#1

passiv-aggressives Verhalten

in Wiesenpraxis 30.09.2023 22:55
von Sabrina Meinen • Federlibelle | 569 Beiträge | 1677 Punkte

Neuankömmlinge lesen bitte zuerst: Forum Übersicht - Wegen Risiken und Nebenwirkungen und wer so in der Wiesenpraxis anzutreffen ist. (autorenwiese.de)

So, hier habe ich mein erstes Thema. Ich hoffe dies hilft euch für das Gestalten von Konflikten und Dialogen: passiv-aggressives Verhalten.

Das passiv-aggressive Verhalten möchte ich gern als ein Verhalten betrachten, welches wir fast alle mal zeigen und auch als einen Persönlichkeitsstil. Weil es keine Diagnose dafür, sind sich Experten uneinig, ob es eine Persönlichkeitssörung ist, weshalb lediglich von einem „Stil“ gesprochen wird.
Bei den meisten Menschen wird das passive-aggressive Verhalten nicht bewusst angewendet. Sie können sich oft nicht in Konflikten durchsetzen und bemerken mitunter gar nicht, dass sie Ärger/Wut empfinden. Diese Menschen handeln eher reflexartig und gehen in die Vermeidung ohne die Situation (nachhaltig) zu lösen.
Verhalten sich beide Parteien passiv-aggressiv, kann sich die Situation aufschaukeln und zu einem wunderbaren Höhepunkt in einer Story werden …

Damit ihr es verstehen könnt, habe ich erst einmal Beispiele gesammelt und einen Teil davon mit Erklärung versehen.

Arzt: "Ich verordne Ihnen einmal die Woche Physiotherapie."
Pat: "Meinen Sie, dass das mit meinen Schmerzen geht?"
Arzt: "Verschiedene Studien und meine eigenen beruflichen Erfahrungen sagen mir, dass die Physiotherapie Ihnen ein für Ihre Schmerzen angepasstes Übungsprogramm erstellen kann und sich bei kontinuierlichem Üben eine Schmerzreduktion einstellen wird."
Pat.: "Dann werde ich es wohl ausprobieren müssen."
Pat. Kommt einen Tag nach der ersten Physio wieder zum Arzt.
Pat.: "Herr Doktor, meine Schmerzen sind schlimmer als zuvor. Die Übungen haben mir gar nichts gebracht."


Das passiv-aggressive steckt hier in den Äußerungen des Patienten. Er geht kein bisschen in die Eigenverantwortung. Schwierig für den Arzt ist der Umgang mit der Schmerzsituation. Denn noch kann die niemand objektiv messen. Daher besteht die Möglichkeit, dass die Schmerzsteigerung beim Patienten nur vorgeschoben ist. Hinzu kommt, niemand kann den Patienten zwingen die Übungen korrekt auszuführen und sie in seinen Alltag zu integrieren.

Der Chef hat zum Meeting gerufen. Er bittet um die Abgabe der Pitches. Eine Angestellte ruft dabei laut: "Ach? War das heute? Oh das tut mir leid." Und dies sagt sie ganz oft.

Erste gemeinsame Wohnung. Plötzlich meint Person eins, dass Streichen ja doch nicht nötig wäre. Person zwei möchte es jedoch lieber machen, weil ja die Wohnung noch unmöbiliert ist. Person eins beginnt zu streichen und kleckst dabei mit der Farbe, hinterlässt ordentliche Nasen etc.
Sie ist also passiv-aggressiv, um Person zwei zu zeigen, was sie davon hält sozusagen zum Streichen gezwungen zu werden, anstatt klipp und klar zu sagen, dass sie nicht streichen möchte.


Doppelzüngige Äußerungen gehören ebenfalls dazu: Derjenige, der sie äußert versteckt seinen Gedanken, dass er seinem Gegenüber es nicht zugetraut hätte, darin.

"Also dafür, dass du Vollzeit arbeitest, sind deine Kinder doch irgendwie gut erzogen."

"Du hast ein super Buch veröffentlicht. Hast du das eigentlich alleine geschrieben?"

"Ja, nee, ist fein. Passt schon. Mir ist das ja egal."
Und mit ihrem Verhalten drumherum hinterlässt diese Person ein komisches Gefühl. Sie versucht praktisch ihr Gegenüber über diese Sätze zu manipulieren es anders zu handhaben.

Eine Frau wünscht sich ein neues Badezimmer, ihr Mann jedoch will lieber Geld für ein neues Auto ausgeben. Leider schafft sie es nicht, sich in dieser Sache zu positionieren und rebelliert, indem sie Badewanne und die Duschabtrennung nicht mehr putzt.

Wer sich so verhält ist nicht offen aggressiv und auch nicht laut. Er fällt kaum auf.
Solche Verhaltensweisen können helfen Konflikte auf einen anderen Zeitpunkt verschieben, jedoch werden sie keine Lösung bieten

Menschen mit einem passiv-aggressiven Persönlichkeitsstil haben auch noch folgende Merkmale:
- mögen nichts neues
- mögen keine Anforderungen
- schaffen es nicht "nein" zu sagen, obwohl sie z.B. eine Aufgabe nicht übernehmen wollen
- sind nicht besonders zugänglich, irgendwo vor den Karren gespannt zu werden (Führungsrollen/-positionen)
- sind zögerlich
- wirken nach außen hin kooperativ
- sind ständig im Widerstand, ständig negativ und ungehalten besonders, wenn Anforderungen oder Bitten an sie heran getragen werden (beruflich wie privat)
- empfinden es als eine grobe Frechheit, das jemand etwas von ihnen will
- fühlen sich ungerechtfertigt in die Pflicht genommen
- empfinden vieles was zum Erwachsenenleben dazu gehört – insbesondere Pflichten, die nicht unbedingt Spaß machen, wie das Ausfüllen einer Steuererklärung - als nicht gerechtfertigt
- klagen viel über ihr eigenes Unglück für das sie andere verantwortlich machen
- gegenüber Vorgesetzten und anderen Autoritätspersonen sind sie hinterrücks verächtlich - dabei geht es nur um den (übergeordneten) Posten, nicht die Person, die ihn innehat - weil von diesen Anforderungen oder Wünsche ausgehen können
- Sie sabotieren, sie vergessen "aus Versehen" Dinge/Termine/etc., lassen infolgedessen andere "doof" dastehen
- Teamwork ist mit ihnen nicht möglich
- ihr Verhalten bietet viel Zündstoff in privaten Beziehungen, Betroffene sorgen für Ärger und viel Enttäuschung,weil sie Angst vor dem Konflikt und dem Streit haben
- Betroffene haben in ihrer Biografie gelernt, dass ihr eigenes "Nein" nichts wert ist; obwohl sie "nein" sagten, wurde es von Eltern/Lehrer:Innen/etc. ignoriert
- in der Kindheit von Betroffenen wurden die persönlichen Grenzen und die eigene Entscheidungsfähigkeit stark beschnitten
- reagieren selbst auf kleinste Anforderungen aus der Umwelt wütend-verzweifelt
- Reaktionen wirken kindlich bis teenagerartig
- Wer einen passiv-aggressiven Menschen länger kennt, "spürt" wann Anforderungen oder Bitten nicht umgesetzt werden, kann es jedoch selten erklären, warum er es "spürt"



Hier noch ein literarisches Beispiel: von @Bree aus dem Buch "der Tote im Camper"

„Ich gratuliere Ihnen. Verdient ist verdient.“
Weicherts Finger verschwanden fast in der kräftigen Pranke seines Kollegen. Er zuckte zusammen und presste ein „Danke sehr“ hervor.
„Darauf müssten wir eigentlich anstoßen“ meinte Andresen, Weicherts Hand loslassend, der sie vorsichtig zur Faust ballte und wieder öffnete. Nichts gebrochen, stellte er fest. „Anstoßen? Ach, wissen Sie, ich..,“
„Aber nicht mit diesem ekligen Gesöff.“ Andresen warf einen abschätzigen Blick auf den Becher, den Weichert in der linken Hand hielt.
„Was haben Sie bloß gegen Ingwertee?", fragte er. „Er ist bekömmlich, ausgesprochen gesund und ..."
"... stinkt gotterbärmlich", vollendete Andresen naserümpfend den Satz. "Nee, nee, ich will ein schönes, dem Anlass angemessenes Feierabendbier. Sie dürfen mich also in die Hansenbrauerei einladen."
"Nun ja, ich verdiene jetzt zwar ein klein bisschen mehr, aber andererseits ..."
"Was ist denn hier los?"
Die beiden Kommissare wandten die Köpfe zur Tür. Mirja Sommer, die junge Komissaranwärterin, stand im Rahmen und schaute neugierig von einem zum anderen. Wie immer trug sie eine knallenge Jeans, diesmal in Weiß, mit kunstvoll eingearbeiteten Schlitzen, die bei Lutz Weichert den Eindruck erweckten, das gute Stück sei einem durchgeknallten Schneider auf Speed in die Hände gefallen. Unversehrt dagegen war das T-shirt in verwaschenem Dunkelgrau, auf dem die berühmte Rolling-Stones-Zunge prangte, garniert mit Glitzersteinchen. Mirjas kurzes schwarzes Haar, das am Scheitel frech in die Höhe stand, passte perfekt zu ihrem schmalen Gesicht mit den hohen Wangenknochen - und zu dem kleinen silbernen Ring an ihrer Nase, an den sich Weichert wohl nie gewöhnen würde. "Unser lieber Kollege trägt ab Juli - also schon in zwei Tagen - offiziell den Titel Kriminaloberkommissar und darauf wollen wir anstoßen", erklärte Andresen und rieb sich voller Vorfreude die Hände. "Begleiten Sie uns?"
Lutz versuchte noch einmal, zu untervenieren. "Äh ... Was ich eben sagen wollte, ich denke nicht, dass ..."
"Herzlichen Glückwunsch, Herr Oberkommissar" schnitt Mirja ihm das Wort ab und schüttelte mit breitem Strahlen seine Hand, ehe sie Andresen Frage beantwortete. "Tja, eigentlich würde ich gerne, aber Phillip holt mich jeden Moment ab. Darf er denn auch mit?"
Andresen nickte. "Klar, wieso nicht? Ich rufe gleich mal Daniela an. Sie hat neulich erst gesagt, dass sie schon lange nicht mehr in der Hansens Brauerei war, dabei mag sie das Bier dort so gern. Außerdem ist Antonia an diesem Wochenende bei ihrem Vater." Er griff nach dem Telefonhörer und wählte. Lutz Weicher stand stumm daneben. [...]

Bei diesem Beispiel wird Lutz Weichert völlig überrannt. Sein Kollege Andresen lässt ihn nicht ausreden und benutzt sogar die Kollegin um ein "gratis Bier" zu bekommen. Das kann als passiv-aggressives Verhalten gesehen werden. Andresen könnte es viel besser offen ansprechen, dass er seinen Kollegen für geizig hält (das ist lediglich eine Interpretation von mir) und ihm sagen, dass er aus Höflichkeit erwartet, dass die Beförderung gefeiert wird.
Ob Herr Andresen einen passiv-aggressiven Persönlichkeitsstil hat, weiß ich ehrlich geschrieben nicht, dafür müsste ich mir nochmal die gesamte Geschichte ansehen oder @Bree kann uns aufklären.
Für den Verlauf der Geschichte könnte solche Szenen wunderbar einen Konflikt aufbauen.


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#2

RE: passiv-aggressives Verhalten

in Wiesenpraxis 02.10.2023 15:08
von Bree • Federlibelle | 4.319 Beiträge | 17337 Punkte

Liebe @Sabrina Meinen

ich habe mich noch nie mit dem Thema passiv-aggressives Verhalten auseinandergesetzt. Aber die von dir beschriebenen Verhaltensweisen erlebt wohl jeder von uns mal. Und was Andresen angeht: Der eine oder andere Punkt bei den typischen Verhaltensweisen mag auf ihn zutreffen, aber längst nicht alle.

Danke für die Aufklärung!

LG
Bree


Der Kriminalschriftsteller ist eine Spinne, die die Fliege bereits hat, bevor sie das Netz um sie herum webt.
(Sir Arthur Conan Doyle)

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#3

RE: passiv-aggressives Verhalten

in Wiesenpraxis 02.10.2023 22:05
von blauer Granit • Federlibelle | 690 Beiträge | 3451 Punkte

Liebe @Sabrina Meinen!
Passiv-aggressives Verhalten kenne ich von meiner Mutter, Ihre Methode Aufmerksamkeit zu bekommen, ist es in Gesellschaft mit Leidensmiene dazu sitzen und erstickt zu röcheln, bis sie jemand fragt wie es ihr geht.
Prinzipiell finde ich es schwierig passiv aggressives Verhalten zu beschreiben, ohne sehr plakativ zu werden.
Liebe Grüße, Angela


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#4

RE: passiv-aggressives Verhalten

in Wiesenpraxis 03.10.2023 16:28
von Sabrina Meinen • Federlibelle | 569 Beiträge | 1677 Punkte

@blauer Granit: Ja, es darf nicht plakativ sein. Eine Person mit passiv-aggressivem Persönlichkeitsstil zu erschaffen, ist eine Herausforderung. Aber ich denke eine Szene einzubauen, in der jemand passiv-aggressiv ist, kann helfen einen Konflikt zu erstellen.


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zuletzt bearbeitet 03.10.2023 18:40 | nach oben springen


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