#1

Verbrechen: Frau Kruse

in Archiv 26.05.2025 22:13
von Jana88 • Federlibelle | 792 Beiträge | 1835 Punkte

Frau Kruse


Robin trank noch einen Schluck Wasser. Mehr hatte der kahle Verhörraum nicht zu bieten. Er könnte etwas Hochprozentiges gebrauchen, aber einem Siebzehnjährigen hätten sie sowieso nichts gegeben.
Die beiden Beamten vor ihm blickten ihm voll in die Augen. Man hatte ihn in der besagten Nacht am Tatort gesehen und ein Leugnen war zwecklos, aber er versuchte es weiterhin damit, zu schweigen. Sein Vater war auf dem Weg hierher. Er war Anwalt und würde ihn schon raushauen.
„Komm schon, Junge. Das ist doch albern. Du wurdest gesehen. Also berichte uns doch lieber, was genau passiert ist. Dann fällt auch die Strafe milder aus.“
Und wieder ein Schluck Wasser. Robin starrte auf die Tischplatte. Die Alte war doch reich genug. Aber es gab Leute, die schließlich dringend Geld brauchten. Das war ungerecht verteilt.
Es klopfte an der Tür und sein Vater trat ein. Er gab den Beamten die Hand und setzte sich neben seinen Sohn. „Also, wie ist der Stand der Dinge?“, fragte er.
Die Kommissarin ergriff das Wort: „Ihr Mandant … ähm … Ihr Sohn, schweigt. Er ist von Nachbarn des Opfers aber eindeutig gesehen worden.“
Robin fiel ein, wie die Nachbarn darauf kommen konnten: „Kein Wunder. Ich bin ja oft zum Rasenmähen bei Frau Kruse. Und da denken die Nachbarn, dass nur ein Teenager das gewesen sein kann. Na, schönen Dank auch.“
Sein Vater unterbrach ihn: „So, nun aber mal langsam. Was ist denn überhaupt passiert?“
Der männliche Beamte klärte ihn auf: „Bei Frau Kruse ist sehr wertvoller Familienschmuck gestohlen worden. Ihr Sohn ist gestern Abend an dem Haus gesehen worden, und er kennt sich da schließlich sehr gut aus. Also spricht vieles gegen ihn.“
Der Vater atmete tief durch. „Kann ich vielleicht kurz allein mit meinem Sohn sprechen?“
„Aber natürlich.“ Die beiden erhoben sich und schlossen die Tür von außen.
Robins Vater drehte sich zu ihm: „So, erzähl mal. Was ist mit dem Schmuck?“
„Woher soll ich das wissen? Die haben mich einfach aus der Schule geholt. Ist das normal?“
„Bei einem begründeten Verdacht schon, also raus mit der Sprache. Die denken sich das schließlich nicht aus.“
Robin verschränkte die Arme vor der Brust. „Das war so peinlich. Die haben mich behandelt wie einen Verbrecher. Die anderen haben bestimmt hinterher gelacht.“
„Ich glaube, das ist gerade dein geringstes Problem. Wo ist der Schmuck von Frau Kruse?“
„Woher soll ich das wissen? Die ist doch reich genug. Vermutlich hat sie ihn nur verlegt. So langsam wird sie ja tüdelig.“
„Jetzt werde mal nicht frech. Frau Kruse ist noch richtig rüstig für ihr Alter.“
„Trotzdem weiß sie doch gar nicht, wohin mit der ganzen Kohle.“
„Und du verdienst beim Rasenmähen schließlich nicht schlecht. Also erzähl mal, warst du gestern Abend bei Ingo zum Matheüben?“
„Der konnte nicht. Ich stand vor der Tür, aber er hat einfach nicht aufgemacht.“
„Und wo warst du stattdessen?“
Stille.
„Robin?“
Sein Tonfall war schriller geworden. Robin rang die Hände: „Du weißt doch, die Sache mit meinem Lehrer.“
„Du meinst, der mit dem kranken Kind?“
„Ja, sein Sohn muss dringend operiert werden. Aber die Krankenkasse zahlt es nicht. Eine Frechheit ist das.“
„Ja, das weiß ich alles. Und eure Klasse macht ja echt viele coole Aktionen, um Geld zu sammeln. Das habe ich von Anfang an bewundert. Aber was hat das jetzt mit dem Schmuck zu tun?“
„Naja, wir haben letzte Woche Kassensturz gemacht. Bis wir die ganze Kohle zusammenhaben, ist der Junge schon gestorben. Und die Kruse sitzt auf ihren Millionen und ahnt nicht, wie schlecht es anderen auf der Welt geht.“
Der Vater lehnte sich zurück und fuhr sich mit der Hand durch die Haare. „Junge, Junge … was machst du nur für Sachen? Wir sollen wir aus der Nummer nur wieder rauskommen?“
Robin senkte den Blick und rang die Hände. „Ich weiß nicht, ich kann mich entschuldigen.“
„Na, das sowieso. Wir werden die Beamten jetzt wieder reinholen und du sagst die Wahrheit. Dann kommst du hoffentlich mit einigen Sozialstunden davon.“
Und so machten sie es. Die Polizei nahm alles zu Protokoll und Robin konnte nach Hause.
Mit seinem Vater und dem geklauten Schmuck ging er zu Frau Kruse. „Ach, mein Lieber, komm herein. Trinkt ihr einen Tee mit mir?“
Sie deutete auf die riesige weiße Couch im Wohnzimmer. „Aber du willst mir nicht kündigen, oder? So einen fleißigen jungen Mann findet man nicht überall.“
Robin senkte den Kopf: „Ich mag den Job auch sehr gern, aber wenn ich Ihnen das hier gesagt habe, werden Sie mir kündigen.“
„Aber mein Lieber“, sie füllte drei Tassen. „So ein Unsinn. Was sollte denn so schlimm sein?“
Robin holte seine Tasche hervor und öffnete sie. Frau Kruse erkannte den Inhalt und erstarrte.
„Jetzt kündigen Sie mir. Es tut mir schrecklich leid. Ich habe Sie sehr enttäuscht.“
„Oh, ja, das kann man wohl laut sagen. Aber ich habe dich schon als kleinen Steppken hier rumlaufen sehen. Du warst sehr süß und immer übertrieben höflich. Es war zum Piepen komisch. Und ich weiß, dass es dir nicht um teure Kleidung oder ein neues Handy ging. Jetzt raus mit der Sprache, warum du das gemacht hast. Und trinkt euren Tee, sonst wird er kalt.“
Mit glasigen Augen blickte sie auf ihren Schmuck und hielt die Tasche umklammert wie einen Schatz. Sie hörte sich die ganze Geschichte an und schickte beide nach Hause.
Robin hatte noch nie ein enttäuschteres Gesicht gesehen.
Er kam tagelang nicht aus seinem Zimmer und hatte zu nichts Lust. Der Termin seiner Verhandlung war auf nächste Woche gelegt worden und er hatte keine Angst davor. Genau genommen wollte er eine gerechte Strafe bekommen, denn er hatte sich noch nie so mies gefühlt.
In der Schule am nächsten Tag wurde er über den Lautsprecher ins Lehrerzimmer gerufen. Sein Klassenlehrer erwartete ihn.
Er hielt einen Scheck in der Hand und ihm liefen Tränen die Wangen herunter. „Robin, ich möchte dir danken. Deine Nachbarin hat mir gerade das komplette Geld für die Operation geliehen. Danke, dass du ihr meine Geschichte erzählt hast.“
Er ging an Robin vorbei und erst jetzt bemerkte er, dass Frau Kruse hinter ihm stand.
Der Lehrer gab ihr die Hand. „Vielen Dank. Sie retten meinem Sohn das Leben.“
Frau Kruse hielt ihm die Hand. „Aber es kann doch wirklich nicht sein, dass es am Geld scheitert. Mit der Rückzahlung nehmen Sie sich alle Zeit, die Sie brauchen.“
Sie ging an Robin vorbei und flüsterte: „Ich helfe gern, aber beim Schmuck meiner Oma kenne ich keinen Spaß. Und mein Rasen ist auch schon wieder viel zu lang, also sei Mittwoch bitte pünktlich.“
Sie zwinkerte und ging hinaus.
*Ende*


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Am Ende wird alles gut. Wenn es nicht gut wird, ist es noch nicht das Ende *Oscar Wilde
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#2

RE: Verbrechen: Frau Kruse

in Archiv 27.05.2025 08:06
von Bree • Federlibelle | 6.317 Beiträge | 28187 Punkte

Liebe @Jana88

wie schön, Happy End auf allen Kanälen. Robin behält seinen Job, der Junge kann gerettet werden, und der Schmuck ist wieder da.
Eine schöne Idee, gut umgesetzt. Gegen Ende ging alles ein bisschen zu schnell, aber das ist natürlich dem Zeichenkorsett geschuldet.

Sehr gern gelesen!
Viel Glück beim Wettbewerb!

LG
Bree


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Geschichten zu schreiben ist für mich ein Weg, in andere Leben, andere Zeiten, andere Orte abzutauchen. Nebenbei kann man Persönlichkeiten erschaffen und ihr Schicksal lenken. Ich kann mir kein schöneres Hobby vorstellen!


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#3

RE: Verbrechen: Frau Kruse

in Archiv 27.05.2025 18:08
von Gini • Federlibelle | 2.726 Beiträge | 6249 Punkte

@Jana88 eine rührende Geschichte. Robin ist ein Guter, denke ich.
Aber ich glaube auch, dass er mit Frau Kruse hätte reden können.
Sie scheint sehr verständnisvoll zu sein und hätte dem Lehrer vielleicht
auch so den Scheck gegeben. Sie ist auch ein guter Mensch.

Zitat von Jana88 im Beitrag #1
Ich helfe gern, aber beim Schmuck meiner Oma kenne ich keinen Spaß.

Das finde ich süß. An dem Schmuck scheint sie wirklich zu hängen.


Gedanken sind nicht stets parat, Man schreibt auch, wenn man keine hat.

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#4

RE: Verbrechen: Frau Kruse

in Archiv 28.05.2025 19:51
von Zivilfahndung • Federlibelle | 954 Beiträge | 11470 Punkte

Hallo @Jana88

Robins Nachname ist nicht zufällig vierbuchstabig?

Die Überlegung, an benötigtes Geld zu kommen, hatte den Haken, das es in einem strafbaren Diebstahl mündete

Wofür das Geld benötigt wurde, wird erst im Verlauf der Geschichte klar. Gut fand ich den offenen Umgang des Vaters mit dem Sohnemann (z.B. begründeter Verdacht, geringstes Problem, doch eine rüstige Frau)

Letzten Endes steht er zur Tat, das ist ihm hoch anzurechnen. Das Juristische bleibt offen, in andrer Hinsicht hat er enorm Glück. Ein zwar sehr schönes Ende, mir aber fast schon einen Tick zu schön / rührend. Es geht für mich dazu etwas schnell und komplikationslos

Viele Grüße,
Christian


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#5

RE: Verbrechen: Frau Kruse

in Archiv 29.05.2025 05:42
von Sturmruhe • Federlibelle | 3.144 Beiträge | 16876 Punkte

@Jana

Eine rührende Robin Hood Story mit Happy End. Für meinen Geschmack hättest du zwischendurch gerne irgendwo einen Konflikt einbauen könnten. Beispielsweise hätte der Vater zunächst etwas weniger verständnisvoll reagieren können. Dass Robin zu seiner Tat steht, spricht für ihn, wobei ein paar Sozialstunden schnell abgearbeitet und vielleicht nicht sonderlich abschreckend sind. Frau Kruse hätte ihn erstmal feuern können, um ihm noch zusätzlich richtig Feuer unter dem Hintern zu machen und ihn die Konsequenzen seines Handelns fühlen zu lassen. Die Szene später im Lehrerzimmer würde sich für ihn dann noch mehr wie eine zweite Chance anfühlen, er wird in Gnaden wiederaufgenommen und hat am Ende sein Ziel trotz allem erreicht. Dem kranken Kind wird geholfen. Aber die Zeichenbegrenzung lässt natürlich nicht allzu viel Spielraum.

Auf jeden Fall eine schöne Idee, es gibt so wenige Robin Hoods in der heutigen Zeit. Viel Glück beim Wettbewerb!

LG Marion


„Wir sind das, was wir wiederholt tun. Vorzüglichkeit ist daher keine Handlung, sondern eine Gewohnheit.“
Aristoteles

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#6

RE: Verbrechen: Frau Kruse

in Archiv 04.06.2025 22:33
von Carlotta Lila • Federlibelle | 2.665 Beiträge | 12614 Punkte

Liebe @Jana,

Es hat mir gefallen, worum es in deiner Geschichte geht:

Es gibt einen kranken Jungen, für dessen Heilung die Familie kein Geld hat.
Robin, der bei der reichen Nachbarin eine Vertrauensstellung genießt, klaut ihr Schmuck, um Geld für die Behandlung aufzutreiben.
Das ist natürlich eine Straftat.
Robin wird verdächtigt und gesteht auch bald.
Alle sind von dem edlen Motiv gerührt und deshalb geht die Geschichte gut aus.

Dein Text liest sich einerseits wie eine packende Story - andererseits habe ich das Gefühl, du hast sehr zielstrebig auf das Ende hingearbeitet, das dir vorschwebte, um die Geschichte rund zu machen. Ich war teilweise - vor allem in der ersten Hälfte deiner Story - total reingezogen in die Geschichte - da war es sehr spannend für mich. Danach hatte ich das Gefühl, dass du keine Konfliktsituation mehr einbauen wolltest.

Spannung ließe sich vielleicht aufbauen, wenn der Vater hinter den Kulissen nicht so locker auf die Geschichte reagieren würde.
Auch könnte die Nachbarin, die zwar auch edel mit der Spende reagiert hat, Robin ein bisschen mehr leiden lassen.

Denn wenn ich es recht verstehe, möchte deine Story rechtfertigen, dass der Zweck die Mittel heiligt und das es nur diesen einen Weg (für Robin) gegeben hat. Meiner Ansicht nach könntest du noch mehr in Robins Perspektive reingehen, um noch mehr Verständnis dafür zu erwecken, warum er dachte, so und nicht anders handeln zu müssen!

Super fand ich, dass du alles sehr lebendig in Dialogen aufgebaut hast!
Liebe Grüße & viel Glück beim Wettbewerb!

Carlotta Lila


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#7

RE: Verbrechen: Frau Kruse

in Archiv 05.06.2025 22:22
von Anka • Federlibelle | 878 Beiträge | 4048 Punkte

Liebe @Jana88,
da kann ich mir nur anschließen. Deine Geschichte von Robin und Frau Kruse hat mir sehr gefallen. Auch wie der Vater reagiert hat und natürlich das Ende. Ich bin bekennender Happy-End-Fan. Sehr sehr gern gelesen!


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#8

RE: Verbrechen: Frau Kruse

in Archiv 21.06.2025 14:15
von Yggdrasil • Federlibelle | 1.750 Beiträge | 4498 Punkte

@Jana88 Eine sehr anrührende Geschichte. Glück auf allen Seiten, nicht unbedingt wie im wahren Leben, aber gern gelesen!
Viel Erfolg!


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