#1

Die Sache mit Halbweise…

in Romanprojekte & was damit zusammenhängt 28.03.2026 17:19
von Gedankenkosmos • Forums-Schmetterling | 65 Beiträge | 415 Punkte

Hallo Ihr Lieben,

ich habe an der einen oder anderen Stelle mein Romanprojekt schon angedeutet.

Wenn wir nun einen Blick hinter die Kulissen werfen würden, dann säße dort seit drei Monaten jemand, der versucht, seiner Geschichte Leben einzuhauchen. Das wirkt noch relativ kurz, aber die eigentliche Wahrheit, diese Chance suche ich schon seit 25 Jahren.

Zeitzeugen sind die unzähligen kleinen Geschichten, die vollen, zerknitterten Notizbücher und Servietten, die hier überall um mich herumfliegen. Wie kleine Erinnerer der verlorenen Zeit. “Morgen, morgen fange ich wirklich an” - und dann bist du plötzlich 45.

Vor drei Monaten hat es mich plötzlich gepackt. Ich wollte der Geschichte, meiner Geschichte endlich zu hören. Ich habe viel gelesen über Genre, wie Romane entstehen und Erzählperspektiven. Im autofiktionalen Roman habe ich mich wiedergefunden. Biografien von normalen Menschen haben es in der Literatur eher schwer.

Dann habe ich angefangen, ein Gerüst für mein Buch zu finden. Ich setzte meinen Protagonisten Jens mit einem fremden Brief und einem Deutschlandticket in den Zug.

Im Grunde schaffte ich damit drei Ebenen:

A) Die Gegenwart im Zug, als Reise vom Osten in den Norden zur Briefübergabe an Herberts Tochter

B) Die Vergangenheit, die durch Trigger während dieser Reise auf Bahnhöfen, im Zug und dazwischen immer wieder auftaucht und eigentlich erklärt, warum diese Reise notwendig ist und wer Jens als Mensch ist.

C) Das Pflegeheim in dem Jens arbeitete und die Verbindung zu Herbert, den ich aus meinen eigenen Erfahrungen als Querschnitt dieser Zeit und als Spiegel für Jens eigenen Ängste erstellt habe. Gleichzeitig ist er mit seinem nicht abgeschickten Brief die Motivation für Ebene A.

Mein Schreibstil ist sehr introperspektiv, nah an Jens, was dazu führt, dass es keinen wirklichen Plot gibt. Ebene C wurde somit der ‘Kompromiss’, um zumindest ein wenig eine logische Handlung für den Leser zu haben. Ansonsten ist mein Roman eher ein Entwicklungsroman, In dem sich die Bewegung nicht außen, sondern im Inneren von Jens abspielt.

Von der Grundfrage getragen:

Wie kann man in sich ankommen, wenn man immer das Gefühl hatte - zu spät zu sein?

Erinnerungen sind bei mir immer stark mit Gegenständen, Gerüchen oder Geschmack verbunden. Der ungeliebte, sehr süße Waldmeistersirup meiner Oma, der Kohle Geruch im Heizwerk meines Vaters oder die sperrige, große Schrankwand im Wohnzimmer.

Dabei erzähle ich die Geschichte von Jens, die sehr nah an meiner ist, nicht analysiert oder wertend als erwachsener Erzähler, sondern von unten, als der Junge, der Jugendliche oder junge Erwachsene - und wie er es erlebt hat und verstehen konnte.

*******
Ein Beispiel:​

»Jens, komm jetzt.«
Sein Arm fühlte sich an, als würde er wie Kaugummi lang gezogen. Er wollte stehen bleiben und die Autos auf der langen Dorfstraße beobachten. Seine Füße malten kleine Kreise auf dem Boden. Sie stemmten sich gegen die großen Schritte der Mutter.

​»Los jetzt!«
Aus den Augenwinkeln sah er schon die alte Villa. Mit den vielen Fenstern, die wie Augen auf ihn herabblicken. Das quietschende Eisentor war kein Hindernis für seine Mama. Jens drückte ihre Hand fester. Der lange Kiesweg bis zur Tür, die immer schwer ins Schloss fiel.

Bumm. Dann standen sie vor der Erwachsenen. Mama und sie wechselten schnell Worte. Während Jens Tante Erika musterte. Keine Gefahr, er atmete erleichtert aus.

​»Tschüss, mein Kleiner.«
Noch während Mama sprach, rannte Jens los. Seine Füße kannten den Weg durch den Gang bis zum Fenster auf Toilette. Er stand dort und wartete. Sein Blick verwischte sich leicht. Seine Hände fuhren über die Augenwinkel.

Jens wartete auf den Moment, als das Haus seine Mama wieder ausspuckte. Sie lief in langen Schritten den Kiesweg hinunter. Er winkte. Mama lief schnell. Sein Herz klopfte wild in der Brust. Endlich stoppte Mama kurz, drehte sich um und winkte zurück. Jens atmete aus und blieb stehen, bis sie in der Ferne verschwand.

*******

In den letzten Monaten sind nach und nach viele Erinnerung Szenen entstanden, 'Kesseldrachen’ und ‘Er hat gute Laune’ habt ihr im SGZ schon lesen können.

Dazu habe ich drei Szenen geschrieben, die Ebene C und Herbert ein Gesicht geben. Und nach und nach aufklären, warum Jens nach Lübeck fährt.

Damit sind wir in meinem Dilemma angekommen. Ich habe noch nicht die Erfahrung und wohl das Handwerk, wie ein Roman Struktur wirklich funktioniert. Ich habe jetzt unzählige Textdateien in einem Ordner, Puzzleteile vorliegen und muss diese jetzt logisch mit der Gegenwart im Zug verweben - ohne dass sich die Ebenen untereinander übertünchen.

An der Stelle merke ich, dass ich als unstrukturierter, chaotischer Mensch oft an meine Grenzen komme. Kurzgeschichten haben einen klaren Anfang und ein klares Ende.

Ich habe angefangen, den Roman in einem Fließtext zu schreiben, weil so die authentischen Texte bei mir entstehen. Sobald ich beginne bewusst zu konstruieren, verliert es für den Augenblick seine Qualität.

Doch ich merke, wie ich nach ca. 20000 Wörtern selbst immer mehr in Richtung Logik und dem Halten des Leser Focus rutsche. Und ein wenig die Lockerheit beim Schreiben verloren geht.

Vielleicht ist ein introperspektivischer, autofiktionaler Roman nicht die beste Wahl als Debüt für einen Autor - ohne große Erfahrung und geübtes Handwerk. Aber für meinen Roman und meinen Schreibstil ist es eigentlich das richtige Overlay.

Zwischendurch wollte ich schon hin schmeißen und einfach ein Kurzgeschichtenband machen. Dann dachte ich aber, ich muss nur eine strukturierte Arbeitsgrundlage finden - Arbeitstitel für die Kapitel, obwohl es später keine geben soll. In den einzelnen Erinnerung-Szenen schon die Trigger Texte für Ein - und Ausstieg in der Gegenwart zu schreiben? Mir klarer machen, wo die innere Verschiebung von Jens in den einzelnen Passagen liegt?

Ich bin noch auf der Suche und glaube gerade an einem Punkt, wo sich entscheidet, ob ein Debüt für immer in der Schublade verschwindet oder zum Ende kommt.

Warum ich das hier jetzt so schreibe?

In der Hoffnung, dass jemand von euch mit dem Blick von außen eine Idee oder Anregung hat, wo ich zu verkopft bin oder ein anderer Weg besser wäre? Oder Tipps, wie ihr sowas angehen würdet, um dem Ganzen eine Struktur und vor allem Sicherheit gegen die inneren Zweifel zu geben?

Liebe Grüße
Gedankenkosmos


nach oben springen


Besucher
3 Mitglieder, 1 versteckter und 1 Gast sind Online:
blauer Granit, Doro, Heide

Besucherzähler
Heute waren 269 Gäste und 12 Mitglieder, gestern 249 Gäste und 13 Mitglieder online.

Forum Statistiken
Das Forum hat 4165 Themen und 31794 Beiträge.

Heute waren 12 Mitglieder Online:
-jek, blauer Granit, Bree, Carlotta Lila, Doro, Gedankenkosmos, Gini, Heide, Jana88, johanna, moriazwo, Zivilfahndung