#1

Action: Helft mir!

in Archiv 08.06.2025 22:08
von Yggdrasil • Federlibelle | 1.750 Beiträge | 4498 Punkte

Helft mir!

Nein, nein! Natürlich hätte ich das nicht tun dürfen. Dieses Mal nicht und letztes und all die anderen Mal auch nicht. Aber was soll ich dagegen machen? Kann mir denn keiner helfen??
Ich schaue mich um; keiner zu sehen. Ich habe nichts dabei, um die Frau zuzudecken. Kein schöner Anblick: die nassen Haare, der Schlamm aus dem Graben, die weiße Haut, der dicke Bauch. Aber so ist es immer, danach.
Ein Geräusch, ich schaue auf. Ein Fahrrad fährt vorbei, ein Mädchen, mit weit aufgerissenen Augen. Wilde Angst! Ich mache ein paar Schritte auf sie zu, stolpere aber über meine eigene Hose.
„Mädchen, ich will dir doch nichts tun! Dir nicht, du hast doch keinen dicken Bauch! Habe keine Angst vor mir, bitte!“ Aber sie tritt in die Pedale, die Zöpfe fliegen.

Ich muss weg hier, mich darf keiner finden. Sonst schimpft die Mutter wieder mit ihrer lauten und harten Stimme, die mir Furcht einflößt. „Gott hat nicht gewollt, dass du so etwas machst, und Gott wird dich strafen dafür.“
Immer droht sie mit Gott, denn mit den Schlägen meines Vaters kann sie nicht mehr drohen, er ist gestorben, als Pastor an der Front erschossen.
Wo soll ich hin? Nur weg vom Dorf, am besten in die entgegengesetzte Richtung. Ich drücke mich am Straßengraben entlang, immer den Blick nach oben zur Straße gerichtet, nach hinten, nach vorne. Keiner darf mich finden.

Das Mädchen auf dem Fahrrad! Holt sie Hilfe? Hat sie erkannt, wer ich bin, was ich gemacht habe? Bestimmt nicht in ihrer Angst, aber was, wenn doch? Meine Gedanken rasen. Wo soll ich hin? Bald ist es Abend, dann wird es dunkel. Und dann? Wo soll ich schlafen?
Geräusche! Laute Rufe! Ich höre es, verstehe aber die Worte nicht, aber es sind mehrere. Ich schaue zurück. Tatsächlich! Fünf, sechs oder mehr Leute kommen mir hinterher. Sie rennen! Ich stolpere von der Grabenkante auf die Straße, ich muss jetzt schnell sein. Aber sie sind hinter mir her. Ich renne, so schnell ich kann, schaue über die Schulter zurück. Mein Gott, einer ist auf dem Fahrrad. Schneller! Ich keuche, der Schweiß rinnt von der Stirn, das Hemd klebt auf dem Rücken.
„Ich habe ihn gleich!“ Das muss der Radfahrer sein. Ein Johlen der Fußmeute feuert ihn an. Gleich wird er mich haben. Was nun?
Ich schlage einen Haken, dann wieder auf die Straße und in den Graben der anderen Straßenseite. Verflucht, er führt Wasser, ich bekomme nasse Füße. Hinter mir höre ich das Bremsen des Fahrrades, jetzt kommt er auf mich zu. Ich klettere weiter, über den Stacheldrahtzaun, dann zur Wiese. Der Radfahrer muss das Fahrrad hingeworfen haben, ich höre es Scheppern.
„Greif ihn dir, Manni. Wir sind gleich da. Das Schwein entkommt uns nicht.“
Verdammt, ich hänge mit der Hose im Stacheldraht fest. Ich reiße, ich zerre, und Ratsch zerreißt die Hose, aber ich kann weiter. Dem Mann hinter mir, den sie Manni gerufen haben, ergeht es anscheinend nicht besser, ich höre ihn vor Schmerz schreien. Ich renne weiter, quer über die Wiese. Nun sind die anderen auch da. Ich blicke nach hinten. Mindestens acht Mann, mit Knüppel und einer mit einer Forke bewaffnet. Wie soll ich mich da wehren? Mir bleibt nur die Flucht, aber verdammt, das Rennen auf der feuchten Wiese ist so schwer, meine Muskeln schmerzen, die Lunge brennt.
Ich habe etwas Abstand gewonnen, die Verfolger sind noch am Zaun beschäftigt, aber Manni hat es als erster geschafft. Er sprintet hinter mir her.
„Bleib stehen, du Schwein!“
„Wir kommen, Manni, wir treiben ihn in die Enge am Kanal.“
Kanal? Welcher Kanal? Und wo ist der?
Wieder ein Zaun, noch ein Graben und dann der Deich. Aber ich sinke in den Graben, Wasser und Schlamm halten mich fest. Nur schwer komme ich aus dem Morast, gerade, bevor Manni mich greifen kann. Nun höre ich, dass die ganze Meute da ist, sie haben uns eingeholt.
Jetzt den Deich hinauf und auf der anderen Seite hinunter – zum Kanal. Er ist breit, mindestens 25 Meter, aber ich muss hinein. Noch ein paar Meter, dann bin ich am Ufer.
„Aua.“ Der Schmerz lässt mich aufheulen. Ich bin umgeknickt, mein Knöchel schmerzt höllisch. Doch ich muss weiter, raffe mich auf, humpele ein paar Schritte und will ins Wasser springen. Aber ich rutsche nur die Böschung hinunter.
„Nun haben wir dich!“
Ich liege halb im Wasser, halb an der Uferböschung. Mein Blick irrt nach hinten, die Meute hat sich am Ufer versammelt. Sie schreien und drohen mit den Fäusten. Ganz vorn kann ich den Mann mit der Forke entdecken. Er hält sie mit beiden Händen, die spitzen Zinnen zeigen in meine Richtung. Feindselig schaut er mich an, Schadenfreude, Mordlust in seinen Augen.
Dann stößt er zu, die Zinnen treffen mir in die Seite. Der Stoß hat mich nun ganz ins Wasser getrieben. Ich will schwimmen, aber die Forke hat sich in meinem Hemd verfangen.
„Drück ihn unters Wasser!“
Und Manni gehorcht. Der Druck wird stärker, ich bin jetzt vollends unter Wasser. Dann lässt er kurz von mir, ich komme prustend hoch, um Luft zu holen.
„Runter mit ihm!“
Wieder stößt Manni zu, drückt mich unter Wasser. Die anderen johlen. Ich komme jetzt kaum noch zum Luftholen, die Lungen schmerzen.
Einmal noch lassen sie mich an die Oberfläche, aber nur ganz kurz, dann beginnt das Spiel von Neuem. Ich bin verloren. Mir wird schwarz vor Augen.

Aber ich bin nicht tot. Sie haben mich wohl aus dem Wasser gezogen, und als sie Lebenszeichen an mir wahrnahmen, haben sie mich gefesselt. Mit Stacheldraht, das Blut tropft unaufhaltsam von meinen Fingern ins Gras. Mein ganzer Körper schmerzt von den Schlägen und den Stichen mit der Forke.
„Vorwärts!“
Ein Schlag mit einem Stock unterstreicht den Befehlston. Zu den Stockschlägen gesellt sich in unregelmäßigen Abständen ein Stoß mit der Forke.
„Mutter“, wimmere ich.
„Hörst du den? Er will zu seiner Mama!“
„Zu Mamas, besonders zu werdenden Mamas, fühlt er sich hingezogen!“
Die anderen lachen. Was wissen die schon von meinen Problemen. Die Meute treibt mich vor sich her.
Wir haben mittlerweile die Straße erreicht, sind auf dem Weg ins Dorf. Dort vorne sehe ich bereits das Ortsschild.
„Ich sage im Dorf Bescheid, dass wir kommen.“ Manni steigt auf sein Fahrrad und jagt davon.
„Ja, gib denen Bescheid, dass sie den Galgen aufstellen!“
Johlen, Lachen, Gegröle. Galgen? Meinen die das Ernst?
Schläge, Stiche, üble Witze, Drohungen. Ich stolpere mehr, als dass ich laufe. Nun treiben sie mich ins Dorf, die Dorfstraße entlang. Manni hat gute Arbeit geleistet. Leute sind aus ihren Gärten oder Häusern gekommen, haben sich unserem Zug angeschlossen.
„Schon wieder eine Schwangere? Der ist verrückt im Kopf.“
„Halt“, ruft einer. „Wir müssen die Polizei rufen.“
„Es gibt nur ein Telefon im Dorf, ich laufe zur Poststelle.“

Der Zug verlangsamt sich, wir sind bei der Gaststätte angekommen.
„Wir binden ihn an, bis die Polizei da ist.“
„Warum so lange warten? Ich habe ein Seil dabei.“ Triumphierend schwingt der Mann das Seil. „Wir knüpfen ihn auf.“
Ein anderer geht dazwischen, es entsteht ein Gerangel.
„Gib mir das Seil, wir werden ihn anbinden.“
Es ist der Bürgermeister, der sich letztendlich durchsetzen kann. Wie bei Gastwirtschaften so üblich, gibt es auch hier eine Viehwaage und einen Pferch für Schweine oder Ochsen, die zum Verkauf stehen.
Sie treiben mich hinein und binden mich an einen in der Hausmauer eingelassenen Eisenring.
„Der läuft uns nicht davon!“
Alle stehen sie um mich herum, Männer, Frauen, Kinder. Ich werde bespuckt, ihr Speichel tropft mir vom Gesicht. Andere bewerfen mich mit Schweinescheiße, die sich noch im Pferch befindet.
Wie immer, wenn es mir ganz schlecht geht, schließe mich in eine Kapsel, ich merkt, fühle und höre nichts mehr. Ich nehme die Schmähungen nicht mehr wahr, auch nicht die Schmerzen.
Erst die Sirenen eines Polizeiautos holen mich in die Gegenwart zurück.
Endlich! Hoffentlich sperren sie mich jetzt ein. Einer muss mir doch helfen können gegen diese bösartige Krankheit. Ich schaffe das allein nicht.
Helft mir!


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#2

RE: Action: Helft mir!

in Archiv 09.06.2025 12:14
von Gini • Federlibelle | 2.726 Beiträge | 6249 Punkte

@Yggdrasil spannende und Actionreiche Geschichte. Dem Setting nach, könnte es in einem Dorf sein.
Vielleicht in einem anderen Jahrhundert, wegen dem Galgen? Aber ich kann mich auch täuschen.
Anscheinend ermordet er schwangere Frauen. Natürlich würde ich gerne wissen, warum gerade schwangere.
Das hat wahrscheinlich etwas mit seiner eigenen Mutter zu tun. Sie scheint eine sehr harte Frau zu sein.
Ich nehme mal an, dass du die Erklärung dem Leser überlassen möchtest.
Er scheint aber auch unglücklich wegen seiner Neigung zu sein. Deshalb der Ausspruch "Helft mir."
Nicht alle Mörder sind gleich. Manche wollen es gar nicht, können aber nicht anders.
Mir sind ein paar Kleinigkeiten aufgefallen:

Zitat von Yggdrasil im Beitrag #1
die anderen Mal auch nicht.

Soll es Male heißen?
Zitat von Yggdrasil im Beitrag #1
wenn es mir ganz schlecht geht, schließe mich in eine Kapsel, ich merkt, fühle und höre nichts

schließe ich mich in ... oder ist der Satz so gewollt? Und das Wort merke.


Gedanken sind nicht stets parat, Man schreibt auch, wenn man keine hat.

Wilhelm Busch (1832-1908)
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zuletzt bearbeitet 09.06.2025 12:15 | nach oben springen

#3

RE: Action: Helft mir!

in Archiv 09.06.2025 12:17
von Bree • Federlibelle | 6.317 Beiträge | 28191 Punkte

Lieber @Yggdrasil

bei deiner Geschichte ist man als Leser voller widersprüchlicher Emotionen. Da ist ein Mann auf der Flucht, der Schwangere angreift, sie womöglich gar tötet. Mit so einem Menschen mitzufühlen, ist da schwer. Und dennoch spürt man unterschwellig und am Ende auch deutlich, dass er selbst ebenfalls unter diesen Taten leidet, dass er Hilfe sucht.
Was mag der Auslöser für diese Gewaltattacken sein? Der prügelnde Vater, die harte Mutter? Oder etwas völlig anderes? Als Leser muss ich da raten, mache mir meine Gedanken.
Die Verfolgungsjagd habe ich atemlos verfolgt. Du hast sie plastisch und actionreich beschrieben, man sah und hörte die Meute, spürte die Bedrohung durch die Forke, konnte die Erschöpfung nachempfinden.

Ein starker Text!

LG
Bree


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Geschichten zu schreiben ist für mich ein Weg, in andere Leben, andere Zeiten, andere Orte abzutauchen. Nebenbei kann man Persönlichkeiten erschaffen und ihr Schicksal lenken. Ich kann mir kein schöneres Hobby vorstellen!


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#4

RE: Action: Helft mir!

in Archiv 09.06.2025 12:18
von Yggdrasil • Federlibelle | 1.750 Beiträge | 4498 Punkte

@Gini Danke dir fürs Lesen und Kommentieren. Die Erbsen habe ich leider zu spät bemerkt ...
Es handelt sich um eine wahre Begebenheit, auf dem Dorf, aber Ende der 1950er Jahre. Der Kern ist wahr, war die Taten und die Verfolgungsjagd angehen. Er wurde lebenslang in einer psychiatrischen Klinik verwahrt.


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#5

RE: Action: Helft mir!

in Archiv 10.06.2025 23:39
von Zivilfahndung • Federlibelle | 954 Beiträge | 11472 Punkte

Ich schätze, da merkt jemand einen (kranken) Zwang, der sich nicht aktiv von ihm selber unterdrücken lässt, @Yggdrasil

So ist der Text für mich eine Mischung aus Action, deren Szenen stimmungsvoll mit Eindrücken und merkbarer Bedrohung beschrieben werden, und (ich denke auf seine Weise schon reuigem, da Hilfe-forderndem) Verbrecher

Viele Grüße,
Christian


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#6

RE: Action: Helft mir!

in Archiv 11.06.2025 03:35
von Sturmruhe • Federlibelle | 3.144 Beiträge | 16876 Punkte

@Yggdrasil

Actionreich und bedrückend, deine Geschichte. Ich bin hin- und hergerissen zwischen Mitgefühl und Abscheu. Mein Verständnis für einen Menschen, dessen Opfer schwangere Frauen sind, hält sich in sehr engen Grenzen. Dennoch, wer weiß, was der Hintergrund für diesen Zwang ist. Hinzu kommt, dass er sich der Unmenschlichkeit seiner Taten bewusst ist, sich aber offenbar nicht dagegen wehren kann, diesem Zwang zu folgen. Man spürt, wie sehr er selber seine Taten verabscheut, aber auch seine Angst vor dem, was die anderen ihm antun werden, wenn sie ihn einholen. Und er ruft nach seiner Mama. Bittet um Hilfe. Ja, doch, da ist auch Mitgefühl bei mir. Ein bisschen zumindest.

Viel Erfolg damit beim Wettbewerb!

Liebe Grüße
Marion


„Wir sind das, was wir wiederholt tun. Vorzüglichkeit ist daher keine Handlung, sondern eine Gewohnheit.“
Aristoteles

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#7

RE: Action: Helft mir!

in Archiv 25.06.2025 07:10
von Anka • Federlibelle | 878 Beiträge | 4048 Punkte

Da hast du gleich zwei Themen, Action und Verbrechen, untergebracht @Yggdrasil. Besonders beklemmend ist für mich der Gedanke, dass es sich um eine wahre Begebenheit handelt. Es ist bestimmt nicht einfach, aus der Sicht eines psychisch kranken Mörders zu schreiben. Aber das ist dir sehr gut gelungen. So gut, dass man fast Mitleid mit ihm empfindet und dabei über sich selbst erschrickt. Die Geschichte wirkt noch lange nach.


Geschichten schreiben ist wie zaubern!
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#8

RE: Action: Helft mir!

in Archiv 28.06.2025 13:15
von Jana88 • Federlibelle | 792 Beiträge | 1835 Punkte

Ja, man hörte schon von solchen Fällen, dass die Leute sich freuen, endlich gerettet zu werden vor ihren Gedanken und Taten.
Du hast das wirklich gut beschrieben. Die Jagd war rasant und zum Glück haben sie ihn gekriegt. Jetzt kann es ja nur bergauf gehen.


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Am Ende wird alles gut. Wenn es nicht gut wird, ist es noch nicht das Ende *Oscar Wilde
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#9

RE: Action: Helft mir!

in Archiv 28.06.2025 14:33
von Yggdrasil • Federlibelle | 1.750 Beiträge | 4498 Punkte

@Jana88 @Anka Danke euch. Ja, eine wahre Geschichte. Der Mensch war sein Leben lang in der geschlossenen Psychiatrie. Allerdings wurden an ihm medizinische Versuche unternommen, wie sie heute nicht mehr sein dürfen. Er hat dadurch auch ein Bein verloren.


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