift?“
„Sie haben doch auf dem Foto gesehen, wie attraktiv unser Professor ist. Ich bin mir sicher, auch andere Studentinnen haben die Vorlesungen nur wegen ihm besucht.“
Und er ...“
“Er hat mich zum Essen eingeladen, heute Abend, ganz privat, ohne Psychologie.“ Melanie gab Dennis einen Kuss auf die Wange. „Danke, dass Sie mir dabei geholfen haben.“
Im Gehen deutete sie zur Bank. „Seien Sie nicht zu streng mit ihm.“
Mit entgleisten Gesichtszügen stand Dennis einige Minuten da, bevor er Heinz heranwinkte. „Komm schon her, ich geb‘ Einen aus.“









































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#2

RE: SGZ 44 "Am Kiosk" von Herbert Glaser

in Die Geschichten der Woche 03.11.2021 18:12
von Doro • Federlibelle | 2.270 Beiträge | 8898 Punkte

Hallo @Herbert Glaser ,

armer Dennis. Im Gegensatz zu ihm war mir schnell klar, warum Melanie diese Zeitung kauft. Sie hatte Erfolg und Dennis geht leer aus. Na ja, seine Investionen machen sich bestimmt bezahlt. Irgendwann.

Die zeitlichen Abstände optisch durch Absätze darzustellen, ist eine gute Idee.

Gern gelesen.

LG
Doro


PS.: Ist das ein Versehen, dass manche Wörter fett und manche normal sind? Stört ein bisschen beim Lesen.


Gib jedem Tag die Chance, der schönste deines Lebens zu werden. (Mark Twain)
zuletzt bearbeitet 03.11.2021 18:13 | nach oben springen

#3

RE: SGZ 44 "Am Kiosk" von Herbert Glaser

in Die Geschichten der Woche 03.11.2021 19:54
von Herbert Glaser • Federlibelle | 664 Beiträge | 1233 Punkte

Hallo Christa,

vielen Dank!

Es ist keine Absicht, bei mir sieht es richtig aus.

Das mit den ungleichen Formatierungsdarstellungen bei den verschiedenen Programmen bzw. Computern (ich arbeite an einem Mac) ist manchmal nervig!

Liebe Grüße

Herbert


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#4

RE: SGZ 44 "Am Kiosk" von Herbert Glaser

in Die Geschichten der Woche 04.11.2021 15:25
von MIO • Fleißbiene / Fleißdrohne | 46 Beiträge | 140 Punkte

Hallo @Herbert Glaser
Deine Geschichte ist wie immer sehr lebendig und liest sich in einem Rutsch weg. Mir fehlt nur etwas die Tiefe. Warum verliebt sich Dennis so knall auf Fall in eine Frau die eine Psychologiezeitschrift kauft und wirft sein ganzes Leben über den Haufen? Was fasziniert ihn an ihr...
LG MIO


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#5

RE: SGZ 44 "Am Kiosk" von Herbert Glaser

in Die Geschichten der Woche 04.11.2021 21:01
von Herbert Glaser • Federlibelle | 664 Beiträge | 1233 Punkte

Hallo Mio,

es war halt Liebe auf den ersten Blick.

Und wo die Liebe hinfällt ...

Dass Dennis sein ganzes Leben über den Haufen wirft, wäre für mich etwas überinterpretiert.

Aber er hat natürlich etwas für sein Leben gelernt.

Viele Grüße

Herbert


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#6

RE: SGZ 44 "Am Kiosk" von Herbert Glaser

in Die Geschichten der Woche 05.11.2021 12:34
von Bree • Federlibelle | 4.190 Beiträge | 16683 Punkte

Lieber @Herbert Glaser

gerade habe ich versucht, die Formatierung gleichmäßiger zu gestalten, leider vergeblich.
Egal, die Geschichte liest sich sehr schön, finde ich. Bei jedem "hat aber nichts mit dir zu tun" musste ich schmunzeln.
Dieser Teil gefiel mir auch richtig gut.

Zitat von Herbert Glaser im Beitrag #1
Ungekämmte Haare tanzten kreuz und quer auf seinem Kopf herum. Ein armseliger Flaum von Schnurrbart zierte die Oberlippe.

Nachdem erwähnt wurde, dass der Prof attraktiv ist, ahnte ich, worauf das Ganze hinauslaufen würde. Blöd für Dennis, aber vielleicht gibt es ja doch noch ein Happy End für ihn. Falls der tolle Professor sich als Pfeife entpuppt und Dennis Melanie doch noch mal über den Weg läuft ... Ich fände es toll, mal eine Lovestory zu lesen zwischen einer Studierten und einem Kioskverkäufer.

Übrigens hatte meine Mutter viele Jahre einen Kiosk, in dem natürlich auch ich mitgearbeitet habe. Einer unserer "Stammgäste" hieß ebenfalls Heinz, an den musste ich natürlich gleich denken. Er bestellte immer ein 'Gedeck', sprich eine Dose Bier und einen Flachmann Korn. Auch morgens schon. Er hatte immer seinen Dackel dabei.

Langer Rede, kurzer Sinn: Ich habe mich bestens unterhalten gefühlt!

LG
Bree


Der Kriminalschriftsteller ist eine Spinne, die die Fliege bereits hat, bevor sie das Netz um sie herum webt.
(Sir Arthur Conan Doyle)

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Alles über meine Bücher & mich findet ihr auf meiner Website: www.brittabendixen.de
Einen eigenen Youtube-Kanal habe ich auch. Dort lese ich einige meine Geschichten.
Den Button findet ihr auf meinem Profil.
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#7

RE: SGZ 44 "Am Kiosk" von Herbert Glaser

in Die Geschichten der Woche 05.11.2021 13:57
von Herbert Glaser • Federlibelle | 664 Beiträge | 1233 Punkte

Hallo Bree,

da sieht man, dass dieser "Heinz" gar kein Klischee ist.

Mir gefällt die Figur richtig gut, vielleicht greife ich sie mal wieder auf.

Er weiß schließlich, wie das Leben läuft.

Viele Grüße

Herbert


Bree findet das Top
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#8

RE: SGZ 44 "Am Kiosk" von Herbert Glaser

in Die Geschichten der Woche 06.11.2021 17:22
von Gini • Federlibelle | 1.765 Beiträge | 3609 Punkte

@Herbert Glaser mir hat deine Geschichte richtig gut gefallen. Sie war so aus dem Leben gegriffen.
Ich glaube einen Heinz gibt es fast an jedem Kiosk. Und deiner war nicht dumm.
Er hat schon gecheckt, dass die Veränderungen bei Dennis mit der Studentin zu tun hatte.
Der arme Dennis, er tat mir leid. Ich glaube er wäre die bessere Wahl für das Mädel. Ist so
eine Gefühlssache von mir.


Gedanken sind nicht stets parat,/ Man schreibt auch, wenn man keine hat.

Wilhelm Busch (1832-1908)
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#9

RE: SGZ 44 "Am Kiosk" von Herbert Glaser

in Die Geschichten der Woche 06.11.2021 19:26
von Herbert Glaser • Federlibelle | 664 Beiträge | 1233 Punkte

Hallo Gini,

Heinz ist echt smart, ich habe ihn richtig ins Herz geschlossen.

Und Dennis findet sicher irgendwann die Richtige.

Viele Grüße

Herbert


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